Bedenkenträger

Bei mir ist eine Entwicklung zu beobachten, die mir zunehmend auf den Geist geht. Ich beginne alles und jedes abzuwägen, was sich in jedem Bereich des menschlichen Tuns als hinderlich erweist. Was kann man nicht alles auf die Goldwaage legen! Dabei ist es nur natürlich, dass jedes Wort und jede Tat, die auch nur einen anderen mit einbeziehen, Konsequenzen trägt. Mir steht jetzt die Vorwegnahme aller möglichen Konsequenzen im Weg, was zur Handlungsstarre führt. Nehmen wir einmal an, ich treffe eine Bekannte auf der Straße und wie üblich will sich ein Gespräch über das Wetter entwickeln. Sofort blitzt die Warnung »sinnloser Smalltalk« in mir auf und, da ich ihr im Moment nichts grundlegend anthropologisch Wertvolles mitteilen kann, bleibt es beim höflichen »Guten Tag«. Womöglich hätte ich ihr auch, da ich die Voraussage für die nächsten drei Tage immer im Kopf habe, eben diese drei Tage verdorben, wenn sich das Gespräch um meteorologische Fragen gedreht hätte. Was für jedes Wetter zutrifft, denn ich kann nicht wissen ob sie ein Hitze- oder Regenfanatiker ist. Aber, ich scheine nicht alleine davon betroffen, denn die Zahl der Bedenkenträger wächst. Keiner will irgendjemanden zu irgendeiner Zeit auf den Schlips treten, dabei ist die totale Ausgewogenheit mit dem totalen Stillstand gleichzusetzen, und wenn nur noch unentwegt Streicheleinheiten verteilt werden, hätten wir es beim gegenseitigen Lausen belassen können. Absolute Harmonie ist nur der Musik förderlich, ansonsten zum Gähnen langweilig. Dabei ruft jede Provokation etwas hervor, liegt ja schon in der Bedeutung des Wortes. Dies kann nun positiv oder negativ sein, aber auf jeden Fall passiert und verändert sich etwas. Es ist verständlich, dass der Mensch in einem Universum, das der absoluten Entropie entgegen strebt, irgendwo seinen kleinen Pflock setzen will. Die Welt geht jedoch nicht unter, wenn Meinungen und Taten gelegentlich heftig aufeinanderstoßen. In Zeiten, in denen jede öffentliche spontane Äußerung sofort torpediert und sanktioniert wird, scheint Spontanität verderblich. Dabei war die Sehnsucht nach Authentizität nie größer. Wenn jeder so reden würde, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, bräuchte es keine Führer! Da kommt es nämlich leicht zu Verwechslungen zwischen Authentizität und geistiger Beschränktheit. Wie dem auch sei; ich werde die meisten meiner Bedenken über den Haufen werfen und sehen, was passiert.

