Natur

Gestern wischte ich auf meinem Hochglanzküchenregal Staub und was soll ich sagen? Heute Morgen konnte ich problemlos mit dem Zeigefinger Ornamente in die Staubschicht auf den Regalbrettern malen. Ein Blick in den durch das Küchenfenster einfallenden Sonnenstrahl mit den darin schwebenden in der Anzahl gegen die Unendlichkeit strebenden Staubteilchen führte mir in aller Grausamkeit die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit jedes menschlichen Tuns vor Augen. Trotzdem griff ich zum Wedel, denn ich bin ein Homo sapiens und somit die Krone der Schöpfung. Haben wir als menschliche Rasse den Naturgöttern, an die wir noch vor kurzem glaubten, nicht gezeigt, wo der Hammer hängt? Wir erhoben uns über die Naturkräfte und machten sie uns zu nutzen. Abgesehen von kleinen Schönheitsfehlern wie Naturkatastrophen und Umweltzerstörung haben wir die Dinge im Griff! Da lass ich mir doch von banalen Staubpartikeln nicht beweisen, dass sie den Kampf letztendlich gewinnen werden. Ebenso wenig wie uns die Erde letztendlich beweisen wird, wer der eigentliche Herr ist. Wir sind die Herren und die Natur ist unser Untertan; so sieht es doch aus! Ich wedelte demnach eifrig auf dem obersten Brett herum, nur um dann feststellen zu müssen, dass das Brett darunter nun doppelt so staubig war. Der Staub war somit nicht weg, sondern kumulierte nur an anderer Stelle. Wieso kam mir da ausgerechnet der Atommüll in den Sinn? Ja klar, der wird auch nur von Zwischenlager zu Zwischenlager gewedelt und ist zwar temporär aus den Augen und aus dem Sinn, aber nicht weg! Ach, was soll`s. Bis dieses Problem wirklich drängend wird, kommt bestimmt ein findiger Wissenschaftler daher, der eine Lösung dafür findet. Wurde nicht unlängst eine Raupe entdeckt, die uns den Plastikmüll vom Halse schafft? Genauso wird es mit den anderen Umweltgiften passieren. Irgendwelche Tierchen oder Bakterien werden entdeckt oder entsprechend gezüchtet, die dann dafür sorgen werden, dass den Herrschern dieses Planeten ein weiter so ermöglicht. Und wenn nicht? Ach, was denke ich da? Unser Planet wird durch unseren überlegenen Geist irgendwann so blitzblank dastehen wie mein Küchenregal, nachdem ich es gründlich poliert hatte. Zufrieden musterte ich meinen Triumph über die lästige Natur. Der morgige Tag kam mir erst gar nicht in den Sinn.

Gaffer

Momentan stehen die Gaffer auf der Liste der meist gehassten Zeitgenossen. Dabei sollte seit der Uraufführung der ersten griechischen Tragödie klar sein, dass wir uns gerne am Unglück anderer ergötzen. Es jagt einem wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken, ohne dass man direkt betroffen wäre. Die Medien nutzen diese Veranlagung gnadenlos aus. Endlos werden Katastrophenfilme gedreht und in den Nachrichten wird jede noch so kleine Meldung, die es irgendwie hergeben könnte, zum Weltuntergangsszenario aufgebauscht. Je mehr Gaffer vor Bildschirm oder Leinwand desto besser! Wir werden quasi zum Gaffen ermuntert. Da sollte es einen nicht weiter wundern, dass manche Zeitgenossen die Fiktion mit der Wirklichkeit verwechseln und eine Massenkarambolage auf der Autobahn wie einen gut gemachten Kinofilm genießen wollen. Das die Popkorn- und Nachoindustrie diese Marktlücke noch nicht entdeckte, wundert mich da mehr. Ganz verlogen wird es, wenn sich in den Nachrichten darüber ereifert wird, dass es Menschen gibt, die diese Unfälle mit dem Handy filmen und prompt wird in einer Endlosschleife eben genau dieses Filmmaterial gezeigt. Wir werden mehr und mehr in die Rolle von Zuschauern gedrängt. Was man nicht alles begaffen muss! Von Fotos mit langweiligen Mahlzeiten bis zu Echtzeitaufnahmen von Bombenangriffen, unser Hang zum Voyeurismus wird unentwegt genährt und da ist es nicht erstaunlich, dass wir untätig und staunend daneben stehen, wenn Handeln angebracht wäre. Wir sind es von Film und Fernsehen gewohnt, dass aus dem Nirgendwo plötzlich der Superheld auftaucht und die Situation rettet. Dadurch brauchen wir immer länger, bevor uns auffällt, dass eventuell einmal eigene Handlungsoptionen angebracht wären. Rettungsgasse bilden? Irgendwer wird es schon tun! Erste Hilfe leisten? Irgendwer wird es schon tun! Selbst das Absetzen eines Notrufes hat keiner mehr auf dem Schirm, da ja irgendwer anders zuständig ist. Schließlich sind wir der Homo Sapiens und nicht der Homo Agens. Wir reflektieren und von Agieren ist nirgendwo die Rede.

