Schaltsekunde von Elke Balthaus-Beiderwellen

Die heutige Nacht ist eine Sekunde länger. Diese sogenannte Schaltsekunde ist ab und an nötig, weil sich die Erde immer langsamer dreht. Da sie es nicht gleichmäßig tut, werden in unregelmäßigen Zeitabständen zusätzliche Sekunden in unseren Tagesablauf eingefügt. Nun mag sich mancher fragen, warum ihn dies interessieren sollte. Was kann und soll man mit dieser kurzen Zeitspanne anfangen? Man sagt kurz »dreiundzwanzig« und schon ist alles vorbei. Aber wer weiß? Vielleicht wurde in diesem Blitzzeitraum die Entscheidung zum Blitzkrieg getroffen. Einstein durchfuhr der Gedankenblitz zur Relativitätstheorie und blitzartig kamen die Menschen darauf, in Jesus Gottes Sohn zu sehen und Mohammed wurde klar, dass er es mit dem Erzengel Gabriel zu tun hat. Kennedy und Chruschtschow fiel ein, dass ein Atomkrieg keine gute Idee wäre und unser erster und letzter Atemzug dauert genau eine Sekunde. Wie man sieht, kann erstaunlich viel passieren.

Gutes wie Schlechtes nach dem Motto: Gib dem Tag eine Sekunde mehr und die Weltgeschichte wird sich verändern. Wie lange dauerte eigentlich der Urknall? Wie sah das Universum in der Sekunde davor – die es ja bekanntlich noch nicht gab – und in der Sekunde danach aus?

Im Sport ist eine Sekunde eine halbe Ewigkeit. Zwischen sportlichen Geschwindigkeiten von einer Sekunde Unterschied liegen Welten! Unser Herzschlag dauert eine Sekunde und wenn diese Sekunde ausbleibt, werden Sie sich schön wundern, wenn Sie morgens nicht mehr aufwachen. Ein Sekundenschlaf hinter dem Steuer hat Konsequenzen, die man sich nicht ausmalen möchte. Ein Chirurg kann in einer Sekunde die Aorta anritzen, ein Sturm einen Ziegel vom Dach wehen oder einen schweren Ast herabstürzen lassen. Wenn sie in einer Sekunde zur falschen Zeit am falschen Ort sind, war es das!

Der Alkoholiker entscheidet in einer Sekunde das erste Glas doch zu trinken; der Fixer setzt sich die Nadel und der Selbstmörder drückt in schlimmsten Fall den Steuerknüppel nach vorne.

Da bleibt mir nur zu sagen: »Genießt die zusätzliche Sekunde und macht keinen Blödsinn!«

 

Wortwahl von Witwe Clausen

Da muss man so alt werden wie ich, um zu lernen, dass man sein Leben lang falsch mit sich sprach. Auf die Wortwahl kommt es an, teilte mir der populärpsychologische Artikel in einer Frauenzeitschrift beim Friseur mit. Da sagte ich ständig zu mir, ich müsse noch dieses und jenes erledigen, anstatt dieses »muss« durch ein »kann« oder »will« zu ersetzen. Ich will dieses und jenes noch tun, gibt mir meine Freiheit wieder. Ich werde nicht vom Zwang getrieben. Noch besser wird es beim »kann«. Ich kann es tun; ich kann es aber auch lassen. Natürlich darf man nicht zu unbedarft mit diesem Worttausch umgehen. Schließlich ist es höflicher bei einer ungebetenen Einladung zu sagen, dass man nicht kommen könne, als zu betonen, dass man nicht kommen wolle. Zu sich darf man aber ruhig ehrlich sein. Ich kann nicht, bedeutet eben schlichtweg: Ich will nicht!

Aus einem: Ich kann jetzt gerade nicht, wird: Ich will im Prinzip überhaupt nicht. Ich kann mich jetzt nicht mit dir unterhalten. Geben Sie diesem Satz einmal die richtige Bedeutung und Ihre Perspektive auf alles verändert sich. Nennen Sie das Kind beim Namen wenigstens still im Kopf und ihre Welt stellt sich auf denselben!

»Mögen« ist auch so ein Larifariwort, das nicht ausdrückt, was man eigentlich meint. Sagen Sie nicht: Ich mag nicht, sondern: Ich hasse es! Geben Sie jedem Gefühl das ehrliche, klare Wort und Sie wissen wieder, was Sie fühlen!

Ich probierte es gleich aus. Ich hasse es, beim Friseur zu sitzen und dämliche Frauenzeitschriften zu lesen. Ich will mir die Haare nicht waschen und legen lassen. Nur damit meine Umgebung nicht findet, ich würde mich vernachlässigen. Friseurbesuche gehen mir gehörig gegen den Strich! Also sprach ich und ging unonduliert zum Friedhof, um meinem Friedrich gehörig den Marsch zu blasen.