Descartes

Ein Gedankenexperiment a la Descartes wäre einmal angebracht. Man erinnert sich. Der Philosoph zweifelte an all seinen Sinneseindrücken, bis er zu der Gewissheit »cogito ergo sum« – »ich denke, also bin ich« gelangte, und auf dieser Erkenntnis die Welt um sich herum neu entstehen ließ. Ich will jetzt wissen, was aus eigenem Verständnis und nicht nur aufgrund von »Hörensagen« in meinem Kopf herum brummt. Nehmen wir einmal ein Gefühl wie Wut. Freud rät mir, »den Druck vom Kessel zu lassen«, weil sonst Neurosen drohen. Buddha meint, es wäre besser, die Wut ohne Werturteil einfach kommen und wieder gehen zu lassen. Und laut Biochemie sollte ich meinen Körper tunlichst davon abhalten, mehr und mehr Stresshormone auszuschütten. Oder ich könnte ihn einfach dazu bringen, mehr und mehr davon zu bilden, bis sich die Produktion von selber einschläft. Der Ausdruck »erschöpfende Auskunft« wurde nicht umsonst geprägt. Auf jede Frage gibt es die mannigfaltigsten Antworten und alles, was über die reine Naturwissenschaft hinausgeht, ist Ansichtssache. Irreführenderweise behaupten Fächer wie Soziologie, Theologie, Anthropologie, Ökonomie, Politologie, Philosophie und Psychologie von sich, ebenfalls Wissenschaften zu sein, aber eine felsenfeste Aussage wie eins und eins gleich zwei ist dort nicht zu erhalten. Ein unverrückbares »wenn, dann …« gibt es dort nicht! Und je schwammiger die » Wissenschaft«, desto schwurbeliger die Nomenklatur und undurchsichtiger die Statistiken. Das meiste, was wir wissen, glauben wir nur zu wissen und je unverständlicher der Spezialist, desto substanzloser die Behauptung. Wenn man einmal daran geht, auszumisten, wie viel äußeres Gefasel kritiklos verinnerlicht wurde, dann bleibt am Ende des Tages nicht viel übrig. Das meiste beruht auf Ansichten und nicht auf Einsichten. Ein Beweis dafür ist, dass jeglicher Fortschritt beinahe ausnahmslos gegen bestehende Lehrmeinungen durchgesetzt werden musste, bis die sogenannten »Spinner« endlich zu ihrem Recht kamen. Der Mensch denkt halt nicht gern selber, er denkt nach(!). Und ob das Übermaß an Information, das uns täglich aufgedrängt wird, zu unserem Besten ist, bleibt abzuwarten, weil man vor lauter Nachdenken nicht mehr zum eigenen Denken kommt. Man redet nicht umsonst vom »Abschalten müssen«, um zu »sich selbst zu kommen«. Leider räumen wir dem Abschalten nur begrenzte Zeiträume ein, weil wir sonst »den Anschluss verlieren«. Da hat der Sprachgebrauch die Situation blendend und entlarvend erfasst. Wir sind zum Abspielgerät eingebläuter Meinungen mutiert.

Die Beliebigkeit des Banalen

Über eines komme ich nicht hinweg. Wir waren mit einem befreundeten Pärchen in Urlaub. Morgens betrat ich die Terrasse und stellte fest, dass in der Nacht irgendwelche Tiere den Hausmüll auf dem kleinen Rasenstück vor unserer Ferienwohnung verteilt hatten. Ich wollte mich gerade ans Aufräumen machen, als ich sah, dass Bernd, der männliche Teil des oben erwähnten Paares bereits dort saß und sich in aller Ruhe das Chaos im Garten ansah. »Mal sehen, wer so neurotisch ist, dass er den Zwang verspürt, den Müll wegzuschaffen, bevor er irgendetwas anderes tut«, teilte er mir gelassen mit. Den Makel einer Neurose wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen, und so nahm ich auf dem Stuhl neben ihm Platz, um den Unrat ohne Handlungszwang ausführlich in Augenschein zu nehmen. Schweigend und sinnierend saßen wir vor uns hin, als mein Mann sich blicken ließ, der schnurstracks auf den Müll zusteuerte, um ihn in die daneben liegende umgefallene Tonne zu stopfen. Wenn Bernd jetzt recht hatte, war mein Gatte offensichtlich, da von Zwängen getrieben, der Gestörteste von uns. Wie dem auch sei, seitdem treibt mich die gedankliche Unterscheidung von »Kann« oder »Muss« um. Der Müll war ein absolutes »Muss« allein aufgrund der Hygiene, somit war meine bessere Hälfte eher vernünftig als neurotisch. Ich stelle bei mir fest, dass ich ein gewisses Maß an Ordnung um mich herum brauche, was jetzt nicht zwingend notwendig ist, da es außer mir keiner sieht; es verschafft mir aber den Eindruck, wenigstens einen winzigen Teil der chaotischen Welt im Griff zu haben. Nun ist auch in diesem Bereich die Unterscheidung zwischen gesund und krank eine quantitative. Die Spanne reicht vom »Messie« bis zum Ordnungsfanatiker. Natürlich darf jeder wohnen, wie er möchte, und es geht keinen etwas an, ob der Müll wohlsortiert in den diversen Tonnen landet oder im Wohnzimmer gestapelt wird. Wenn er nicht gerade durch Fenster und Türen in den öffentlichen Raum quillt, womit jetzt auch der Gestank gemeint ist, ist dagegen nichts zu sagen. Und wenn der Wohnungseigentümer nicht unter seiner Veranlagung leidet, dann erst recht nicht. Das Banale ist eben beliebig und dem individuellen Geschmack unterworfen. Was ist überhaupt das Banale? Banal ist nach meinem Dafürhalten alles, was im Auge des Betrachters liegt und nur dem Befinden und nichts anderen unterworfen ist. Etwas, das so oder anders sein kann, ohne dass dadurch eine merkliche Konsequenz entsteht. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich gerade am Banalen die Gemüter gerne entzünden. So regt manchen von uns der Klimawandel weniger auf, als das falsch geparkte Auto vor der Haustür. Ehen zerbrechen allein aufgrund der Tatsache, dass die Auffassungen, wie eine Zahnpastatube auszudrücken ist, diametral entgegengesetzt sind. Wir sollten nur mit Begriffen wie krank oder abartig vorsichtig sein, da die meisten von uns eine in sich stimmige kleine Welt repräsentieren. So banal dies jetzt auch klingen mag.