Lärm

Leider schenkte uns die Evolution keine Ohrenlider. Am Tag gegen den Lärm sollte uns dies einmal schmerzlich bewusst werden. Wir können uns nicht abschotten gegen ständige Berieselung von außen. Wenn uns nicht der geschwätzige Nachbar auf die Nerven geht, tut es bestimmt die Musikuntermalung im Supermarkt. Was mich nur wundert ist, dass die Wenigsten absolute Stille ertragen können. Selbst dort, wo wir uns der Dauerbeschallung entziehen könnten, in den eigenen vier Wänden, im Auto oder bei der Laufrunde im Park lassen wir unsere Ohren nicht in Ruhe. Wie heißt es so schön? Wenn es draußen leise wird, wird es drinnen laut. Einerseits regen wir uns über Lärm auf, andererseits lenken wir uns andauernd durch selbst gewählten Lärm aller Art ab. Wovon eigentlich? Wäre es so unerträglich den eigenen Gedanken zuhören zu müssen? Bei einer gewissen Anzahl von Menschen kommt da auch nichts zu Gehör, aber ich hoffe doch, dass bei den Meisten von uns eine Stimme existiert, die wir gerne überhörten. Aber, da diese Stimme größtenteils mit dem Gewissen gleich zu setzen ist, übertönen wir sie unentwegt. Es ist ja auch zu langweilig, einer Gedankenspur von Anfang bis zu ihrem ungewissen Ende zu folgen. Oder haben wir einfach Angst vor diesem ungewissen Ende, weil es vielleicht in einer Erkenntnis münden könnte, die nicht unbedingt schmeichelhaft wäre? Wer geht schon gerne in sich, wenn draußen so viel Aufregenderes geboten wird? Die verschiedenen Medien halten uns auf Trab und halten uns gleichzeitig vom Denken ab. Wenn ich jetzt ein Verschwörungstheoretiker wäre, würde ich glatt vermuten, dass dahinter eine bestimmte Absicht steckt. Wenn ich, als Verschwörungstheoretiker, diesen Faden jetzt weiter spinne, könnte ich zu dem Schluss kommen, dass wir daran gehindert werden zu merken, wann uns ein X für ein U vorgemacht wird. In der Kakophonie der Medienpräsenz von simplem Fernseher über das Internet, über das Smartphone bis zum Computerspiel verliert man leicht die Orientierung. Vielleicht ist es dieser Zustand der Verwirrung, den das Silicon Valley anstrebt, um reicher und reicher zu werden. Der Aggressor tarnt sich als freundlicher Unterhalter, der uns weismacht, was wir zu unserem Glück alles brauchen. Und gleichzeitig horcht er uns aus, um zu erfahren, was er uns demnächst noch andrehen kann. Und dies ist dann so lebensnotwendig, dass die Schlangen vor den Läden ähnlich aussehen, wie die Schlangen nach dem Krieg, als die Menschen um Brot anstanden. Wenn ich das jetzt bis zum bitteren Ende durchdächte, verdürbe ich mir den gesamten Tag. Da schau ich doch lieber nach, was auf Facebook so los ist.

