Zugvögel

Neulich wurde wieder ein Beweis erbracht, wie unterschiedlich Männer und Frauen ticken. Da sitze ich nun seit Wochen an meinem Küchentisch und tippe solange auf meinem Laptop herum, bis es mir schlicht und ergreifend zu kalt wird und ich eine intensive Putz- und Feudelrunde eilegen muss, damit mir einigermaßen wieder warm wird. Nun saß mein Gatte an diesem Wochenende genau 30 Minuten lang auf meinem bevorzugten Platz, bis er der Sache physikalisch auf den Grund ging. Aha: Zug von Keller eins unter Schiebetür durch, quer zur Richtung Keller zwei unter der Tür hindurch. Beide Züge kreuzen sich im Punkt A, also genau im Bereich des Küchenstuhls. Sprach`s und verschwand, um sich kurz darauf mit allerhand Dämmmaterial den neuralgischen Zugpunkten zu widmen. Als ich verschlafen die Treppe herunterkam, war sein Werk bereits beendet und triumphierend erkundigte er sich, ob ich denn nichts merke. Nun merke ich insgesamt sehr wenig, besonders dann, wenn ich gerade aufgestanden bin, aber er sah mich so erwartungsvoll an, dass ich mich zu einem, nein, ich bemerke nichts herabließ. Der kalte Zug ist weg! Jetzt hätte ich natürlich ausführlich darüber lamentieren können, dass es sehr schwierig ist, etwas zu bemerken, das nicht vorhanden ist, aber mein Wortvorrat bis zur ersten Tasse Kaffee war bereits erschöpft. Jetzt sollte ich mir auch noch sein Keller, Küche, Flur, Tür und Fensterkonzept anschauen, was aber noch zu schwach dazu. Mich an meinem zweiten Kaffee festhaltend, sank ich auf meinen Stuhl. Nur widerwillig gab ich zu, dass sich der enorm auskühlende Effekt, der sich beinahe augenblicklich einstellte, wenn ich saß, wo ich eben immer zu sitzen pflege, im wahrsten Sinne des Wortes verflüchtigt hatte. Meine Füße und Hände blieben warm, was bei den Händen an der Kaffeetasse liegen konnte, aber an den Füßen? Da sitze ich wochenlang hier herum und friere mich halb zu Tode, was natürlich dem Winter geschuldet ist, der es darauf anlegt, mich und nur mich, in einen Eisblock zu verwandeln, dabei war das Problem kein persönliches zwischen der kalten Jahreszeit und mir, sondern ein physikalisches, das mit Schließen der Kellerfenster in Keller eins und zwei – keine Ahnung, wer die aufgemacht hatte- und ein wenig Dichtungsband hier und dort gleich bei Einbruch des Winters zu beheben gewesen wäre. Ja, ja, die Männer! Man kann nicht mit ihnen, aber man kann auch nicht ohne sie! Da halten Frauen die aktuellen Wetterverhältnisse für einen gegen ihre Person gerichteten Affront mit kalten Händen und kalten Füßen, mit Make-up zersetzendem Regen und sturmverwüsteter Frisur, wo Mann schlicht und ergreifend zu Schirm, Schal und Handschuhen greift, bleibt er ja auch nicht mit ellenlangen künstlichen Nägeln im Innenfutter der Handschuhe hängen, oder sieht mit einem um den Kopf geschlungenen Schal nicht schlechter als sonst auch aus. Während wir Frauen uns als zitternde graue Spatzen im feuchten Winternebel empfinden, die es den Paradiesvögeln gleich gen Süden zieht und so sehnen wir uns weit weg, anstatt im Keller einmal nachzusehen, wer denn da wieder die Fenster nicht zugemacht hat.

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