Schuhe

Der kleine Zeh an meinem rechten Fuß neigt sich, widerstandslos der Schwerkraft folgend, hakenförmig zur Seite. Schmal geschnittene Schuhe führen zur unangenehmen Blasenbildung. Jetzt verabschiedete ich mich in meinem Alter schon von Vielem. Keiner pfeift mir mehr hinterher. Das »ewig lockende Weib« ist in den Bereich des geschlechtlichen Neutrums gerückt. Meine natürliche Haarfarbe ist einem undefinierbaren Mausgrau gewichen und, da ich sie lang und meistens in einem Zopf trage, sinnierten meine jüngeren Brüder schon darüber, ob ich die Perücke von Norman Bates Mutter auftrüge. Alle Kleidungsstücke, deren Ärmel nicht bis zu den Ellbogen reichen, kamen in die Kleidersammlung, da ich mir mit der Oberarmhaut problemlos Frischluft zu wedeln kann. Kleider und Röcke trage ich altersbedingt »knieumspielt«, und um den Hals herum wäre demnächst ständig ein tarnendes Tuch zu tragen. Jetzt auch noch dies, orthopädisches Schuhwerk! Bislang beugte ich mich, bzw., meinen Fuß dem Diktat der Mode, aber, da ich mich unweigerlich nach einer Stunde nur noch humpelnd fortbewegen kann, sodass mir womöglich noch ein Rollator empfohlen wird, muss ich mich wohl oder übel für den schmerzfreien Gang entscheiden. Die Alternative wäre, ausschließlich barfuß herumzulaufen, aber dann wird mir bestimmt ein dementielles Syndrom unterstellt. Wie dem auch sei; Internetrecherchen brachten zutage, dass Eleganz und Bequemlichkeit in meinen Augen nicht vereinbar sind. Aus diesen Tretern wird kein feuriger Liebhaber jemals Sekt schlürfen! Wobei mir einfiel, dass ich Schuhwerk noch nie unter dem Aspekt der Tauglichkeit als Trinkgefäß erwarb. Außerdem trinkt mein Mann gerne alkoholfreies Weizenbier, wofür sich die »gesunden« Schuhe, allein aufgrund der Füllmenge, durchaus eignen. Selbstquälerisch begutachtete ich, weil ich eben eine Frau bin und es nicht lassen kann, im Netz das High-Heel- Angebot. Sehr verführerisch, aber mit sicheren Oberschenkelhalsbrüchen und beidseitigen künstlichen Hüftgelenken im Gepäck. Ich sah mich schon in einer Rehaklinik beim Wiedererlernen des Laufens. Also zurück zu den »vernünftigen« Seiten. Sofort kam ich auf den Witz von der Frau, die, nachdem sie unzählige Schuhe anprobierte, endlich ein wirklich bequemes Paar trug, bis sie der erschöpfte Schuhverkäufer darauf hinwies, dass sie in den Schuhkartons stand. Kurz blitze in mir der Gedanke auf, es den Stiefschwestern von Aschenputtel gleich zu tun und den störenden Zeh einfach zu amputieren. Aber dann kam ich darauf, dass ich meinen Prinzen bereits im Hause habe und auf derlei chirurgische Eingriffe verzichten kann. Und wer weiß, weil Märchen meist darüber schweigen, ob Aschenputtels Füße nach langjähriger Ehe noch in die gläsernen Schuhe passten? Außerdem stehen Männer nur auf »High Heels«, weil Frau dann nicht flüchten kann. Ich könnte, mit meiner Schuhbestellung, brauch es aber nicht mehr.