Soap operas

Das Leben verkommt komplett zur Farce, wenn eine Superreiche wie Ivanka Trump in Deutschland Vorträge über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf halten will. Stellt sie doch die typische allein Erziehende dar, die sich mit mehreren Minijobs gerade so eben über Wasser hält. Wäre ich zur Stelle, würde ich ihr geradewegs über das reinseidene Modellkleid kotzen, denn ähnlich viel Verlogenheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Und was machen unsere Politgranden? Sie hofieren einem ehemaligen Model, weil der mächtige Papa im Hintergrund lauert. Man will ja keine Cruise Missile auf das Kanzleramt riskieren. So haben Mütter auszusehen! Rank und schlank dank personal Trainer, strahlend Dank Visagisten und Stylisten und mit zahllosen Nannys im Hintergrund, die sich um die lieben Kleinen kümmern. Da erübrigt sich die Zeit, um dem Vater mal eben beim Besuch des chinesischen Staatschefs einflüstern, dafür zu sorgen, dass die eigene Handtaschenfirma in China zum Monopolisten wird. Amerika ist zur gewaltigen Soap opera verkommen. Glanz und Glamour statt Staatsräson. Und, wer nicht spurt, bekommt mal eben eine Bombe auf das widerspenstige Haupt. Ich freue mich schon auf den Kniefall unserer Kanzlerin vor der fleischgewordenen Barbie-Puppe, die die Rolle der First Lady im weißen Haus übernommen hat. Aus America First ist Trump First geworden und der Großteil der Amis merkt es nicht einmal! Wie wäre es mit einem Einreiseverbot in Deutschland? Nicht für Muslime, Allah bewahre, nein, bis ins Mark korrupten Politschranzen wird die Landung in der BRD nicht erlaubt. Das wäre doch mal eine Maßnahme! Das der supergerechte, heilige St. Martin Schulz noch nicht darauf gekommen ist, wundert mich eigentlich. Wer bislang noch in der träumerischen Illusion verharrte, dass Geld die Welt nicht regiert, wird seit Trumps Wahl endgültig aus seiner idealistischen Desorientierung gerissen. Der Traum von einer besseren, gerechteren Welt ist schon seit längerem ad Acta gelegt und existiert nur in spinnerten Hirnen mit Realitätsverweigerung. Und dann verweigert die Politik uns auch noch die Drogen, die das allgemeine Elend erträglicher machen könnten. Aber ich war ja noch bei Ivanka Trump. ich persönlich würde sie ausladen und stattdessen eine allein erziehende Mutter einladen, um einen realitätsnahen Vortrag zu halten, denn man kann sicher davon ausgehen, dass sie weiß, wovon sie redet!

