Genialität

Heute möchte ich den Blog einem Thema widmen, mit dem sich bereits mehrere meiner Texte beschäftigten: Staub! Die schräg stehenden herbstlichen Sonnenstrahlen mit ihrem ungünstigen Einfallswinkel lassen komplette Galaxien – was rede ich – ganze Universen dieser aus kleinsten und allerkleinsten Teilchen bestehenden Materie aufleuchten. Manchmal setze ich mich mitten im Wohnzimmer auf einen Stuhl und beobachte das Treiben. Nichts bringt einem die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns näher. Gelegentlich erhebe ich mich dann, lasse unter Mithilfe meines Zeigefingers kalligrafische Schnörkel auf der Klappe des Klaviers, das unter der Bezeichnung »hochglänzend schwarz« erworben wurde, entstehen und gerate dabei in einen zen-mäßigen Flow. Meistens kommt mir dabei das Kinderlied »Weißt du wie viel Sternlein stehen« in den Sinn. Wahrscheinlich weil in dem Lied nur Gott dem Herrn zugestanden wird, die Unermesslichkeit im Auge und in der Hand halten zu können. So gesehen wäre es eine Anmaßung meinerseits das Klavier zu polieren und zu meinen, damit einen endgültigen Zustand geschaffen zu haben. Aufräumen und Saubermachen lohnen sich nur, wenn ein chaotischer Vorgang beendet ist. Wer käme jemals auf die Idee, während eines Erdbebens mit dem Wegräumen der Trümmer zu beginnen? Nur die Ruhe nach dem Sturm ermöglicht es, die Ordnung wieder herzustellen. Außerdem las ich erst unlängst, dass nur Los- und Zulassen den menschlichen Geist befreit. Das Zulassen der Staubschicht auf dem Klavier wäre demnach der erste Schritt auf meinem Weg zu ungeahnten geistigen Höhenflügen. Bahnbrechende philosophische Erkenntnisse wären bis heute nicht erfolgt, hätten sich geniale Denker einzig und allein dem Staubwischen gewidmet! Es ist doch gerade existenziell für einen Philosophen, sich über die Banalität des Alltags zu erheben und sich dem Großen und Ganzen zu widmen. Dem im Denken gefangenen Menschen fiele ein verstaubtes Klavier noch nicht einmal auf! Hier muss ich unbedingt noch an mir arbeiten, denn solange sich mein Blick in Unwichtigkeiten verfängt, komme ich meiner eigentlichen Bestimmung als Homo sapiens (!) nicht nach. Wenn mein Göttergatte anzügliche Bemerkungen über das kalligrafisch verzierte Instrument macht, ist dies doch nur ein Beweis dafür, dass auch er noch meilenweit vom wahren Erkenntnisgewinn entfernt ist. Und wenn meine Mutter zu Besuch ist und als erste Amtshandlung mit vorwurfsvollem Blick zum Staubtuch greift, steht auch sie nicht weit genug über den Dingen. Wenn ich an den chaotischen Urzustand denke, in dem sich die Zimmer meiner Töchter immer befanden, als die beiden noch bei uns wohnten, wird mir erst heute klar, dass dies womöglich ein Zeichen abgehobener Genialität war, deren Entfaltung ich mit meinen Vorhaltungen im Wege stand. Ist der Menschheit die Weltformel entgangen, weil ich auf halbwegs grober Ordnung bestand? Dabei formulierte bereits »Karlsson vom Dach«, einer der führenden Philosophen unserer Zeit, die denkwürdige Frage: »Was stört es einen großen Geist?« Wie konnten mir diese inhaltsschweren Worte, denen ich bereits als Kind anhing, so mir nichts dir nichts verloren gehen? Staubwischen ist etwas für Kleingeister, so sieht es doch aus!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.