Wohlbefinden

Mir fällt auf, dass sich Menschen immer häufiger mit den Worten »pass auf dich auf« verabschieden. Nun frage ich mich natürlich, was damit gemeint ist. Ich gehe einmal davon aus, dass wir uns gegenseitig Verkehrstüchtigkeit in Bezug auf rote Ampeln und anderen Signalen zutrauen. Treppen und Leitern sind sicher auch nicht damit gemeint. Ich fasse die Aufforderung eher so auf, dass jeder für sein Wohlbefinden sorgen sollte. Hört sich vielleicht egoistisch an, aber mit dem Wohlbefinden verhält es sich so, wie mit den Sauerstoffmasken im Flugzeug. Die soll man sich zuerst selbst aufsetzen, bevor man dazu übergeht, anderen zu helfen, denn ohne den nötigen Sauerstoff wäre zunächst einem selber und folgerichtig auch allen anderen in keiner Weise gedient. Was übertragen natürlich bedeutet, dass derjenige, der nicht auf sich selbst und sein Wohlbefinden aufpasst, nicht in der Lage ist, auf andere und ihr Wohlbefinden aufzupassen. Die Crux ist nur, dass wir unser Wohlbefinden zum großen Teil von anderen abhängig machen. Hier beißt sich nun die Katze in den Schwanz. Die anderen fühlen sich nicht wohl, weil man nicht für ihr Wohlbefinden sorgt, was man nicht kann, weil man sich selbst aufgrund des mangelnden Wohlbefindens der anderen, auch nicht wohlfühlt. Jetzt habe ich mich gerade selbst aus meinen Text geschossen, weil ein wenig verwirrt. Aber bleiben wir einmal bei den Sauerstoffmasken. Sauerstoff ist lebensnotwendig. Und es leuchtet jedem ein, dass man sich zunächst selbst damit versorgen muss, weil er oder sie tot keinem nutzt. Wenn jetzt Wohlbefinden genau so lebensnotwendig wäre, bestünde die Verpflichtung eines jeden darin, sich eine ordentliche Portion davon zu holen, damit er es weitergeben kann. So weit, so gut. Wenn wir das Wohlbefinden jetzt aus dem Konjunktiv befreiten und es unabdingbar machten, sähe die Sache wie folgt aus: Der überglückliche Mensch hätte das Bedürfnis, die ganze Welt zu umarmen. Aber halt! Der überglückliche Mensch hat das Bedürfnis, die ganze Welt zu umarmen. Das Bedürfnis zu teilen, ist nie größer als im Gefühl der eigenen Überfülle und des Überschwanges! Der sich wohlfühlende Mensch neidet und tötet nicht. Sauerstoff allein reicht ihm nicht, denn davon ist noch(!) genug vorhanden und Homo sapiens schlägt sich trotzdem unentwegt die Köpfe ein. Was bringt Frieden? Zufriedenheit! Steckt ja schon im Wort. Jetzt ergibt das »pass auf dich auf« einen Sinn. Sei dein eigener Hüter, damit du behüten kannst.