Gedankenchemie

Neulich ist mir etwas seltsames passiert. Die Kaffeemaschine verweigerte ihren Dienst und, da ich es vor dem ersten Kaffee nicht einmal schaffe, mir einen Kaffee zu machen, griff ich, noch nahezu im Tran zu einem Glas mit Instantkaffee. Um mich gründlich aufzumuntern, nahm ich keinen Teelöffel zu Hilfe, um die Körnchen zu dosieren, sondern schüttete eine ordentliche Menge davon direkt aus dem Glas im meine Tasse, sodass diese beinahe halbvoll war. Egal, dachte ich, was muss, das muss und gab eine minimale Menge heißes Wasser dazu. Das Gebräu schmeckte fürchterlich, zeigte aber alsbald Wirkung. Mein Puls begann zu rasen und auf einem Schlag überwach, machte ich mir ob meines Leichtsinns Vorwürfe, denn konnte man nicht mit Koffeinüberdosierungen Herzinfarkte auslösen? Mir brach der kalte Schweiß aus. Wenn ich ein Blutdruckmessgerät zur Hand gehabt hätte, hätte dieses ohne Frage lebensbedrohliche Werte angezeigt. Als Gegenmittel fiel mir nur Kamillentee ein. Ich nahm das Glas mit dem Instantkaffee, um es in den Schrank zurück zu räumen und gegen eine Packung Tee auszutauschen. Dabei fiel mein Blick auf das Etikett. Koffeinfrei stand dort deutlich zu lesen. Was nun? Körperkommando zurück? Hey! Du bist auf den Placeboeffekt hereingefallen! Allein der Gedanke an einen Koffeinschock setzte demnach eine Kaskade von Stresshormonen in Gang. Was mir zu grübeln gab. Wenn die Welt so ist, wie ich sie mir denke, warum setze ich dann nicht Glückshormone in Gang? Und wie ist das umgekehrt? Nahezu jeder kennt den Effekt, dass man sich die langweiligste gesellschaftliche Veranstaltung vergnüglich trinken kann. Erst die Hormone und dann der Gedanke, was aber keine Einbahnstraße zu sein scheint, im Sinne von erst der Gedanke, dann die Hormone. Sind wir demnach Herren unserer Körperchemie? Können wir uns die Welt schön denken und umgekehrt? Wenn wir uns scheinbar grundlos traurig fühlen, wäre da nicht eine Überprüfung unserer Annahmen angebracht? Hilft es, wenn man sich an einen grauen Tag den Himmel blau phantasiert? Und, was nützt ein strahlend blauer Himmel, wenn er in unserer Vorstellung grau erscheint? Und wo ist die Schnittstelle? Wann wird aus einem Gedanken ein chemischer Vorgang? Ist der Gedanke an sich schon ein chemischer Vorgang? Hatte Pipi Langstrumpf recht, als sie sang: »Ich mach mir die Welt-widiwidiwie sie mir gefällt? Ich weiß es nicht, bin mit dem Thema aber lange noch nicht fertig.

BVB

Warum heute Morgen im MoMa in Bezug auf den Bombenanschlag auf den BVB ein Terrorismusexperte zu Wort kam, ist mir schleierhaft. Es hätte doch eher ein Kapitalismusexperte sein müssen. Da hat tatsächlich einer auf fallende Aktien des Dortmunder Vereins gewettet und sich gedacht, es wäre günstig, dafür große Teile der Stammmannschaft aus dem Spiel zu nehmen. Tatmotiv: Gier! Demnach Kapitalismus in Reinform, wenn man so will. Wenn Finanzjongleure die Bevölkerung kompletter Kontinente durch wilde Spekulationen über die Klinge springen lassen, ist dies kaum der Rede wert, denn es gehört eben zum System. Aber ein Angriff auf den Fußball geht gar nicht. Dabei führte dieser Spekulant im Kleinen mal eben vor, was im Großen Tag für Tag zum Geschäft gehört. Es kann mir keiner sagen, dass im globalen Finanzmarkt Opfer nicht billigend in Kauf genommen werden. Kollateralschäden des Börsenhandels. Alles eine große Wette: auf Waffen, Nahrungsmittel und Rohstoffe. Unstillbare Gier auf der Suche nach dem großen Jackpot, und wer auf der Strecke bleibt, ist selber schuld. Eltern wetten auf ihre Kinder, indem sie die Sprösslinge den Bildungsweg nach oben zwingen, denn schließlich soll es der Nachwuchs einmal besser haben. Wobei besser immer ein mehr an Kapital bedeutet. Demnach müsste es den Superreichen am allerbesten gehen. Aber selbst im exklusivsten Jachthafen regt sich der Neid, wenn der Nachbar das größere Boot besitzt. Und wenn man noch so strampelt, die Rechnung Geld=Glück geht nie auf, und die Frage nach einem »genug« können auch nur die wenigsten beantworten. Außerdem macht Reichtum nur durch den Vergleich Spaß. Ohne Beachtung ist auch der schillernde Brillant nicht mehr als gepresster Kohlenstoff und Gold ein Metall, das physikalisch keinen erwähnenswerten Nutzen erzielt. Wertvoll ist in diesem Sinne nur etwas, dem ein Wert zugesprochen wird. Mich würde interessieren, was passierte, wenn sich jeder nur mit dem zufriedengäbe, was er wirklich braucht und seine Befriedigung aus dem Sein und nicht aus dem Haben zöge. Wenn wir kleinen Arbeitsbienen sobald wir genug zu essen und zu trinken haben, nicht weiter nach unerreichbaren Honigtöpfen strebten und einfach in den Tag hinein lebten. Den Börsencrash möchte ich einmal erleben!

