Jugendsprache von Witwe Clausen

Das mache ich jetzt auch! Ich erfinde meine eigene Sprache! Meine Enkel verstehe ich schon lange nicht mehr, da sie wöchentlich mit Wortneuschöpfungen aufwarten. Letztens schwatzten sie mir die DVD »Fuck ju Goethe« auf, und ich muss sagen: ich habe die Jugendlichen in dem Film nicht verstanden. Ich habe sogar teilweise die Lehrer nicht verstanden. Was zum einen daran liegen kann, dass unsere sogenannten Schauspieler keine Sprechausbildung mehr erhalten und nur vor sich hinnuscheln. Zum Anderen an dem bereits erwähnten Wortsalat und zum Dritten, bitte schön, auch daran, dass ich vielleicht langsam ein Hörgerät brauche. Jedenfalls erklärten meine Enkel mir bei ihrem letzten Besuch, sie würden gerne tebartzen, was so viel wie, auf großen Fuß oder über seine Verhältnisse leben bedeutet. Ich erfuhr auch, dass bei Menschen mit Immatrikulationshintergrund jede praktische Veranlagung fehlt, sie also zwangläufig studieren müssten. Nun sind mir Menschen mit Immigrationshintergrund auch nicht gerade als die großen Praktiker präsent und wenn, dann auf den falschen Gebieten. Wichtige Termine verchillt man, was dem einfachen Vergessen vorzuziehen ist, da man die Zeit wenigstens für das Abhängen benutzte. Verwirrend fand ich es auch, dass mein Enkel jede meiner tiefsinnigen Bemerkungen mit lol kommentierte, bis ich dahinter kam, was es bedeutet und er ordentlich eins hinter die Löffel bekam. Dabei fällt mir gerade ein, dass ich keine neue Sprache erfinden muss; ich verwende einfach die Alte und werde fürderhin dem Neusprech der Jungen kontra geben. Da ich altbacken statt retro bin, ist meinem Ansinnen sicher eine große Zukunft geweiht, bis ich dahin scheide, bzw., abkratze. Für jemanden schwärmen hört sich für mich weit besser an, als auf jemanden abfahren oder stehen, oder Bock haben. Und wenn zwei Herzen im Gleichtakt verschmelzen, klingt das nach höheren Weihen als das F-Wort. Alles, was wieder die menschliche Natur erscheint, ist heute voll schwul, wie Dieter Nuhr bereits erwähnte, der zwei Jugendliche belauschte und zu hören bekam:« Frauen ficken ist doch voll schwul, eh.« Schleierhaft ist mir auch, ob der Satz: Isch fick disch, eine Liebeserklärung beinhaltet. Dermaleinst wird sich die heutige Jugend wieder auf eine gemeinsame Sprache besinnen, denn die Gedanken werden sich »eng im Raume stoßen«, wenn sie nicht mehr formulierbar sind. So lange, bis die Wortverknappung unweigerlich in der Gedankenverknappung mündet, wie jeder weiß, der sich seinen Orwell in der Schule gründlich zu »Gemüte« führte. Was gibt es Schlimmeres, als einem Gefühl keinen Ausdruck verleihen zu können, einfach, weil einem die Worte dafür fehlen. Man kann natürlich heulen, kreischen oder grunzen, was in meinen Augen aber einen epochalen Rückschritt darstellt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.