 

Renovierung von Paul Wiedebach

Nachdem meine Göttergattin die »Staub-Blogs« las, kann ich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitet. Jeder Satz, den sie ausspricht, beginnt mit den Worten: »Hast du mal gesehen …« Den lieben langen Tag geht das so. »Hast du mal gesehen, wie abgestoßen die Wohnzimmermöbel sind?« »Hast du mal gesehen, wie veraltet unser Schlafzimmer wirkt?« »Hast du mal gesehen, dass ich die Teppiche nicht mehr sauber bekomme?« »Hast du mal gesehen, hast du mal gesehen, hast du mal gesehen!« Ich schaute und schaute und sah: Nichts! Was einer Frau förmlich in die Augen sticht, entzieht sich den Sehorganen des Mannes! Da unsereins stets den Überblick über das Große und Ganze bewahrt, neigen wir zur Kleinigkeiten-Blindheit. Alles eine Frage des Fokus. Warum beherrschen die Männer die Welt? Weil sie sich weder mit demolierten Möbeln, unmodernen Hauseinrichtungen und fleckigen Teppichen abgeben! Ganz zu schweigen von Tapeten, Vorhängen und dergleichen Firlefanz mehr! Wer sich damit aufhält Kieselsteine zu bewegen, wird niemals einen Berg versetzen. So sieht es doch aus! »Und genau deshalb wirkt die Erde wie ein schon lange renovierungsbedürftiger Altbau!«, konterte meine Liebste sofort. »Was im Kleinsten nicht funktioniert, klappt im Großen gleich gar nicht.«

»Du willst doch nicht etwa behaupten, dass wir die Erde retten, indem wir unser Haus erneuern!«

»Nach dem Haus der Garten, nach dem Garten die Straße und nach der Straße das Dorf, die Kreisstadt und die Großstadt. Man muss nur ein Beispiel geben.«

Nun ließ ich bereits die wunderlichsten Argumente über mich ergehen, wenn meine Frau dem Sanierungsdrang anheimfiel, aber dies bedeutete die Krönung. Dann fielen mir die Trümmerfrauen in Berlin nach dem zweiten Weltkrieg ein. Aus den Kieselsteinen der einzelnen Ziegel wurde der Berg unserer Hauptstadt, der langsam wieder der Erosion preisgegeben ist, weil die regierenden Bürgermeister eben Bürgermeister und nicht Bürgermeisterinnen waren. Und woran scheitert der BER? An Kleinigkeiten, die nicht bedacht, nicht beachtet wurden.

»Der Teufel sitzt eben im Detail!«, setzte meine Holde, die mich nicht aus den Augen ließ, noch einen drauf. Ich seufzte. »Okay, wo fangen wir an?« Aber da war meine Frau bereits aufgesprungen.

 

Staub III von Elke Balthaus-Beiderwellen

Als Nächstes steht bei unserer Haussanierung die Hohlraumversiegelung des Mauerwerkes an. Was mich auf den Gedanken bringt, dass eine derartige Versiegelung einigen Zeitgenossen durchaus zum Vorteil gereichen könnte. Eine Dämmschicht, die verhindert, dass ungehindert alles herausströmt, was das ungeordnete Gehirn an Phantasmen fabriziert, wäre wünschenswert und eine Umweltschutzmaßnahme, die ihresgleichen sucht. Schädliche Emissionen werden zuhauf produziert. Es existiert noch nicht einmal ein Ausgleichshandel, denn wenn einer Blödes von sich gibt, fühlt sich mit Bestimmtheit irgendeiner genötigt, noch etwas weit Blöderes obendrauf zu setzen. Auch eine Bedenklichkeitsgrenze für geistigen Schwachsinn wurde noch nicht festgelegt und die gesundheitlichen Folgen der ständigen Exposition von Hirnlosigkeit aller Art blieben bislang unerforscht. Meiner Ansicht nach trägt dies nicht unerheblich zur Modekrankheit Burn-out bei, von der schon Martin Schenk sagte: »Burn-out ist die Erzählung davon, wie wir zusammenbrechen dürfen, ohne uns dafür schämen zu müssen.«

Eine Studie, inwieweit Insassen geschlossener Psychiatrien, unter Agoraphobie Leidende und Autisten sich mehr oder weniger freiwillig dem Irrsinn entzogen, der in der sogenannten normalen Welt im Minutentakt produziert und ohne Materialprüfung exportiert wird, vermisse ich ebenfalls. Ausstöße aller Art werden kontrolliert und reglementiert – ich möchte hier nur an die Raucher erinnern. Sie werden rigoros vor die Tür gesetzt, weil ihre Mitmenschen unter deren neurotischen Fehlverhalten leiden. Aber, was ist mit dem Rest? Warum wird bei geistiger Umweltverschmutzung nicht auch vor die Tür gesetzt, gedämmt oder gefiltert? Ich glaube, es liegt daran, dass sich dann sämtliche Politiker bei jeder Witterung außerhalb von geschlossenen Gebäuden aufhalten müssten.

