Genügsamkeit von Elke Balthaus-Beiderwellen

Wenn ein Wort in Vergessenheit geraten ist, dann ist es der Ausdruck »genug«, denn es scheint nichts niemals mehr genug zu sein. Genug gearbeitet, genug gegessen, getrunken, gegrübelt, geängstigt, gestresst, gesorgt, geärgert, gequält, gescheffelt und gelebt. Was wir auch anfangen, wir scheinen nicht mehr aufhören zu können. Das Schlimmste von allen, wir sind uns selbst nicht mehr genug. Kein Ausruf im Sinne von »es reicht« weit und breit. Ständig muss »noch etwas draufgelegt werden«. Unser Intellekt, von der Evolution als Überlebensfaktor gedacht, leitet nach und nach unseren Untergang ein. Wir hören auf nichts und niemanden. Nicht auf unseren Körper, nicht auf die Natur und schon gar nicht auf die Vernunft. Genügsamkeit ist zum Fremdwort geworden. Wobei »höher, schneller, weiter« zwar rasant, aber doch sehr unzufrieden sterben lässt. Wenn ich als Kind mit dem Kopf durch die Wand wollte, bekam ich von meiner Großmutter zu hören: » Plärr nicht rum, sondern lass es doch mal genug sein Kind!«Und, wie so immer, behält sie sogar im Bezug auf die gesamte Menschheit recht.

Wenn keiner hungert, keiner Durst erleidet und keiner friert, wäre das Ziel eigentlich erreicht, möchte man meinen. Alles Weitere ist Luxus. Luxus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: üppige Fruchtbarkeit, überflüssiger Aufwand, Schlemmerei, Ausschweifung, Verschwendung. Ursprünglich wahrscheinlich Ausrenkung zum Adjektiv Luxus. Die Mediziner reden heute noch von einem luxierten Gelenk, wenn es verrenkt ist. Ein Leben in Luxus ist demnach ein Leben in der Verrenkung. Und was mit einem verrenkten Gelenk passiert, wenn es nicht gerichtet, sondern weiterhin belastet wird, braucht nicht näher erläutert zu werden. Wenn also demnächst einer sagt: »Ich leiste mir den Luxus!«, kann man demnach getrost erwidern: »Ach, du Ärmster!«, und fröhlich und genügsam seiner Wege gehen.

 

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