Lebensabend

Das Phänomen der Nesthocker und Nestflüchter gibt es nicht nur im Tierreich. Nein, nirgendwo präsentiert sich diese Art von Geisteshaltung anschaulicher als beim Menschen. Nehmen wir einmal meinen Göttergatten, der ist bereits kurz nach dem Erwachen geistig nicht mehr in unserem Hause anwesend, wie Konversationsversuche meinerseits eindeutig, da ausschließlich einseitig, beweisen. Bei gemeinsamen Mahlzeiten erwäge ich ernsthaft, die Sitzfläche seines Stuhls mit Superkleber zu bestreichen, sonst sprengt es ihn quasi, den letzten Bissen noch unzerkaut im Mund, förmlich von seinem Platz und er eilt dahin, um irgendwo im Haus alt vor sich Hingammelndes, sprich altbewährtes gründlich aus der gewohnten Ordnung zu bringen. Ich bin eher so der Typ, der wenn er einmal hockt, noch mühelos stundenlang vor sich hinhocken kann, da ich weiß, dass die Welt sich auch ohne mein Dazutun weiterdreht und nicht im allgemeinen Chaos zugrunde geht. Es gibt so Getriebene, die einem Perpetuum mobile gleich, Aktion an Aktion reihen, zu Wasser durch Tauchen, zur Luft durch Fliegen und zu Lande mit dem Motorrad. Der Impetus des jetzt, sofort und auf der Stelle scheint ein unwiderstehlicher zu sein und ich rechne stündlich damit, dass mein Gatte sich mal eben zwischen zwei Bissen zum Mount Everest aufmacht, denn da war er noch nicht! Nun dämmerte mir in der letzten Woche, dass ein friedliches Dahinschlendern, ein geruhsames Seele und Beine baumeln lassen, ein träges mit sich und der Welt zufrieden sein und somit den Lebensabend in trauter Zweisamkeit zu beschließen, Nesthockern und dazugehörigen Nestflüchtern nicht vergönnt ist, es sei denn, einer von beiden ist daueralkoholisiert, am besten derjenige, der endlich einmal »runter kommen« müsste. Da mein Angetrauter zwar sehr hastig, aber dennoch gut und gerne isst, böte sich hier ein komplett neues Kochgebaren meinerseits an. Eine Ente a l`orange kann man auch mit Cointreau zubereiten. Hinterher anstatt des Expresso ein mittelgroßer Pharisäer, dazu Gebäck mit Rumtopffrüchten und »a rua is«! Ganze Kochbücher könnte ich diesbezüglich zusammenstellen und durch daueragile Rentner gestresste Hausfrauen den auch und gerade von ihnen ersehnten Ruhestand ermöglichen. Natürlich macht auch hier die Dosis das Gift, denn der Partner soll ja nicht selig schlafend auf seinem Stuhl zusammensinken, sondern endlich einmal aufrecht sitzend, zu allem ja und Amen lallen, was Frau stundenlang zu berichten und zu lamentieren hat. Ich bin ja sowieso der Meinung, die Frauen könnten weltweit ihren Valiumverbrauch auf null zurückfahren, wenn sie die Pillen, anstatt sie selbst zu schlucken, in die Getränke ihres Mannes mischten. Aber dies behalte ich mir für Stufe zwei vor.

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