Doktoren

Zugegeben, es fehlen Ärzte auf dem Land. Wenn ich schreibe Ärzte, dann meine ich auch solche und keine »Ärzte«! In unmittelbarer Nachbarschaft meiner Praxis ließ sich jetzt so ein Skarabäus – sprich Kügelchendreher – nieder. Der Skarabäus dreht seine Kügelchen aus Mist, die weisen demnach durchaus wirksame Bestandteile auf und so hinkt der Vergleich ein wenig. Mit hoffnungsvoller »Man-weiß-ja-nie-Attitüde«suchten einige meiner wirklich kranken Schäfchen, den durch Zuckerkugeln-Wunderheilenden auf und kamen reuevoll und im desaströsen Zustand zu mir zurück, da ihnen ja die lebensnotwendigen Medikamente vorenthalten wurden. Warum müssen diese »Standesvertreter« nicht Facharzt für Befindlichkeitsstörungen auf ihre Schilder schreiben? Oder Facharzt für Redetherapie aller Art? Dass die Globuli nicht wirken, darüber sollte kein Zweifel mehr bestehen. Was hingegen wirkt, ist die sprechende Medizin, aber dafür braucht man keinen Facharzt; ein guter Freund ist hier wirksamer als hochgelobte Psychiater oder Psychotherapeuten. Wie kann es sonst passieren, dass sich letztens wieder ein absoluter Laie bis in den Chefarztposten hochquasselte, bzw. empathisch hochzuhörte? Wer sich sein Leid von der Seele reden kann, ist es erstmal los, was das sich im körperlichen Manifestierende einschließt. Da es Otto-normal-Patient lieber am Körper, aber keinesfalls am Kopf haben will, dreht man ihm die Kügelchen zusammen mit der Illusion an, es wäre »medikamentös« etwas zu erreichen, denn man hat bevorzugt Bauch statt Birne. Der Glaube versetzt nicht nur Berge; er versetzt eine ganze Scharlatanerieindustrie in die Lage, sich eine goldene Nase zu verdienen. Schauen sie sich nur einmal den Vatikan an. Die katholische Kirche wusste schon lange vor den Heilpraktikern und Naturschamanen, wo der Bartel den Most holt. Eine erschöpfte Bauchspeicheldrüse »glaubt« nicht nur, dass sie Insulin nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung stellen kann; sie tut es einfach! Und da packen Sie jetzt noch massenweise Zuckerkügelchen drauf? Ja, Halleluja! Ehrlicherweise sollte man doch dazu übergehen, in die Todesanzeigen den Passus: verstorben an ausgeprägter Blödheit: aufzunehmen. Im Informationszeitalter gilt »denn sie wissen nicht, was sie tun« nicht mehr, oder sollte es zumindest nicht. Aber, da der Mensch gerne zu Extremen neigt, gibt reichen jetzt komplett Uninformierte den heillos Überinformierten die Hand. Der Morbus Google gleicht einer Pandemie. Der werte Kollege hingegen scheint des Googelns nicht mächtig, denn sonst bekäme er eine Ahnung davon, was er alles anrichten kann. Demnach gehört er zu den komplett Uninformierten.

Reingefallen!