Gedankenwelten

Laut Einstein ist es widersinnig, stets das Gleiche zu tun und trotzdem ein anderes Ergebnis zu erwarten. Ich möchte diese Aussage jetzt erweitern, denn es ist genauso widersinnig, stets das Gleiche zu denken und trotzdem ein anderes Ergebnis zu erwarten. Wobei sich Ergebnis auf die Stimmungslage bezieht. Gedankengänge sind ähnlich eingefahren wie Handlungen. Also machte ich heute Morgen die Probe aufs Exempel. Anstatt mein Gesicht beim ersten Blick in den Spiegel mit einem zerknautschten Kissen zu assoziieren, dachte ich an eine nächtliche Blüte, die sich erst im Laufe des Tages entfaltet. Beim Ergebnis des Wiegevorgangs überlegte ich, dass es von einem durchaus sympathischen Menschen wie mir ruhig etwas mehr geben sollte, und nach dem Kämmen sah ich nicht besorgt auf die in der Bürste verbliebenen Haare, sondern auf die zahllose Anzahl der noch auf dem Kopf befindlichen. Ich weiß, das hat jetzt sehr viel mit dem halbvollen und halbleeren Wasserglas zu tun, und im Grunde genommen, sollte ich mich insgesamt glücklich schätzen, dass so etwas Banales wie mein Körpergewicht überhaupt einen Platz in meinen Gedanken einnimmt. Aber so sind Frauen nun einmal. Letztens las ich in einer Studie, dass Männer, die von einer auferlegten Präsentation nur 80% Prozent vorweisen konnten, lang und breit selbstgefällig über den letztendlich überwiegenden Anteil des Erledigten referierten, während Frauen sich ausschließlich damit aufhielten, sich für die fehlenden 20% zu entschuldigen. Daraus folgere ich, dass ich dazu übergehen muss, männlich zu denken! Wenn Frau überlegt, was Mann bewegt, kommt nicht viel zusammen. Feste und flüssige Nahrung muss in ausreichender Menge zur Verfügung stehen; alles und jedes muss ohne jeden Suchaufwand parat stehen, und das männliche Ego braucht seine tägliche Portion an Streicheleinheiten, die sich aus den unterschiedlichsten Sparten ergeben kann. Hauptsache, dass am Ende des Tages die Bilanz stimmt. Der Rest kann, muss aber nicht. Der Mann an sich ist lösungsorientiert. Die Frau bewegt alles. Das reicht von Konflikten in Königshäusern bis zum Pickel auf der Nase. Die Frau ist problemorientiert. Und wenn sie keines finden kann, macht sie sich eben eines, das sie nicht gelöst haben will, sondern mit dem sie sich beschäftigen kann, was der Stimmungslage nicht sehr zuträglich ist. Einfaches Beispiel: der Toilettengang bei Festivitäten. Mann geht dort allein hin mit dem Ziel sich zu erleichtern, während Frau, da häufig zu zweit, womöglich nicht erleichtert von dort zurückkehrt, sondern mit einem Problem, das sich vorher so noch nicht stellte. Ich jedenfalls werde mir für den Rest des Tages vorstellen, ich wäre ein Mann. Mal sehen, wie sich das auf meine Befindlichkeit auswirkt. Ich rechne aber vor allen Dingen mit Langeweile.

