Freistoßspray von Paul Wiedebach

Heute Morgen legte mir meine Gattin einen Prospekt eines örtlichen Discounters auf den Frühstücksteller und teilte mir mit, sie müsse unbedingt dorthin. Auf meine Nachfrage antwortete sie, dort gäbe es Freistoßspray im Sonderangebot. »Das ist doch vom deutschen TÜV verboten worden, wegen der Parabene«, teilte ich ihr mit, bevor ich nachfragte, was zum Himmel sie mit diesem Spray anfangen wolle. »Erstens hat der TÜV es freigegeben, weil zwar immer noch Parabene drin sind; es aber jetzt als Warnhinweis in Deutsch draufsteht und zweitens: Gibt es etwas Besseres als ein Hilfsmittel, das jedem mitteilt: bis hierhin und nicht weiter? Stell dir vor, wir wollen uns scheiden lassen und verbringen das Trennungs-Jahr zusammen in unserem Haus. Da wäre es doch gut, wenn wir beide so eine Spraydose hätten, um unsere Reviere zu markieren.

«Sprach`s und entschwand eilig, weil sie damit rechnete, dass dieser Schaum schnellstens ausverkauft sein würde. Es kümmerte sie anscheinend gar nicht, welches Chaos sie in meinem Kopf ausgelöst hatte. Hm, ein »Bis hierhin und nicht weiter Spray«. Wäre damit die äußerst lebhafte Auseinandersetzung zwischen der Polizei und den Hooligans in Köln vermieden worden? Schließlich handelte es sich bei den Randalierern weitgehend um Fußballfans, die auf Anhieb die Bedeutung des Sprays erkannt hätten. Temporäre Grenzmarkierungen besitzen ihren Reiz, überlegte ich weiter. An der Supermarktkasse könnte man direkt hinter seinen empfindlichen Achillessehnen eine Schaumlinie ziehen, damit der Nachfolgende einem nicht seinen Einkaufswagen hineinrammt. Drängeleien in allen Warteschlangen hätten ein Ende, wenn jeder hinter sich einen markanten Strich sprüht. Gedrängel auf überfüllten Bänken gehörten ebenfalls der Vergangenheit an. Links und rechts von sich ein wenig Schaum und schon steht die Persönlichkeitssphäre unverrückbar fest. Verbale Attacken? Der Kontrahent bekäme sofort den Mund umsprüht, was so viel heißen soll wie: Kopp dicht! Ein Ring aus Schaum um meinen Schreibtisch herum, würde unserer Putzfrau endlich einmal eindeutig signalisierten: Hände weg! Frauen bräuchten keine Kopfschmerzen mehr vortäuschen, wenn ihnen der Sinn nicht nach Sex steht; eine Linie aus Schaum im Bereich der Besucherritze genügt! Überhaupt der Sex! Welche Möglichkeiten sich da eröffnen! Jeder hat doch seine Bereiche, wo es unangenehm kitzelt, spricht sie aber nicht an, um den intensiv tätigen Partner nicht zu verletzen. Da kann ich doch nur sagen: Schaum her! Als ich mit meinen Überlegungen so weit gediehen war, sprang ich wie von der Tarantel gestochen auf, denn ich musste unbedingt meine Frau auf ihrem Handy erreichen. Auf ihre Frage hin, was es denn so Dringendes gäbe, antwortete ich nur: »Bring zwei Kisten von dem Zeug mit!«

 