 

Staub II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Während der Innenbauarbeiten in unserem Hause beging ich den Fehler den Staub zu wegzuwischen, obwohl er zum großen Teil noch durch die Luft wirbelte. Fazit: Alle Anstrengungen waren für die Katz. Und wieder lehrte mich dieses leicht-luftige Material eine gewichtige Lektion für das Leben. Wie oft wollen wir etwas zu einem endgültigen Ergebnis bringen, während sich unsere Gefühlswelt noch in Aufruhr befindet. Anstatt in Ruhe abzuwarten und alles sacken zu lassen, erzwingen wir Zwischenlösungen, die nichts taugen. Nehmen wir einmal die Griechenlandkrise. Sämtliche Verhandlungen kann man regelrecht in den Wind schreiben, solange emotionale Schuldzuweisungen die Hauptrolle spielen. Solange sich die Gefühle »dicht im Raume stoßen« wie Staubpartikel bekommt man keinen glasklaren Konsens und, solange ein Wirbelwind, ein Aufrührer, dazwischen fährt, regiert das Provisorium.

So wenig wie sich ein aufgewühltes Meer kontrollieren lässt, entziehen aufgewühlte Gefühle Situationen jedweder Kontrolle. Selbst Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden sollte.

Daher werde ich, schwer genug, still warten bis sich die Wirbel um mich herum gelegt haben, um erst dann zur sinnvollen Tat zu schreiten. Obwohl es mich in allen Gliedern juckt und zwickt und es mich dazu drängt, aufzuspringen und zwecklos in alle Richtungen gleichzeitig aktiv zu werden. Blinden Aktionismus nennt man dies. Tätig werden um der Tat willen. Damit, wenn schon sonst nichts beruhigt ist, wenigstens das schlechte Gewissen schweigt.

 

Staub von Elke Balthaus-Beiderwellen

»Aus Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden!«(1.Mos. 3:19)

Den tiefen Sinn dieses Bibelverses verstehe ich erst seit einer Woche. Das Haus wird renoviert und ich bin von Staub umnebelt. Er befindet sich auf mir, in mir und rund um mich herum. Auf jede noch so kleine Fläche kann man problemlos mit dem Finger seine momentanen Gedanken notieren. Ein äußerst vergängliches Kunstwerk, das alsbald wieder von einer Staubschicht bedeckt ist. Meine schwarzfelligen Hunde vergrauen und mir graut vor der Sisyphosaufgabe dieses Staubes wieder Herr, bzw., Frau zu werden, wenn der letzte Handwerker die Tür hinter sich, dabei eine Staubwolke aufwirbelnd, schließt. Zwischenzeitlich Staub zu wischen lohnt nicht, wie ich schmerzlich erfahren musste, denn der sich in der Luft befindliche Staub weht und wogt und lässt sich auf gerade polierte Flächen nieder. Also kreiere ich Pollock-mäßige Kritzeleien auf den mir zahllos zur Verfügung stehenden Staubleinwänden. Ist ein Werk misslungen, wische ich es weg, warte ab, bis alles wieder vollgestaubt ist, und beginne von vorne. Gott sei Dank legt sich ein gnädig verbergender Schleier auf meine Brillengläser, den ich nicht wegwische, denn wer will seine Umwelt schon allzu deutlich im Augenschein nehmen, wenn sie der ewigen Vergänglichkeit anheimfällt. Und so tappe ich durch den grauen Nebel des Grauens und erkenne weder Horizont noch klare Linie. Die Konturen verwischen; ich werde eins mit dem Staub und bekomme einen Eindruck davon, was mir nach dem Tode blüht. Wenn ich die gerade getippten Zeilen lese, stelle ich fest, das mein Hirn ebenfalls zu Staub zerfällt. Die graue Substanz assimiliert sich mit ihrer Umgebung. Ich atme tief durch; der Luftstrom in meine Lungen stockt und ich huste Bröckchen. Ich schniefe und schnäuze mich und, was dabei zustande kommt, das zu beschreiben fehlen mir die Worte. Meine Hunde toben durch das Haus. Es bilden sich Staubverwirbelungen, Staubsäulen, ja, komplette Staubwände. Zeitweise ist das wilde Duo meinen Blick entzogen, und ich kann mich der Illusion hingeben, die Staubstöberer wären nicht da. Gerade Satchmo, der große Schweizer taucht dann aber riesig aus dem Nebel auf wie der Hund von Baskerville und ich erschrecke, bevor mir wieder einfällt, was für ein gutmütiger Trottel er ist. Richie, der Minihund erscheint als überdimensionierte Ratte aus der grauen Wolke. Ich springe auf und beruhige mich erst, als er fröhlich mit dem Schwanz wedelt, was Ratten meines Wissens nicht tun. Des Nachts bette ich mein Haupt auf ein Kissen, das mich in Kalkstaub hüllt und morgens muss ich zweimal hinschauen, um zu erkennen, wer der graue Kerl mit der weißen Perrücke da neben mir ist. Im Moment reicht es mir. Ich schnappe mir die Hundeleinen und gehe mit dem Hund von Baskerville und der Riesenratte an die frische Luft.