Zeitersparnis

Wer auch immer ein Loblied auf die Technik singt, trällert an erster Stelle »Zeitersparnis«! Was so nicht ganz richtig ist, denn der Steinzeitmensch brauchte höchstens vier Stunden zwecks Nahrungsbeschaffung und den Rest der Zeit widmete er sich dem Schlaf, der Wollust und dem Drang Geschichten zu erzählen. Ich hingegen hänge wie jeden Morgen in meinem E-mail-Account fest und kann mich nicht zwischen kostenlosem Wahrsagen, einer Erbschaft am anderen Ende der Welt, einem Preisausschreiben mit exorbitanten Gewinnchancen, einem Zeitschriften Abo und Supersonderangeboten entscheiden. Bei Facebook und Twitter war ich auch noch nicht, dabei ist es kaum wahrscheinlich, dass die Welt sich weiter dreht, wenn ich meinen Senf nicht dazu poste. Ach und Nachrichten habe ich auch noch nicht geschaut, aber da gibt es ja eine vierundzwanzig Stunden rundum Versorgung, damit mir kein Elend dieser Welt am Ar … vorbei geht, es aber ehrlich gesagt tut. Da wären wir wieder in der Steinzeit gelandet. Gegenseitiges Interesse gab es nur innerhalb der eigenen Horde und aus der Ferne eintreffende Nachrichten hatten in etwa den gleichen Effekt wie der berühmte Sack Reis in China. Heutzutage kann dieses Ereignis ein Erdbeben an den Börsen verursachen, also müssen wir so tun, als hätten wir alle Ursachen und deren Folgen im Griff, haben wir aber nicht! Ob Dax, Dow Jones, oder Nikkei, wenn der Steinzeitmensch mit Knochen um sich warf, um die Zukunft zu lesen, der Effekt ist der gleiche. Jetzt habe ich mir doch glatt eine geschlagene Stunde Sorgen um meine Aktien gemacht, bis mir auffiel, dass ich gar keine besitze. Und was ist mit dem Goldpreis? Den habe ich gerade völlig aus den Augen verloren, aber Google sei Dank, komme ich über den Goldpreis zu Goldzähnen und von dort zu Goldketten und erfahre, dass die goldene Hochzeit nach fünfzig Jahren Ehe gefeiert wird. Diesbezüglich haben mein Gatte und ich noch ein wenig Zeit. Aber, man könnte sich schon einmal über die für dieses Ereignis erforderliche Garderobe informieren und da passiert es! Ich versinke in der Welt des Onlineshoppings, bis mein Magen mich darauf hinweist, dass Mittag bereits lange vorbei ist. Nicht mal zum Essen kommt man! Eigentlich müsste ich meiner Blase auch mal Erleichterung verschaffen, aber ich habe die auf meinem Smartphone eingegangenen Whatsapps weder gesichtet noch beantwortet. Hm, bei Google play war ich auch noch nicht. Irgendwie wird es mir jetzt in der Küche zu dunkel und mir fällt auf, dass sich der Tag langsam seinem Ende zuneigt. Na, bis zum Schlafengehen surfe ich in den diversen Mediatheken herum. Eindeutig mal wieder einer von den Tagen, an denen man zu nichts kommt.