Im Moment kann ich nicht beurteilen, worüber ich mich mehr ärgere, meine eigene Blödheit, oder über die Schliche der Werbung. Aber beginnen wir ganz von vorne. Meine Crux im Alltag sind die Toilettenränder. Natürlich könnte ich, wenn ich mich wie ein Schlangenmensch verböge und eine Spülbürste entsprechend formte und dann stabilisierte, auch die hinterste Ecke dieses sensiblen Bereiches putztechnisch erreichen. Aber, warum sollte ich das tun? Gibt es doch jetzt das Pulver, das laut Werbung vulkanartig aufschäumt und dessen Schaum Gebiete erreicht, die nie ein Mensch sieht, falls er sich nicht dazu durchringt, unter Verdrehung der Wirbelsäule einen angedeuteten Kopfstand dicht über der Kloschüssel zu bewerkstelligen. Kurz und gut, ich erwarb das Wunderprodukt und freute mich schon beim Aufstehen darauf, mit dem Atompilz des Produktes, dem nicht auf Anhieb Sichtbaren den Garaus zu machen. Erstes Testgelände: das Gästeklo, mein Bikini-Atoll, wenn man so will. Mit einem gewissen Sicherheitsabstand und der Überlegung, ob ich mir einen Mundschutz anlegen sollte, gab ich die vorgegebene Menge in die Toilette. Es schäumte, wie erwartet, aber anstatt bis unter den Rand vorzudringen, brach der Schaum bei einer Höhe von 20 cm in sich zusammen. Nochmal die Gebrauchsanleitung her! Aha! Einen größeren Effekt erzielt man, wenn man vorher zwei Liter kochendes Wasser ins Klo gibt. Ja logisch, Wärme verstärkt manche chemischen Prozesse. Also erst in die Küche und Wasser erhitzen. Mir drängte sich, während ich auf den Kochvorgang wartete, der Gedanke auf, dass ich in der gleichen Zeit dem Problem auch manuell hätte beikommen können, aber noch wollte ich mir meine Fehlinvestition nicht eingestehen. Alles noch mal von vorn! Kochendes Wasser – der nötige Sicherheitsabstand – Mundschutz wahrscheinlich nicht erforderlich – Pulver los! Der Schaum entwickelte sich tatsächlich schneller – stieg – stieg – und — brach nach 30 cm zusammen, genau wie ich. Himmelkreuzdonnerwettersakramentnochmal!!!! Es war an der Zeit, dass ich meinen ungezählte Male wiederholten Schwur, niemals, gar nie nicht und auf gar keinen Fall irgendwelcher Werbung auf den Leim zu gehen, endgültig, zum aller-aller-allerletzten Mal leistete.

Rächtschreibunk

Eigentlich wollte ich diesen Blog lautmalerisch, also die Worte so schreiben, wie ich sie höre, verfassen. Ist mir aber insofern nicht möglich, weil sich die Orthographie auf optischem(!) Wege derart in meine Gehirnwindungen brannte, dass es beinahe körperlichen Schmerz verursacht, die Buchstaben nicht an ihren angestammten Platz zu setzen. Wie man auf den hirnrissigen Gedanken verfallen kann, Kinder Worte zu Papier bringen zu lassen, wie sie akustisch zu ihnen durchdringen, ist mir schleierhaft. Was machen denn die armen Waldorf-Kinder? Wenn die ihren Namen nach Gehör tanzen, wird doch nie jemand erfahren, wie sie wirklich heißen! Demnächst kommt irgendein dem Reformationswahn verfallener Pädagoge darauf, zunächst nur mit Symbolen zu »schreiben«! Warum die Kleinen noch mit Schrift belästigen, wenn ein Emoticon mehr aussagt als tausend Worte? Da wird dann jede schriftliche Mitteilung zur Hieroglyphenforschung. Wenn, so wie letztens passiert, eine Mutter den kleinen Emoticon-Kothaufen für einen Schaumkuss – sagt man jetzt so? – hält, dann bekommt die Mitteilung ihrer Zöglinge doch gleich einen weit positiveren Effekt! Satzzeichen sind schon seit langem obsolet. Wenn man hingegen bedenkt, dass bereits ein winziger Punkt, dem Geschriebenen eine völlig andere Bedeutung verleiht, sollte man nur im Notfall darauf verzichten. Beispiel: Der Mensch denkt; Gott lenkt! – ergibt einen komplett anderen Sinn als: Der Mensch denkt, Gott lenkt! Oder: Wir essen jetzt, Opa! – wird unter Weglassung des Kommas lebensbedrohlich für den alten Herrn! Wo ist der gute alte Gedankenstrich hin? Durch sein Verschwinden muss man davon ausgehen, dass sich keiner mehr Gedanken macht, während er schreibt. Aber ich war ja noch bei der Orthographie. Die neue Freiheit in der Buchstabenfolge lässt außer Acht, dass Bewerbungsschreiben mit Rechtschreibfehlern gar nicht bis zum bitteren Ende gelesen werden. Wohingegen der eine oder andere Nebensatz, durch das korrekte Satzzeichen markiert, einen durchaus positiven Eindruck hinterlässt. Jetzt bin ich schon wieder bei den Satzzeichen gelandet! Zurück zur Schrift! Natürlich ist das Schriftbild, genau wie die Sprache etwas, das sich mit der Zeit verändert. Niemand schreibt mehr thun anstatt tun. Auch heißt es jetzt Büro anstatt Bureau. Auch versteht jeder, wenn ich schreibe: es kmmot auf die Vrpunekacg an! Aber muss den alles in Buchstabensalat ausarten? Außerdem funktioniert dies nur, wenn der erste und der letzte Buchstabe korrekt sind, was bei Schreibung nach Gehör nur sehr selten der Fall ist. Wenn in Bereich der menschlichen Kommunikation alles beliebig ist, können wir gleich darauf verzichten. In der Mathematik werden deren Regeln ja auch klaglos akzeptiert. Aber ich sehe da bereits einige Reformpädagogen in den Startlöchern. Nach Schreiben nach Gehör kommt bestimmt bald Rechnen nach Gefühl!