Moral

Der neue französische Präsident Macron will die Moral in der Politik gesetzlich verankern. Ebenso löblich wie für mich verwirrend. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich dachte immer, das ein politisches Amt ein Mindestmaß an Moral erfordert. Schließlich erwarten Amtsträger Respekt und da wäre es doch im Gegenzug schön, wenn sie sich moralisch verhielten. Wobei mir gerade der Begriff »Ehrenamt« in den Kopf kommt. Es ist also höchst ehrenhaft, für soziale Tätigkeiten kein Entgelt zu verlangen. Es wäre dann zu dem Schluss zu kommen, dass, je intensiver das Amt pekuniär genutzt wird, umso weniger Ehre damit verbunden wäre. Auch sollte man sich dem Amte würdig erweisen, wobei offenbleibt, ob sich die Würde mit dem Amt ergibt, oder vorher bereits vorhanden sein muss, um des Amtes überhaupt habhaft zu werden. Was mich – wer hätte das gedacht – zum amerikanischen Präsidenten bringt. Da ist jetzt das höchste Amt der Welt, jedenfalls in den Augen der USA, bar jeder Würde, demnach wären Amt und Würde entkoppelt. Und wie steht es mit den geistlichen Amtsträgern? Da ist die »Seelenfischerei« in puren Machtwillen umgeschlagen, denn anders wäre das Einmischen in die Politik nicht zu erklären. Da wird die christliche Anweisung, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist und Gott zu geben, was Gottes ist ( Matth. 22:21), gerne einmal vergessen. Trotzdem wird sich gerne als »Moralwächter« aufgespielt, was jetzt komplett widersinnig ist, denn Moral beruht auf menschlichen Konventionen und nicht auf göttlichen, da Gott, so es Ihn denn gibt, nicht dazu neigt, sich zu äußern. Moral ist also wandelbar. So gehörte die Pädophilie im alten Griechenland zum guten Ton, was heute für uns in der westlichen Welt kaum noch denkbar ist. Wenn Moral nicht mehr ist, als das, was die Meisten von uns dafür halten, dann sind manche Politiker vielleicht nur ihrer Zeit voraus. Denn wenn gnadenlosnarzisstisches Verhalten zur allgemeinen Moral erklärt wird, dann werden die »Gutmenschen« zu Außenseitern. Da gibt zu denken, dass der Ausdruck »Gutmensch« zunehmend negativ konnotiert wird. So gesehen hat Macron nicht ganz unrecht, wenn er seine Gesetze formuliert, solange noch ein Funken Moral in uns existiert.