Alltagswunder

Gestern hängte ich – ich weiß, viel zu früh – mein Vogelhäuschen vor mein Küchenfenster. Seitdem herrscht dort ein stetiges Hin- und Herfliegen. Nun schaut mein Riesentrottelhund Satchmo gerne, die Vorderpfoten auf einem Küchenstuhl abgestützt, aus eben diesem Fenster. Zunächst schreckte er, kleiner Feigling der er ist, ob der Ufos, die an ihm vorbeisausten, derart zurück, dass es ihn von seinem Stuhlposten haute. Wie dies eben bei Ufo-Sichtungen so ist. Schließlich gewann die Neugier. Vorsichtig und jederzeit mit einem Angriff durch Laserwaffen rechnend, tastete er sich wieder hoch. Mutig, mutig, denn er war ja nur durch eine Glasscheibe von den Invasoren getrennt. So stand er da, den Kopf je nach Meisenflug hin- und herwendend und ich konnte sehen, wie es in seinem Zeitlupenhirn arbeitete. Was war das? Wo kam es her? Und, wo geht es wieder hin? Diese urmenschlichen Fragen ließen ihn mit glasigen Augen auf dem Küchenstuhl verharren. Von einem kurzfristigen Bellversuch ließen sich die geflügelten Wesen nicht einschüchtern. Durch Lecken an der Fensterscheibe stellte er zunächst einen ersten Kontakt her, was aber auch nicht so recht gewürdigt wurde und verfiel wieder in dumpfes Grübeln. Der Versuch, diese bislang unbekannten Wesen in sein Weltbild zu integrieren erschöpfte ihn sichtlich. Er drehte sich zu mir um und schaute mir intensiv in die Augen, als könnte ich ihm eine Antwort auf sein existenzielles Dilemma geben. Schließlich überkam ihn offensichtlich die Erkenntnis, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich ein Hundehirn niemals erträumen ließe und die ohne weitere Erklärung zu akzeptieren sind. Außerdem war Fressenszeit und da stehen andere Interessen der philosophischen Erleuchtung entgegen. Und, wie öde wäre die Welt, wenn man sich nicht ab und zu mal wunderte. Er wandte sich vom Fenster ab und seinem Fressnapf zu. Warum sollte man sich auch von einem Phänomen, dass keinerlei Auswirkung auf einen selber hat, aus der gewohnten Bahn werfen lassen?

Advent 2.0

Nun eiere ich schon den dritten Tag um meinen Weihnachtsschmuck herum. Ich meine, geistig habe ich deutlich vor Augen, wie und wo dekoriert werden muss, aber es scheitert an der Tat. Außer mir kann in unserer Familie sowieso keiner Weihnachtsdeko leiden; also was treibt mich an? Letztes Jahr hatte ich es mit Sternenstaub und verteilte Abermillionen winzig kleiner Sterne im gesamten Haus, was mir nur den Kommentar, welche Fee denn hier geplatzt wäre, einbrachte. Sternenstaub als solcher ist sehr hartnäckig. Einmal verstreut, hat man unzählige Weihnachten und sogar Ostern noch etwas davon. Außerdem verschafft man seinem Proktologen durch Verschlucken des Sternenglitzers, einen Blick auf vollkommen neue Universen. Für meinen Mann war Schluss mit lustig, als sich ein vorwitziges Sternchen auf dem Ohrenwattestäbchen befand. Okay Streuglitzer kommt in die Versuch- und Irrtum- Kiste. Der Begriff Weihnachtsschmuck ist übrigens sehr weit gefasst. Mit ein wenig Glitter versehen wird alles und jedes zum Dekoobjekt. Vom Igel bis zur Raupe, von Elchen bis zu Rentieren über Hirsche bis weihnachtlich geschmückte Hasen(!), die sich wohl in der Jahreszeit vertan haben, ist Weihnachtsschmuck das, was man dazu erklärt. So lassen sich im Flur herumfliegende Schuhe und Stiefel gerne mit dem Nikolaus erklären. Obwohl draußen wie üblich kein Winter herrscht, bekommt das Haus dadurch, dass überall Jacken hängen, einen winterlichen Touch. Man müsste jetzt nur mit Sternenglitzer … aber lassen wir das. Ach, was waren das noch Zeiten, als sich weihnachtliche Atmosphäre, einzig und allein mit einem Adventskranz und vier(!) Kerzen herstellen ließ. Am 24. kam noch der Baum dazu und fertig! Am Baum hingen Äpfel und vergoldete Nüsse und keine multifunktionalen-Led-Farbwechsel kugeln.Höchstens noch Lametta! Ich kann mich noch an den überdimensionalen Knäuel aus von etlichen Weihnachten übrig geblieben Lamettafäden erinnern, wobei es meine Aufgabe war, die Fäden zu sortieren und zu bügeln, denn weggeworfen wurde nicht! Irgendwo im Keller müsste ich doch noch …Ich stelle mir gerade vor, ich würde meine Töchter zu dieser Sysiphos-Aufgabe verdammen.Da wäre das Rätsel um die Brennbarkeit von Lametta im Handumdrehen geklärt. Jetzt kommt auch noch die Sonne heraus. Bei diesen frühlingshaften Bedingungen entfällt der Gang in den staubigen Keller.

