Diesel

Allmählich entwickele ich mich zu einer Gefahr für die Volksgesundheit. Ich fahre einen Uraltdiesel und rauche. Schande über mich! Obwohl die Umwelt immer giftiger und von allerlei unsichtbaren Gefahren durchzogen scheint, werden die Menschen so alt wie nie zuvor. Unsere Körper scheinen mit Konservierungsmitteln, Genprodukten und Nanopartikeln dermaßen gut klarzukommen, dass mich die allgemeine Aufregung wundert. Was mich noch mehr wundert, ist die Tatsache, wie man sich in einem Cafe, Restaurant oder einer Wirtschaft mittels unnötiger Kalorien- und Alkoholzufuhr in ausartende Stoffwechselerkrankungen manövriert und sich dann beim Verlassen der Örtlichkeit, über draußen stehende Raucher und Abgase ereifert. Todesursache Nr. 1 in Deutschland ist immer noch selbst schädigendes Verhalten. Die gesamte Bevölkerung hängt im Sommer mit der Nase über dem Holzkohlegrill, führt sich Unmengen von fettig verbrannten Nitrosaminen zu und vermeidet die Straßenkreuzung aufgrund von Feinstaub. Hier sind die südlichen Länder unbedarfter. Da wird Gartenabfall verbrannt, dass es nur so raucht und alles, was Benzin oder Diesel verbrennt, befindet sich ungehindert auf der Straße. Nirgends werden Menschen älter als auf Sardinien, wo diese Praktiken in extenso betrieben werden und es kaum einen Fleck gibt, wo nicht ein fröhliches Gartenabfallfeuer vor sich hinschmaucht. Was machen die Sarden anders? Sie ernähren sich gesund! Und anstatt bei der Lebensmittelindustrie einmal gründlich auszumisten, diskutiert man die Abschaffung von Verbrennungsmotoren. So manches mit zuckerstrotzenden Fruchtzwergen bis an die Ohren abgefüllte Kind, darf auf hundert Meter nicht an mich heran, wenn ich mir draußen eine Zigarette anzünde, weil ich ja als Kindermörder gelte. Ganz abgesehen davon, dass ich den durch Überzuckerung und Bewegungsmangel hyperaktiven kleinen Monstern sowieso lieber aus dem Weg gehe. Wenn mir der Sinn nach frischer Luft steht, ziehe ich aufs Land. Und wo stapeln sich die Menschen? In den ach so verpesteten Innenstädten, wo sich der Mensch bereits durch seine pure Anzahl, die Luft streitig macht. Und wenn der Ländler mit seinem Diesel auch mal dorthin will, wird ihm dies verwehrt. So darf ich zwar in den Ballungsgebieten des Ruhrgebietes die Autobahn benutzen, kann sie aber nicht verlassen, wegen der Umweltzonen. Wobei ich mich frage, ob man bei den dortigen Fress-, Konsumtempeln und Wohnburgen überhaupt noch von Umwelt reden kann.