Hooligans II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Solche Events, wie letztens in Köln werden jetzt öfter stattfinden. Dafür werden sogenannte »Alt-Hools« reaktiviert, also Hooligans, die aus dem wohlverdienten Ruhestand geholt werden. Es ist demnach bei innerstädtischen Randaleaufmärschen mit einem erhöhten Aufkommen von Rollatoren, Rollstühlen und Dauerkathetern zu rechnen. Selbst Pflegebetten werden von hilfsbereiten »Jung-Hools« an den Ort des Geschehens geschoben. Ob die Polizei gleich zieht, ist noch nicht verlautbart worden, aber es wäre durchaus denkbar, dass bei der Personalknappheit unserer Ordnungshüter, das eine oder andere Pflegebett samt Ruheständler zum Einsatz gerollt wird. Alt-Hools und Alt-Polizisten könnten sich dann gegenseitig mit übervollen Urinbeuteln bewerfen, was enorme Kosten einspart, denn Tränengas und Wasserwerfer sind teuer. Die Altenpflegeheime würden ebenfalls entlastet, denn es ist nicht gesagt, dass alle Kombattanten auch wieder in ihre Einrichtungen zurückkehren. Bei dementen Alt-Hools stellt sich mir die Frage, ob sie überhaupt noch wissen, wogegen sie in ihrer heißen Phase eigentlich waren, aber da es Hooligans nur um Randale um der Randale wegen geht, sollte dies kein Problem darstellen. Bei den Polizisten ist die Sachlage schwieriger, denn bei ihnen wäre eine Begleitperson erforderlich, die ihnen unentwegt ins Ohr schreit, dass sie ehemals zu den Guten gehörten. Fehlen jetzt nur noch die Gegendemonstranten. In den Pflegeheimen wird demnächst ein Zusatzangebot an Ausflügen ans schwarze Brett gehängt, das bunte Abwechslung vom öden Heimalltag verspricht. Und anstatt Kaffee- und Rheumadeckenfahrten könnten unsere unterbeschäftigten Alten nun wirklich einmal etwas sinnvolles unternehmen. Ob bei den Hooligans in Kindertagesstätten und Kindergärten zum allgemeinen Angriff geblasen wird, um die Generationsfolge zu sichern, ist nicht bekannt. Nachweislich werden aber unter Zehnjährige bereits von ihren Vätern mit in die Fußballstadien genommen, wo sie in randalierenden Fankurven nach und nach an ihren Daseinszweck herangeführt werden. Seit tausenden von Jahren zerbrechen sich die Philosophen den Kopf über den Sinn des Lebens. Sie hätten einen Hooligan fragen sollen!

Hooligans von Elke Balthaus-Beiderwellen

»Mer losse et krache«, wie der Kölner so schön sagt, aber bei der Genehmigung einer Hooligan Demo gegen Salafisten, sollte man doch »den Dom in Köln lassen«. Brauchte der Kölner vor den 11.11. ein bisschen Karneval zwischendurch? Man weiß es nicht. Was man weiß ist, dass die Sache ein wenig außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht dachten die Stadtväter auch an ein ganz besonderes Event. Bei leeren Kassen war die Taktik »Brot und Spiele« schon immer die Bewährteste. Anstatt Randale auf Stadien zu beschränken, wie es wohlweislich schon die alten Römer im Kolosseum taten, stellt man gleich die gesamte Stadt zur Verfügung, was den Bürgern reichlich Grund zur Aufregung bietet, ohne dass sie zu den Kernthemen durchdringen. Vielleicht kann man ja auch die längst beigelegte Fehde zwischen Katholiken und Protestanten wiederbeleben und sie städtetauglich inszenieren. Da wird die Wut des Wutbürgers auf Nebenschauplätze gelenkt und alle haben ihren Spaß. Rechtsradikale gegen Linkextremisten, Frauenrechtlerinnen gegen die »Hell`s Angels«, Homosexuelle gegen Priesterseminare, der Möglichkeiten sind viele. Jesiden gegen Salafisten wäre ebenfalls eine nette Gruppierung, oder Kurden gegen Türken. Ehefrauen gegen Ehemänner birgt auch eine gewisse Brisanz, während die Auseinandersetzung Kinder gegen Eltern eher der Vergangenheit angehört. In diesem Konflikt hat unser Nachwuchs eher auf Kuschelkurs gesetzt, seitdem er auf lebenslange Versorgung umstellte.

Endlich wieder Leben in der Innenstadt! Verödete Fußgängerzonen? Bürger haut euch lieber gegenseitig eins auf die Glocke! Auch der langweile Polizeidienst wird kräftig aufgemischt. Gotteskrieger müssen nicht mehr ausreisen, um ihr Leben für den Glauben einzusetzen, denn: warum in die Ferne schweifen? Sieh das Gute liegt so nah! Ganzjähriger Kölner Karneval, Ringelpietz mit Draufhauen und Merkel regiert bis 2100!

