Kleider machen Leute

Aus irgendeinem Grund kam mir heute die Umschreibung der Bibel für den Geschlechtsverkehr in den Sinn. Da wird sich nämlich erkannt, statt gevögelt. Was völlig neue Wege hin zum »Erkenne dich selbst« eröffnet. Wie ist das in der Bibel gemeint? Werden wir nur erkannt, wenn wir uns nackt und bloß einem anderen hingeben? Und, kann ich den anderen nur erkennen, wenn er alle Hüllen fallen lässt? Schon in dem Moment, in dem ich dies niederschreibe, erkenne ich: Ja, wie denn sonst? Schließlich war die allererste Erkenntnis, nach dem Naschen der verbotenen Frucht, laut Bibel, diejenige unserer eigenen Nacktheit. Wobei mir im Moment der Rat einfällt, dass man, um nicht allzu sehr von einer anderen Person beeindruckt zu sein, sich diese einfach nackt vorstellen müsse. Der Ausdruck Verschleierung wir nicht von ungefähr dazu benutzt, die Wahrheit im Verborgenen zu halten. Ein Amt braucht vor allen Dingen eines, eine dem Amt angemessene Robe. Aber muss man dieser Robe auch noch die geforderte Achtung erweisen, wenn sich der letzte Trottel darunter verbirgt? Was bleibt vom Herrscher ohne seinen Hermelin? Kleider machen Leute, heißt es so schön. Bin ich, ohne Bekleidungswert, wertloser als nackt? Heutzutage trägt man ja gerne Label, um seinen Wert unter Beweis zu stellen, als ob die Strahlkraft eines Designernamens auch denjenigen mit einschließt, der sich die Klamotte leisten kann. Eine Perversion des »ich denke, also bin ich« in ein »ich trage, also bin ich«. Wir stellen zur Schau, damit alle schauen, aber nur bis zur Oberfläche, aber um Himmels willen nicht tiefer. Mehr Schein als sein, wenn man so will. Dabei wird das ganze Brimborium nur veranstaltet, um wie bei den prächtigen Pfauen die sexuelle Attraktivität zu erhöhen. So gesehen, erkennt man erst, wenn man mit einem Pfau ins Bett steigt, dass man jeder Menge heißer Luft auf den Leim gegangen ist. Armani außen heißt noch lange nicht Supermann innen. Und so führt der Beischlaf zur tieferen Erkenntnis des Gegenübers. Man kann von der Bibel halten, was man will, manchmal liefert sie wertvolle Denkanstöße. Der Blender blendet eben nur so lange, wie wir von seiner äußeren Erscheinung geblendet sind. Der von einem Brillantkollier geschmückte Hals täuscht oft nur über die Leere des Kopfes hinweg, den er trägt. Und auch der kleinste Wicht gelangt durch die entsprechende Uniform zu einer Abart von Stärke. Ich streife mir demnach mit meiner Bekleidung ein Bild von mir selber über, das ohne diese keinen Bestand mehr besitzt. Nicht weit weg von den Naturvölkern, die sich die Felle der erlegten Raubtiere um die Schultern legten, um sich ein Stück weit deren Stärke zu eigen zu machen. Jetzt fragt sich nur, wie weit diese Metamorphose reicht. Bin ich nur mit dem Löwenfell dem Löwen gleich, oder wäre ich es auch so? Und ist mein Gegenüber nur von dem Fell beeindruckt, das ich trage, oder gilt die Wertschätzung meiner Person? Klären lässt sich dies nur, wenn man sich entblößt und schaut, was passiert.

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