Advent

Dieses Jahr scheinen meine Mitmenschen Weihnachten nicht abwarten zu können. Ich meine an den Hochsommerlebkuchen und an durch die Wärme schmelzende Schokoweihnachtsmänner hat man sich schon irgendwie gewöhnt, aber dass der diesjährige Weihnachtsbeleuchtungswahn bereits Anfang November um sich greift, wirkt ein wenig befremdlich, denn es müssen ja noch etliche Totenfeiertage absolviert werden. Da liegen in den Läden Grableger neben Adventsgestecken und die Angehörigen zieht es nicht zu den Grabstätten der verflossenen Lieben, sondern Richtung Weihnachtsmarkt. Ich finde, dass egal was auch immer eine gewisse Bedeutung hat, dieses nur durch strenge Terminierung, der Vorfreude und dem warten auf … erlangt. Niemand käme auf die Idee seinen Geburtstag einen Monat und die Bewirtung der Gäste gleich drei Monate vorzuverlegen. Was bereits Mitte des Jahres verwässert wird, verliert seine Bedeutung und so kann es passieren, dass man lange vor dem Datum des ersten Advents, sich quasi am Weihnachtsdekorationsgetue satt gesehen hat. Dabei geht es doch nicht darum, bei wem als Ersten das erste Lichtlein brennt, sondern dass es alle rituell gleichzeitig anzünden. Apropos Lichtlein, grade in der Vorweihnachtszeit nimmt der »Lichtsmog« überproportional zu. Bei der aller Orten aufflammenden Intensivbeleuchtung hätten die drei Weisen aus dem Morgenland keine Chance gehabt, einem Stern zu folgen, weil die Sterne neben unseren Lichtorgien verblassen und nicht sichtbar sind. Wer weiß, wohin es die Drei womöglich verschlagen hätte und wem sie dann gehuldigt hätten, wahrscheinlich den Angestellten funkelnder Supermärkte. Aber ich war ja noch beim Advent. Sonntag steht der erste bevor und ich kann und kann mich nicht dazu aufraffen, meinen Beitrag zum bunten Lichtertreiben zu leisten. Zumal ich weiß, dass, wenn mich die Dekorationswut einmal packt, ich nur schwerlich damit aufhören kann. Im Moment habe ich den Verschönerungstrieb noch gut im Griff, aber »wehe, wenn sie losgelassen«, da ist es durchaus möglich, dass die drei Weisen bei mir auf der Matte stehen.