Schöne neue Welt!

Jägerlatein von Dr. Bremer

Für Jäger gibt es vor der Jagd nur ein Gebot, was den Konsum von Alkohol betrifft. Soweit ich die »Säufernasen« der dazu befragten Waidmänner richtig deute, bin ich sehr froh darüber, dass sie keinem Alkoholverbot unterliegen. Man stelle sich einen Jäger auf Entzug vor! Die Folgen des Tremors wären nicht zu ermessen! Da ist es mir doch lieber, der Schütze trinkt sich eine ruhige Hand an, bevor er zur Waffe greift. Vor einigen Jahren war es unter meinen ärztlichen Kollegen Usus, auf Kosten der Pharmaindustrie zur Wildschweinjagd nach Polen zu fahren, was bei unserem heutigen Wildschweinüberschuss nicht mehr nötig wäre, fällt mir da gerade ein. Wie dem auch sei, den Erzählungen der Rückkehrer von diesen Expeditionen entnahm ich, dass es sich um ausschweifende Saufgelage mit Schießeinlage handelte. Der Wodka floss reichlich und die Wildschweine kamen weitgehend ungeschoren davon. Jetzt ist mir auch klar, warum sich Jäger als Naturschützer verstehen. Die meisten von ihnen sind derart betrunken, dass das Wild unbehelligt seiner Wege gehen kann. Dagegen nehmen die Schussverletzungen unter den Jagdgenossen zu. Da wird sich gerne einmal in den Fuß oder ins Knie geschossen. Ganze Autodächer werden durchlöchert, da das ungesicherte Jagdgewehr im Wagen aufrecht gehalten wird. Nun erklärt sich mir auch der Gruß der Jäger: Waidmanns Heil. Denn auf einer beduselten Pirsch, ist es dringend notwendig, sich gegenseitig zu wünschen, einigermaßen heil nach Hause zu kommen. Die Geschichten, die mir bei der Versorgung von Streif- und Durchschüssen erzählt werden, bringen mir auch den Ausdruck:« Jägerlatein« näher. Es ist schon erstaunlich, wie weit man gegen die Gesetze der Logik verstoßen und trotzdem noch eine einigermaßen plausible Erklärung zustande bringen kann. Zwar heißt es bei den Jägern: »Erst die Waffe in den Schrank und dann das Bier auf den Tisch!«, aber die Reihenfolge wird doch gerne durcheinandergebracht. Und, wenn ich bedenke, ich müsste stundenlang auf einen öden Hochsitz nur in meiner eigenen Gesellschaft verharren, hätte ich bestimmt auch den einen oder anderen Flachmann dabei. Schon im »Struwwelpeter« legt sich der »Wilde Jägersmann« wohl alkoholbedingt erst einmal zu einem ausgiebigen Schläfchen hin, was ihm den Verlust seiner Waffe an seine Beute und die Bedrohung durch Diesselbe einbringt. Wer zu meiner Generation gehört, bekam schon als Kind das reichlich merkwürdige Verhalten der Jägerschaft nahe gebracht. Jemand, der sich abgeschnittene Tierköpfe an die Zimmerwände hängt, kann meines Erachtens nicht ganz normal sein. Vielleicht wird demnächst, aufgrund des Alkoholgebots dort auch der eine oder andere Kopf eines Jagdkollegen finden, denn Blattschuss bleibt Blattschuss und Trophäe bleibt Trophäe.

