„Läuft bei dir“ von Elke Balthaus-Beiderwellen

Es läuft so manches. Was den Einsatz von Personalpronomen betrifft, läuft es in die falsche Richtung, was die Konjugation von Verben angeht, läuft einiges aus dem Ruder, und in Bezug auf den bestimmten Artikel läuft so manches gegen die Wand. In der deutschen Sprache läuft vieles grundverkehrt, läuft daneben oder läuft ins Aus. Egal, Hauptsache »läuft bei dir«, was so viel heißen soll, wie: Du hast deine, dir gestellten Aufgaben ausgezeichnet erledigt, dein Leben befindet sich in vollkommener Ordnung, und es könnte nicht besser sein. Natürlich ist es unnütze Zeitvergeudung, diesen Zustand, der beim Menschen arg befristet ist, derart umständlich zu beschreiben. Wenn man Pech hat, hält dieses paradiesische Einssein mit sich und der Welt nur so lange an, wie dessen Beschreibung dauert. Da ist es schon besser, man formuliert es kurz und bündig, um etwas auszudrücken, was in dem Moment, in dem man es ausdrückt, noch Aktualität besitzt. Man kann es auch als Frage benutzen. Läuft bei dir? Antwort: Läuft bei mir. Ganze Romane wurden über diese Sechswortkommunikation geschrieben. Tolstois »Krieg und Frieden« hätte in eine knappe Zeile gepasst. Er hätte sein Jahrhundertwerk problemlos twittern oder als SMS versenden können. »Der Herr der Ringe«, «Das Lied von Feuer und Eis«, um auch dem Fantasiegenre gerecht zu werden, seitenlang quälten wir uns durch die Story, dabei wäre es mit sechs Worten getan gewesen. Jahrelange, letztendlich erfolgreiche(?) Psychoanalyse, sechs Worte reichen! Stundenlange Eheberatungen gehören der Vergangenheit an, denn entweder läuft, oder läuft nicht! Warum noch drei Worte auf den Zustand der Glückseligkeit verschwenden? »Läuft« reicht! Man stelle sich vor, man trifft einen Bekannten. Zuruf ist mehr als genug. Läuft? Läuft! Es ist auf alles anzuwenden, auf die Ehe, auf die Kinder, die Gesundheit, das Berufsleben und sogar auf das Auto und das Smartphone. Jedenfalls bin ich froh, dass ich jetzt Bescheid weiß, denn hätte vorher jemand »läuft bei dir« zu mir gesagt, hätte ich sofort nach einem Taschentuch gesucht.

 