Der goldene Windbeutel

Im heutigen Morgenmagazin erfuhr ich, dass die alljährliche Verleihung des »goldenen Windbeutels« ansteht. Gesucht wird der Lebensmittelkonzern, der den hinterhältigsten Verpackungsmittelaufdruckbetrug begeht. Wobei ich der Ansicht bin, dass den Verbrauern-diesen Windbeuteln ein ähnlicher Preis zusteht, denn der Bürger-ich schließe mich da nicht aus-ist nur in sofern mündig (!), als dass er alles blindlings in sich hineinstopft, was gerade so im Trend liegt. Allein der Ausdruck »Superfood« bringt mich zur Raserei, aber da ich mich an anderer Stelle bereits darüber ausließ, werde ich hier nur anmerken, dass es einer gewissen Super-Blödheit bedarf, diesem Wahnsinn gemäß einzukaufen. Aber ich war ja noch bei der Verpackung. Es ist mir schleierhaft, wenn ich ein übersüßes Fertigmüsli zu mir nehme, ich bei der Zutatenliste noch zusätzlich auf den Zuckergehalt hingewiesen werden muss. Für wie minderbemittelt halten die mich eigentlich? Und oh! Welch Überraschung! Sahnejoghurt enthält Fett! Gleichzeitig wird mir durch einen neuen Aufdruck mitgeteilt, dass meine Lieblingslakritze, die noch nie Fett enthielten, was nicht enthalten? Richtig: Fett! Wenn man mich fragt, ist die ganze Misere dadurch entstanden, dass mittlerweile alles und jedes einer Verpackung bedarf. Da bestehen die Fische in den Weltmeeren bereits zu geschätzten siebzig Prozent aus Plastik, aber selbst eine Schlangengurke, die bereits durch ihre Schale eine natürliche Verpackung besitzt, wird in eine Hülle eingeschweißt. Und erst die Bananen! Man sollte meinen, der Verbraucher besitzt weniger Verstand als ein Affe, der vor dem Verzehr die Schale entfernt, denn auch die – die Bananen, nicht die Affen – kommen neuerdings im Plastikgewand daher! Wenn ich eine bestimmte Apfelsorte erwerbe, werde ich durch das Schild im Supermarkt, durch den Verpackungsaufdruck und durch einen Aufkleber auf jedem Apfel darüber informiert, um welches Produkt es sich handelt, als wäre ich zu blöd, nach einmaligem Lesen zu begreifen, mit welcher Frucht ich es zu tun habe. Generationen unserer Vorfahren sind daran zugrunde gegangen, dass sie, wenn sie einen Apfel vom Baume pflückten, die falsche Sorte erwischten! Meines Wissens wurden auch in grauer Vorzeit die Schweine nicht mit einer genauen Nährwertanalyse tätowiert. Man gewinnt den Eindruck, dass der Mensch sich dem Zwang der Beschriftung nicht entziehen kann. Kein Fleckchen Mauer und seit neuestem auch kein Fleckchen Haut bleibt verschont. Was tat der Mensch als erstes, als er eine Höhle bezog? Er beschmierte die Wände! Höhlenzeichnungen sind stumme Zeugen dieses Triebes. Kaum liegt irgendwo ein Zettel und ein Stift herum, schon wird munter drauflosgekritzelt. Wenn auch sonst nichts von uns bleiben mag, der schriftliche Nachlass überdauert die Zeiten, so meine persönliche Deutung dieses Phänomens. Aber auch da nehme ich mich nicht aus, wie man sieht.

