Altenheim

Wenn Sie mir versprechen, es meinem Mann nicht weiterzusagen, werde ich von meinem jüngsten Einkauf berichten. Da hat mein Gatte sich gerade von der exklusiv schönen, mit Vogelgezwitscher zur vollen Stunde sich meldenden Küchenuhr erholt, da steht ihm etwas Neues in Haus. Nun ist dieser Einkauf im Gegensatz zur Wanduhr nicht nur hübsch anzusehen, sondern im Gegenteil auch noch nützlich. Zwar will ich späterhin sowieso nicht ins Altenheim, aber, es könnte ja sein, dass mich die Demenz derart akut überfällt, dass für Verfügungen jeglicher Art keine Zeit mehr bleibt und ich tagsüber mit dem Gesicht zur Wand in einen endlosen Flur gerollt werde. Einzige Unterhaltung: die Stubenfliege an der Decke oder wohin auch immer mir der Schlaganfall den Kopf hin fixiert. Nein, nein so etwas kommt nicht in Frage, dafür habe ich jetzt vorgesorgt und, wenn mein Mann sich ob meiner Zukunftspläne einsichtig zeigt, darf er in mein Projekt einsteigen. Dann liegen wir nämlich Seit an Seit im wegen der Heimeligkeit ins Altersheim verfrachtete Ehebett und vertreiben uns die Zeit mit dem jetzt wieder altersgemäßen DVDs. Wenn es schon eine Jubiläumsausgabe mit sämtlichen je im Fernsehen ausgestrahlten Folgen gibt, dann muss man dies ausnutzen, zumal ich damals mit schöner Regelmäßigkeit die eine oder andere Episode verpasste. »Denn wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich«, oder so ähnlich. Wenn dann altvertraute Lieder und ebensolche Dialoge ertönen, dann kehrt sie ins Gemüt zurück, die Geborgenheit der Kinderzeit. Wer kennt sie nicht die Insel mit den zwei Bergen und dem Fotoatelier? Wer hat nicht seinerzeit mit dem Seelöwen : Äch weiß nächt, was soll es bedeuten, intoniert oder die schicksalhaften Worte: Die Sonne geht auf und unter und zieht über mich hinweg in einer gemütlichen Mupfel, vor sich hinsinniert. Was war noch mit Bill Bo und seiner Bande? Und mit dem Löwen,der permanent »los« war? Wo steckt eigentlich Kater Mikesch? Fragen über Fragen, auf die es jetzt eine Antwort gibt, dank der Jubiläumsausgabe der Augsburger Puppenkiste. Der sternenübersäte Vorhang der Verleugnung jeder Animation ist ebenfalls hier in Emlichheim gelandet. Da wurde noch ein Meer aus Plastikfolie überfahren, was angesichts des Plastiks in den Weltmeeren fast schon prophetisch wirkt. Was ist mit den Sprachfehlern der Tiere in »Urmel aus dem Eis«? Besteht nicht unsere Jugend heutzutage aus einem einzigen Sprach- und Rechtschreibfehler? »Wer sich um Grammatik schert, bleibt trotz allem ungehört!« Der drei Wort Satz ist auf dem Vormarsch und der dem näheren Verständnis dienende Rest wird dazu animiert. Jetzt frage ich mich gerade, welcher Drache furchterregender wirkt. Derjenige, den unsere Vorstellung erschafft, oder das dämliche Vieh, das uns auf dem Silbertablett serviert wird. Man stelle sich vor Harry Potter wäre eine Produktion der Augsburger Puppenkiste. Millionen von Denkanstößen stünden dann Kosten von mehreren Millionen gegenüber. Der Herr der Ringe in den Händen, bzw. an den Fäden der Augsburger würde die Phantasie zu nie geahnten Dimensionen heranwachsen lassen und sie nicht mit Vorgegebenen überwuchern. Animation gab es damals nur bei den gleichnamigen Animierdamen und damit hatte es sich auch schon. Da der Schlaganfall allzu oft unverhofft kommt, werde ich für alle Fälle eine Notfalltasche packen. Ich weiß auch schon, was als Erstes hineinkommt.

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