Jugendsprache von Witwe Clausen

Das mache ich jetzt auch! Ich erfinde meine eigene Sprache! Meine Enkel verstehe ich schon lange nicht mehr, da sie wöchentlich mit Wortneuschöpfungen aufwarten. Letztens schwatzten sie mir die DVD »Fuck ju Goethe« auf, und ich muss sagen: ich habe die Jugendlichen in dem Film nicht verstanden. Ich habe sogar teilweise die Lehrer nicht verstanden. Was zum einen daran liegen kann, dass unsere sogenannten Schauspieler keine Sprechausbildung mehr erhalten und nur vor sich hinnuscheln. Zum Anderen an dem bereits erwähnten Wortsalat und zum Dritten, bitte schön, auch daran, dass ich vielleicht langsam ein Hörgerät brauche. Jedenfalls erklärten meine Enkel mir bei ihrem letzten Besuch, sie würden gerne tebartzen, was so viel wie, auf großen Fuß oder über seine Verhältnisse leben bedeutet. Ich erfuhr auch, dass bei Menschen mit Immatrikulationshintergrund jede praktische Veranlagung fehlt, sie also zwangläufig studieren müssten. Nun sind mir Menschen mit Immigrationshintergrund auch nicht gerade als die großen Praktiker präsent und wenn, dann auf den falschen Gebieten. Wichtige Termine verchillt man, was dem einfachen Vergessen vorzuziehen ist, da man die Zeit wenigstens für das Abhängen benutzte. Verwirrend fand ich es auch, dass mein Enkel jede meiner tiefsinnigen Bemerkungen mit lol kommentierte, bis ich dahinter kam, was es bedeutet und er ordentlich eins hinter die Löffel bekam. Dabei fällt mir gerade ein, dass ich keine neue Sprache erfinden muss; ich verwende einfach die Alte und werde fürderhin dem Neusprech der Jungen kontra geben. Da ich altbacken statt retro bin, ist meinem Ansinnen sicher eine große Zukunft geweiht, bis ich dahin scheide, bzw., abkratze. Für jemanden schwärmen hört sich für mich weit besser an, als auf jemanden abfahren oder stehen, oder Bock haben. Und wenn zwei Herzen im Gleichtakt verschmelzen, klingt das nach höheren Weihen als das F-Wort. Alles, was wieder die menschliche Natur erscheint, ist heute voll schwul, wie Dieter Nuhr bereits erwähnte, der zwei Jugendliche belauschte und zu hören bekam:« Frauen ficken ist doch voll schwul, eh.« Schleierhaft ist mir auch, ob der Satz: Isch fick disch, eine Liebeserklärung beinhaltet. Dermaleinst wird sich die heutige Jugend wieder auf eine gemeinsame Sprache besinnen, denn die Gedanken werden sich »eng im Raume stoßen«, wenn sie nicht mehr formulierbar sind. So lange, bis die Wortverknappung unweigerlich in der Gedankenverknappung mündet, wie jeder weiß, der sich seinen Orwell in der Schule gründlich zu »Gemüte« führte. Was gibt es Schlimmeres, als einem Gefühl keinen Ausdruck verleihen zu können, einfach, weil einem die Worte dafür fehlen. Man kann natürlich heulen, kreischen oder grunzen, was in meinen Augen aber einen epochalen Rückschritt darstellt.

Weihnachtsdekoration von Elke Balthaus-Beiderwellen

Gerade sah ich erschrocken auf den Kalender, wie man sonst nur erschrocken auf die Uhr schaut. Sonntag ist der erste Advent und bei mir brennt noch kein Lichtlein, kein Räuchermännchen qualmt vor sich hin, von Weihnachtsduftkerzen ganz einmal abgesehen. Ich muss in den rummeligen Keller und Selbstgebasteltes aus Jahrzehnten hervorkramen. »Mama, wo ist eigentlich der Engel, den ich dir im Kindergarten gebastelt habe?«, fragt meine achtundzwanzigjährige Tochter. Weiterlesen

Toleranz II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Toleranz II

Es ist nicht zu fassen! Gestern hörte ich im Fernsehen, dass ein Chefarzt eines katholischen Krankenhauses rechtmäßig entlassen wurde, da er geschieden und wiederverheiratet ist, und keine zwei Minuten später vernahm ich die Worte von Franziskus I: »Gott verzeiht immer, der Mensch manchmal, die Natur nie.« Zwar vermeldete er diese Worte in Bezug auf die Umwelt, aber auch im priesterlich zwischenmenschlichen Bereich wären sie durchaus angebracht. Besonders der letzte Teil dieser theologisch-philosophischen Äußerung weckte meine Aufmerksamkeit. »Die Natur verzeiht nie.« Was ist mit der menschlichen Natur? Dass man evolutionär-genetische Prägungen nicht unterdrücken kann, beweist die Priesterschaft zur Genüge. Macht aber auch nichts, weil laut Franziskus Gott immer verzeiht. Da wird das Papstamt gottgleich erhöht, denn schließlich haben wir es mit dem Stellvertreter Christi auf Erden zu tun und mit einem Satz beweist der Papst, dass er von göttlicher Größe noch meilenweit entfernt ist. Die Kardinäle sind weiterhin nur Menschen; sie verzeihen nur manchmal, was heißt, nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt. Was zwingend beweist, dass Keuschheit, Gehorsam und Armut (!) nicht der Königsweg sind, Gott näher zu kommen. Da schwören sie allem zutiefst menschlichen ab und landen trotzdem in einer Sackgasse. Tragisch, irgendwie. Eine derartige Askese ist bereits an sich verdächtig. Selbstüberhöht darf man auf andere, die ihren Trieben hilflos ausgeliefert sind, herabschauen und ihnen sagen, wo es lang zu gehen hat. Wenn Gott immer verzeiht, ergeben die Dogmen der Kirche überhaupt keinen Sinn mehr. Im Prinzip hat sich der Papst durch seine Äußerung als Schabowski der katholischen Kirche erwiesen. Es hätte nur jemand fragen müssen, ab wann diese Regelung zu gelten hat. Wenn Franziskus I dann verwirrt auf seinen Zettel gesehen und gestottert hätte: »So wie ich das sehe, ab sofort«, hätten alle Schwulen, Lesben, Priester mit Kindern, Geschiedenen, Wiederverheirateten und anderweitig »Verirrten« sofort offen freien Zutritt zum Abendmahl verlangen sollen. Das wäre eine ähnliche Party im Vatikan geworden, wie damals auf der Berliner Mauer! Und aus dem »die Mauer muss weg« wäre endlich ein »die Mauer ist weg« geworden. Zu schön, um wahr zu sein, aber man wird doch einmal träumen dürfen!

