Verschwörung von Elke Balthaus-Beiderwellen

Es gibt Phänomene, die sich nur schwer erklären lassen. Heute morgen weckte mich mein Hund um viertel nach fünf. Offensichtlich langweilte er sich, wie er da so untätig auf seiner Matte lag und sich damit unterhielt, die Schatten an der Wand anzubellen. Da mein Mann seinen Schlaf braucht, stand ich auf. Der Hund sah mich so treuherzig an, dass mein Herz dahinschmolz und ich ihm nicht grollte. Warum? Weil ich ihm keine Absicht unterstelle. Hätte mich mein Gatte hingegen um die gleiche Uhrzeit mit ohrenbetäubenden Schnarchen geweckt, wäre ich ihm den ganzen Tag böse, obwohl einem tief schlafenden Menschen noch weniger eine Absicht unterstellt werden kann, als einem Hund. Den lieben langen Tag über hätte ich meinem Mann die Schuld für meine Übermüdung in die Schuhe geschoben und mangels Möglichkeit der Abfuhr meines Ärgers, da er nicht anwesend ist, mich so hochgeschaukelt, dass er des Abends mit einem unfreundlichen Empfang zu rechnen hätte. Anderen Menschen unterstellen wir unentwegt Absichten. So fährt die Schnecke vor mir nur so langsam, um mich des letzten Nervs zu berauben. Die Kassierin an der Kasse wird genau zu dem Zeitpunkt unfreundlich, wenn ich an der Reihe bin und meine Töchter trödeln herum, weil sie mir auf den Geist gehen wollen. Ich bin der Mittelpunkt des Universums! Was wer auch immer tut; es ist einzig und allein auf mich gemünzt. Welcher Wahnsinn! Nur meine Hunde sind exkulpiert, da sie nicht wissen, was sie tun, obwohl ich mir da manchmal auch nicht ganz sicher bin. Es gibt Tage, da legt es der Rest der Welt darauf an, mir den Tag zu verderben. Wenn ich es auf die Spitze treibe, beziehe ich sogar tote Gegenstände in die Verschwörung mit ein. Die rote Ampel grinst hämisch, weil sie es geschafft hat, mich auszubremsen. Mein Laptop macht aus Trotz sowieso nie, was ich von ihm verlange. Und wenn ein Haushaltsgerät den Geist aufgeben will, sagt es vorher mit einer Art von Telepathie seinen Kollegen Bescheid, dass es allmählich Zeit wird, den Dienst einzustellen. Möchte ich mir einen Kaffee ziehen, fordert unser Kaffeevollautomat nur von mir eine Tank- oder Bohnenfüllung, und ist mein Bedarf an Koffein besonders groß, muss er sogar den Satzbehälter geleert und gereinigt haben. Dabei trägt alles und jeder an meiner miesen Laune Schuld, nur nicht ich! Wer sich ärgern möchte, findet garantiert einen Grund. Wer unbedingt »ein Haar in der Suppe« finden möchte, legt es am besten eigenhändig hinein. Vielleicht will ich mich über meine Hunde nicht ärgern, auch wenn sie mich ärgern, den an diesem Ärger trage ich, aufgrund von versäumter Erziehung, selbst die Schuld. Die Dinge und die Menschen sind so wie sie sind. Nur weil ich mich wichtig nehme, werden sie zu unerbittlichen Feinden. Wenn ich gleich morgens den Tag zum Gegner erkläre, wird er es werden. Da macht es keinen Unterschied, um welche Uhrzeit man auch immer geweckt wird.

 

Ein Gedanke zu „Verschwörung von Elke Balthaus-Beiderwellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.