Dr. Bremer, Landarzt

U-Boot Alarm von Elke Balthaus-Beiderwellen

Das Ungeheuer von Loch Ness ist umgezogen. Es treibt sich meiner Ansicht nach, momentan in den schwedischen Schären herum. Merkwürdige Sichtungen wurden gemeldet und noch merkwürdigere Beweisfotos geschossen. Ein russisches U-Boot? Ein Wal? Jedenfalls ist die gesamte blau-gelbe Marine im Einsatz, um herauszufinden, worum es sich bei diesem Objekt handelt. Angeblich wurde ein russischer Notruf abgehört, aber könnte es auch schottisch gewesen sein? Vielleicht überlegte es sich Nessie anders und will in die Heimat zurück, nachdem sie, nach dem Referendum weiterhin Teil Großbritanniens bleibt. Nun irrt sie in den Schären herum und stößt sich andauernd den mächtigen Kopf an ins Wasser ragenden Felsformationen, was im heimischen Gewässer nicht der Fall war. Was mich auf den Gedanken bringt, dass die Schweden nicht nach dem Objekt suchen, sondern die Schären weitläufig abriegeln, damit ihnen diese Touristenattraktion nicht entkommt. Nun trinkt der Schwede gern und viel, wie jeder weiß, der schon einmal eine Butterfahrt machte. Nach reichlichem Alkoholgenuss kommen seltsame Erscheinungen aller Art, recht häufig vor. Auch von akustischen Halluzinationen wird berichtet. Es könnte demnach auch sein, dass die schwedische Marine ausgiebig feierte und sah und hörte, was mit nüchternem Kopf nicht möglich gewesen wäre. Zumal niemand ein U-Boot vermisst. Wobei mir gerade einfällt, zählt eigentlich irgendjemand die deutschen U-Boote? Vielleicht irrt ja eines der unseren, mangels vernünftiger Navigationsgeräte in schwedischen Gewässern herum. Ursula sollte ihren Zustandsbericht zur Materiallage der Bundeswehr noch einmal genauer lesen. Wer weiß, wie viele von unseren U-Booten unter defekten Antrieben und kaputten Steuerungsanlagen leiden? Es könnte sich andererseits auch um ein gezieltes Manöver handeln, um »unsere Sylvia« endlich aus den Fängen ihres untreuen Gatten zu befreien. Der Theorien sind viele. Wobei mir die von Nessie die liebste und wahrscheinlichste ist, denn auch der Schotte trinkt gern und viel, und es sollte einem zu denken geben, dass ungewöhnliche Wassersichtungen zumeist in Ländern vorkommen, deren Bevölkerung selten nüchtern ist. Die irischen Gewässer wimmeln nur so von Feen und Wassergeistern. Russische Seefahrer berichteten von Meerjungfrauen und Krötenmädchen und auch die Dänen haben es mit Meerjungfrauen. Wenn ein stocknüchterner Deutscher wie Theodor Storm über Husum schreibt, geht es da nur um Wetterphänomene und nicht um irgendwelche Fabelwesen. Die Lorelei, ein urdeutsches Phänomen, ward nicht mehr gesichtet, seitdem die Rheinschifffahrt Mäßigung beim Alkoholgenuss übt. Wobei es mir aber zu denken gibt, dass das Kampfflugzeug »Phantomjäger« in einigen Ländern immer noch im Einsatz ist.

Klima von Paul Wiedebach

Machen Sie sich Sorgen wegen des Klimawandels? Vor allen Dingen, wenn Sie Ende Oktober bei 26°C in der Sonne liegen? Der »menschbedingte« Anstieg der Durchschnittstemperatur beträgt 0,5°C. Davon lasse ich mir einen herrlichen Sommertag im Herbst nicht vermiesen. Die Erde überwand weit größere Temperaturschwankungen und die prognostizierten Auswirkungen der Klimakatastrophe bekomme ich sowieso nicht mit; dafür bin ich zu alt. Kinder habe ich nicht und logischerweise werde ich deswegen weder Enkel, noch Urenkel haben, um die ich mir Sorgen machen müsste. Ich erlebte noch niemals eine Überschwemmung oder eine Dürreperiode, also was soll`s?