Vorräte

Gestern habe ich meinen Gewürzschrank entrümpelt und entdeckte dabei Tütensuppen, deren Verfallsdatum in etwa meinem Geburtsdatum entsprach. Leider warf ich sie weg, dabei hätte ich sie als historische Zeugen der Anfänge pulverisierter Suppen durchaus bei eBay versteigern können -vielleicht krame ich sie ja auch wieder aus dem Müll heraus -, denn wer weiß, womöglich schlummert in einer dieser Tüten die Ursuppe, aus der alles Leben hervor ging. Was bringt mich eigentlich dazu Vorräte anzulegen? Umgeben von etlichen Supermärkten und Discountern in Steinwurfweite, in denen ich sogar zu nachtschlafender Zeit, quasi aus einem quälenden Traum heraus, in dem mir der Zucker für den Kaffee meines Mannes fehlt, eben eine Jacke über das Nachthemd geworfen, noch einkaufen gehen könnte und ich nur den Sonntag überbrücken müsste, hamstere und horte ich wie ein Eichhörnchen im Angesicht mehrerer strenger Winter. Das mag einerseits daran liegen, dass ich Produkte nur in »magischen Zahlen« wie eins, drei, fünf und sieben erwerbe – ein Tick, der leider nicht abzulegen ist – andererseits daran, dass der Anteil meiner Hamster- und Eichhörnchengene ungewöhnlich hoch ist. Eine Bekannte riet mir neulich, nach einer gewissen Zeit sämtliche Einkäufe einzustellen und so lange Mahlzeiten aus dem zu schöpfen, was sich unweigerlich ansammelt, bis alle Vorräte aufgebraucht sind. Dies wäre nicht nur eine exorbitante kreative Herausforderung, sondern brächte Zutatenkombinationen hervor, die den Speiseplan ungemein bereicherten. Außerdem hätte man immer Käse zum Überbacken zur Hand, dadurch säße ein »Notauflauf« immer drin! Hmm, demnach stünden heute Semmelknödel mit Thunfisch aus der Dose, Apfelmus und Haselnusskrokant zur Debatte. Den Vorschlag meiner Bekannten werde ich wohl nicht befolgen, denn dies ist meinem Gatten selbst mit Überbacken nicht zu verkaufen. Da muss ich wohl oder über zur Zwangsmaßnahme des limitierenden Einkaufzettels greifen. Was dort nicht steht, wird nicht gekauft und fertig! Auch wenn ich mit lechzender Zunge und zittriger Hand nach den Sonderangeboten greifen will: Vade retro Satanas!

Lebensabend

Das Phänomen der Nesthocker und Nestflüchter gibt es nicht nur im Tierreich. Nein, nirgendwo präsentiert sich diese Art von Geisteshaltung anschaulicher als beim Menschen. Nehmen wir einmal meinen Göttergatten, der ist bereits kurz nach dem Erwachen geistig nicht mehr in unserem Hause anwesend, wie Konversationsversuche meinerseits eindeutig, da ausschließlich einseitig, beweisen. Bei gemeinsamen Mahlzeiten erwäge ich ernsthaft, die Sitzfläche seines Stuhls mit Superkleber zu bestreichen, sonst sprengt es ihn quasi, den letzten Bissen noch unzerkaut im Mund, förmlich von seinem Platz und er eilt dahin, um irgendwo im Haus alt vor sich Hingammelndes, sprich altbewährtes gründlich aus der gewohnten Ordnung zu bringen. Ich bin eher so der Typ, der wenn er einmal hockt, noch mühelos stundenlang vor sich hinhocken kann, da ich weiß, dass die Welt sich auch ohne mein Dazutun weiterdreht und nicht im allgemeinen Chaos zugrunde geht. Es gibt so Getriebene, die einem Perpetuum mobile gleich, Aktion an Aktion reihen, zu Wasser durch Tauchen, zur Luft durch Fliegen und zu Lande mit dem Motorrad. Der Impetus des jetzt, sofort und auf der Stelle scheint ein unwiderstehlicher zu sein und ich rechne stündlich damit, dass mein Gatte sich mal eben zwischen zwei Bissen zum Mount Everest aufmacht, denn da war er noch nicht! Nun dämmerte mir in der letzten Woche, dass ein friedliches Dahinschlendern, ein geruhsames Seele und Beine baumeln lassen, ein träges mit sich und der Welt zufrieden sein und somit den Lebensabend in trauter Zweisamkeit zu beschließen, Nesthockern und dazugehörigen Nestflüchtern nicht vergönnt ist, es sei denn, einer von beiden ist daueralkoholisiert, am besten derjenige, der endlich einmal »runter kommen« müsste. Da mein Angetrauter zwar sehr hastig, aber dennoch gut und gerne isst, böte sich hier ein komplett neues Kochgebaren meinerseits an. Eine Ente a l`orange kann man auch mit Cointreau zubereiten. Hinterher anstatt des Expresso ein mittelgroßer Pharisäer, dazu Gebäck mit Rumtopffrüchten und »a rua is«! Ganze Kochbücher könnte ich diesbezüglich zusammenstellen und durch daueragile Rentner gestresste Hausfrauen den auch und gerade von ihnen ersehnten Ruhestand ermöglichen. Natürlich macht auch hier die Dosis das Gift, denn der Partner soll ja nicht selig schlafend auf seinem Stuhl zusammensinken, sondern endlich einmal aufrecht sitzend, zu allem ja und Amen lallen, was Frau stundenlang zu berichten und zu lamentieren hat. Ich bin ja sowieso der Meinung, die Frauen könnten weltweit ihren Valiumverbrauch auf null zurückfahren, wenn sie die Pillen, anstatt sie selbst zu schlucken, in die Getränke ihres Mannes mischten. Aber dies behalte ich mir für Stufe zwei vor.