Toleranz von Dr. Bremer

Was diese Tugend betrifft, wird sich gerne im Schwarz-Weiß-Bereich bewegt. Es gibt die Toleranten, deren Einstellung an Dummheit grenzt, und die Intoleranten, denen dementieller Starrsinn nachgesagt werden kann. Im Mittelfeld befinden sich die Opportunen, die sich dem unterordnen, was gerade en vogue ist. So wird am Stammtisch jeder zum dementiellen Starrkopf, während bei der Love-Parade jeder verdummt. Äußerst tolerant ist auch derjenige, der weit weg von sozialen Brennpunkten lebt, aber je näher die Gefahrenzone kommt, desto intoleranter wird man. Was mich dazu brachte, darüber nachzudenken, wie tolerant ich eigentlich bin. Erschreckt stellte ich fest, dass ich zu den Opportunen gehöre. In »Rechter Runde« wage ich zu sagen, was ich manchmal denke. Sitze ich mit gewohnheitsbetroffenen Berufstoleranten zusammen, kommt dieses Konzept durcheinander. Bei den »Rechten« überkommt mich das Gefühl, die sozial Benachteiligten verteidigen zu müssen, während mir bei den »Linken« erzkonservatives Gedankengut in den Kopf schießt. Ja, wie denn nun? Das Problem ist der Sprachgebrauch. »Die, alle, jeder von denen, statistisch gesehen und so ist da nun einmal« und schon sitzt man in der Falle. Ich habe nun die Formulierungen auf mich angewendet. DIE Ärzte sind nur am Geld interessiert. ALLE kommen sich vor, wie Halbgötter in weiß. JEDER VON DENEN ist Millionär. STATISTISCH GESEHEN handelt es sich um die bestverdienende Berufsgruppe – wenn man ehrliche Arbeit zugrunde legt -. Ärzte interessieren sich nicht für den Patienten; SO IST DAS NUN EINMAL. Dies würde ich mir aber heftig verbitten! Wenn Sie in der Lage sind, mir zwei original gleiche Charaktere zu präsentieren, behandele ich Sie ein Jahr umsonst. Selbst eineiige Zwillinge sind, was den Charakter betrifft, vollkommen unterschiedlich. Einer von beiden ist der Dominante und der andere fügt sich eben. Wir sind Einzelpersonen! Man kann das  aber noch ausweiten. Die Männer sind nur an Sex interessiert. Alle kommen sich vor, wie die Platzhirschen. Jeder von denen würde fremdgehen, wenn er könnte. Statistisch gesehen ist der Mann jenseits der Sechzig impotent. Männer können nicht zuhören; so ist das nun einmal. Jetzt die Frauen. Die Frauen sind nur an Schuhen interessiert. Alle bekommen vor dem Sex Kopfschmerzen. Jede von denen würde die Beine breit machen, wenn die Geldmenge nur groß genug wäre. Statistisch gesehen bekommt die deutsche Frau 1,4 Kinder. Frauen sind Quasselstrippen; so ist das nun einmal. Dies könnte ich jetzt in extenso weiter treiben; der Wahrheitsgehalt meiner Behauptungen nähme nicht zu. Andere Menschen sind nicht besser, nicht schlechter, nicht genau so wie ich – jetzt wollte ich zunächst wir schreiben, was natürlich auch eine Verallgemeinerung ist, sondern sie sind nur Menschen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Welttag des Mannes von Paul Wiedebach