Ich genas zusammen mit meiner Frau frischen Pflaumenkuchen auf der Terrasse und überließ es ihr, die Insekten davon zu wedeln. Oha, dachte ich plötzlich, denn ich habe eine Insektenphobie. Mit allem, was da um mich herum »kreucht und fleucht« will ich nichts zu tun haben. Das geht sogar bis in den elektronenmikroskopischen Bereich hinein. Beim Einsatz von Desinfektionsmitteln denke ich ebenfalls nicht an die Umwelt, was meine »grün angehauchte Gattin« in den Wahnsinn treibt. Oha, dachte ich also, was ist, wenn sich bei uns demnächst nicht nur die heimischen, sondern auch subtropische und tropische Spezies ausbreiten? So schlimme Dinge, wie die Anopheles-Mücke, die Überträgerin der Malaria und die Tsetsefliege, die Konduktorin der Schlafkrankheit. Was ist mit Vogelspinnen und anderen giftigen Arachnoiden? Trotz der warmen Außentemperatur überfiel mich ein Schauer nach dem anderen. Entschlossen schnappte ich mir meinen Kuchenteller und meinen Kaffeebecher und verzog mich in den Schatten des Wohnzimmers. Auf die Frage meiner Frau hin, was in mich gefahren wäre, murmelte ich nur, Vogelspinnen. Sie tippte sich vielsagend an die Stirn, aber ich erläuterte, dass ich in Zukunft bei für die Jahreszeit ungewöhnlich hoher Temperatur und Sonneneinstrahlung, in einen Klimastreik zu treten gedenke. Ich werde still in meinem nach Möglichkeit abgedunkelten Haus sitzen und die »Segnungen des Klimawandels« boykottieren. »Morgen fahre ich mit dem Auto zu unserem Schreibwarenladen, um mir Material für Transparente zu besorgen!« »Mit dem Auto? Zweihundert Meter die Straße herunter?«, höhnte meine bessere Hälfte. »Ja, meinst du vielleicht, ich gehe diese Strecke zu Fuß!«, empörte ich mich. »Nein, höchstens, wenn eine Vogelspinne hinter dir herwäre, aber dann ist es für deinen Klimastreik eh zu spät!« Wo meine Frau recht hat, hat sie recht. Da aus vielem Kleinen stets Großes erwächst, beschloss ich, mein uraltes Fahrrad zu reaktivieren. Ich verschwand für den Rest des Tages in unserem Gartenschuppen und kümmerte mich um das verrostete Ding und, was soll ich sagen, es machte einen Heidenspaß! Stolz präsentierte ich meiner Frau das Ergebnis meiner Arbeit. »Ja«, meinte sie nur. »So fährst du deinen Vogelspinnen davon.« Was mich kurz überlegen ließ, welche Spitzengeschwindigkeiten diese Biester erreichen können.

Social freezing von Elke Balthaus-Beiderwellen

Was haben die Legitimation der Sterbehilfe und das »Social freezing«, also das frühzeitige Einfrieren der Eizellen der Frau gemeinsam? Sie nehmen den Druck! Wenn ich mir vorstelle, ich könnte sterbenskrank und leidend werden, würde es mich ungemein erleichtern zu wissen, jederzeit eigenbestimmt die Notbremse ziehen zu können. Allein die Aussicht darauf, wenn es denn nun wirklich nicht mehr gehen sollte, Schluss machen zu können, ließe mich den einen oder anderen Tag weiter durchhalten. Mit dem Einfrieren der Eizellen verhält es sich genauso. Ich kann jederzeit, wenn es sein soll auch noch mit fünfzig, ein Kind bekommen, muss es aber nicht. Dauernd wird den Frauen mit der biologischen Uhr gedroht, während Mann, wenn er will, noch mit neunzig Vater werden kann. Beides, das Einfrieren und die Sterbehilfe sind eine Art von letzter Reserve. Die Pille für alle Fälle in der Schublade und die konservierten Eizellen. Muss man nicht zum Einsatz bringen, kann man aber. Der freie Wille des Menschen beruht vor allen Dingen auf der Möglichkeit der Wahl! Wir sind keine instinktgesteuerten Wesen, oder sollten es zumindest nicht mehr sein, die das Leben eben so hinnehmen müssen, wie es ist. Wo keine Wahl, da keine Freiheit. Und, wofür wäre aller technische Fortschritt denn gut, wenn er nicht die Wahlfreiheit des Menschen erhöhte? Als ich zum ersten Mal von der Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen hörte, sprach ich sofort mit meiner Tochter darüber und legte ihr diese Möglichkeit nahe, da sie hin- und hergerissen zwischen Karriere und Familienplanung ist.  Ein teure Sache, aber, wenn jetzt wie bei Apple und Facebook der Arbeitgeber die Kosten übernimmt, umso besser! Und glauben Sie mir, wenn es zu meiner Zeit diese Möglichkeit gegeben hätte, ich hätte nicht lange überlegt. Genauso, wie ich als Ärztin nicht lange zu überlegen habe, ob ich mir endloses Leiden antun will. In Bezug auf das Sterben bin ich im Vergleich mit anderen Berufszweigen klar im Vorteil und es treibt mich schier in den Wahnsinn, dass sich der ältere Teil meiner Verwandtschaft quasi auf mich verlässt, wenn sie irgendwann einmal die Entscheidung zwischen Leben und Tod treffen wollen. Am liebsten würde ich ihnen sagen: »Geht hin und sammelt eure Herzpillen, aber lasst mich da heraus!« So wie sich Staat, Kirche und Gesellschaft aus dem Privatleben heraushalten sollten! Frauen sollten sagen können: »Dies ist mein Körper und was ich mit meinen Eizellen mache, geht keinen etwas an!« Genau so, wie Todkranke sagen können sollten: »Dies ist mein Leben und wann es zu Ende ist, bestimme ich!«