Verschlafen!

Nichts geht mir mehr auf den Geist, als morgens zu verschlafen, was umso verwunderlicher ist, da ich als Hausfrau im Genuss der freien Zeiteinteilung stehe, es also völlig egal ist, wann ich aufsehe, aber, wenn ich daran denke, was der Rest der Welt bis 10:00 Uhr morgens bereits geschafft hat, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Da werden ganze Regierungen gestürzt und demzufolge Bürgerkriege angezettelt. Eifrige Hacker sind bereits seit Stunden online und spionieren befreundete Staaten aus, die, Freundschaft hin oder her, trotzdem als Konkurrenz empfunden werden. Gut drei viertel der Männerwelt hat, kaum am Arbeitsplatz, an weibliche Hintern gefasst oder darüber gelästert und die betroffenen Frauen tragen jetzt schon den Termin in ca. 15 Jahren ein, an dem darüber Beschwerde zu führen wäre. Trump twittert schon endlos vor dem Aufstehen, Erdogan und Putin tüfteln, kaum erwacht, neue Menschenrechtsverstöße aus, während unsereins noch schlaftrunken Kaffee in sich hineinschlürft. Außer meiner verlangsamten Atmung trage ich noch nicht einmal zum Kohlendioxidspiegel bei und mein Auto steht unbenutzt vor der Tür, als gelte es eben nicht, ein Schärflein zum Feinstaubgehalt der Luft beizutragen. Ja, außer Kaffee und Zigaretten konsumiere ich nicht einmal, was sicher verheerend für den Binnenmarkt ist. Chefärzte stehen seit dem Morgengrauen in den Operationssälen und verbessern mit fraglichen Indikationsstellungen, die Statistik des eigenen Krankenhauses, im Sinne von: rette sich, wer kann. Und, ich möchte nicht wissen, wie viele bunte Pillen bereits rezeptiert und konsumiert worden sind, bevor ich meinen Mund zum Morgengruß aufbekomme. Weit eifrigere Hausfrauen, als ich es bin, verpassten den Trinkwasservorräten mit scharfen Reinigungsmitteln, bereits eine neue chemische Strukturformel und am anderen Ende der Skala sitzt Stephen Hawking, der neue fantastische Visionen über das Universum verkündet, die weder zu beweisen, noch zu widerlegen sind. Ja, und weil ich kein bisschen zur allgemeinen Entropie desselben beitrug, indem ich verschlief, plagt mich ein Gefühl der Nutzlosigkeit. Letztendlich tröste ich mich immer damit, dass keiner absolut nutzlos ist, da er immer noch als schlechtes Beispiel dienen kann. Wer ist jetzt nochmal wer?