Rosa Elefanten

Wer kennt dieses Phänomen nicht? Kaum wird man aufgefordert, auf gar keinen Fall an diese Phantasiewesen zu denken, kreisen die grauen Windungen um nichts anderes mehr. Meine »Omma« pflegte dazu zu sagen. »Watt man mal im Kopp hat, hat man mal im Kopp!« Warum ist das so? Wer ist hier der Herr im Haus? Mein Gehirn oder ich? Und wenn mein ich mit meinem Gehirn identisch ist, wieso können wir uns dann nicht einigen? Gestern sah ich mir im Fernsehen einen Krimi an, konnte der Handlung aber nur mangelhaft folgen, weil sich immer wieder der noch im Gefrierschrank befindliche Eisbecher aufdrängte. Hin- und hergerissen zwischen Zufuhr und Verzicht der Kalorienbombe hätte ich den Fernseher genau so gut ausstellen können, denn ich bekam nur marginal mit, wer wen wie und warum tötete. Was soll ich sagen? Der besagte Eisbecher verfolgte mich bis ins Bett, und erst als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich nicht zu den nächtlichen Kühlschrankräubern gehören will, konnte ich einschlafen. Aber Himmelherrgott, welche Willensanstrengung war da vonnöten! Laut Forschung liegen 350 Millisekunden zwischen der Zustandsänderung des Gehirns – was ein Beobachter registrieren kann – und dem Zeitpunkt, an dem uns dies bewusst wird. Wir begründen für uns demnach nachträglich, was das Gehirn ohne unser Wissen beschließt. Was sagt mir das jetzt? Dass mein Hirn eine Abkühlung brauchte – beim momentanen Wetter durchaus verständlich – und mir die unbändige Lust auf Eis vermittelte, die ich fälschlicherweise für meine eigene hielt. Aber halt! Dann muss mein Gehirn ja wieder seinen Zustand geändert haben, in dem es mir die Kalorienzahl mitteilte. Irgendwie schaltete es zwischen den beiden Zuständen hin und her, womit es mich fast in den Wahnsinn trieb und demnach beinahe seine eigene Auslöschung initiierte. Ergibt das einen Sinn? Sollte mein Gehirn nicht darauf programmiert sein, sich unbedingt selber zu erhalten? Und um noch einmal auf die rosa Elefanten zu kommen, was zur Hölle will mein Hirn damit? Und jetzt lese ich auch noch im Psychiatrielehrbuch »Irren ist menschlich« (24.Auflage) : »Der Mensch kann selbständig entscheiden, ob Regungen abgewiesen, aufgeschoben, verändert oder unmittelbar zur Handlung zugelassen werden, und zwar aufgrund der Überprüfung von an sich selbst gestellten Erwartungen, einem verinnerlichten Maßstab. Der Mensch ist so lange unreif oder wird für unreif gehalten, als nur die Wünsche auf seiner Seite sind, und die Entscheidungen über deren Befriedigung und Versagung jedoch auf Seiten der Außenwelt.« Was ist mit der Innenwelt, die wir ja aufgrund von 350 Millisekunden nicht im Griff haben? Es geht ja noch weiter. In meinem harmlosen Fall handelte es sich um einen Eisbecher. Was ist mit Trump? Der wird ja gerade noch eben von der Außenwelt an seinen Trieben gehindert. Wäre er demnach definitionsgemäß unreif, obwohl er rein innerlich betrachtet, was seine Egozentrik betrifft, mehr mit sich im Reinen ist als ich? Besteht Erwachsen werden darin, die kindliche Eindeutigkeit zu verlassen? Und sind notorische Schwarz-Weiß-Seher in einer frühen Entwicklungsphase stehen geblieben? Ist der Schwebezustand des ewigen Abwägens einfach nur ein Zeichen der Reife? Ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich einfach ab, bis mein Hirn mir eine Antwort gibt. Das mit dem Eisbecher hatte sich heute Morgen ja auch erledigt.

Therapietiere

Ein neuer Geschäftszweig blüht! Gegen ordentlich bemessenen Stundenlohn werden Tiere in öffentliche Einrichtungen wie Psychiatrien und Altenheime geschleppt, damit diese die den Mitmenschen obliegenden Aufgaben wie Wärme und Nähe übernehmen. Von Eulen über Hunde über Minischweine, kein Tier kann dem Streichelwahn entkommen, dem das eigentlich gemeinte Objekt fehlt. Gerade in Bezug auf die Minischweine wurde erwähnt, dass dementielle ehemalige Bauern und Bäuerinnen aufleben, da sie ja durch die Berührung der Schweinehaut die Vergangenheit wieder aufleben lassen könnten. Welche Zielgruppe jetzt die Eulen ansprechen, kann ich nur vermuten, schlage aber den Bogen zu ehemaligen eifrigen Lesern, da die Eule ja für Weisheit steht. Da sind noch Möglichkeiten offen! Für geistig weggetretene Lehrer würde sich eine Horde Affen anbieten, was sich natürlich aufwendiger gestaltet als die tierische Rückreise für Mikrobiologen, die wären dann mit einem simplen Objektträger zufrieden. Auch die Verbringung von Elefanten für pensionierte Zirkus- oder Zoomitarbeiter in den treng getakteten Stationsablauf stelle ich mir schwierig vor. Ich rechne aber in Zukunft durchaus mit dem Anbau von Großaquarien an die Stätten der von der Gesellschaft Abgeschobenen, denn mit Delfinen schwimmen, geht immer. Für den Stundenlohn, den die »Tiertherapeuten« einfordern, könnte man zwar auch einen der Sprache mächtigen Menschen beschäftigen, wenn man mich fragt, aber mich fragt ja keiner. Tiere hätten einen direkteren Zugang zu Menschen, die sich in anderen Sphären befinden, was ich so deute, dass sich der gesunde Mensch einfach nicht die Mühe machen will. Jetzt bringe ich natürlich alle leicht esoterisch angehauchten Hundebesitzer gegen mich auf, die sich von keinem so verstanden fühlen, wie von ihrem Vierbeiner, was in erster Linie daran liegen mag, dass der Hund völlig neutral erst einmal gar nichts versteht und durch seine Natur für jeden Unsinn offen ist. Das Tier kann sich gegen das Hineininterpretieren nicht wehren. Es sei denn, es handelt sich um eine Katze, der sprichwörtlich am behaarten Hintern vorbei geht, was immer Mensch in ihr Verhalten hineindeutet. Interessanterweise gibt es meines Wissens keine Tiertherapeuten, die mit Katzen arbeiten. Woran das wohl liegt?