Erwachsene

Woran bemisst sich eigentlich der Status des Erwachsenen? Stoisch über den Dingen zu schweben, kann es nicht sein, denn da kommt mir außer buddhistischen Mönchen ad hoc keiner in den Sinn. Widersprüche zu einem tragfähigen Kompromiss zu bringen, anstatt sich in ihnen zu verheddern, derlei Fähigkeiten sind auch eher Mangelware. Erst nach ausführlicher Recherche die notwendigen Schlüsse zu ziehen, ist ebenfalls unterrepräsentiert. Nach allen Seiten offen sein und Selbst die wahnwitzigsten Argumente auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen, mutet sich auch keiner zu. Die Konsequenz seines Handelns ohne Hintertür zu tragen und zu ertragen, da steht sogar die Geistlichkeit außen vor. Verantwortung bis zum bitteren Ende zu übernehmen, zwingen wir nur Straftätern auf. In jeder Lage den nötigen Weitblick zu behalten findet sich nur bei Giraffen. Sich und seinen Platz auf der Welt zu kennen und so gut wie eben möglich zu erfüllen, gehört ebenfalls nicht zu den beliebtesten Tätigkeiten. So drängt sich mir der Schluss auf, dass die Forderung von Grönemeyer »Kinder an die Macht« bereits der Realität entspricht. Wir besitzen alle ein kindliches Gemüt, ohne die dazugehörige Freude. Und ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, dass sich die Infantilisierung auf dem Vormarsch befindet. Ziel: sich irgendwie in den warmen Mutterleib zu regredieren. Das Streben nach Ersatz für die Uteruswände weist die merkwürdigsten Auswüchse auf, aber immer geht es darum, dass einem keiner irgendwas kann. Erwachsene Autonomie ist fruchtbar anstrengend; außerdem müsste man sich dafür den Gefahren der »großen weiten Welt« aussetzen und sein eingefahrenes Welt- und Eigenbild täglich in Frage stellen, was Angst macht. Da tauchen wir doch lieber in Phantasiewelten ein und unter und verharren in dem Stadium, als unsere Eltern uns noch supertoll fanden und die Welt uns zu einem nicht näher bezeichneten Zeitpunkt zu Füßen liegen würde. Was irgendwann dazu führt, dass wir in unserem Sarg der Welt zu Füßen liegen, ohne einen brauchbaren Teil zum allgemeinen Geschehen beigetragen zu haben. Wenn wir ehrlich sind, geht es bei den Jungs darum, wer im Sandkasten die Schüppchenhoheit behält, während sich die Mädels den Prinzessinnenstatus streitig machen. Von mir aus auch umgekehrt; man will ja keine Genderbeauftragten verärgern. So sitzen wir vor dem Leben, als wäre es ein großes Kasperletheater, feuern je nach Gusto den Kasperl oder den Räuber an, ohne jemals mitzumischen.

Flickwerk

Nichts geht mir mehr auf die Nerven. Am liebsten würde ich ständig nach dem ganz oder gar nicht Prinzip handeln. Als Jugendliche entsorgte ich einmal ein mühsam zusammengesetztes 10.000 Teile Puzzle, das ich mir wegen des Motivs gerne als Poster in mein Zimmer gehängt hätte, nur weil der Kleber eine Handvoll Teilchen verunreinigte. Wenn meine Töchter bei ihrer Geburt nicht absolut perfekt gewesen wären; ich glaube, ich hätte sie auch entsorgt. Entdecke ich einen Fussel auf dem Wohnzimmerparkett, sauge ich es in Toto ab, anstatt nur eben diesen Störenfried zu entsorgen. Ich kann eine Leckerei nicht teilweise essen, sondern nasche in ganzen Zahlen.
Und wenn ich auf das Flickwerk meines Lebens schaue, muss ich mich schon arg zusammenreißen, um nicht völlig aus der Haut zu fahren. Dabei kann man der Flickschusterei nicht entkommen, denn in jedem Projekt, in dem Menschen involviert sind, wird zwar zunächst ein Plan erstellt, aber dann geht es schon los mit der Herumwurschtelei. Ich sage nur BER. Vielleicht existiert die Jahrtausende alte Sehnsucht des Menschen nach einer göttlichen Ordnung eben nur deshalb. Perfektion findet sich nur in der Natur, wenn kein Großhirn dazwischen pfuscht. Nehmen wir einmal einen Bienenstaat. Da wird nicht nachgedacht, sondern die genetische Determination strikt abgearbeitet. Im Alter von dreizehn Jahren war ich unsterblich in Mr. Spock verliebt, für den nur die reine klare Logik existierte und darüber hinaus nichts. Das kommt doch nicht von ungefähr! Aber die wenn A dann B Regel trifft auf den Menschen regelhaft nicht zu, weil er unberechenbar denkt und handelt. Ich wundere mich über die große Anzahl der Prognostiker, die sich im Bereich der Soziologie, Anthropologie und Psychologie herumtreiben. Wobei herumtreiben, wegen des mangelnden festen Standpunktes, der absolut passende Ausdruck ist. Deswegen finde ich die Spinnerei um einen Computer, der wie ein derzeitiger Mensch denken soll, absolut utopisch. In die Maschine müssten so viele Fehlerquellen eingebaut werden, dass sie erst gar nicht in Betrieb genommen werden kann. Ich halte unseren bisherigen Stand der Intelligenz sowieso für einen Ast der Evolution, der sich in eine von zwei Richtungen entwickeln muss, wenn die Menschheit als solche überleben will. Entweder werden wir zunehmend dümmer und fügen uns dem Diktat der Gene, oder wir werden so superschlau, dass wir tragfähige Konzepte für den Menschen mit und in der Natur entwickeln können. Ein Projekt, das dann alle mitnimmt und keinen zurücklässt. Dieses Herumeiern zwischen Stamm- und Großhirn, Trieb- und Ratiosteuerung, bringt uns jedenfalls nicht weiter. Die Entscheidung zwischen Poppen und Praktikabilität, wenn man so will. Anstatt immer noch eine Schüppe draufzulegen, erst einmal das Fundament überprüfen und, vor allen Dingen vor jeder Aktion Hirn einschalten nicht vergessen! Und Einsehen, dass Entscheidungen »aus dem Bauch heraus« zwar am angenehmsten erscheinen, aber nicht unbedingt richtig sind. Solange der Darm die Oberhand behält, kann ja nichts Gescheites dabei herumkommen. Meine Aversion gegen Halbheiten ist auch nicht mehr als ein Bauchgefühl. Rein rational betrachtet, schadet es mir mehr als das es mir nutzt und gehört somit entsorgt!

