Herbstrecht von Elke Balthaus-Beiderwellen

Ja, so sind die Deutschen! Herbstrecht und Herbstpflicht stehen weit oben auf ihrer Liste. Anstatt sich über die bunten Blätter zu freuen und raschelnd durch sie hindurchzulaufen, macht man sich Gedanken darüber, wer für das einzelne, heruntergefallene Blatt zuständig ist. Man hat ja auch nicht Besseres zu tun, wenn man auf einem nassen Herbstblatt ausrutscht, sofort zu nachtschlafender Zeit den entsprechenden Hausbesitzer oder Mieter herauszuklingeln und ihn auf seine Kehr- und Haftpflicht aufmerksam zu machen. Ich jedenfalls käme nicht auf den Gedanken. Wobei ich mir, je besser ich meine Zeitgenossen kennenlerne, durchaus vorstellen kann, dass dies deutschlandweit passiert. Nach der Kehrpflicht kommt die Streu- und Räumpflicht. Keiner denkt dabei an die Kinder. Wir nehmen ihnen das Vergnügen durch buntes Laub zu rascheln oder durch knirschenden Schnee zu toben. Ich warte noch auf eine allgemeine Helm- Ellbogenschoner- und Knieschonerpflicht für Fußgänger im Herbst und Winter, denn selbst ein einzelnes Blatt oder drei Schneeflocken können lebensgefährlich sein. Allgemein wird vergessen, dass das Leben vor allen Dingen eines ist- lebensgefährlich. Da kann eine Kastanie oder eine Eichel, die einem vor die Füße oder auf den Kopf fällt schon einmal mit einem gewissen Risiko verbunden sein. Am besten, man geht gar nicht mehr aus dem Haus. Und, wenn die Technik weiterhin solche Fortschritte macht, wird es bald auch nicht mehr nötig sein, sich dem Unannehmlichkeiten der Jahreszeiten auszusetzen. Was ist eigentlich im Sommer? Müsste nicht jeder Bewohner vor dem Haus eine Markise aufspannen, die den Gehweg mit beschattet, um zufällige Passanten nicht dem Risiko eines Sonnenstiches auszusetzen? Hier bestehen noch gewaltige Lücken, was die allgemeinen Bürgerpflichten betrifft. Was tun bei Platzregen? Vor dem eigenen Haus Wache halten, um sofort etwaige Pfützen zu beseitigen, damit sich keiner nasse Füße und womöglich einen Schnupfen holt, der in eine Lungenentzündung ausarten kann? Es ist immer gut, wenn es einen gibt, der für die eigene Blödheit haftet. Gehe ich im tiefsten Winter mit Ledersohlen oder High Heels aus dem Haus, ist es doch schön, wenn ich einem anderen dafür die Verantwortung in die Schuhe schieben darf(!). Wer seine Sinne beisammen hat, sollte sie auch einsetzen, damit er auf sich selber aufpasst. »Es könnte glatt sein«, sollte einen zu angemessenem Gehverhalten veranlassen und der Rest der Welt sollte in Ruhe gelassen werden!

 

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