Meine Frau interessiert sich für »Welttage«. Deswegen beobachtete ich sie am Frühstückstisch ganz genau. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. »Na?«, fragte ich. »Was, na?«, war die Antwort, also, wie üblich eine Gegenfrage. »Na, welcher Welttag ist heute?« »Keine Ahnung. Warum?« »Heute ist Welttag des Mannes!« »Ach und welche Männer werden gewürdigt? Dschingis Khan, Mao, Stalin, Hitler und Goebbels?« »Nein, solche, wie Sokrates, Aristoteles, Newton, Einstein, meine Wenigkeit und Freud«, kam es ziemlich giftig von mir. »Geh mir weg mit Freud. Hat der den Frauen nicht die Hysterie angedichtet?« War ja klar, dass sie an einem meiner Helden etwas auszusetzen hat. »Wie kommst du eigentlich in diese illustre Reihe«, wollte sie tatsächlich wissen. »Vielleicht, weil ich ein Mann bin und Männer unendlich viel leisten, sich von den Frauen trotzdem auf der Nase herumtanzen lassen, weil diese immer nur ihre lackierten Fingernägel auf unsere Fehler und nicht auf unsere Vorzüge legen.« »Als da wären?« »Als da wären, was?« »Ja, deine Vorzüge, natürlich.« Sie grinste mich an, stand auf und ließ mich mit dieser Thematik allein. Sofort holte ich mir etwas zu schreiben und saß danach, auf meinem Kugelschreiber kauend, lange vor dem leeren Blatt Papier. Als Mann bin ich schon per se bewunderungswürdig, schrieb ich schließlich, denn es waren Männer, die die Welt dahin gebracht haben, wo sie heute steht. Nach kurzer Überlegung, strich ich diese Zeilen aber wieder. Männer sind den Frauen in der Wissenschaft überlegen, notierte ich, dachte an Lise Meitner und Marie Curie und strich diese Zeilen ebenfalls. Männer sind den Frauen körperlich überlegen, war das Nächste, dann fiel mir ein, wie Männer diese Tatsache schändlich ausnutzen, und kritzelte diesen Satz vehement aus. Männer sind geborene Führungspersönlichkeiten, stand jetzt auf meinem Blatt, aber dann verglich ich Merkel mit Mehdorn und kringelte alles über. Eine geschlagene Stunde später fürchtete sich einsam der Satz: Männer sind die besseren Fahrer auf dem Papier, wobei mir einfiel, dass ich lange nicht überprüft hatte, wie hoch mein Punktekonto in Flensburg ist. Also, weg damit! »Wir können im Stehen pinkeln«, dies zu notieren, kam mir reichlich blöd vor. »Wir können immer, dank Viagra«, erschien mir noch blöder. »Männer haben keine Angst und weinen nicht«, war der größte Schwachsinn überhaupt.

»Na? Was hast du denn Schönes aufgeschrieben?«, kam meine Frau in die Küche zurück, beugte sich über meine Schulter und schaute sich meinen zerkritzelten und zerkrakelten Zettel an. »Ja, wegen dieser möglichen Einsichtsfähigkeit und gelegentlich aufblitzenden Reflektiertheit, werdet ihr von uns geliebt.« Sie setzte sich auf meinen Schoß und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Das ist schon einen Welttag des Mannes wert!«

