Übergewicht von Dr. Bremer

Laut WHO wird das Übergewicht in Europa in Zukunft zu einem »Problem ungeahnten Ausmaßes«. Rechne ich zu den Fresssüchtigen noch die Raucher, die Alkohol-, Drogen- und Arbeitssüchtigen dazu, leben wir auf einem Kontinent der Sucht. Hinzu kommen die psychosomatischen Erkrankungen, die Neurosen und Psychosen, und man kommt zwangsläufig zu der Ansicht, dass ganz Europa in Therapie gehört. Wer soll das leisten? Die höchste Sucht- und Selbstmordrate findet man bei Psychologen und Psychiatern, sodass dieser Berufsstand bereits damit beschäftigt ist, sich selbst zu therapieren. Kirchliche Seelsorger entfallen mangels Glaubwürdigkeit ebenfalls und so ist der allgemeine Irrsinn nicht mehr aufzuhalten. Die Liste der therapiebedürftigen psychischen Erkrankungen wird von Jahr zu Jahr länger und die Pharmaindustrie kommt mit der Produktion von psychotropen Medikamenten nicht mehr hinterher in unserer »schönen neuen Welt«. Objektiv gesehen geht es dem durchschnittlichen Mitteleuropäer so gut wie nie, während subjektiv jedermann durchzudrehen scheint. Nichts geht mehr seinen natürlichen Gang. Vom Ess-,Trink-, Schlaf- und Sozialverhalten bis zum einfachen Stuhlgang ist alles problemüberfrachtet und die größte Schwierigkeit stellt heutzutage die Paarbildung dar. Die Menschen können nicht mehr mit sich und mit anderen schon gar nicht und aus dem evolutionären Gruppentier ist ein psychopathischer Einzelkämpfer geworden. Soziale Netzwerke gibt es nur noch in der virtuellen Welt. Man ist weltweit vernetzt, muss aber die Frage, ob man seinen Nachbarn kennt, verneinen. Im Zeitalter der totalen Kommunikation wird nicht mehr miteinander geredet, höchsten gepostet, gesimst, getwittert und gemailt, wobei sich die Mail auch schon auf dem absteigenden Ast befindet, da man aus Höflichkeit zumindest zwei Sätze schreiben sollte. Was aus dem Kopf nicht mehr herausdarf, muss in den Körper in Form von ungesundem Zeugs hinein als Ersatzhandlung. Das ist das Wort, das ich suchte: die Ersatzhandlung, die im Gegensatz zur eigentlichen willentlichen Handlung nur kurzfristige Erleichterung bringt und deswegen einen Suchtcharakter entwickelt. Das »eigentlich will ich, aber …« führt nicht zum Verhalten, sondern zum Fehlverhalten, das dann den Kern des »Eigentlich« bis zur Unkenntlichkeit verdeckt. Deswegen habe ich, wenn ich es mit einem fettleibigen Patienten zu tun hatte, noch nie geraten, weniger zu essen, sondern stets gefragt, was er denn tun wolle, anstatt zu essen. Da kamen dann die verschiedensten Handlungsoptionen zutage, die eines gemeinsam hatten, die vollständige Berechtigung.

 

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