Die Bedenkenträger formieren sich schon. Was ist, wenn sich Menschen nur aus gesellschaftlichen Druck heraus töten lassen und Frauen ihre Eizellen auf Eis legen? Die Eigenverantwortung wird von vorneherein negiert. Was zwei Gründe haben kann. Entweder sie glauben nicht an den freien Willen, oder sie wollen ihn nicht.

Inhalte von Elke Balthaus-Beiderwellen

Auf dem 65. Jahrestag der Bundespressekonferenz sprach unser BP Gauck wahre Worte. »Manchmal habe ich den Eindruck, eine Meldung wird nur deswegen verbreitet, weil sie »dran« und nicht, weil etwas »drin« ist. Das brachte mich zum Nachdenken. Man könnte diesen Satz auf Diskussionen, Themen, Trends und Menschen übertragen. Vieles ist einfach »dran« ohne, dass etwas »drin« wäre. Aufgeblasene »Schnelläufer«, wenn man so will, bei denen man sich nach kurzer Zeit nicht mehr daran erinnern kann, worum es überhaupt ging. Aber solange nach dem Prinzip »Neu ist gleich gut« gehandelt wird, ändert sich nichts an der Sachlage. Jeder Mist lässt sich mit der Bezeichnung »Innovativ« auf den Markt werfen, bis der Verbraucher schließlich merkt, dass Altes und Bewährtes eben doch oftmals besser funktionierte. Vom Partner über das Handy, vom Computerprogramm bis zur Ernährung, beinahe täglich giert der Mensch nach Innovationen. Hegel hätte seine wahre Freude an uns, schließlich ging er von einem Weltgeist aus. Zeitgleich wird weltweit an bunten Würfeln herumgedreht, auf einem imaginären Pferd geritten, alle tragen ein Grinsegesicht auf dem T-Shirt, flechten sich Blumen ins Haar, oder der eigene Körper wird verunstaltet. Auf einmal, keiner weiß, wo es herkommt, finden alle Menschen schlecht gelaunte Katzen gut. Ein Funke, mag er noch so irrsinnig sein, wird flugs zum Flächenbrand, weil er eben »dran« ist. Zeitgemäß wäre es, keine Nobelpreise mehr zu verleihen, sondern den Titel »Abräumer des Jahres« einzuführen. Jemand, der ein Spielzeug erfindet, dass Kinder dazu bringt, sich längere Zeit selbst zu beschäftigen und sei es nur anhand von simplen Gummiringen, ist ein gemachter Mann oder eben eine gemachte Frau. Jemand, der eine neue Gymnastikform oder eine neue Diät erfindet, kann sich vor Geld kaum retten. Ein weltweiter Tsunami erfasst alle Hirne gleichzeitig, reißt sie mit und, wenn die Flut vorbei ist, schütteln sich alle und fragen sich, was da wohl mit ihnen passiert ist. Das wir das Wort »Trendsetter« in unseren alltäglichen Sprachgebrauch aufgenommen haben, besagt schon alles. »Affen äffen alles nach«, pflegte meine Großmutter immer zu sagen. Wer je an unserer Abstammung zweifelte, wird minütlich eines Besseren beleert.