Weltraumschrott

Gestern las ich einen einleuchtenden Grund dafür, warum uns bislang noch kein Außerirdischer besuchte. Er kommt bei dem Weltraumschrott, der um die Erde kreist, überhaupt nicht zu uns durch! Meine Theorie lautet ein wenig anders. Vom Weltraum aus betrachtet, ähnelt unsere Erde einer intergalaktischen Mülldeponie und, ich frage Sie, wer gibt als lohnendes Reiseziel schon eine Müllhalde an? Jetzt wird schwer darüber nachgedacht, wie man das Problem in der Umlaufbahn beseitigt. Kontrollierte Abstürze und kosmische Fangnetze stehen zur Diskussion. Dabei wäre auf der Erde bereits genug zu tun. Die Vermüllung der Ozeane und das Atommülldesaster erscheinen wohl zu banal, als dass man ausführlich darüber nachdenken wollte. Es macht ja auch einen gewaltigen Unterschied, ob die Meeresbewohner in Mikroplastik ersticken oder ob ein teurer Satellit mit irgendwelche Altlasten zu kollidieren droht. Die ISS soll sogar gefährdet sein. Was natürlich wichtiger ist, als wenn große Teile der Bevölkerung der Schwellenländer nach und nach durch Wohlstandsschrott vergiftet werden. Die geplante Weltraumaktion erscheint mir so, als wolle man ein Haus bauen und finge beim Dach an. Oder, als würde eine Hausfrau ausschließlich die Decke putzen, während sie unentwegt durch den Unrat auf dem Fußboden stolpert. Anstatt den X-ten Satelliten ins All zu befördern, der uns punktgenau zeigt, wo sich die einzelnen Moleküle in unserem Körper gerade befinden, wären Investitionen in unseren Heimatplaneten weit angebrachter. Jetzt werden in dreijähriger Kleinstarbeit zwei Astronautinnen ausgebildet, von denen eine die ISS besuchen soll. Ich frage mich, wie viele Kinder von den Kosten dieses Unternehmens zum Schulabschluss gebracht werden könnten. Wieso fusseln wir eigentlich im All herum, wenn hier unten so Vieles im argen liegt? Die Frage, ob außerirdisches Leben existiert, ist wichtiger als die Frage, wie lange es irdisches Leben bei dem desolaten Zustand der Erde noch gibt. Da fällt mir »Hans guck in die Luft« aus dem Struwwelpeter ein. Den Blick ausschließlich in höhere Sphären gerichtet, ist er gründlich baden gegangen.