Informationen

Es wundert mich schon heftig, warum ich mir nicht jeden Abend die Kugel gebe. Sehen wir es doch mal so. Ich stehe morgens auf, so wie der Säugling auf die Welt kommt- aus einer warmen, kuscheligen Blase hinaus ins kalte, künstliche Licht. Vollkommen desorientiert docke ich an meiner Kaffeetasse an, wie der Frischling an der Mutterbrust und nehme nur widerwillig zur Kenntnis, dass sich mit einem Schlag alles um mich herum verändert hat, aber trotzdem eine Kontaktaufnahme meinerseits verlangt, da ich ja nun selbst für eine versorgende Plazenta zuständig bin und wenigstens soweit auf meine Umgebung Einfluss nehmen muss, wie es dem Selbsterhaltungstrieb geziemt. Dann geht es aber auch schon los. Ich weiß nicht, was mich da treibt, aber ich bin ein eifriger Sammler negativer Information. Das beginnt beim Spiegelbild, setzt sich mit der Personenwaage fort und gipfelt an äußerst schlechten Tagen darin, dass ich mich auf alle viere niederlasse, um den Staubfusselstatus unter den Betten zu eruieren. Meilenweit davon entfernt, etwas daran verändern zu wollen, geht es mir anscheinend nur darum, mir den Tag gleich morgens zu versauen. Bis zum Abend ist meine Liste mit »eigentlich-müsstest-du-Punkten« randvoll, was ein zufriedenes Einschlafen verhindert. Aber, anstatt wie eingangs erwähnt, die Lösung im Gnadenschuss zu suchen, stellt sich hier vielmehr die Frage, warum Informationen sammeln, die, außer das ich mich schlecht fühle, keinen weiteren Effekt auslösen? Muss man wirklich alles wissen? Nehmen wir doch einmal die wunderlich-absurden Schrittzähler. Bevor es die Dinger gab, war es jedermann reichlich wurscht, was er am Tag so zusammenstolperte. Oder die App. mit der Schlafüberwachung. Früher schlief man-und fertig! Es ist doch wohl so, dass Messdaten dem Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt! Ich warte stündlich auf Toiletten, die Daten über Stuhlmenge und dessen Beschaffenheit liefern! Oder gibt es die schon? Ich bin da nicht ganz auf dem Laufenden. Da wird das bislang »stille Örtchen« zum Ort der Verzweiflung, weil bestimmte Normen nicht erfüllt wurden. Die Vermessung der Welt war ja ganz nützlich, aber erbringt die Vermessung des Menschen den Nutzen, der ihr nachgesagt wird? Vor der Ermittlung des I.Q. Quotienten, gab es solche und solche, aber jetzt gibt es Hoch- und Minderbegabte. Wie meint schon der Volksmund? »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!« Und wer ist mit sich und der Welt zufrieden? Derjenige, der jenseits des zahlenmäßig Erfassbaren »Fünfe gerade sein lässt«!