Komplimente

Achtung, Achtung! Ein Kompliment, in dem das Wort »endlich« vorkommt, ist keines! »Super, dass du endlich mit dem Rauchen aufgehört hast!« »Mann, dass du endlich einmal die Küchenfront poliert hast, sieht man aber!« »Nach deiner Gewichtsabnahme erkennt man endlich, wie hübsch du bist!« »Sehr lobenswert, dass du endlich mehr auf deine Gesundheit achtest!« Diese Beispiele zeigen, dass dem »Endlich-Kompliment eine lebenslange Kritik innewohnt. »Endlich bist du, wie ich dich immer schon einmal haben wollte! Und bleib gefälligst so!« Es kommt somit ebenfalls einer Drohung gleich. »Endlich einmal keine Fünfer auf dem Zeugnis!«, zeigt deutlich den mahnenden Zeigefinger. Endlich verpflichtet zum Unendlichen. Endlich kann man mühelos mit »wurde ja langsam auch höchste Zeit« übersetzen. Ein einziges zusätzliches Wort verkehrt ein Kompliment in sein Gegenteil. Wer möchte schon gern dem: »Was lange währt, wird endlich gut!«, Hoffnung und Sinn nehmen? Endlich übt bei einer Diät beispielsweise so viel Druck aus, dass einem unweigerlich die Lust auf Süßes überkommt. Dabei wäre es dringend nötig, dem mit dem Zusatz von endlich Lobenden, endlich einmal zu verdeutlichen, was ihn etwas angeht und was eben nicht. Danach kann man sich endlich wohlig mit einem Gehauchten endlich auf den Lippen, befreit zurücksinken lassen. Wem mitgeteilt wird, dass er anscheinend endlich zur Vernunft gekommen sei, wird die bis dahin vollbrachte Lebensleistung lobend zunichtegemacht. Endlich erfüllt den erzieherischen Zweck des in die richtige Richtung Drängens. Und hier kommen wir zum entscheidenden Punkt. Wie kann auch nur irgendjemand wissen, was für den anderen gut und richtig ist? Endlich erschafft ein »Eltern-Kind-Gefälle«, das in der Begegnung zweier Erwachsener nichts zu suchen hat. Endlich will aus einem punktuellen Ereignis Dauer schöpfen, wobei man letztendlich doch nie weiß, was noch kommt.

