Freistoßspray von Dr. Bremer

Sollten Schiedsrichter die neue Errungenschaft im Fußball einsetzen, so ist das eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Strafe von 5-55 Euro belegt werden kann. Der TÜV moniert, dass die Aufschrift auf der Spraydose in Spanisch dort steht, dass sich keine Sicherheitszertifikatkennzeichen auf derselben befinden und, last but not least, es sind hormonähnlich wirkende Parabene im Inhalt entdeckt worden. Da wird Europas Männlichkeit en Masse feminisiert durch hormonähnlich wirkende Weichmacher in Plastikumhüllungen aller Art, aber dies stört den deutschen TÜV nicht. Vielmehr macht er sich Sorgen um den Fußballrasen, auf dem busenähnliche Buckel durch die Einwirkung des Sprays entstehen könnten. Was den Spielverlauf erheblich beeinträchtigen würde. A: durch Behinderung des Balles, B: durch Ablenkung der Spieler. Bei der WM ins Brasilien ist dieser Effekt nicht aufgetreten, was aber daran liegen kann, dass dort selbst der Rasensamen den Machismo quasi im Erbgut trägt, aber wie sich das auf feminisierte Hybride in deutschen Stadien auswirkt, ist noch nicht abzusehen.

Vielleicht müsste dem Spray ein Beipackzettel in allen Sprachen der Welt beiliegen, in dem auch die kleinste Nebenwirkung in aller Schauerlichkeit geschildert wird. Was mich zu einem meiner Lieblingsthemen bringt, die Beipackzettel. Meterlang und unverständlich jagen sie meinen Patienten eine Heidenangst ein. Da wundere ich mich, warum manche Medikamente nicht anschlagen, bis mir der Patient nach wochenlanger Behandlung gesteht, er hätte die Tabletten nicht eingenommen, weil er den Beipackzettel gelesen hat. Da kann man nichts machen. Danach wird zumeist zaghaft eingestanden, es zunächst mit »Kügelchen« versucht zu haben, denn die hätten schließlich keine Nebenwirkungen. Da kann ich so oft erklären, wie ich will, dass etwas, was keine Nebenwirkungen besitzt, auch keine Wirkung hat, der Denkfehler wird nicht eingesehen.

Man könnte die Freistoßspraydose auch mit zahllosen Warnhinweisen versehen, wie es so wunderbar bei den Zigarettenverpackungen funktioniert. Besonders bei eingefleischten Rauchern bewirken die Aufschriften ein sofortiges Aufhören, weil sie bislang noch nicht wussten, was sie sich da antaten. »Vorsicht! Enthält hormonähnlich wirkende Parabene!«, wäre doch angebracht. Vielleicht stand es in Spanisch bereits auf der Dose, warum sonst wären manche Fußballer wie die Karnickel gehüpft, damit das hochgefährliche Spray nicht mit ihren Schuhen in Berührung kommt. Der Einzige, der möglicherweise in direkten Kontakt mit dem Spray gerät, ist der Schiedrichter, wenn er sich aus Versehen selbst besprüht. Wer weiß, vielleicht war die ausgeprägte Neigung der Unparteiischen bei der letzten WM, sich nicht eindeutig entscheiden zu können bereits eine Auswirkung des feminisierenden Sprays? Ein Tropfen und schon gerät jeder rein sachlich reagierende Verstand aus den Fugen. Die Spätfolgen wären erst dann erkennbar, wenn jeder Schiedsrichter in Zukunft einen BH unter seinem Trikot trägt und jede Entscheidungen erst nach ausführlichem Gespräch mit den Aktiven und mit dem Publikum getroffen wird.

