Vorwürfe

Wer kennt sie nicht, die ohrenbetäubende Stille des stummen Vorwurfes. Mich wundert, dass die Psychologie den Gesichtsausdruck des »tödlich beleidigt Seins« noch nicht in ihren Katalog der Mimik aufgenommen hat. Dort findet man nur die sogenannten Grundemotionen wie Wut, Ekel, Trauer, Verachtung, Freude und Überraschung. Der lautlose Appell an die Umwelt, sich mehr um einen zu kümmern, bleibt unerwähnt. Dabei kennt der Volksmund den Begriff des »Schüppe Ziehens« durchaus. Dem nicht genug Beachteten steht der Wunsch nach ungeteilter Aufmerksamkeit förmlich ins Gesicht geschrieben und wer die Zeichen missdeutet, bekommt nun seinerseits keine Anerkennung mehr. Im Sinne von »ich achte nur den, der mich ausreichend beachtet. Nun ist der stumme Vorwurf bar jeder Handlung. Die Verletzung wird noch nicht einmal verbalisiert, und verpflichtet das Gegenüber, sie richtig zu deuten und nach Möglichkeit »wieder gut zu machen«.So eindeutig der Gesichtsausdruck, so uneindeutig der Grund dafür. Nun wird ja allgemein behauptet, Frauen seien Meister dieses Faches, aber ich finde, dass Männer führend auf dem Gebiet des »stummen Leidens« sind. Wer jemals einen kränkelnden Mann Zuhause hatte, weiß wovon ich rede. In länger währenden Partnerschaften durchlaufen Frauen unmerklich die Metamorphose von der Geliebten, über die Partnerin zur treusorgenden Mutter. Die Anzahl der Kinder, die eine Frau ihr eigen nennt, besteht immer aus der tatsächlichen Menge plus eins. Womit natürlich der Mann im Hause gemeint ist. Und im Grunde genommen läuft es darauf hinaus, dass die Liebe in ihrem letzten Stadium beim Manne vornehmlich durch den Magen geht. Merke: Nur der satte Säugling ist ein zufriedener solcher. Wo einst scharfe Kurven die Phantasie beflügelten, ist es nun der Schweinsbraten mit Knödeln. Da bekommt der Ausdruck Fleischeslust eine völlig neue Bedeutung! Da wird von ehemals anrüchigen Seiten auf das »Grillmagazin für Männer« umgeschaltet. Wer jemals einen Mann, dem es nicht schmeckt, bei Tisch hatte, der weiß nicht, wie laut ein stummer Vorwurf hallen kann, denn die versalzene Speise ist nur deswegen versalzen, um ihn eins auszuwischen. Dabei steckt – abgesehen von Arsen als Würz- Zusatz- keine böse Absicht dahinter. Somit erklärt sich auch der stumme Vorwurf auf den Gesichtern der Frauen. Immer dort, wo Männer sich wie kleine Jungs aufführen, findet sich eine Frau, die mit den Augen rollt.

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