Selbstmitleid

Heute Morgen beschloss ich, täglich für eine befristete Zeit einer Tätigkeit nachzugehen, die bei den Meisten, offiziell befragt, verpönt ist. Ich werde dem Selbstmitleid nachhängen. Schließlich bin ich in einer Kultur der Klage und des Selbstmitleids aufgewachsen – der deutschen – konnte mich bislang aber nicht dazu durchringen, mich den endlosen Elegien dieser Nation anzuschließen. Richard Parker, mein Jack-Russel-Mix, macht mir vor, wie das geht. Jeden Tag sitzt er für mindestens eine halbe Stunde in einer Zimmerecke. Er dreht mir dabei den Rücken zu, lässt Kopf und Schultern hängen und ich erkenne deutlich, dass die Last der ganzen Welt auf seinem kleinen Körper ruht. Nach dieser Phase schüttelt er sich und geht in aller Ruhe den Dingen nach, die er im Laufe eines Tages zu erledigen hat – fressen, schlafen, spazieren gehen und mir den Garten strubbelig buddeln. Er legt diese Zeiträume nicht demonstrativ ein, sondern gönnt sich diese Auszeit des Jammers, um danach mit neuem Mut den Kampf des Lebens wieder aufzunehmen. Das mache ich jetzt auch. Natürlich setze ich mich dafür nicht auf den Boden, sondern lege mich auf meine Wohnzimmercouch und beklage alle die Ungerechtigkeiten, die mir widerfuhren und höchstwahrscheinlich noch widerfahren werden. Hier liegt nun der Trick! Man darf in diesem Selbstmitleid nicht versinken, sondern muss mit einem »Jetzt erst recht!« wieder aufstehen. Im Grunde genommen wird dieses Aufstehen dadurch erschwert, dass man, wenn man zutiefst ehrlich ist, letztendlich zu der Erkenntnis kommt, dass man für das meiste Leid, das einem zustieß, selbst verantwortlich war, indem man es verursachte oder zumindest zuließ. Oder wie meine »Omma« es so schön formulierte: »Es gibt auf der Welt kein größer Leid, als das der Mensch sich selbst an deit!« Aber genau darin liegt der Knackpunkt! Denn irgendwann kommt man unweigerlich zu dem sehr anstrengend erscheinenden Schluss, das man vieles, die Zukunft betreffend, in die eigene Hand nehmen muss. Und jetzt komme ich zu dem Punkt, der dem Selbstmitleid seine negative Konnotation verleiht. Die tiefe Sinnlosigkeit der Klage über die Vergangenheit. Hier kommt wieder »Omma« ins Spiel, die ständig riet, nicht über vergossene Milch zu jammern. Was weiß denn ich, worüber Richard Parker nachsinnt, wenn er völlig erschlafft in seiner Ecke hockt! Vielleicht plagt ihn nicht der Weltschmerz – ein nur in Deutschland verwendeter Begriff -, sondern er plant nur ein neues Tiefbauprojekt in meinem Blumenbeet. Ich glaube, die Sache mit dem Selbstmitleid überlege ich mir nochmal.

