Rosa Viagra von Paul Wiedebach

»Was hieltest du davon, wenn ich die Viagra-Pille für die Frau ausprobierte?« Die Frage meiner Göttergattin kam heute Morgen dermaßen überraschend, dass ich mich an meinem Brötchen verschluckte. Sofort sprang sie auf und klopfte mir hilfreich auf den Rücken. »Für wen nähmst du das Zeug denn, für dich oder für mich?«, erkundigte ich mich, als ich wieder Luft bekam. Die Vorstellung, meine Frau könnte sich in eine Art von unersättlicher Nymphomanin verwandeln, behagte mir nicht. Was ist, wenn sie nicht auf mich Appetit bekommt, sondern auf andere Männer? »Genau, das ist mein Problem«, erwiderte sie. »Nicht, dass ich mit unserem Sexualleben unzufrieden wäre, aber was ist, wenn Höhepunkte bis ins unendliche steigerbar wären und ich erführe es nie? Andererseits, was hätte ein Christian Grey von einer frigiden Anastasia?« Sofort sprang mein Kopfkino an. Ich stellte mir meine ansonsten sehr stille Gattin bei einem bis ins unendliche gesteigertem Höhepunkt vor, wobei mir der Appetit verging und ich meinen Frühstücksteller beiseiteschob. »Und mit wem würdest du die bis ins unendliche gesteigerten Höhepunkte denn haben wollen? Mit mir oder mit diesem Grey?«

»Mit dir mein Schatz, nur mit dir!« Das sehnsüchtige Funkeln in den Augen meiner Frau gefiel mir nicht.

»Was bedeutet; ich scheine dir so unattraktiv zu sein, dass du quasi künstliche Hilfsmittel brauchst, um mit mir zu schlafen?« Nun war ich beleidigt.

»Dass du einem auch immer das Wort im Munde herumdrehen musst!«

»Wieso? Zeige mir den Mann, der bei der jungen Sophia Loren blaue Viagra braucht, den wirst du nämlich nicht finden, und ich zeige dir die Frau, die bei einem milliardenschweren Hengst wie Grey rosa Viagra braucht!«

»So war das doch gar nicht gemeint!«

»Ja und wie dann?«

»Vielleicht ist das Erlebnis ja so wie für einen Blinden, der zum ersten Mal Farben sieht, oder wie für einen Künstler unter psychodelischen Drogen. Die Beatles hätten ohne den Ausflug ins künstliche Nirwana ihre besten Songs nicht geschrieben! Denke an Goethe und Schiller! Ohne mindestens zwei Flaschen Wein pro Tag, hätten sie den Schreibstift gar nicht in die Hand genommen. Was für ein Verlust für die Weltliteratur!«

»Du meinst also, auf dem Boden der Realität läge zu wenig Glimmer? Und du willst also die Welt anhand eines ins unendliche gesteigerten Höhepunkt weiter bringen?«

»Mit dir ist einfach nicht zu diskutieren!« Ärgerlich schlug meine Frau mit der flachen Hand auf den Küchentisch.

»Energie geht nicht verloren, sie wird nur verwandelt«, schmeichelte ich, stand auf und massierte ihr beruhigend den Nacken und die Schultern. Wir hatten dann noch einen sehr psychodelischen Vormittag!

 

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