Reichtum

Als nicht »Digital native« verklickt man sich schon einmal gerne. Ich weiß nicht wie, aber plötzlich geriet ich via eBay auf die Seite von Christies New York, versuchte dort wieder herauszukommen und erhielt stattdessen den Zuschlag für ein 400.000.000 Gemälde! Nein, Spaß beiseite, es gibt Menschen, die in diesem Preissegment mal eben shoppen. Als Kind wollte ich immer Dagobert Duck sein und es ihm gleichtun mit dem Bad in den Goldstücken. Onkel Dagobert empfand in seinem analogen Reichtum so etwas wie Befriedigung. Heutzutage ist das anders; das Geld schwebt virtuell von da nach dort, ist scheu wie das sprichwörtliche Reh und darf nicht verschreckt werden, denn sonst entflieht es in ein Steuerparadies, wo es jede Menge Platzhirsche findet, die für grenzenlose Vermehrung sorgen. Ich frage mich, wie lange die Befriedigung über den nicht ganz eindeutigen Da Vinci anhält. Ist der Salvator mundi in etwa für den Käufer, was für mich ein Paar Schuhe ist? Ist eBay das preisgünstigere Christies? Findet dieses »drei, zwei, eins, meins« nur in unterschiedlichen Dimensionen statt? Und, wenn wie vermutet, der Da Vinci in irgendeinem Tresor auf »Nimmerwiedersehen« verschwindet, was hat der Käufer außer der Gewissheit des Besitzes von seinem einsamen Vergnügen? Liegt nicht der Lustgewinn des Habens in dessen Zurschaustellung? Warum verbarrikadieren sich die Superreichen in abgelegenen Enklaven? Schämen sie sich etwa? Man weiß es nicht, aber was ich weiß, ist, dass die Absurdität der Welt erhalten bleibt, wenn eine enorme Geldmenge ausgerechnet den »Heiler der Welt« erwirbt. Von Heilungen durch Handauflegungen hat man schon gehört, aber noch nie von Heilungen durch Dollarauflegungen. Aber ich schweife ab. Im Prinzip ist es doch so, dass das Goldene Kalb letztendlich als Sieger dasteht, denn die Anhäufung von obszönem Reichtum ist nicht möglich, wenn man sich strikt an die Zehn Gebote hält. Leider gilt der Trost, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt, heutzutage auch nicht mehr viel. Geschweige denn dieses falsche Versprechen von den Letzten, die die Ersten sein werden. Und davon, dass die Ärmsten die Seligsten sind, kann man sich nichts kaufen – erst recht keinen da Vinci.

Vorbilder

Heute gab es zur Abwechslung einmal zwei positive Nachrichten. Da wäre zunächst die gemeinsame Rettungsaktion von Militär und Zivilbevölkerung in Banda Ace – man erinnert sich, die am schwersten gebeutelte Region beim Tsunami – für zehn gestrandete Pottwale zu nennen. Zum anderen die Aktion »Barber Angels« die den Ärmsten unter uns einen kostenlosen Haarschnitt bietet und ihnen damit einen kleinen Teil ihrer menschlichen Würde zurückgibt. Geht doch, möchte man meinen. Warum nicht am Ende jeder Nachrichtensendung, einen kurzen Beweis dafür, dass Mitmenschlichkeit ein zwar seltenes, aber trotzdem vorhandenes Gut darstellt? Da ginge man den Tag doch ganz anders an! Da der Mensch durch das Beispiel lernt, gerne auch vorgeführtes Verhalten imitiert, wäre durch die Medien eine gewisse Ausgeglichenheit zu vermitteln, weniger Trump und mehr Dalai Lama, wenn man so will. Es besteht schon ein gewaltiger Unterschied, ob man »vor der Haustür beginnt der Krieg«, oder »vor der Haustür beginnt die Chance« formuliert. Ich meine hier nicht das Schönreden negativer Fakten; ich bitte – und sei es nur am Rande – um die Erwähnung positiver Tatsachen. Ich stelle mir gerade eine alternative »Bild« Zeitung vor, die einen nicht mit fett gedruckten »Hammermeldungen« gleichsam erschlägt, sondern uns in riesigen Lettern täglich entgegen schreit, wer wem wo selbstlos zur Seite stand. Ein Presseorgan für die Stillen, das wäre es doch! Was betreiben unsere Medien denn anderes, als Volksverhetzung im großen Stil? Uns wird eingebläut, dass die Afrikaner nichts auf die Reihe bekommen, Farbige in den USA größtenteil kriminell sind, die Chinesen bienenfleißig die Weltherrschaft anstreben und der Russe, da kann man machen, was man will grundsätzlich böse ist. Dabei kann ein Volk, dass seine Dichter so verehrt, wie kein anderes auf der Welt, gar so schlecht nicht sein. Das alltägliche Heldentum besitzt eben keine Plattform.
Morgenstarte ich einen Selbstversuch, da ich heute noch die Walrettung vor Augen habe. Ich lasse keine Nachrichtensendung aus, ziehe mir hinterher noch Werbesprüche wie: Geiz ist geil, unterm Strich zähl ich, weil ich es mir wert bin, drei-zwei-eins-meins und ähnliche rein und dann will ich mal sehen, ob aus mir nicht doch ein ganz passabler Amokläufer wird.

