SUV von Elke Balthaus-Beiderwellen

Mein Auto ist dermaßen alt und innen wie außen heruntergekommen, dass ich jeden Morgen die Visitenkarte des örtlichen Schrottautohändlers unter einem der Scheibenwischer vorfinde. Wenn ich mit diesem Fahrzeug im Straßenverkehr unterwegs bin, verhalte ich mich devot und defensiv bis kurz vor der Totenstarre und versuche vor allen Dingen eines- nicht aufzufallen. Steige ich hingegen in den nagelneuen SUV meines Mannes, bin ich plötzlich wer und verunsichere alle anderen Verkehrsteilnehmer durch meine aggressive Fahrweise. Ich bin immer noch die gleiche Person, aber das Stahlgehäuse um mich herum beeinflusst meine Persönlichkeit dermaßen, dass aus einem im Grunde genommen friedfertigen Menschen ein Verkehrsrowdy wird. Ich scheuche die Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen einhaltenden Mitbürger in ihren minderwertigen Karren vor mir her, schimpfe, gestikuliere und fühle mich von jedem in meiner Entfaltungsfreiheit behindert. Ein Wahn, der anhält, bis ich die Luxuskarosse wieder verlasse. Ohne den Panzer des SUV fällt meine Überheblichkeit in sich zusammen. Die geliehene Selbstüberschätzung erweist sich als das, was sie ist, eben nur geliehen. Wer innerlich nicht gerüstet ist, muss eben außen aufrüsten und so sollte die allgemeine Zunahme der SUV auf unseren Straßen nicht verwundern. Anstatt, dass die Autos immer kleiner und energieeffizienter werden, erleben wir eine Rückkehr zu spritfressenden Ungetümen, die kein Mensch braucht- wenigstens, was den Transport von A nach B betrifft. Was das Selbstbewusstsein angeht, da bin ich schon gespannt, was die Automobilindustrie sich noch alles einfallen lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.