Phrasen

Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass mir »Etepetete-Worte« gründlich auf den Geist gehen. Ausdrücke wie feingewürzt, wohltemperiert, handverlesen, zartschmelzend und Figur- oder Gaumen schmeichelnd bringen mich geradewegs auf die Palme. Dem »milden Abgang« gebührt der totale Abgang und zwar unverzüglich! Im Bereich der Verdauung mag er zwar noch einsetzbar sein, aber wenn jemandem einer abgeht, weil ihm irgendetwas problemlos durch die Kehle flutscht und er sich eines andere beeindruckenden Kommentars darüber nicht enthalten kann, werde ich mich demnächst erheben und über meinen morgendlichen milden Abgang referieren. Den erlesenen Worten ist sogar die Herabsetzung zu Wörtern zuwider. Dabei dient das wohlgesetzte Wort vor allen Dingen einem: der Verschleierung! An ihren Phrasen sollt ihr sie erkennen, möchte ich unentwegt rufen, wenn denn mal einer zuhörte! Derjenige, der den handverlesenen Wein goutiert und seine Umgebung in wohl gesetzten Worten darüber nicht in Unkenntnis lässt, sagt frei übersetzt: »Habt ihr Torfköppe immer noch nicht kapiert, dass ich was Besseres bin als ihr?« Dicht gefolgt von demjenigen, der eine exklusive Mahlzeit mit Worten zelebriert. Ein guter dritter Platz gebührt den verschwurbelten Exzessen, denen sich Literatur-, Kunst oder Musikkritiker hingeben. Worte um ihrer selbst willen beenden jede Kommunikation! Dabei besitzt doch nichts so viel Aussagekraft wie die schlichten Wörter: »Wichtig ist auf`m Platz!«, wenn es, wie in diesem Falle, um Fußball geht. »Ich habe fertig«, beinhaltet glasklar die Beendigung einer Tätigkeit und deren geistiger Beschäftigung damit. Wer ist noch in der Lage, die tiefe Philosophie einer einfachen Zustandsbeschreibung wie. »Der Ball ist rund, und das Spiel dauert neunzig Minuten!«, zu erkennen? Besser wurde die Geworfenheit des Menschen in ein gegebenes Schicksal nie ausgedrückt! Da wird man nicht dusselig gequatscht, sondern da wird Raum für eigene Gedanken frei! Wahrscheinlich setzt sich bei mir meine Herkunft durch, denn das Ruhrgebiet ist für seine prägnante Sprache bekannt. »Mach hinne!« Zwei Wörter reichen aus, um mitzuteilen, dass wenn sich nicht beeilt wird, eine mögliche Verspätung mit unabsehbaren Folgen droht. Da sorgt allein die Verknappung der Sprache aufgrund der Phantasien, die im Angesprochenen entstehen, dafür, dass dieser sich beeilt! Und, um auf Gaumengenüsse zurückzukommen, lecker oder nicht lecker reicht vollkommen, um sich dann wichtigeren Dingen zu widmen. Schmeckt oder schmeckt nicht ist hier fehl am Platze, denn schmecken tut es auf jeden Fall im positiven wie im negativen Sinne. Wer sich in schönen Worten ergeht, der redet nicht mit mir, der predigt und verlangt von mir, dass ich die Kanzel, von der er auf mich herabsieht, geistig vor Augen habe. Ein kurzes »komma runter« hat noch jeden Höhenflug dieser Art beendet.

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