Vegetation

Mein Haus ist ein fruchtbares Biotop. Was dem Gärtner der Knöterich oder der Giersch ist mir der Krimskrams. Diese Form der Wildwucherung breitet sich in jeder unbeobachteten Ecke quasi über Nacht aus und lässt kein Regal, keine Dekoschale und keine Fensterbank aus. Herumfliegende und herumliegende Gegenstände des noch nicht einmal täglichen Gebrauches befruchten sich anscheinend gegenseitig und greifen sofern einzeln vorkommend auf Parthenogenese zurück. Auch Knospung und Keimung scheint im Repertoire der Staubfänger vertreten zu sein. Zettel, Zeitschriften und Reklamebroschüren bevorzugen die Zellteilung in toto. Schlüssel, von denen keine Menschenseele mehr weiß, für welches Schloss sie einst zuständig waren, bringen durch Abschnürung zahlreiche Varianten ihrer selbst hervor, kleben wie die Miesmuscheln aneinander und füllen sämtliche Schubladen. Verzwirbelte Haargummis mit Resthaaranteil breiteten sich bereits bis in mein Auto aus, während sie ansonsten scheu in unzugänglichen Bereichen des Fußbodens vegetieren. Der Einzug unser beiden Hunde brachte die nicht überall verbreiteten Gattungen der verfilzten Tierbürsten, der gerissenen Leinen und der zu klein gewordenen Halsbänder zu einem Wachstumsschub, dem nicht beizukommen ist. Halb abgebrannte Kerzen bevölkern bevorzugt das Wohnzimmer und wurzeln nicht nur in, sondern wundersamerweise auch neben den Kerzenständern. Nicht mehr aktuelle Telefonbücher bilden termitenhügelähnliche Gebilde in sämtlichen Komodenschubladen und führen eine friedliche Koexistenz mit Stapeln von alten Fotos und ebenfalls veralteten Visitenkarten. Reste von Kosmetikprodukten beschränken sich nicht nur auf Feuchtgebiete wie das Badezimmer. Nein, diese äußerst widerstandsfähige Spezies findet sich sogar in hauptsächlich trockenen Zonen wie dem Küchenregal und allen Flächen, die auch nur andeutend waagerecht sind. Irgendwie scheint da ein Zusammenhang mit der Anwesenheit meiner Töchter zu bestehen. Genau so, wie die Anwesenheit meines Mannes im direkten Zusammenhang mit dem Erblühen von gebrauchten Papiertaschentüchern steht. Meister allen Krimskrams sind Geldmünzen aus aller Herren Länder und seitdem man sich nicht mehr traut als Einkaufsbremser aufzutreten, in dem man den zu zahlenden Betrag an der Kasse passend zusammensucht, auch einheimisches Klimpergeld. Einen Ableger dieses Vegetationsgiganten fand ich unlängst sogar in einem Eierbecher, während er ansonsten gerne das Flusensieb der Waschmaschine verstopft. Hab ich noch etwas vergessen? Ach ja, den sich stetig erneuernden Flor aus Einzelsocken, der Waschmaschine und Trockner überzieht, die punktuelle Ausbreitung von Einzelhandschuhen im Garderobenbereich und die wohl zu den Nachtschattengewächsen gehörenden angekauten Hundeknochen, die man bevorzugt unter Betten, Sofas und Sesseln findet. Aber so ist halt das Leben; ein ewiges Wachsen und Gedeihen und ich werd einen Teufel tun, mich da einzumischen.

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