Guide Michelin

Um drei Sterne im Guide Michelin zu erhalten, muss man schon reichlich Firlefanz betreiben. Gestern bekam ich im Fernsehen einen Einblick in die Küche eines derartigen Dekadenztempels. Da wurde an die Spargelstangen ein Zentimetermaß angelegt, um sie auf eine exakte Länge zu bringen. Einzelne Kresseblättchen wurden mit Hilfe einer feinmechanischen Pinzette auf irgendwelche teelöffelgroßen Pürees platziert, die praktisch mit einem Gabelstrich im Mund verschwinden würden. Nun kann es mir ja ziemlich egal sein, wenn es solche Idioten gibt, die für ein Menü, von dem nur das Auge satt wird, locker dreihundert Euro hinblättern. Beunruhigend fand ich nur, dass mein Mann sich diesen Ausflug in die Haute Cuisine mit mir zusammen ansah. Ich vermeinte auch den einen oder anderen missbilligenden Blick im Sinne von »so macht man das« auf mir zu spüren. Er ist ein Fan von Kochsendungen und, je komplizierter das Rezept umso größer sein Drang, es selber einmal auszuprobieren. Da werden Paprikaschoten im Backofen vor gegrillt, um die lästige Außenhaut zu entfernen, die er bislang problemlos mitaß. Alles, was nicht bei drei im Rohzustand in meinem Mund verschwindet, wird karamellisiert, flambiert, gedämpft oder gedünstet und dergleichen Unsinn mehr. Bereits pulverisierte Fertiggewürze gehen schon gleich gar nicht. Nein, es muss die ganze Muskatnuss, das ganze Pfefferkorn sein! Da erleichtert es einem die Lebensmittelindustrie so weit, dass jeder Kochvorgang in zwanzig Minuten erledigt ist, aber mein Gatte macht daraus eine mehrstündige Performance, die reichlich bewundert und gelobt sein will. Hinterher sind sämtliche Geschirrschränke leer, weil ja jede Zutat ihr eigenes Behältnis braucht, um frei vor sich hin atmen zu können, und ich schau mich während seiner Schaffensperiode im Internet schon mal nach neuen Einbauküchen um, weil die Alte nicht mehr zu restaurieren scheint. Ich bin ja ein Fan von Fertiggerichten, da mir das lästige tägliche Kochen obliegt. Warum eine so schweiß- und pulstreibende Tätigkeit wie das Schnipseln ausführen, wenn es Gläser, Dosen und Gefrierprodukte gibt? Noch lieber wären mir Drinks, die man nur anrührt, dreimal täglich zu sich nimmt und voilà!, man ist satt und der Körper ist mit allem versorgt. Da muss die Industrie dringend dran arbeiten, finde ich. Aber ich war ja bei den drei-sternigen Gourmettempeln. Ich persönlich würde sie mit Großleinwänden ausstatten, auf denen Filme über Hungersnotgebiete gezeigt werden. Vielleicht ist es an der Zeit den Guide Michelin durch den Guide African zu ersetzen.

Boykott

Bei den kommerziellen Sendern scheint die Volksabstimmung zu funktionieren. Nachdem RTL bei DSDS – ich liebe Akronyme! – einen talentierten Kandidaten den Auftritt in den Live-Shows, aus welchen Gründen auch immer versagt hatte, brach unter den Fans ein Sturm der Entrüstung los. Absoluter Boykott der Sendung wurde angekündigt und, siehe da, der Kandidat tauchte wieder auf. Geschlossenheit ist eine mächtige Waffe! Schade eigentlich, dass sich junge Menschen nur in solchen Fällen solidarisieren, in denen es um nichts geht. Wenn genug zu essen und zu trinken da ist, die angesagte Kleidung zur Verfügung steht und das Smartphone reibungslos arbeitet, ist die Welt in Ordnung. Ich glaube kaum, dass einer der DSDS-Fans eine Lehre daraus zog, welche Macht einer aufgebrachten Masse innewohnt. Alfonso ist wieder in den Live-Shows, damit ist der Fall abgehakt. Ich stelle mir vor politischer Mahner – wenn wir denn welche hätten – würden sang- und klanglos von der öffentlichen Bühne verschwinden. Erst einmal fiele es keinem auf und zum anderen wäre es keinen Aufreger wert, wenn sie verstummten. Was mich im Allgemeinen auf politisch-moralische Instanzen bringt. Es fallen mir wirklich keine ein, die diesen Titel verdienten. Vielleicht liegt das Desinteresse daran. Selbst der Papst steht einem verschwiegen-korrupten Verein vor und Politiker, egal welcher Couleur sind nicht mehr als Marionetten der Großindustrie. Da kommt einem ein Alfonso, der unbeirrt seinen Traum lebt, tatsächlich wie eine Lichtgestalt vor, für die es sich zu kämpfen und einzustehen lohnt. Nun braucht die Politik keine Lichtgestalten – solche hatten und haben wir schon, sondern Menschen, die meinen, was sie sagen und uneigennützig danach handeln. Davon besitzen wir genug, das Problem ist nur, dass sie sich nicht nach vorne drängen, wie die Blender es tun. Bienengleich halten die Stillen den Staat am Laufen, während die Drohnen im Parlament schwadronieren und bestimmen, wo es lang geht. Dieses Modell ist in der Natur nicht vorgesehen, denn in Tierherden hat derjenige mit der meisten Erfahrung das Sagen. Bienenstaaten überleben nur, weil sie die Drohnen nicht auch noch durchfüttern.
Keiner fragt sich je, warum menschliche Staatenbildung, ob kommunistisch oder kapitalistisch, nicht funktioniert. Weil überall die nutzlosen Drohnen das Volk so regieren, dass sie sich auf Kosten der Arbeiter fett fressen können. Da vergeht einem die Lust an jeglichem Engagement und da sorgt man wenigstens bei DSDS dafür, dass so etwas wie Gerechtigkeit herrscht.

