Nachbarschaft von Elke Balthaus-Beiderwellen

Der liebe Nachbar darf sich hüllenlos im eigenen Garten präsentieren, auch wenn die eigenen Kinder davon einen Schock für das Leben erhalten. Solange er nicht aus sexuellen Motiven Hand an sich legt, ist im eigenen Garten erlaubt, was gefällt. Hunde müssen sich hingegen an gewisse Bellzeiten halten. Von dreizehn Uhr bis fünfzehn Uhr ist die Mittagsruhe zu beachten und nach zweiundzwanzig Uhr hat Grabesruhe zu herrschen. Dies gilt auch für Kinder, die zwar nicht bellen, aber sich doch für einen gewissen Lärmpegel verantwortlich zeichnen. Belästigte Nachbarn sollten hier Lärmprotokolle führen und kurze Audioclips mit eingeblendeter Uhrzeit anfertigen. Haschwolken auf dem Balkon sind hingegen unbedenklich, da schwer nachzuweisen. Rauch ist geräuschneutral, genauso wie der entblößte Sonnenanbeter. In gemeinsamen Waschräumen ist das Anbringen einer Videokamera zum Zwecke des Nachweises eines Waschmitteldiebstahls nicht erlaubt, obwohl moderne Kameras beinahe lärmfrei arbeiten, aber die Persönlichkeitssphäre des Seifendiebes könnte erheblich gestört sein. Ein Lingusterzweig, der in den eigenen Garten ragt, darf auf Kosten des Heckenbesitzers entfernt werden, obwohl Grünzeug im Allgemeinen recht leise wächst und auch optisch eine Bereicherung darstellen kann, wenn es gewisse Körperteile des nackten Nachbarn bedeckt. Man darf auch selber hüllenlos Hand bzw. Gartenschere anlegen, ist aber mit der Rechnung schwierig, die man dem Feind im Nachbarhaus ansonsten präsentieren könnte. Wie man sieht, sollte man sich vor dem Erwerb einer Immobilie nicht nur von deren Bausubstanz überzeugen, sondern auch unbedingt prüfen, was da so neben einem zu wohnen kommt. Es empfiehlt sich, gleich eine kilometerhohe Mauer um das eigene Grundstück zu legen, was aber nur erlaubt ist, wenn bestimmte Abstände zur Grundstücksgrenze beachtet werden. Ich frage mich ernsthaft, wie Deutschland ein Land mit Willkommenskultur werden will, wenn noch nicht einmal der eigene Nachbar in Haus und Hof willkommen ist.

 

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