Klagewelle

Meiner Ansicht nach gäbe es auf dieser Welt sehr viel weniger-blöde Formulierung, ich weiß-zu bereden, wenn man seine Beschwerden gleich beim richtigen Adressaten vom Stapel lässt. Aber wo bliebe dann der Spaß? Schöner ist es doch, sich bei dutzenden von Leuten, die nichts mit dem Sachverhalt zu tun haben, ausführlichst darüber auszulassen, wo wer uns wann und mal wieder mächtig auf den Schlips getreten ist. Ist dies jetzt gendermäßig korrekt? Weil ja der Schlips ein typisches Männerkleidungsstück ist, was nun auch wieder nicht ganz gendermäßig rein ist, weil, warum sollten Frauen nicht auch Schlipse tragen? Aber ich komme vom Thema ab. Beim richtigen Adressaten bliebe es bei einer einmaligen Klage, während, wenn man am Ziel vorbei schießt, die Möglichkeit zu einer wahren Klagewelle, aber was schreibe ich, zu einem wahren Klagetsunami bekommt! »Mein Arzt, meine Frau, mein Mann, mein Kind oder wer auch immer hat mir mal wieder nicht richtig zugehört!« Ja, wie denn auch, wenn man nichts sagt! Die Fähigkeit geistige Missbefindlichkeiten von der Stirne abzulesen, ist dem Menschen noch(!) nicht gegeben, aber vielleicht besteht ja in der Zukunft die Möglichkeit durch farbliche Wiedergabe neuronaler Aktivitäten auf der Haut, dem Chamäleon nicht unähnlich, das seine Stimmung auch gerne durch Farbwechsel ausdrückt, dem Ganzen im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig Farbe zu verleihen. Rot vor Wut und gelb vor Neid funktioniert schon ansatzweise, warum sollte es nicht, um es möglichst einfach zu halten, auch schwarz für traurig und grau für depressiv geben? Rosa für verliebt böte sich ebenso an, wie der kunterbunte Farbrausch des sexuellen Höhepunktes, der ausdrückt, das man seine Neuronen kurzzeitig nicht im Griff hat. Dann erübrigt sich auch die Frage: hat sie oder hat sie nicht. Insgesamt zöge eine komplett neue Ehrlichkeit in jegliche Kommunikation ein und ich frage mich, warum die Evolution nicht bereits selbst auf diesen Gedanken verfallen ist. Dabei fällt mir ein, dass der Mensch an sich als Gruppenwesen angelegt ist und absolute Ehrlichkeit bei der Gruppenbildung durchaus störend sein kann. Wenn man die Frage, ob man die hier Anwesende oder den hier Anwesenden zur Frau oder zum Manne nehmen will, wäre alles, was über ein einfaches Ja hinausginge, der Ehe nicht sehr förderlich. Ein Ja, weil ich keine Bessere oder keinen Besseren abbekommen habe, führt zwangsläufig zu unschönen Diskussionen. Und jetzt stelle man sich vor, da stünde eine rosarot leuchtende Person neben einer gräulich angehauchten vor dem Traualtar, wo sollen wir denn dann mit den ganzen arbeitslosen Scheidungsanwälten hin, weil ja bereits zu Anfang klar wäre, das hier etwas beabsichtigt zusammenzuwachsen, was nicht zusammengehört. Bis rosarot zu rosarot findet, das dauert und da die Evolution nicht an unserem Wohlbefinden, sondern an unserer Fortpflanzung interessiert ist, verlieh sie uns keine Farbenspiele. Außerdem ist Nichts dem sozialen Zusammenhalt förderlicher, als gepflegt über nicht Anwesende herzuziehen. Da täuscht man doch gerne verbal ein leuchtendes Rosarot vor, bis das Corpus Delicti unseres Leides den Raum verlassen hat, um dann Mama oder Papa oder Sonst wen anzurufen, um den Tsunami Fahrt aufnehmen zu lassen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.