Süchte von Elke Balthaus-Beiderwellen

Meine Kaffeemaschine ist kaputt. Nicht, dass ich um diese Zeit unbedingt einen Kaffee bräuchte, aber allein die Aussicht darauf, mir im Moment keinen ziehen zu können, weckt die unbändige Sehnsucht nach Koffein in mir. Genauso ist es beim Rauchen. Vor einem Langstreckenflug qualme ich wie ein Schlot, weil ich Ewigkeiten lang ohne Nikotin auskommen muss. Oder planen Sie einmal eine Diät und beobachten Sie Ihren Heißhunger auf Verbotenes. Bei den AA`s ist es ein bewährter Trick, sich unentwegt zu sagen, dass man nur den heutigen Tag trocken überleben muss, und da das Leben aus lauter heutigen Tagen besteht, hangelt man sich so durch die Jahre. »Heute das erste Glas stehen lassen!« Was Morgen ist, weiß man nicht. Mit diesem Trick lässt sich das Hirn einigermaßen beruhigen. Was mich in Bezug auf meine Kaffeemaschine keinen Schritt weiter bringt. Hektisch durchsuche ich die Küchenschränke nach Instantkaffee, und siehe da; ich finde drei halbvolle Gläser. Wie diese Konstellation jetzt zustande gekommen ist, kann ich nicht sagen, aber ein Notkaffee steht jedenfalls zur Verfügung. Ich könnte mir demnach einen kochen, müsste dafür aber Wasser aufsetzen, wozu ich keine Lust habe und außerdem ist mein Kaffeedurst verschwunden. Wie bei den Zigaretten. Wenn ich noch zwei Schachteln in Reserve habe, rauche ich weniger, als wenn nur noch drei Glimmstängel vorhanden sind. Genauso ist es mit der Zeit. Unter Zeitdruck schaffe ich weniger, als wenn ich mir sage, dass ich alle Zeit der Welt besitze. Es ist ein Phänomen. Je langsamer ich mich bewege, desto langsamer vergeht die Zeit. Warum werden unsere Alten immer hektischer und getriebener? Setzt allein die Aussicht auf eine begrenzte Restzeit unsere »aktiven Senioren« unter Druck? Muss ein ganzes Leben in die Zeit gestopft werden, die der Kontemplation vorbehalten sein sollte? Saugen sie aus diesem Grund das Letzte aus ihren Tagen, weil der Langstreckenflug in die Ewigkeit bevorsteht? Steht uns ein allgemeiner Alterswahn bevor? Oder würde es wie bei den AA`s helfen, sich täglich zu sagen, dass man den heutigen Tag überleben wird? Nehmen wir einmal meinen Instantkaffee. Allein sein Anblick beendete meine Koffeinsucht. Vielleicht braucht jeder von uns sein eigenes Instantkaffeeäquivalent, um endlich ein wenig ruhiger zu werden. Ganz in dem Sinne, dass letztendlich so viel von allem da ist, dass man sich fragen kann, ob man es überhaupt braucht. »Mangel macht eben hibbelig«, selbst der eingebildete.

