Zeitersparnis

Wer auch immer ein Loblied auf die Technik singt, trällert an erster Stelle »Zeitersparnis«! Was so nicht ganz richtig ist, denn der Steinzeitmensch brauchte höchstens vier Stunden zwecks Nahrungsbeschaffung und den Rest der Zeit widmete er sich dem Schlaf, der Wollust und dem Drang Geschichten zu erzählen. Ich hingegen hänge wie jeden Morgen in meinem E-mail-Account fest und kann mich nicht zwischen kostenlosem Wahrsagen, einer Erbschaft am anderen Ende der Welt, einem Preisausschreiben mit exorbitanten Gewinnchancen, einem Zeitschriften Abo und Supersonderangeboten entscheiden. Bei Facebook und Twitter war ich auch noch nicht, dabei ist es kaum wahrscheinlich, dass die Welt sich weiter dreht, wenn ich meinen Senf nicht dazu poste. Ach und Nachrichten habe ich auch noch nicht geschaut, aber da gibt es ja eine vierundzwanzig Stunden rundum Versorgung, damit mir kein Elend dieser Welt am Ar … vorbei geht, es aber ehrlich gesagt tut. Da wären wir wieder in der Steinzeit gelandet. Gegenseitiges Interesse gab es nur innerhalb der eigenen Horde und aus der Ferne eintreffende Nachrichten hatten in etwa den gleichen Effekt wie der berühmte Sack Reis in China. Heutzutage kann dieses Ereignis ein Erdbeben an den Börsen verursachen, also müssen wir so tun, als hätten wir alle Ursachen und deren Folgen im Griff, haben wir aber nicht! Ob Dax, Dow Jones, oder Nikkei, wenn der Steinzeitmensch mit Knochen um sich warf, um die Zukunft zu lesen, der Effekt ist der gleiche. Jetzt habe ich mir doch glatt eine geschlagene Stunde Sorgen um meine Aktien gemacht, bis mir auffiel, dass ich gar keine besitze. Und was ist mit dem Goldpreis? Den habe ich gerade völlig aus den Augen verloren, aber Google sei Dank, komme ich über den Goldpreis zu Goldzähnen und von dort zu Goldketten und erfahre, dass die goldene Hochzeit nach fünfzig Jahren Ehe gefeiert wird. Diesbezüglich haben mein Gatte und ich noch ein wenig Zeit. Aber, man könnte sich schon einmal über die für dieses Ereignis erforderliche Garderobe informieren und da passiert es! Ich versinke in der Welt des Onlineshoppings, bis mein Magen mich darauf hinweist, dass Mittag bereits lange vorbei ist. Nicht mal zum Essen kommt man! Eigentlich müsste ich meiner Blase auch mal Erleichterung verschaffen, aber ich habe die auf meinem Smartphone eingegangenen Whatsapps weder gesichtet noch beantwortet. Hm, bei Google play war ich auch noch nicht. Irgendwie wird es mir jetzt in der Küche zu dunkel und mir fällt auf, dass sich der Tag langsam seinem Ende zuneigt. Na, bis zum Schlafengehen surfe ich in den diversen Mediatheken herum. Eindeutig mal wieder einer von den Tagen, an denen man zu nichts kommt.

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