Allein zu Haus

Mütter sind schon eine ganz besondere Sorte Mäuse. Nach kurzer Zwischenlandung bei uns ist unsere »Große« gestern zu ihrem Freund gezogen. In dieser Zeit brachte sie mir nahe, was ich bestimmt nicht vermissen würde, wenn sie unser Haus zum zweiten Mal verließe. Aber, was soll ich sagen? Es nervt, dass ich nicht überall im Haus auf Klemmspangen trete. Beinahe wehmütig betrachtete ich den Abfluss der Dusche, der einwandfrei tat, weil ihn keinerlei ellenlange Locken verstopften. Das nicht vorhandene Chaos, das sich wie eine verschlungen verknotete Schlangenlinie vom Waschkeller über Erdgeschoss und zweite Etage bis in meinen Kleiderschrank auf den Dachboden zog, wirkte auf einmal allzu öde und und irgendwie steril. Mit einem Gefühl der Leere im Bauch werde ich wohl heute meine Garderobe aufräumen und dabei davon ausgehen können, dass die Ordnung anhält, weil keiner darin herumstöbert. Ich komme mir vor wie James Steward in dem Film »Ist das Leben nicht schön?«, der in einer zweiten Chance all das am freudigsten begrüßte, was ihn am meisten auf die Palme brachte. Vielleicht liegt es daran, dass man unentwegt in allem, was mit der Kindererziehung zu tun hat, eine Pflicht sieht, die einen davon abhält, endlich etwas Großes, Dauerhaftes zu schaffen und, wenn man plötzlich von diesen Pflichten befreit ist, erkennen muss, dass das Große und Dauerhafte eben in dieser Pflicht lag, weil man sich darauf beschränkte. Man redet sich ja gerne ein, dass Freiheit immer die »Freiheit von« ist, also etwas, das uns passieren muss. Dabei übersehen wir gerne, dass es mehr um die »Freiheit zu« geht. Etwas, das wir uns verschaffen müssen. Und so bemühen wir Gott und die Welt als Ausrede dafür, dass wir nicht zum Wesentlichen kommen. Dies verschafft uns die Erleichterung des »ich würde ja gerne, aber …« und so irrlichtern meine Gedanken und Blicke umher auf der Suche nach dem, was mich davon abhalten könnte, einen eigenen Sinn in meinem Leben zu suchen. Meine Hunde sind da zwei gute Kandidaten, denn wer, frage ich mich, ist schon in der Lage, dem ureigenen Wollen auf den Grund zu gehen, wenn da noch Haare wegzusaugen sind.