Malbücher von Witwe Clausen

Nein, ich kann und will mich nicht beruhigen. Neue Trends verpassen! Das kann meine Tochter jemandem erzählen, der wirklich schon jenseits von Gut und Böse ist. Bringt die mir doch glatt Malbücher und Buntsstifte zum Ausmalen mit und versichert mir, dass würde meiner Entspannung dienen. So unentspannt war ich noch nie, das können Sie mir glauben. Alle Welt würde jetzt diesem kontemplativen Hobby frönen, wollte sie mir doch glatt weismachen. Sie selbst wäre davon so sehr fasziniert, dass sie zu gar nichts anderem mehr käme. Dafür haben mein Friedrich und ich sie nicht auf das Gymnasium geschickt und sie auch noch studieren lassen, dass sie sich auf Kindertagestättenniveau die Zeit vertreibt. Und jetzt will sie mir diese Deppentätigkeit auch noch nahebringen! Als hätte ich mit meiner verbliebenen Lebenszeit nichts Sinnvolleres zu tun. Nein, auf den Arm nehmen kann ich mich selber! Noch völlig aufgebracht rief ich Marlene an. Wenn eine weiß, was im Moment Sache ist, dann sie! »Du, ich habe gerade keine Zeit, mit dir zu telefonieren«, begrüßte sie mich. »Ich male gerade Mandalas aus, um meine Psyche zu erweitern. Solltest du auch mal versuchen. Mehr im Hier und Jetzt kann man nicht sein.« Ich konnte es nicht fassen! Andererseits hatte ich mich noch nie so sehr im Hier und Jetzt befunden, weil ich vor Wut beinahe platzte. »Du machst auch jeden Blödsinn mit!«, polterte ich los. »Und ich dachte schon, meine Tochter wollte mir meine zunehmende Dummheit vor Augen führen, als sie mir Malhefte und Stifte vorbei brachte!« »Nein, sie hat wohl ganz klar erkannt, dass dein Chakra nicht im Gleichklang ist, und wollte dir den Weg weisen. Sei bitte nicht böse, wenn ich jetzt auflege. Ich muss mir Klarheit darüber verschaffen, welche Farbdominanz mein Gefühlsleben heute beeinflusst.« Sprach und beendete das Gespräch. Ich stand mit dem Telefon in der Hand da und war versucht, es gegen die Wand zu werfen. Hatten jetzt gleich alle den Verstand verloren? Welche Farbdominanz bei mir vorherrschte, war glasklar: Höllenschwarz! Ich Ich rammte das Telefon in die Ladestation, lief in die Küche und zerriss ein Malheft nach dem anderen. Anschließend nahm ich mir die Buntstifte einzeln vor. Genüsslich zerbrach ich sie. Danach fühlte ich mich tatsächlich besser. Konnte es sein, dass ich mein Chakra ins Gleichgewicht gebracht hatte? Es ging mir gut, denn ich besitze immer noch das Herz einer Rebellin! Wenn alle blöd sind, gilt Blödheit eben als schlau, sagte ich mir.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.