Lärmschutz

Es wird über Lärmschutz in den Fußballstadien diskutiert. Mit 150 Dezibel schreien sich die Fanblocks schon gerne einmal in Ekstase. Ausführlich werden die Folgen extraordinärer Schallberieselung dargelegt. Völlig unbeachtet bleibt dabei das Offensichtliche. Die wöchentliche Aussetzung vormals als normal geltender Personen mit den Stadionlärmpegeln führt zur Verblödung! Man muss nur einmal einem Fußballer oder einem Hardcorefan ein Mikrofon vor die Nase halten und die verheerenden Folgen liegen klar auf der Hand! Vor allem möglichen Schäden werden Kinder beschützt, aber wer kümmert sich um die unzähligen Sprösslinge, die am Wochenende von ihren schon vorgeschädigten Vätern und mittlerweile auch Müttern »auf`n Platz« geschleift werden. Hier wäre doch einmal der Jungendschutz mehr als gefragt! Da werden bereits Säuglinge, in den Vereinsfarben gekleidet, beim Torjubel in die Höhe gehalten und das zarte, in der Entwicklung begriffene Hirn der Allerkleinsten bekommt einen lebenslänglichen Schaden. Es geht ja noch weiter! Bei einer Fußball-WM – ich rede hier von einer richtigen, nicht die der Frauen – fällt das Zentralorgan der Betroffenen in dumpfe Zweitongesänge zurück, während die Politik hinterrücks zum Nachteil der eigenen Bevölkerung entscheidet. Das ist doch gewollt! Nach einem Fußballspiel wird dieses, schon im Kleinkindalter antrainierte, archaische Verhalten derart verstärkt, dass völlig abhandenkommt, wie zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen sind. Da wird in die Abteile und nicht in die Toilette erbrochen und gepinkelt! Diese abgestumpften Hirne sumpfen sich quasi durch die Woche und reagieren erst wieder bei überstarken Reizen, wie ohrenbetäubenden Fangesängen! Die Prognose dieser lärmbedingten Hirnerweichung ist infaust. Manchmal, in den Frühstadien, also im Krippenalter hilft noch die Stadionkarenz. Hirnprothesen, die auch nur rudimentär funktionieren, sind nur den Reichen vorbehalten, wie man an Beckenbauer und hohen Fußballfunktionären erkennt. Dass bei rudimentär angelegten Hirnen auch schon geringere Beschallung zu ausgedehnten Schäden führen kann, sieht man bei Boris Becker, den warf schon das sanfte Plop des Tennis aus der Bahn. Aber ich war ja noch beim Lärmfaktor Fußball! Wo bleiben die Warnhinweise vor den Fußballarenen? Impotenz, sich selbst und andere schädigendes Verhalten und dass Kinder von Fans oft selber zu welchen werden! Dabei sind die Schäden für das Sprachzentrum noch gar nicht berücksichtigt! Wenn wir uns in Zukunft nicht nur durch Grölen verständigen wollen, sollten wir etwas tun!