Knotenkunst

Entgegen der landläufigen Meinung bin ich der Ansicht, dass die Kunst des Macrame nicht vom Menschen ersonnen wurde, sondern eine Eigenschaft und ein Drang ist, der allen Schnüren, Bändern, Lade- und Elektrokabeln und insbesondere Weihnachtslichterketten von Natur aus innewohnt. Das Kabel meines Föhns erbrachte heute wieder den Beweis. Eine derart kunstvolle Verknotung kann unmöglich dem menschlichen Geist entsprungen sein. Zumal ich meines Wissens den Föhn mitsamt dem entwirrten Kabel in den Badezimmerschrank verbrachte und er seitdem jedem Einfluss durch den Homo sapiens entzogen war. So handelte es sich auch beim berühmten Gordischen Knoten um ein reines, spontan Entstandenes natürliches Gebilde und wer jemals eine Lichterkette auseinanderfriemelte, kann ein Lied davon singen, dass die Tendenz zu gordischen Verknotungen jeder fadenförmige Struktur ab einer gewissen Länge quasi in die Wiege gelegt wurde. Wie die Eiweißmoleküle, die e benfalls dazu neigen, sich zu den kompliziertesten Verschachtelungen und Verwindungen zu fügen, so drängt es jedes einzelne Haar auf meinem Kopf dahin, sich in verdrehte Zustände zu versetzen, denen mit einem Kamm oder einer Bürste kaum beizukommen ist. Oder nehmen wir einmal Spaghetti, wenn sie erkaltet sind. Die bekommt man nie wieder auseinander. Egal ob Wolle, Näh- und Stickgarn bis zu Gartenschläuchen und Starhilfekabeln; der Trieb zur allgemeinen Verwirrung ist nicht zu verhindern. Was mich jetzt dazu bringt, zu überlegen, ob das Korrelat menschlichen Denkens nicht auch ein fadenförmiges ist, denn ab einer gewissen Länge eines Gedankenganges, nimmt dessen Unentwirrbarkeit eindeutig zu. Und wenn man ihn komplett sich selbst überlässt, wie jetzt das Kabel meines Föns, verschlingt er sich zu kunstvollen Phantasiegebilden, die jenseits jeder Realität liegen. Schon jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich nicht umhin, zu bemerken, dass sich meine Gedanken mehr und mehr verknoten wollen. Es ist demnach an der Zeit, zu einem Ende zu kommen.

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