In der Schule war abschreiben zwar verpönt, aber in jedem Fach durchaus nützlich und gebräuchlich. Nur bei einer Sache ging dies nicht, beim Schreiben eines Aufsatzes. Hier mussten individuelle Erlebnisse und Erfahrungen zu Papier gebracht werden. Selbst wenn alle Schüler ihren Urlaub im gleichen kleinen Ferienort verbracht hätten, die Zeit, der Ort und die Begegnungen wären so unterschiedlich gewesen, als hätte man sie über die ganze Welt verstreut, weil wir, wenn wir etwas sehen oder hören, nie das gleiche sehen oder hören. Und es verlangt schon einer gewaltigen Anpassung so zu tun als ob.

Zecken von Elke Balthaus-Beiderwellen

Meine Hunde bringen mir beinahe täglich eine Zecke mit nach Hause. Ich hasse diese Viecher und finde sie äußerst ekelig, sodass meinem Mann die Aufgabe zufällt, dieses Ungeziefer aus dem Hundefell zu entfernen, während ich die Hunde nur festhalte und beruhigend auf sie und mich einrede. Dabei läuft mir eine Gänsehaut nach der anderen über meinen Körper und es plagt mich für den Rest des Tages ein unstillbarer Phantomjuckreiz. Jede Hautunreinheit, die ich an mir ertaste, lässt mich sofort zum Spiegel laufen, um zu überprüfen, ob es sich um einen dieser kleinen Parasiten handelt. Direkt nach dem Aufstehen dachte ich bei einer Tasse Kaffee über diese Störenfriede nach. Bewundernswert wie sich sich in endloser Geduld üben, reglos auf ihrem Busch hocken und auf die Chance ihres Lebens warten. Kommt ein Warmblüter in ihre Nähe, fahren sie volles Risiko und lassen sich einfach fallen, im Vertrauen darauf dort zu landen, wo sie hinwollen. Wenn sie ihr Ziel erreicht haben, verbeißen sie sich darin, denn schließlich geht es um Leben oder Tod. Auf den Menschen übertragen, würde dies bedeuten, dass er nicht sinnlos hektisch in alle möglichen Richtungen eiert, sondern einfach nur dasitzt, bis er spürt, dies ist die Chance meines Lebens. Dann kommt das Schwierigste und das, was den meisten Mut erfordert, er muss sich blindlings, ohne zu wissen, was ihn erwartet, ins Risiko hineinstürzen und sich in seinen Endzweck verbeißen, denn schließlich geht es um Leben oder Tod. Die Zecke ist kein soziales Wesen, fiel mir dann ein. Sie befällt ihr Opfer und saugt es so lange aus, bis sie findet, dass sie für ihr Überleben genug hat. Was sie von menschlichen Zecken unterscheidet, denn die saugen weiter und weiter, weil sie eben nie genug haben. Es gibt etliche Studien darüber, dass ausgeprägte Soziopathen zu den erfolgreichsten Menschen zählen, sofern man Erfolg an materiellem Reichtum festmachen will. Vollgesaugt über ihre Kapazitäten hinaus, bestimmen sie das Wohl und Wehe vom Rest der Menschheit. Bei ihrem Treiben läuft mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Körper und für den Rest meines Lebens plagt mich ein unstillbarer Pessimismus. Unentwegt hoffe ich darauf, dass irgendjemand für mich diese Zecken aus dem Fell der Gesellschaft entfernt, aber so einfach wie bei meinen Hunden scheint dies nicht zu sein. Wenn mein Mann mit der Pinzette nach den Tierchen greift, schließe ich die Augen und öffne sie erst wieder, wenn er die Plagegeister entsorgt hat. Wofür hat Frau schließlich einen starken Mann im Haus, dem sie den Kampf gegen die raue Umwelt überlassen kann? Den zwingend daraus folgenden Gedanken möchte ich nicht zu Ende denken. Und, was mache ich mir überhaupt Gedanken über gesellschaftliche Zustände, wenn es hier nur um Zecken geht?