Dr. Bremer

Clooney von Paul Wiedebach

Wer hat da geheiratet? Der Kaiser von Amerika? Keine Adeligenhochzeit erregt so viel Aufsehen wie das »Bündnis für das Leben« von Clooney. Zwei Millionen Dollar soll die Chose gekostet haben, und es war die »Feier des Jahres« für die geladenen, hochexclusiven, handverlesenen Gäste. Und meine Gattin und ich waren nicht dabei! Was fange ich jetzt mit dieser Demütigung an? Gehe ich den Rest meines Lebens in Schutt und Asche? Tief gebeugt und zitternd vor mich hinmurmelnd: »Ich war nicht dabei.« Wird auf meinem Grabstein einstmals stehen: »Er war nicht dabei?« Bin ich für alle Zeit von der hellen Seite des Lebens ausgeschlossen, weil ich nicht dabei war? Finde ich überhaupt noch einen Sinn in meinem Leben, weil ich nicht prominent, reich und schön genug war, um bei der Party des Jahres in Venedig geladen zu sein? Jedenfalls begann ich den Morgen sehr niedergedrückt, nachdem mir pausenlos um die Ohren gehauen wurde, dass Clooney das Ja-Wort gab, ohne das ich dieses Ereignis bezeugen konnte. Es gibt nun einmal die Einfachen und die Besonderen. Nun hatte ich mich schon damit abgefunden, zu den Einfachen zu gehören, aber die Clooney-Hochzeit riss eine Wunde auf, die ich lange verheilt wähnte. Warum gehöre ich nicht zu den von den Göttern erwählten? Mein erschüttertes Selbstbewusstsein will und will sich nicht erholen. Was mir gestern noch lieb und wert war, erscheint mir banal. Ich werde gehen wie ich gekommen bin, als ein Sandkorn im Heer der Milliarden Sandkörner. Dabei sind es die Sandkörner, die den neuen Olymp mit den Stargöttern geschaffen haben, denn stell dir vor, es gäbe die Hochzeit des Jahres mit der anschließenden Party des Jahres und keinen interessiert es? Ich vernahm, dass Clooney stets mit einer Entourage von Leibwächtern unterwegs ist, was mich zu der Frage brachte, aus welcher politischen Motivation heraus man ihn wohl ermorden könnte. Welche weltbewegende Katastrophe träte ein, wenn er nicht mehr da wäre? Im Grunde genommen, die Gleiche, die stattfinden würde, wenn ich zu Tode käme. Im Prinzip ist er für die Geschichte der Menschheit genau so wichtig wie meine Wenigkeit. Hat er irgendeinen epochalen Beitrag geleistet, außer das er epochal heiratete? Nach dieser Überlegung ging es mir bereits erheblich besser. Zum anderen fiel mir ein, dass die »Party des Jahres« bis fünf Uhr am Morgen gegangen sein soll, was mir eine Woche lang Kopfschmerzen beschert hätte, wenn ich denn eingeladen gewesen wäre. Das wäre es nun wirklich nicht wert. Ich stelle mir vor, ich hätte mit Angelina getanzt und könnte mich alkoholbedingt nicht mehr daran erinnern. Welche Katastrophe wäre das denn? Nein, nein, summa summarum ist alles gut so, wie es nun einmal ist. Nach meiner feierbedingten Kopfschmerzwoche wäre das Ereignis so oder so, was es im Grunde genommen ist: Schnee von gestern. Wenn der letzte Paparazzi seine Kamera eingepackt hat und dem nächsten sensationellen Ereignis hinterherjagt, fragt sich die Boulevardpresse bereits: »Was war denn das nochmal, da in Venedig?«

