Hormone von Paul Wiedebach

Zurzeit sitze ich auf einem Pulverfass. Vor genau einer Woche stellte meine Göttergattin die Einnahme ihrer Hormone gegen Wechseljahrsbeschwerden ein und seitdem analysiere ich jede ihrer Reaktionen auf Anzeichen von frühzeitiger Altersdemenz, psychotischer Störungen und entzugsbedingten Entgleisungen. Ich lasse sie nicht mehr aus den Augen, was bei ihr zu einer erhöhten Nervosität führt, von der ich jetzt nicht sagen kann, ob sie auf den Hormonmangel oder auf meine erhöhte Wachsamkeit zurückzuführen ist. »Was starrst du mich immer so an?« Diese Beschimpfung anstatt eines fröhlichen guten Morgens, bringt mich arg in Versuchung bei ihrem Gynäkologen anzurufen und hormonellen Nachschub zu bestellen. Ich finde auch, dass sie mehr seufzt und schnauft als vor einer Woche. Und, ist der leichte Flaum über ihrer Oberlippe als beginnender Damenbart zu deuten? Mittags legt sie sich ein halbes Stündchen hin, was sie zwar schon tut, seitdem ich sie kenne, aber nun nehme ich doch die Zeit, die vergeht, bis sie wieder aufsteht, denn Vergreisung beginnt mit Antriebslosigkeit. Auch erwische ich mich dabei, dass ich mein Hemd nicht zuknöpfe, oder nur mit einer Unterhose bekleidet vor ihr herumtänzele, um zu prüfen, ob sie noch auf meinen Körper reagiert. »Kannst du dir nicht endlich einmal etwas anziehen!«, keifte sie mich gestern Morgen an, was mir schwer zu denken gab. Jedenfalls werde ich in der nächsten Zeit nicht duschen, denn wenn mein zugegeben etwas aus der Form geratener Body nicht mehr wirkt, sollte es doch ein männlich herber Duft tun. Wenn sie mir, anstatt mich sofort ins Bett zu ziehen, vorwirft, dass ich stinke, weiß ich, was die Glocke geschlagen hat, und ich muss zusehen, dass ich ihr die Pillen irgendwie ins Essen schmuggele. Es kommt mir auch so vor, als nähme sie mich weniger zur Kenntnis, als noch vor einigen Tagen. Wenn ich ihr nicht dauernd auf die Pelle rückte, würde sie mich glatt übersehen. Vielleicht verfällt sie ja in einen vorpubertären, geschlechtsneutralen Zustand, der meine Anwesenheit komplett überflüssig macht! Ihre zunehmend gereizten Vorwürfe, was ich denn schon wieder wolle, deute ich als allgemeine Abwehr des männlichen Geschlechtes. Was mache ich, wenn sie sich jetzt bevorzugt Frauen zuwendet? Ich bin einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt! Ständig schlägt meine Stimmung um. Mein Herz rast und unablässige Schweißausbrüche sind die Folge. Sich auf mein Schreiben zu konzentrieren erscheint mir als Ding der Unmöglichkeit, denn ich muss ja andauernd nachsehen, ob sich meine Frau aufgrund einer Involutionsdepression nicht umbringt. Wo steckt sie zum Beispiel jetzt schon wieder? Aha, sie telefoniert. Mit wem? Lauschend bleibe ich an der Wohnzimmertür stehen. Hm, sie bestellt eine Überweisung bei unserem Hausarzt. Sicher will sie doch zu ihrem Gynäkologen. Beruhigt ziehe ich mich in mein Arbeitszimmer zurück, da steht sie plötzlich in der Tür.

»Schatz ich habe dir eine Überweisung zum Urologen ausstellen lassen. Ist ja nicht mehr auszuhalten mit dir!«, verkündet sie fröhlich.

 

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