Wunschkonzert von Tanja K.

Am Ostermontag hörte ich während einer Autofahrt WDR 2. Rund um die Uhr konnten die Hörer ihre Musikwünsche durchgeben. Der Anruf einer Frau geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Ich weiß nicht mehr, welchen Titel sie sich wünschte, aber die kleine Rahmengeschichte zu ihrem Wunsch brachte mich dermaßen außer Fassung, dass ich mich gezwungen sah, auf dem nächsten Rastplatz eine Pause einzulegen. Ihre Familie wäre im Skiurlaub, berichtete sie und sie nütze die Zeit, um einmal gründlich das Haus zu putzen. Ich nehme an, es handelt sich um eine Ostertradition der besonderen Art. Einmal im Jahr werden die Verursacher der Hausverwüstung in die verdiente Erholung geschickt, damit Mama die heimische Welt wieder in Ordnung bringt. Vielleicht räumt die Frau unter den Betten der Sprösslinge auf, findet lange vermisste, müffelnde und verknüllte Einzelsocken, festgeschimmelte Obstreste und abgängiges Geschirr, aus dem sie betonhart gewordene Frühstücksflockenreste kratzen muss. Die gebrauchten Papiertaschentücher, die sie zusammenklaubt, füllen einen großen Müllsack. Vielleicht sind auch die bis zur Unkenntlichkeit verwesten Reste einer Pizza dabei, denn unter den Betten Halbwüchsiger wurde der physikalische Begriff der Entropie geprägt und die Chaostheorie entwickelt. Und erst die Kleiderschränke! Hineingestopft ist alles, von stinkender Sportwäsche bis zu sorgsam gebügelten T-Shirts und Blusen. Vielleicht findet sie im Kleiderschrank ihrer Tochter die zur Wurst verdrehten Überreste ihrer Lieblingsbluse und vergießt ein paar Tränen des Bedauerns. Im Prinzip müsste sie diesen Kleiderhaufen erneut durch die Waschmaschine laufen lassen, aber sie trennt Getragenes von nicht Getragenem und wird späterhin das Bügeleisen in Betrieb nehmen. Bestimmt reinigt sie eine Unzahl von Schuhen, die nicht geputzt, sondern ab einem bestimmten Verschmutzungsgrad durch neue ersetzt werden. Aber wann soll der Rest der Familie sich auch mit solchen Nichtigkeiten abgeben. Abiturstress, Stress im Studium und Beruf, da bleibt für Alltäglichkeiten keine Zeit und sie hat ja nichts besseres zu tun, als allen überall hinterherzuräumen. Im Bad reichen die üblichen Haushaltsreiniger nicht aus. Angetrocknete Zahnpastareste müssen abgespachtelt werden. Aus den Abflüssen von Dusche und Waschbecken holt sie ganze Perücken, die sich in hinuntergespülten Haarklemmen und Einmalrasiererschutzkappen verfangen haben. Sie setzt sich einer Chlorvergiftung aus, um alle Stock- und Schimmelflecken und die Urinsteinbildung unter dem Toilettenrand zu beseitigen. Unter den Badezimmerschränken findet sich eine Unzahl von an den Enden gelblich verfärbten Wattestäbchen und siehe da auch ein kostbarer Ohrring, dessen Verlust sie beklagt, sich aber nicht erklären konnte, wo sie ihn verlor. Da ihr Sohn nur ein Ohrloch hat, ermittelt sie auch gleich den Täter. Was ihre Lieben jetzt wohl tun? Sie sieht auf die Uhr. Wahrscheinlich sitzen sie gemütlich bei einer Mittagsmahlzeit zusammen. Hoffentlich erholen sie sich gut, denn sie haben es weiß Gott verdient, die armen Kinder und der arme Gatte! Was denen heutzutage alles abverlangt wird, unglaublich, da kann sie froh sein, dass sie nur Hausfrau ist. Sie putzt die blinden Fenster in den Zimmern der Kinder, da sie diese sonst nicht betreten darf, denn die Privatsphäre des Nachwuchses ist heilig. Vielleicht kommt sie noch dazu ihren eigenen Kleiderschrank aufzuräumen, in dem die Tochter ständig herumwühlt, wenn sie einmal mehr nichts zum Anziehen hat. Von Karfreitag bis zum späten Nachmittag des Ostermontag ist sie tätig, füllt Müllsäcke, Altkleiderbeutel, entsorgt sie auch gleich und dreht nach getaner Arbeit eine Runde durch das geordnete, blitzsaubere Haus. Vielleicht steht sie auch eine Weile vor den Schränken der Kinder und genießt die Ordnung, die darin herrscht. Heute Abend trudelt ihre Familie wieder ein. Sicherlich voller Geschichten über das Erlebte, ganz gewiss aber mit einem Mordshunger und einem großen Haufen Schmutzwäsche. Vielleicht fragt sie sich kurz, warum sie sich nicht so richtig darüber freuen kann.

 

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