Schicksal

Der Wahlspruch der Hauptfigur aus »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« lautet: Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt! Nun erfuhr ich aus diversen psychologischen Schriften, dass dem Menschen das Gefühl der Selbstwirksamkeit überlebenswichtig ist. Ist es das? Mir fällt nämlich gerade auf, dass dies genau genommen hauptsächlich für den »westlichen« Menschen gilt, denn der scheint mir unter allen Kulturen der unruhigste Geist zu sein. Ein Hinnehmen und Loslassen ist ihm wesensfremd und ein Tag, an dem er nicht seinen Senf zu Ereignissen, die ihm im Grunde nichts angehen, beitragen konnte, ist ein vergeudeter. Man mischt eben tüchtig mit und vor allen Dingen mischt man sich auch ungefragt ein. Ob man diese Aufdringlichkeit nun beschönigend Selbstwirksamkeit nennt, sei dahingestellt, aber manche Zeitgenossen meinen, unser Sonnensystem geriete aus seiner Bahn, wenn sie nicht in irgendeiner Form am liebsten stündlich öffentlich in Erscheinung träten. Mittlerweile ist es schwer geworden, aus der gewaltigen Anzahl von unwesentlichen Meinungsäußerungen, die wesentlichen herauszufiltern, denn durch Ahnungslosigkeit bedingtes Schweigen wird nicht mehr als Tugend empfunden. Wer nicht postet oder twittert existiert schlichtweg nicht. Dabei reichen der eigene Herzschlag und die eigene Atmung aus, um sich seiner selbst zu versichern und Ehrfurcht gebührt dem Leben an sich, aber keiner einzelnen lebenden Person. Wenn man sich die Schädlichkeit jedes menschlichen Aktionismus vor Augen führt, sollte man sich doch damit bescheiden, sein Leben möglichst störungsfrei für seine Mitbürger zu gestalten, denn wer »die Welt in Brand setzt« tut letztlich nur eins: Er setzt die Welt in Brand! Und, was ist ein Ziel wert, das auch nur einen einzigen Mitmenschen seiner Würde und seines Rechts auf Leben beraubt? Die Pächter der Wahrheit, die die Welt in ihrem Sinne zu gestalten suchen, richten in ihrem Wahn der Selbstwirksamkeit den größten Flurschaden an. Ein Status quo ist nicht hinnehmbar, auch wenn er noch so bewährt ist. Ich höre schon den Aufschrei! Gegen Ungerechtigkeit muss man sich doch auflehnen! Dabei würde ein Zustand der Selbstgenügsamkeit erst gar keine Schieflage im Miteinander entstehen lassen. Es sind doch die sogenannten Prädestinierten, die die anderen aus ihrer Destination werfen. Die ungestörte Natur erstrebt das finale Gleichgewicht, aber nur solange, bis der Mensch dazwischen pfuscht! Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte sich irgendein »Berufener« in den Urknall eingemischt. Apropos »Berufener«, wer rief da? Wahrscheinlich nur die eigenen Hirngespinste! Es ist kaum vorstellbar, dass der Erzengel Gabriel ausgerechnet einem Analphabeten die Regeln für das menschliche Miteinander diktiert. Und wenn man sich vor Augen führt, wem sich Gott anscheinend offenbarte, kann man nicht von unendlicher Weisheit ausgehen. Da kann ich unserem leider verstorbenen Altkanzler nur zustimmen. »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!« Man sollte nie vergessen, dass die größten Errungenschaften der Menschheit wert- und vorurteilsloser Beobachtung geschuldet sind. Es ist, wie es ist, und erst einmal schauen, wie es kommt!

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