Urteile von Tanja K.

Man urteilt vorschnell. »Hast du gesehen, was der- oder diejenige gemacht haben?« Der Rest der Welt ist blöd, nur man selber hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Dabei beinhaltet jedes Urteil, das ich über andere abgebe, eine Einschränkung meiner eigenen Persönlichkeit, weil ich ja nicht so doof sein will, wie der Rest der Welt um mich herum. Was ich bei anderen kritisiere, darf ich mir nicht mehr zugestehen. Urteilende Menschen halten sich für Übermenschen, dabei ist ihre Handlungsfreiheit auf ein Minimum begrenzt. Kritik, die ich bei meinen Mitmenschen übe, schlägt direkt auf mich selbst zurück. »Hast du den Dicken da gesehen!«, schränkt die eigene Genussfähigkeit ein. »Wie kann man sich so gehen lassen!«, zerstört die eigene Muße. Was wir anderen nicht zugestehen, gestehen wir uns selbst schon gleich gar nicht zu. Ein »Wie kann man nur« schränkt das Können ein. Und so beweist man jeden Tag auf`s Neue, dass man sich im Würgegriff hat. Ein Tag ohne eine besondere Leistung scheint ein verlorener Tag zu sein. Selbstbestätigung ist das A und O. Wobei ständig bestätigt werden muss, was nicht sicher ist. Dem französischen Philosophen Michel Foucault lief ein äußerst niedergedrückter Mann über den Weg. »Was ist mit dir«, fragte er. »Ich habe heute noch nichts geleistet«, lautete die Antwort. »Wie? Hast du heute nicht gelebt?«

Das reine Dasein als Leistung zu betrachten, bekommen wir schon im Kindesalter abgewöhnt. Aus der unbedingten Liebe im Säuglingsalter, wird spätestens im Alter von drei Jahren die bedingte Liebe. »Wenn du nicht so bist, wie ich meine, dass du sein solltest, dann habe ich dich nicht mehr lieb!« Und so sind wir, wie alle meinen, dass wir sein sollten und haben uns selbst nicht mehr lieb.

 

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