Prokrastination

Die »Aufschieberitis« ist die neue Volkskrankheit. Bevor man Wichtiges in Angriff nimmt, beschäftigt man sich mit Banalitäten, in der Hoffnung darauf, dass sich die Dinge von selber erledigen. Aussitzen mag in der großen Politik manchmal funktionieren, im Alltag bewährt sich diese Methode leider nicht. Ich muss bis nächste Woche eine Kolumne schreiben und es ist unglaublich, wie viel ich auf einmal in unserem Haus zu tun habe. Dinge, die mich seit Jahrzehnten nicht störten, fallen mir unangenehm ins Auge. Streicharbeiten, Reparaturen aller Art, die lange fällige Entrümpelung des Kellers und meines Schreibtisches, die Instantsetzung des Gartens all dies brennt mir ein Loch in die Hornhaut. Weiterlesen

Sicherheit von Elke Balthaus-Beiderwellen

Der Schrei nach einhundertprozentiger Sicherheit ist laut. Nur, die gibt es nicht im Leben. Selbst wenn ich morgens nicht aufstehe und im Bett bleibe, kann ich nicht sicher sein, dass mir nicht mein Dach auf den Kopf fällt. Beinahe alles, was wir tun, beruht auf dem Vertrauen darauf, dass es gut ausgehen wird, obwohl dieses Vertrauen in keinster Weise gerechtfertigt ist. Die Deutschen haben weltweit das größte Sicherheitsbedürfnis. Nirgendwo werden so viele Versicherungen gegen alle Eventualitäten abgeschlossen wie bei uns. Als ob die Versicherung bereits beinhaltet, dass der Versicherungsfall nicht eintritt. Andererseits ist kaum zu beobachten, dass die Autofahrer sich vor dem Einsteigen darüber versichern, ob sich auch alle Reifen am Auto befinden. Die meisten steigen ein und fahren einfach los, in der Annahme, dass schon alles in Ordnung sein wird. Wir steigen in Taxis, Busse, Eisenbahnen und Flugzeuge, ohne vorher ein ausführliches Gespräch mit dem jeweiligen Fahrzeugführer geführt zu haben. Wir vertauen wildfremden Menschen unser Leben, unsere Kinder und unser Geld an, ohne weiter darüber nachzudenken. Warum? Weil wir müssen, denn, wenn man sich vor jeder Handlung alle möglichen Folgen vor Augen führt, wird man handlungsunfähig. Jeder kennt die Zwangsneurotiker, die sich endlose Male darüber Gewissheit verschaffen müssen, ob der Herd ausgeschaltet und ob die Haustür abgeschlossen ist. Angst vor Infektionen kann in stundenlangem Händewaschen und in der Vermeidung öffentlicher Plätze enden. Der angebliche Selbstmord des Copiloten des Germanwingspiloten ist tragisch, aber ein äußerst seltener Einzelfall. Laut Schätzungen ist dies in der Geschichte der Luftfahrt neun Mal vorgekommen. Trotzdem wird fröhlich weiter in Flugzeuge gestiegen. Auf den Straßen gibt es zahllose tödliche Unfälle, aber wer macht sich darüber schon Gedanken, wenn er den Zündschlüssel umdreht? Wie viele Geisterfahrer nur in Selbstmordabsicht unterwegs sind, darum kümmert sich kein Mensch. Die Menschen in Deutschland essen und trinken zu viel und bewegen sich kaum, aber keiner rechnet damit, dass ihn die häufigste Todesursache von allem trifft, die Erkrankung des Herz- Kreislaufsystems. Dabei handelt es sich hierbei um vermeidbare Risiken. Das Leben ist vor allen Dingen eines: lebensgefährlich. Wir gehen, wenn wir aus dem Haus treten, das Risiko ein, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Die Alternative wäre der totale Rückzug, aber diese Taktik wäre auch kein Leben mehr.

 

Absturz von Elke Balthaus-Beiderwellen

Seit dem Flugzeugabsturz der Germanwingsmaschine sah ich dermaßen viele Luftfahrtexperten, Seelsorger und Traumapsychologen, dass es mir für den Rest meines Lebens reicht. Ich hörte wilde Theorien, kann die Absturzstelle aus dem Gedächtnis zeichnen und lauschte so vielen betroffenen Politikern, dass ich sie gar nicht mehr auseinanderhalten kann. Die Medien kennen nur noch ein Thema, die Sondersendungen überschlagen sich und wer auch nur vor Jahrzehnten etwas mit einem Flugzeug oder einen schweren Verlust zu tun hatte, wird vor die Kamera gezerrt. Weiterlesen

Germanwings

Fassungslosigkeit ist das dominierende Gefühl. Das Erstaunen darüber, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Die Tatsache, dass es eine ganze Schulklasse ausgelöscht hat, konfrontiert alle Eltern mit ihrer Urangst, dass dem eigenen Kind etwas passieren könnte. Ich verbrachte Zeiten in Angst, wenn meine Töchter aus dem Haus waren und ich Alarmsirenen von Polizei und Feuerwehr hörte. Wenn dann der verhängnisvolle Anruf ausblieb, dachte ich: Noch mal gut gegangen und ging zur Tagesordnung über. Bei uns an den Landstraßen stehen unzählige Kreuze, die daran erinnern, dass hier ein junger Mensch sein Leben ließ. Er stieg morgens fröhlich in seinen Wagen, man verabschiedete ihn flüchtig und er kehrte nie zurück. Jeder Abschied kann ein Abschied für immer sein, das wollen wir nicht wahr haben. Weiterlesen