Ziegenyoga

In den USA gibt es einen aktuellen Trend, von dem ich innigst hoffe, dass er nicht zum »alten Europa« überschwappt. Ziegenyoga! Man absolviert seine Yogaübungen während Ziegen auf oder unter einem herumklettern und alle Körperöffnungen beschnüffeln, die man ihnen anhand der Körperverdrehungen bereitwillig darbietet. Inwieweit Trump oder die First Daughter in dieses Geschehen involviert sind, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch strittig. Andererseits traut man einem Volk, das sich vom Milliardärs-Clan derer von Trump regieren lässt, einiges zu. Warum dann nicht auch das Aufpeppen fernöstlicher Traditionen. Wie man die nötige Entspannung erreicht, wenn einem ein Ziegenhuf in Mund, Ohr oder Nase steckt, bleibt ebenfalls unklar. Ich jedenfalls verbanne meinen großen Schweizer Sennhund aus dem Zimmer, wenn ich meine Gymnastik absolviere, denn wer je riesige Hundepranken an empfindlichen Stellen erdulden musste, weiß, dass kontemplative Körperertüchtigung und anwesendes Haustier einander ausschließen. Vielleicht verhält sich dies mit Nutztieren anders. Ich müsste dafür den nächstgelegenen Streichelzoo aufsuchen, um auszuprobieren, ob das Erreichen von höheren Sphären leichter ist, wenn allerhand Kleintier seinen Beitrag dazu leistet. Aber mit dem Ziegenyoga allein erscheinen noch nicht alle Kombinationen von Mensch-Tierischer Kooperation bei meditativen Körperübungen erschöpft. Beim Qi Gong würde sich meines Erachtens jegliches Großvieh anbieten, dann müssten keine imaginierten Berge verschoben werden, sondern reale Objekte. Für die Meditation bietet sich eine Horde Affen an, denn wer weiß, wie weit man erst wegtritt, wenn einen der Affe laust. Um noch einmal auf meinen Riesenhund zurückzukommen; wäre es nicht an der Zeit, dass das »alte Europa« erwidert? Mir schwebt so etwas wie Zumba mit Großhunden oder Großkatzen vor. Allein das Ausweichen, um ernsthafte Verletzungen zu vermeiden, brächte sämtliche Muskelpartien in Bewegung! Und was ist mit den Insekten? Aerobic im Wespen- oder Hornissenschwarm bringt den Puls in ungeahnte Höhen! Pilates auf Giftschlangen oder Ameisenhügel erleichtert den Kampf gegen die Schwerkraft ungemein!
Oder dringen wir einmal in andere Bereiche vor! Die Auswahl an Tieren, die wieder Leben in langweiligen Sex bringen könnten, ist riesig! Wenn man bedenkt, wie viel Spannung eine einzelne Mücke ins Schlafzimmer bringt, dann sollten wir unserer Fantasie diesbezüglich keine Grenzen setzen. Wobei, fällt mir da gerade ein, wir die Ziegen außen vor lassen sollten, weil sich dann gewisse Staatenlenker auf den Schlips getreten fühlen könnten.