Paul Wiedebach

Hunde II von Elke Balthaus-Beiderwellen

Woran erkennt man den frischgebackenen Welpenbesitzer? An den angekauten Schuhen! Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, mit welchem Schuhwerk die Familie unterwegs war, als unser verstorbener Winston noch klein war. Jetzt droht mit Satchmo eine neue Periode der ausgefransten Fußbekleidung. Meine Hausschlappen sind jedenfalls schon hinüber. Aber, das wollte ich gar nicht erzählen. Gestern gab es nämlich erst einmal Großalarm. Unser neuer Welpe hat eine Blasenentzündung. Er tröpfelt wie ein schwerer Prostatiker. Sofort rief ich beim Tierarzt an, der mir riet, eine Urinprobe zum Termin mitzubringen. Haben Sie schon einmal eine Urinprobe von einem herumwetzenden Junghund genommen? Eine schweißtreibende Angelegenheit. Ständig sauste ich mit einer Kelle hinter ihm her. Einmal stellte er sich so passend zum Pinkeln hin, dass ich sofort mein Auffanggerät schnappte und losstürmte. Leider stand der Küchenschrank im Weg, an dem ich mit meinem kleinen Zeh hängen blieb. Mein Schmerzschrei erschreckte unseren neuen Hausgenossen derart, dass er schnurstracks unter dem Wohnzimmersofa verschwand und sich einige Zeit nicht blicken ließ. War nicht weiter schlimm, denn so konnte ich meinen verletzten Zeh kühlen. Totbeleidigt erschien Satchmo doch noch wieder und bezog Pinkelstellung. Ich, die Kelle immer an der Frau, bekam eine einwandfreie, nicht kontaminierte Urinprobe. Die Beschwerden des Kleinen führten dazu, dass meine jüngste Tochter viermal aus Köln anrief, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Die Älteste rief noch öfter von ihrem Arbeitsplatz aus an. »Ruf mich sofort zurück, wenn du beim Tierarzt warst. Und frag nach den Beinen!« Wie beim Welpen üblich stehen die Pfoten noch in alle Himmelsrichtungen, je nachdem wie er steht oder tapsig vor sich hinläuft. Ich konnte meine Älteste gerade noch davon abhalten, die angeblichen Fehlstellungen mit der Wasserwaage nachprüfen zu wollen. »Aber schau doch mal, da ist doch eindeutig ein Knick! Und wenn er jetzt so steht, sind die Hinterbeine ganz krumm!« Satchmo pinkelte, leicht hockend, fröhlich auf das Wohnzimmerparkett und machte sich offensichtlich keinerlei Gedanken darüber, womöglich missgebildet zu sein. Nachmittags war ich beim Tierarzt. Der Welpe bekam eine Antibiotikaspritze – nach einer Urinprobe wurde gar nicht erst gefragt-, Vitamintabletten, eine Futterempfehlung für enorm wachsende Hunde, und das Wunderfutter wurde auch gleich bestellt. Auf dem Rückweg kaufte ich mir eine hochpräzise Haushaltswaage, denn wir wollen ja die angemessene Futterdosis weder über- noch unterschreiten. Bis die Lieferung der angemessenen Nahrung für Hunderiesen aller Art beim Tierarzt eintrifft, muss Satchmo eben mit hundsbanalem Welpenfutter überleben. Dieses Futter wog ich Kügelchen für Kügelchen ab und stellte die Tagesration für den folgenden Tag auf den Küchentresen. Mein Mann kam nach Hause, schnüffelte kurz und mit einem: »Das stinkt aber«, schüttete er das von mir milligramweise wie mit einer Apothekerwaage ausgewogene Futter in den Sack zurück. Meine älteste Tochter erkundigte sich gleich nach Satchmos Beinen, stellte schimpfend die Kompetenz des Tierarztes in Frage, denn reichlich krumm stehend erleichterte sich Satchmo gerade wieder auf den Parkettboden.

Elke Balthaus-Beiderwellen

Befindlichkeiten von Dr. Bremer

Patienten, die völlig apathisch vor meinem Schreibtisch sitzen, liebe ich besonders. Und, wenn sie dann auf meine Frage hin, was ihnen denn fehle, antworten: »Ach Herr Doktor, ich fühle mich nicht so richtig«, kennt meine Begeisterung keine Grenzen. Dieses »Nicht so richtig fühlen« ist örtlich, zeitlich und auf einer Schmerzskala von eins bis zehn nicht dingfest zu machen. Nach einem einstündigen explorativen Gespräch kommt dann meist der Satz: »Vielleicht brauche ich ja einfach nur mal eine Pause.« Woraufhin alles in mir schreit: «Mach doch einfach eine!« Aber, so einfach ist dies nicht, denn gepflegtes Abhängen muss von einer höheren Instanz abgesegnet werden. Wo käme man denn dahin, wenn man ohne die Erlaubnis eines Fachmannes und ohne dessen gelben Schein einfach einmal nichts täte. Wobei mir die Patienten, die nach einer Stunde gestehen, wo der Hase im Pfeffer liegt, lieb sind. Weit lieber sind mir diejenigen, die meine Zeit nicht stehlen und noch vor dem Niedersetzen geradeheraus sagen: »Doc, ich brauche einen gelben Schein.« Nervig sind jene Zeitgenossen, die sich durch die gesamte Palette der medizinischen Diagnostik jagen lassen – invasive Maßnahmen eingeschlossen! -, um sich dann nach dieser kostenintensiven Zeitspanne immer »noch nicht zu fühlen«, was womöglich am Fehlen einer Pause liegen könnte.

Ich kenne Patienten, die sich auf diese Weise bis zur Rente haben durchdiagnostizieren lassen. Einziger Befund: Geh mir nicht weiter auf die Nerven!