Glauben von Paul Wiedebach

Wir sind alle gläubige Menschen. Aufgefallen ist es mir, als ein Test ergab, dass 40 % der Dämmmaterialien, mit denen wir brav unsere Häuser einpacken, nicht den Anforderungen entsprechen. Wir glauben alles und allen. Dem Banker die profitable Geldanlage, dem Steuerfachmann die Steuererklärung und dem Lehrer in Gemeinschaft mit dem Ergotherapeuten, dass unser Kind ADHS hat. Wir glauben dem Dachdecker, dass unser Flachdach nun endlich dicht ist. Wir kaufen der Autowerkstatt alle erforderlichen Reparaturen und teuren Ersatzteile ab, und wir lassen uns von einem lange verkalkten Hausarzt behandeln, weil wir ihn schon immer konsultierten. Wir glauben unserem Arbeitgeber, dass wir noch nicht kompetent genug für eine Beförderung sind, nehmen unseren Ehepartnern den Beistand in schlechten Zeiten ab und glauben, dass aus unseren mittlerweile vierzigjährigen Kindern doch noch etwas wird. Wir glauben weiterhin, dass in Verpackungen ist, was draufsteht und wir glauben an faire Arbeitsbedingungen bei Billigimporten aus dem fernen Ausland. Was mich fast schon zu der Ansicht bringt, dass der Glauben eine Hirnfunktion ist, die uns am Leben erhält. Wir glauben fest daran, unseren nächsten Geburtstag noch zu erleben, doch wissen können wir nur, was jetzt, in diesem Moment in unserer unmittelbaren Umgebung geschieht, obwohl wir dies auch nur eher flüchtig erfassen und unser Hirn einiges nur konstruiert, weil es einen stimmigen Ablauf braucht. Wir wissen nicht, ob der Traum die Realität und das, was wir für die Realität halten nur der Traum ist. Dass sich der Wasserfleck an der Decke unter dem Flachdach weiter ausbreitet, halte ich allerdings für Realität und ärgere mich ob meines Leichtglaubens. Meines Erachtens der Hauptgrund für Ärger, der Leichtgläubigkeit überführt zu werden. Da würden wir auf der Stelle alle Fachleute lynchen, wenn sie zur Stelle wären. Ein Problem, das durchaus vermeidbar wäre, wenn alle einmal, auch die selbsternannten Genies unter uns, gemeinsam den Satz übten: »Ich weiß es im Moment nicht!« Wären Sie beleidigt, wenn ein Fachmann zu ihnen sagte: »Ich weiß es im Moment nicht, aber ich mache mich gerne für Sie schlau.« Meine Großmutter pflegte immer zu sagen: «Für dumm verkaufen, kann ich mich selber, das brauchst du nicht zu tun.« Wenn ich mir meinen Wasserfleck so betrachte, werde ich diesen Satz in Zukunft viel häufiger zum Einsatz bringen. Kostenvoranschlag beim Zahnarzt oder in der Autowerkstatt? »Für dumm verkaufen …« Die Gesichter möchte ich sehen! Auf der Arbeitsstelle rechts von einem Dussel überholt werden? »…, kann ich mich selber, das brauchen Sie nicht zu tun!«, lässt bestimmt den Mund des Chefs offen stehen. Natürlich besteht auch die Gefahr auf der Stelle gekündigt zu werden, aber man wurde wenigstens nicht »für dumm verkauft« und ist den latent schwelenden Ärger los. Andererseits bringt es eine enorme Erleichterung mir sich, zu sagen: »Ich weiß es im Moment nicht.« Halten Sie dies einmal konsequent durch. Alle, die sowieso nicht an einer Antwort Ihrerseits interessiert sind, gehen Ihnen in Zukunft bestimmt nicht mehr auf die Nerven! Zwei einfache Sätze und das Leben wird um Vieles leichter.

Sterbehilfe von Dr. Bremer

Heute Morgen musste ich mir wieder anhören, dass die Ärzteschaft schließlich an ihren Eid gebunden sei. Da plapperte einer herum, ohne recherchiert zu haben. Noch einmal langsam und zum Mitschreiben: Ärzte schwören den Eid des Hypokrates nicht! Hier ist er übrigens (Quelle ArztWiki): Ich schwöre bei Appollon dem Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und allen Göttern und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen rufe, daß ich nach meinem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Vereinbarung erfüllen werde: Den, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleichzuachten meinen Eltern und ihm an dem Lebensunterhalt Gemeinschaft zu geben und ihn Anteil nehmen zu lassen an dem Lebensnotwendigen, wenn er dessen bedarf, und das Geschlecht, das von ihm stammt, meinen männlichen Geschwistern gleichzustellen und sie diese Kunst zu lehren, wenn es ihr Wunsch ist, sie zu erlernen ohne Entgelt und Vereinbarung und an Rat und Vortrag und jeder sonstigen Belehrung teilnehmen zu lassen meine und meines Lehrers Söhne sowie diejenigen Schüler, die durch Vereinbarung gebunden und vereidigt sind nach ärztlichem Brauch, jedoch keinen anderen. Die Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meinem Vermögen und Urteil, mich davon fernhalten, Verordnungen zu treffen zu verderblichem Schaden und Unrecht. Ich werde niemandem, auch auf eine Bitte nicht, ein tödlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen; gleicherweise werde ich keiner Frau ein fruchtabtreibens Zäpfchen geben: Heilig und fromm werde ich mein Leben bewahren und meine Kunst. Ich werde niemals Kranke schneiden, die an Blasenstein leiden, sondern dies den Männern überlassen, die dies Gewerbe versehen. In welches Haus immer ich eintrete, eintreten werde ich zum Nutzen des Kranken, frei von jedem willkürlichen Unrecht und jeder Schädigung und den Werken der Lust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven. Was immer ich sehe und höre, bei der Behandlung oder außerhalb der Behandlung, im Leben der Menschen, so werde ich von dem, was niemals nach draußen ausgeplaudert werden soll, schweigen, indem ich alles Derartige als solches betrachte, das nicht ausgesprochen werden darf. Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht breche, so möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg beschieden sein, dazu Ruhm unter allen Menschen für alle Zeit; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, dessen Gegenteil.