Hormone

Dadurch, dass ich mitten im Klimakterium stecke, erlebe ich die bei weitem turbulenteste Phase in meinem Leben. Eigentlich sitze ich hier völlig friedlich an meinem Laptop, doch der Schweiß läuft mir in Strömen den Körper herunter und mich überkommt das gerade noch zu bändigende Bedürfnis eben diesen Laptop mit Schwung gegen die Wand zu befördern. Dabei bin ich, oder halte mich wenigstens dafür, ein im Grunde genommen äußerst friedfertiger Mensch. Bis der Anfall vorbei ist, erteile ich mir Ausgehverbot, denn es besteht die Möglichkeit, dass ich mich wie ein Kind vor der Quengelware schreiend auf den Boden werfe, weil die Kassiererin nicht schnell genug macht. Gott sei Dank befinde ich mich allein im Haus, denn mir schießt alles auf einmal durch den Kopf, was ich schon lange einmal sagen wollte und mangels passendem Adressaten, verbleiben mir nur meine Hunde. Die besitzen leider ein ausgeprägtes Näschen für dicke Luft und verzogen sich wohlweislich aus meiner Nähe. Jetzt könnte ich meine Wut an diversen Porzellanartikeln auslassen, die ich sowieso entsorgen wollte, aber da ich eine Frau bin und somit für Scherbenhaufen verantwortlich, unterlasse ich derlei Aktionen. Zu dem, was Frauen sonst so treiben, radikale Veränderung von Haarschnitt, Haarfarbe, der Besuch eines Fitness- oder Nagel- oder Tattoo- oder permanent Make-up-Studios fehlt mir die Lust. Auch eine Botox-Behandlung ziehe ich nicht in Betracht, obwohl ihr eine besänftigende Wirkung nachgesagt wird, denn wer die Stirn nicht runzeln kann, bringt auch keine runzeligen Gedanken zustande. Im Moment ist mein Ärger sowieso verraucht und ich fühle mich wie Buddha in seinen besten Phasen. Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass dieser emotionale Ausnahmezustand jetzt drei Stunden währte und ich genieße die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Ich kann auch wieder klar denken und frage mich, inwieweit einschneidende geschichtliche Ereignisse bloßem hormonellen Wirrwarr zu verdanken sind. Das reicht von Julius Caesar und Marc Anton und Kleopatra bis zum zeitweise verwirrten Bill Clinton und völlig durchgedrehten Typen wie Putin, Erdogan oder Trump, bei denen der Testosteronzug völlig entgleist scheint. Und, wenn man jetzt bedenkt, dass im Alten Orient nicht selten Eunuchen die ausgeglichenste politische Arbeit leisteten, könnte man in Erwägung ziehen, dass vor Antritt einen hohen politischen Amtes, der Ausgewogenheit wegen, vielleicht ein kleiner Eingriff angebracht wäre. Man spannt ja auch keine Stiere vor den Pflug, sondern Ochsen. Oder nehmen wir den katholischen Männerverein. Die Einhaltung des Zölibats stellte kein Problem mehr da und etliche Kinder wären ungeschoren davon gekommen. Außerdem wäre dies doch Mal ein echtes Opfer und ein Zeichen wahrer Gottesliebe. Jedenfalls bilden wir uns mächtig was auf unseren Geist ein, dabei sind die meisten Entscheidungen allein eine Frage des Hormonstatus.

Zeit

Gestern las ich in einem Psychiatrielehrbuch, dass nichts den unbenebelten »Normalo« so zur Weißglut bringt, wie der heiter-relaxte Kiffer. Auch der stille Zecher erntet nur Häme und Verachtung von Seiten der Nüchternen. Jeder von uns kennt die Frage »Was hast du denn geraucht?«, wenn uns ein Bekannter allzu fröhlich-entspannt erscheint. Gelassenheit erweckt demnach Misstrauen. Selbst wenn dieser Zustand ohne Drogen und nur durch fernöstliche Techniken erreicht wird, wird dieses Eins-Sein mit sich und der Welt, gerne spöttisch belächelt. Rauschhafte Erlebnisse sind nur erlaubt, wenn sie mit Geschwindigkeit, extremen Höhen oder Arbeit verbunden sind. Jedes Glück muss erst durch eine besondere Leistung verdient werden. Jeder kann diesen Versuch gerne einmal selber starten. Je ruhiger, träger und entspannter man sich gibt, desto nervöser wird das Umfeld. Fast fühlt man sich in die Säbelzahntigerzeiten versetzt, in der die Gruppe stellvertretend für den selig Weggetretenen mit aufpassen musste und ihm dies reichlich übel nahm. Nun sind diese Zeiten lange vorbei und die gesteigerte Wachsamkeit scheint eher dem Neid als der Fürsorge zu entspringen. Damit ist auch der Trödler an der Supermarktkasse gemeint. Unsere Wut auf dieses lebende Hemmnis neidet ihm die Zeit, die ihm zur Verfügung zu stehen scheint, uns aber nicht. Wenn derjenige, der als Erster in der Ampelschlange steht, nicht augenblicklich bei Grün anfährt, wird er hupend angefahren, als lauerte am Ende des Trosses doch noch eine tödliche Gefahr, oder besser gesagt, als hätte der »Idiot seine Zeit im Lotto gewonnen!« Sie ist ihm demnach unverdient zugefallen. Oder noch viel besser gesagt »Zeit ist Geld!«. Was aber im Umkehrschluss bedeutet, dass ich durch die Zeit, die ich mir lasse, reicher und reicher werde. Hier noch ein Versuch. Probieren Sie in einer Gruppe, das, was sie vermitteln wollen, mit den nötigen Sprechpausen zu sagen. Wenn Sie nicht gerade das Staatsoberhaupt sind, fällt man Ihnen von allen Seiten ins Wort. Welch eine wunderbare Umschreibung! Es wird sich quasi kopflos in einen unvollendeten Satz gestürzt, was jegliche vielleicht nützliche Information für den Unterbrecher unmöglich macht und die »Kommunikation« zur reinen Zeitverschwendung verkommen lässt. Paartherapeuten haben nicht umsonst Hochkonjunktur, besteht doch ihre Hauptaufgabe darin, dafür zu sorgen, dass einer den anderen endlich einmal ausreden lässt. Nur der gründlich ausformulierte Gedanke verdient diesen Namen! Es könnte natürlich auch sein, dass der ins Wort Fallende, sich ausschließlich gerne selber reden hört, was aber zwingend dazu führt, dass er nie über den einmal erreichten geistigen Stand hinauswächst. Letztendlich steht jeder Drängler unter einem Drang – liegt ja schon im Wort -, was gleichzeitig bedeutet, dass er nicht Herr seiner Zeit ist. Daher auch der Neid.