Elke Balthaus-Beiderwellen

Polenspiel von Paul Wiedebach

Normalerweise bin ich kein Fußballfan, aber das EM-Qualifikationsspiel der deutschen Mannschaft gegen Polen sah ich mir an. Und, was habe ich mich gefreut! Für die Polen und mit den Polen, denn in Warschau wurde Geschichte geschrieben! In Zukunft wird der historische Sieg gegen Deutschland zu den Daten gehören, die zukünftige Schüler auswendig zu lernen haben. Für die Deutschen freute ich mich auch, denn sie spielten überragend, waren die klar überlegene Mannschaft und hatten 28 Torchancen! So konnten beide Teams mit sich und der Welt äußerst zufrieden sein. Wären da nicht die zwei klitzekleinen Schönheitsfehler in Form von polnischen Toren, aber, wie der Kölner ganz richtig sagt: »Mann muss auch jönne, könne.« Der Enthusiasmus der Polen war derart mitreißend, dass mich meine Frau daran erinnern musste, dass ich Deutscher und kein Pole bin. Woraufhin ich sie daran erinnerte, dass mit diesem Sieg der Polen jede historische Schmach innerhalb von 90 Minuten hinweggefegt wurde. Was mich heute Morgen dazu bringt, darüber nachzudenken, warum wir Kriege führen, wenn man alle Konflikte auch mit einem simplen, sportlichen Wettkampf lösen kann. Ich glaube, ein chinesischer Kaiser hat dies einmal gemacht. Es ging darum, ob eine Volksgruppe sich unterwerfen sollte und geklärt wurde dies mit einem Fußballspiel. Elegant, muss ich da sagen. Es wurde kein Blut vergossen, außer, dass die Mitspieler der unterlegenen Mannschaft von den eigenen Leuten geköpft wurden, was im Vergleich zu einem Massensterben doch recht überschaubar ist und vor allen Dingen den Ehrgeiz der Spieler weckt! Laufverweigerung und mentale Dissonanzen sind auf diese Art und Weise von vorneherein ausgeschlossen. Daran lag es übrigens, dass die deutsche Elf verlor. Kurz vor dem Torabschluss kam bei ihnen mental so einiges durcheinander, wie ich heute Morgen erfahren musste. Sie hatten quasi während des Spiels ihren Kopf verloren. Bei der Androhung, nach einer Niederlage des Hauptes verlustig zu werden, kommt so etwas während des Spielverlaufes nicht mehr vor! Außerdem könnte man so den offensichtlichen Blutdurst der Fans kanalisieren. Sie müssen nicht mehr aufeinander losgehen, sondern könnten ihren Frust gleich an den eigentlichen Verursachern abreagieren. Was mit den Trainern und Betreuern der unterlegenen Mannschaft damals in China geschah, ist nicht überliefert. Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass sie das gleiche Schicksal ereilte.

Man stelle sich vor, es gäbe keine Kriege mehr auf der Welt, sondern nur noch Fußballspiele! Wer Weltmacht ist, wird alle vier Jahre während der WM entschieden und wer in Europa das Sagen hat, bei der EM. Die unterlegenen Spieler müssen ja nicht gleich hingerichtet werden; ein bisschen Folter ist ja durchaus ausreichend. Das Prämiensystem versagt ja auf ganzer Linie, wenn es um die Erweckung von sportlichem Ehrgeiz geht. Warum es also nicht einmal anders herum versuchen? Bleibt nur ein winziges Problem. Ich glaube nicht, dass Fußballspieler dann noch zu den Traumberufen gehören wird.

Paul Wiedebach, Kolumnist