Mephisto

Heute Morgen, als ich mehr als laienhaft zur Musik von »Tanz der Vampire« meinen Raucherkrätzgesang hinzufügte und deswegen das Badezimmerfenster wohlweislich geschlossen hielt, kam mir eine Szene aus dem Film »Mephisto« mit Klaus Maria Brandauer in den Sinn. Hierin fragt er seine Frau, ob sie sich jemals richtig schämte, so richtig in die Hölle hinein, wie es präzisierte. Dann folgt die herzergreifende Geschichte, dass er sich einmal während seiner Zeit im Jugendchor mächtig und stark fühlte, seine Stimme laut und eine Oktave höher als alle anderen erklingen ließ und den eigenen Gesang als den eines wahren Engels empfand. Woraufhin der Chorleiter ihn wie ein lästiges Insekt ansah und ihn aufforderte einfach still zu sein. Verstehst du das?, fragt die Filmfigur Hendrik Höffgen. Ich glaubte, wie ein Engel zu singen und erntete ein »sei doch still«. Damals schämte er sich offensichtlich in die Hölle hinein und kam niemals wieder daraus hervor. Ein gefallener Engel, der sich, nur um zu gefallen, als Medienstar des teuflischen Naziregimes missbrauchen ließ. Paraderolle: der Mephisto, wer auch sonst. Anstatt die Kritik der pädagogischen Meisterleistung des Chorleiters zu übergehen und gegen die beginnende Scham immer lauter und noch lauter zu singen, verstummte er innerlich auf Lebenszeit und erholte sich nie wieder davon. Ich glaube, es ist nicht schwer, sich seine eigenen Höllenschammomente wieder ins Gedächtnis zu holen und wie damals krümmt sich unsere Seele in diesem unglaublichen Schmerz, von dem sich nur die wenigsten erholen. Von diesem Moment an schlagen zwei Seelen »ach in unserer Brust«. Die eine, die an sich selber glauben will und die andere, die dies »stets veneint«. Dann sorgen wir dafür, dass wir unsere Fenster geschlossen halten, auch wenn es nur darum geht, momentaner Lebensfreude einen gesanglichen Ausdruck zu verleihen oder weit schlimmer formuliert, zu gestatten. Ich gestatte mir einen heimlichen Ausbruch von Freude über meinen Gesang, singe höher als ich eigentlich könnte, breche nicht ab, sondern mache weiter, aber nur, wenn es niemand mitbekommt, denn das nächste »sei doch still« lauert an der nächsten Ecke. Anstatt ich bin, ich bin, ich bin zu schmettern, egal wie unvollkommen sich dies in euren Ohren auch anhört, nehme ich die vielleicht gar nicht eintretende Scham vorweg und verpasse meiner Seele, die ja nicht beißen, sondern jubilieren wollte, einen Maulkorb. Pscht, sei doch still, was glaubst du denn, wer du bist? Und auf diese Art und Weise erfahren wir nie, wer wir sind. Wir bekommen nur zu hören, was wir eigentlich nicht sind und werden zur lebenden Negation unser Existenz, die nun mal nicht von der Hand zu weisen ist. Aber es gibt ja genug Drogen, die uns vorspielen wir wären gar nicht da oder, schlimmer noch uns vorgaukeln, wir wären trotz aller Nichtigkeit etwas besonderes. Dabei ist das lautstarke Gröhlen des Alkoholikers nur der Ausdruck von Schmerz eines Wesens, das gleichzeitig da und nicht da ist. Verpasste Leben, wohin man auch schaut. Vielleicht besteht der erste Schritt ja darin, trotz geöffneter Fenster zu singen, auch wenn es sich grauslich anhört, man wird gehört. Der erste Beweis der Existenz! Damit aus dem »Geist, der stets verneint« auch mal was positives kommt. Nicht wahr, Mephisto?

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