Mallorca

Dieses Jahr folgt ganz Deutschland dem Ruf: «Allemann zum Ballermann!« Ganz Deutschland? Nein, die Bewohnerin einen kleinen Dorfes widersetzt sich dem Trend. Ruhig und vor allen Dingen einsam liegt sie im Schatten mächtiger Bäume und stellt sich die Strandurlauber vor, die sich auf der Baleareninsel für teures Geld gegenseitig auf die Füße treten. Den Nachhall der klagenden Stimmen ihrer Landsleute noch im Ohr, widmet sie sich, in der sie umgebenden Stille, ihrer Lektüre und kommt sich vor wie Dorothy aus dem Zauberer von Oz, die auch nicht mit dem »nirgends ist es besser als Zuhaus« aufhörte. Zur Abkühlung benutzt sie reines, klares Grundwasser, das hier in der Heimat reichlich vorhanden ist und nicht rationiert wie auf der Trauminsel. Zwar werden ihr die Getränke nicht gleich eimerweise serviert, aber, was macht es schon, sich von Zeit zu Zeit zu erheben, um Nachschub zu holen. Immer wieder hält sie in ihrer Lektüre inne, blickt verträumt ins satte Grün und denkt an die armen, schwitzenden, Körper an Körper sich in der unbarmherzigen Sonne windenden, dem Nepp der Touristenzentren ausgelieferten Urlauber und kann nicht umhin, sich leise zu wundern, warum sich die Mehrzahl der Deutschen so etwas antut. Mühsam reißt sie sich von den Horrorbildern mit bis zum Bersten gefüllter Strände und Städte, die vor ihrem inneren Auge entstehen und einem der Kreise von Dantes Höllenszenarien ähneln, los. Vielleicht, bedenkt sie, ist der Herdentrieb immer noch größer als der freie Wille. Bevor sie zu ihrer entspannenden Lektüre zurückkehrt, verweilt sie noch einen verdutzten Moment bei dem befremdlichen Drang ihrer Landsleute für die »schönsten Wochen des Jahres«, alle das gleiche Ziel zu wählen. Wem man möglicherweise entkommen wollte, den trifft man doch garantiert dort wieder! Vielleicht liegt die Antwort in der Physik, in der sich massereiche Teilchen gegenseitig anziehen. Vielleicht kumuliert auf der Insel eine neue Galaxie aus Leibern. Sie weiß es nicht. Sie bedenkt den Spruch: Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah und fragt sich, ob er in ihrem Heimatland nur ihr und einigen Auserwählten bekannt ist. Ein Seufzer des mitleidigen Bedauerns entfährt ihr, aber letztendlich kommt sie zu dem Schluss, dass das Ganze nicht ihr Problem ist. Sie genießt ihr Vollkornbrot, von dem sie weiß, dass die fernen Urlauber verzweifelt ganz Mallorca danach absuchen und überlegt, ob sie bei der Wärme, die zurzeit in ihrem Dorf herrscht, zum Abend eine Platte mit Tapas zubereitet. Ein wenig Spanien in der Grafschaft, während die Ortsflüchtigen garantiert zwischen Bratwurst und Schnitzel wählen.