Status quo

Der Mensch ist ein unruhiger Geist. Selbst wenn etwas bewährt ist, kann er es nicht dabei belassen. Ohne Pläne, die ihm nächtlich den Schlaf rauben, scheint er nicht ausgelastet. Ungefähr so, als würde Diogenes wegen eines Splitters von Tonne zu Tonne hüpfen. Oder wie Schopenhauer sinngemäß bemerkt, dass bei Abwesenheit von großen Sorgen, den Menschen die kleinsten Kleinigkeiten auf die Palme bringen. Fragt man irgendjemanden nach seinem größten Wunsch, steht an erster Stelle die Gesundheit. Ist er aber gesund regt er sich von der Tapete angefangen über alles und jeden auf. Ich habe noch keinen gesehen, der im Stau stand und ein glückseliges Lächeln zur Schau trug, weil seine Blutwerte in Ordnung sind. Keiner vor einer Schalterschlange erfreut sich daran, dass er auf zwei gesunden Beinen steht, weil er Stillstand nicht erträgt. Immer muss irgendwas passieren und, wenn wie die meiste Zeit in unserem Leben eben nichts passiert, sorgen wir schon dafür, dass etwas in Gang kommt. Hier bietet sich zunächst an, den Mitmenschen einmal gründlich auf die Nerven zu gehen. Man kann mühelos seinen Hausarzt wegen eingebildeter Wehwehchen belästigen, seinen Nachbarn wegen des grenzwertigen Standes eines Baumes verklagen, am Partner herum kritteln, weil der nicht so will, wie man es selber gerne hätte und, wer Kinder hat, dem gehen die Klagen in Grunde genommen nie aus. Da werden gestandene Lehrer belehrt und ausgebildete Erzieherinnen im Sinne der Eltern erzogen. Jeder, der mit sich, seinem Tun und der Welt zufrieden scheint, ist per Se verdächtig und muss aus seiner Seelenruhe katapultiert werden. Was ist aus dem guten alten »Leben und leben lassen« geworden? Der moderne Mensch verfügt über so viel Freizeit wie keine Generation vor ihm. Das verursacht natürlich Langeweile und anstatt das Beste gegen Langeweile zu tun, nämlich überhaupt nichts, wird so lange darüber nachgedacht, bis man etwas gefunden hat, was einem gegen den Strich geht. Und wer seine Mitmenschen nicht direkt beschimpfen kann, tut es halt über das Internet. Eine der größten Errungenschaften der Kultur ist in meinen Augen der Respekt vor dem anderen und dessen anders sein. Aber da Unterschiede schwer auszuhalten sind wird zurecht geprügelt, bis wir gleiche unter Gleichen sind. Wie langweilig! Mal sehen, wann dem Ersten dieser Zustand auf den Geist geht.