Heiler von Dr.Bremer

Gestern Abend machte ich einen entscheidenden Fehler. Ich sah mir erst Beckmann und dann Hart aber fair an. In beiden Sendungen ging es um medizinische Scharlatane, wie Geistheiler und Heilpraktiker. Fazit: Der Schamanismus ist nicht auszurotten! Magisches Denken beherrscht die Menschen. Anders ist es mir nicht zu erklären, warum überprüfter Wissenschaft zunehmend misstraut wird und die Menschen scharenweise ominösen, von jeglicher medizinischer Kenntnis befreiten, selbsternannten Heilern hinterherlaufen. Weiterlesen

Tatort von Elke Balthaus-Beiderwellen

Warum können Geschichten nicht einfach mehr ordentlich von Anfang bis Ende erzählt werden? Warum muss ich mich mühsam durch unzählige Handlungsstränge quälen, zu denen auch das verkorkste Leben der Kommissare gehört? Warum weiß ich nie, woran ich bei wem bin und muss mir zusammenreimen, worum es gehen könnte? Weiterlesen

Gefriergut Von Elke Balthaus-Beiderwellen

Heute Morgen gab es im MoMa einen »Gefrierschrankcheck«. Menschen öffneten vor den Augen einer Lebensmittelexpertin ihre Tiefkühlabteilung. Das Chaos, was sich dort offenbarte war Balsam für meine Seele, denn das Gefriergut betreffend, scheine ich nicht der Einzige »aus den Augen aus dem Sinn Typ zu sein«. Wer kennt das nicht? Man kaufte zu viel ein, das schlechte Gewissen meldet sich, denn man will keine Lebensmittel wegwerfen; was tut man also? Ab damit in die Kühltruhe. Man stopft immer mehr hinein, legt die momentanen Probleme sprichwörtlich auf Eis, und sobald man die Kühltruhe mit Mühe wieder zubekommen hat, verdrängt man komplett, was sich dort alles seit Jahren stapelt. Weiterlesen

Doping von Elke Balthaus-Beiderwellen

Überall wird gedopt. Ob im professionellen Sport, ob bei den Amateuren und jetzt auch noch am Arbeitsplatz. Wen wundert es. Unser steinzeitlicher Körper hält dem ständigen höher, schneller, weiter, dem pausenlosen Wachstum und der technischen Entwicklung nicht mehr stand. Wir werden zu Selbstoptimierern und wo natürliche Ressourcen nicht mehr ausreichen, wird halt zur Pille gegriffen. Die Alarmsignale des überforderten Körper und des ausgebrannten Geistes, werden mit Medikamenten zugeschüttet, denn was ich nicht merke, existiert nicht! Weiterlesen

Manöver von Witwe Clausen

Wenn Putin und die Nato meine Enkel wären, würde ich sie auf die »stille Treppe« verweisen. Nun gut, Putin hat das Schäufelchen Krim entgegen dem Völkerrecht an sich gerissen, aber die Nato tut jetzt so, als wolle er den ganzen Sandkasten erobern. Jetzt fahren beide Seiten im Schwarzen Meer auf, was das Militär nur hergibt, um Präsenz, Macht und Stärke unter Beweis zu stellen. Den Nato-Generälen geht sichtlich »einer ab«, haben sie doch jetzt wieder ein eindeutiges Feindbild. Hurra, der kalte Krieg erlebt seine Renaissance. Weiterlesen

Hundegesetz von Elke Balthaus-Beiderwellen

Eigentlich wollte ich heute Morgen lediglich unseren neuen Hausbewohner Satchmo – eine großen Schweizer Sennhund – bei der Gemeinde anmelden. Bekam dann aber erst einmal jede Menge Hundekotbeutel in die Hand gedrückt und einen umfangreichen Merkzettel zum neuen Hundegesetz in Niedersachsen. Danach müssen alle Hunde einen elektronischen Chip (Transponder) eingesetzt bekommen (§ 4 NHundG). Hat er bereits, dachte ich erleichtert. Dann muss eine Tierhalterhaftpflichtversicherung mit der Mindestversicherungssumme von 500.000 Euro für Personenschäden und von 250.000 Euro für Sachschäden abgeschlossen werden( 5 NHundG) – also erst einmal gleich meine Versicherungsmaklerin anrufen, ob diese Summen gedeckt sind. Dann braucht man seit neuestem einen als Hundeführerschein bezeichneten Sachkundenachweis für alle Hunde gemäß § 3 NHundG. Hierzu müssen eine theoretische und praktische Sachkundeprüfung bestanden werden. Brauche ich jetzt nicht, weil ich seit 1994 lückenlos Hundebesitzerin bin und man mir zutraut, dass ich mit den Viechern umgehen kann. Den letzten Punkt muss ich aber noch für unsere beiden Hunde erfüllen, nämlich sie beim niedersächsischen Hunderegister eintragen lassen. Hätte ich mir doch einen Kanarienvogel angeschafft! Weiterlesen