Urteile

Mein oberster Richter befindet sich an keinem Gerichtshof. Es ist weder Gott, Allah oder Satan. Nein, es ist mein Briefträger. Wie das, mag man an dieser Stelle verwundert fragen. Nun er schellt zwischen 10:00 Uhr und 10:30 Uhr bei mir an. Jetzt kommt das Entscheidende. Entweder ich bin schon helle wach, geschniegelt, gebügelt und mehr als bereit für den Tag. Reiße ihm mit einem fröhlichen Guten Morgen die Tür auf und nehme enthusiastisch die Post entgegen, oder ich habe verschlafen. Dann erwischt er mich Schlaftrübe in einem abgetragenen Morgenmantel. Er ist der Richter darüber, als was ich mich am Tag empfinde. Als die hyperdynamische, morgenfrische Frau, die ich gerne sein will, oder als träge Schlampe. Der arme Mann hat höchstwahrscheinlich keine Ahnung davon, welche Instanz er für mich darstellt und mir könnte es im Grunde völlig egal sein, in welchem Aufzug ich meine Post annehme, aber wer kommt schon aus seiner Haut heraus. Ich höre schon den triumphierenden Ausruf der Freudianer, von denen mir »Projektion« entgegen hallt. Selbstkritik auf andere abwälzen und sich paranoid verhalten. Mein komplett neutraler Briefträger wird durch mich in eine Rolle hineingedrängt, die ihm weder zusteht und die ihm auch nicht behagen würde. Wenn ich mir überlege, wie viele so ernannte Richter und Richterinnen bei mir im Laufe eines Tages zusammenkommen, könnte ich mehrere internationale Gerichtshöfe versorgen. Dies könnte jetzt an zweierlei liegen. Die erste Variante ist durchaus schmeichelhaft, denn sie lässt mich als besonders gewissenhaft erscheinen. Die zweite Variante, die, wie ich befürchte, eher zutrifft, besteht darin, dass ich mich schlicht und ergreifend zu wichtig nehme, denn ich will nicht hinnehmen, dass ich den meisten Menschen in meiner Umgebung herzlich egal bin. Schließlich funktioniert es andersherum genau so. Es ist mir vollkommen wurscht, ob der Postbote in seiner Uniform, oder im Morgenmantel seinen Dienst erledigt. Mehr als ein kurzes Hochziehen der Augenbraue würde er bei mir nicht hervorrufen, denn er wird schon seine Gründe haben, warum er so und nicht anders vor mir erscheint. Vielleicht ist er ja besonders pflichtbewusst und hat sich trotz Erkrankung aus dem Bett gequält, um seinem Dienst nachzukommen. Gründe für ein bestimmtes Verhalten sind mannigfach und solange kein anderer zu Schaden kommt, kann und darf sich keiner ein Urteil erlauben. Aber ganz unberechtigt ist meine Paranoia nicht, weil ich zunehmend den Eindruck bekomme, dass viele kleine selbsternannte Richterlein auf der Straße herumlaufen, die ungefragt ihr Urteil über andere Menschen abgeben. Irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass wir es hier mit einer urdeutschen Eigenschaft zu tun haben. Aber wie dem auch sei, vielleicht halte ich mich einfach nur an die Bibel, denn dort heißt es: »Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet.« (Matth. 7,1)