Wie man sieht, wäre er absolut tagesaktuell. Ich meine, wer von den Kollegen nimmt schon seine Professoren mit ins Haus und versorgt sie für den Rest ihrer Tage? Was Abtreibungen betrifft, berufen wir uns mittlerweile auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Nur bei der Sterbehilfe scheint es nicht möglich, dem Menschen ein Selbstbestimmungsrecht einzuräumen. Es ist geradezu eine Frechheit, wenn die Kirche eingefleischten Atheisten mitteilt, dass Gott das alleinige Entscheidungsrecht besitzt. Und ich halte es ebenso für unangebracht, dass Politiker über aktive Sterbehilfe entscheiden. Zumal laut Forsa 80% der Deutschen sie befürworten würden. Daraus spricht doch die unendliche Angst vor einem langen und qualvollen Ende. Ich finde, diese Angst sollte jedem genommen werden, damit er frohgemut noch ein wenig weiter machen kann.

 

Deutschland von Elke Balthaus-Beiderwellen

Es ist nicht zu fassen! Welche Nation ist die beliebteste der Welt? Deutschland! Am allerwenigsten können es die Deutschen selber begreifen, wenn man den Umfragen glauben darf. Sofort kommen Fragen. Warum? Wieso? Wodurch? Anstatt einfach einmal etwas Erfreuliches unhinterfragt hinzunehmen und nicht das »Haar in der Suppe« zu suchen, jammert unsere Nation gleich herum nach dem Motto: Wir haben es gar nicht verdient, dass sie uns so liebhaben. Wahrscheinlich wollen sie mehr Geld von uns und tun nur so. Dann sehen wir an uns herunter, finden nichts Bemerkenswertes und werden noch misstrauischer. Weltweit wird dieses Phänomen als »German Krankheit« bezeichnet und ich frage mich, ob jeder Einzelne von uns, allein aufgrund der Tatsache, Deutscher zu sein, mit diesem Gebrechen geschlagen ist. Der indigene Deutsche muss sich sein Glück erarbeiten, sonst traut er dem Braten nicht. Nur bei uns gibt es »das Glück des Tüchtigen«. Aber, wenn man unendlich tüchtig ist, kann man dann noch von Glück reden? Hat Glück per Definition nicht etwas vollkommen Zufälliges? Ist es nicht so, dass es »einem in den Schoß fällt«? Wenn der Germane ein Hufeisen auf der Straße findet, sucht er gleich nach dem Pferd, das beschlagen werden muss. Der Rest der Welt hängt sich das Eisen über die Haustür und betrachtet sein Haus als gesegnet. Dem Rest der Welt reicht hierzu ein einfacher Nagel, während es beim Deutschen schon ein kräftiger Dübel sein muss, damit ihm das Glück nicht auch noch auf den Kopf fällt. Bei uns gibt es so irre Ansichten, dass Glück planbar, vorhersehbar und vor allen Dingen verdient sein muss. Gibt es etwas Abartigeres als Ratgeber für das Glück? Schauen Sie einmal in die Regale der Buchläden, und Sie werden staunen. Dies wäre ja alles schön und gut, wenn nicht noch erschwerend der Neid hinzukäme. Wenn einer ohne Hab und Gut fröhlich in der Sonne sitzt, dann kann und darf mit dem etwas nicht stimmen. Still verklärtes Lächeln ohne offensichtlichen Grund weckt Misstrauen. »Was hat der wohl genommen?« Leid scheint hinnehmbar, Glück hingegen nicht, weil man nur in Deutschland vor Glück platzt, strotzt, aus der Haut fährt oder stirbt. Jetzt sind wir Deutschen also »mit dem schweren Los geschlagen«, die beliebteste Nation der Welt zu sein. Für uns gleichsam die Verpflichtung, jetzt besonders nett zu sein, denn einmal Erreichtes, darf nicht mehr verloren gehen. Aber ich kann alle beruhigen. Als Hauptgrund für unseren Spitzenplatz wurde unser Bier angegeben, und das macht automatisch nett.