Für unerklärliche Beschwerden haben die Ärzte die schöne Bezeichnung: idiopathisch, wobei ich manchmal denke, dass in dem Wort ein T vergessen wurde. Essentiell ist auch so ein Wunderwort mit der Bedeutung: Ich habe keine Ahnung, woher deine Krankheit kommt, aber ich gestehe dir zu, sie zu haben. Und wenn die Leute wirklich krank sind und es ist partout keine Ursache zu finden, haben wir es meistens mit einem autoimmunen Geschehen zu tun, bei dem sich der Körper aus unerfindlichen Gründen gegen sich selber richtet. Ich habe den Eindruck, der Komplex der Autoimmunkrankheiten gehört auf die Psyche erweitert. Aus unerfindlichen Gründen richtet sich der Geist gegen sich selbst. Die Erkrankungshäufigkeit ist immens! Ein multifaktorielles Geschehen, bei dem an erster Stelle gerne die eigene Kindheit genannt wird, gefolgt von Partnerschaftsproblemen und allgemeiner Unlust. Die Langeweile darf ebenfalls nicht vernachlässigt werden! Hinzu kommen Geltungsdrang und die Unfähigkeit sich damit abzufinden, dass die Dinge nun einmal nicht laufen, wie man sie gerne hätte. Ein Verharren in der Kleinkindzeit, in der die allgemeine, ungeteilte Aufmerksamkeit der Umwelt überlebenswichtig war, kommt ebenfalls erschwerend hinzu. Die Tendenz aus jeder »Mücke einen Elefanten zu machen« macht jegliche Heilung beinahe unmöglich.

Die schlechteste Prognose haben diejenigen, die ausschließlich um sich selber kreisen, denn dann pflegt der Krankheitsverlauf chronisch zu werden. Fehlt nur noch der Name. Ich würde Autoimmunpsychosis vorschlagen und die Faktoren, die zu dieser Erkrankung führen schnellstens im Netz verbreiten, wo Eigendiagnosen so beliebt sind. Ich bin mal gespannt, wer von den Nutzern ehrlich zu den richtigen Schlüssen kommt.

Dr. Bremer, Landarzt

Hunde von Elke Balthaus-Beiderwellen

Die Zeit für einen Blog habe ich heute nicht. Wir haben einen neuen Welpen im Haus. Nachdem unser Winston Churchill, ein gewaltiger Bernersennhund gestorben ist, hielten wir es genau eine Woche ohne Hund aus. Was heißt, wir besitzen noch einen weiteren Hund Richard Parker, einen höchst kapriziösen Jack-Russel-Jagdterrier Mix, der sich eher wie eine Katze benimmt, da er von einer solchen sozialisiert wurde – damals besaßen wir auch noch einen Kater, der Richard erzog. Seitdem gibt dieser Hund die Diva, putzt sich nach jeder Berührung mit Schmutz ausgiebig, wie eine Katze es tun würde, und will mit uns nur etwas zu tun haben, wenn ihm der Sinn danach steht. Diese Mimose wird nun von einem großen Schweizer Sennhund Welpen genervt, der unentwegt spielen will und ihr mächtig auf die Nerven fällt. Dauernd muss ich mich dazwischen werfen, wenn Richard nach dem Welpen schnappen will und ich habe die Augen mehr auf Richards Fell gerichtet als auf die Tastatur, denn ein beginnendes Sträuben desselben kündigt an, dass der Terrier kurz vorm Platzen steht. Zurzeit ist Waffenruhe. Richard liegt auf dem Stuhl neben mir, Louis Armstrong, genannt Satchmo, unser neuer Hausgenosse liegt unter meinem Stuhl und macht ein Schläfchen, nachdem er einen Teppich angekaut, einen Jackenärmel zerpflückt und mir die ganze Bude verpinkelt hat. Das große Geschäft gelang schon im Garten, nachdem ich dort eine halbe Stunde erbärmlich im Nachthemd frierend mit unserem neuen Gefährten zugebracht habe. So viel frische Luft bin ich gar nicht gewohnt! Schon gar nicht am frühen Morgen! Meine große Hoffnung beruht auf der Tatsache, dass Satchmo den gleichen Charakter haben soll wie unser verstorbener Winston, der sich, sobald er eine Leine sah, hinter einem der beiden Wohnzimmersessel versteckte. Wo er lag, da lag er. Meistens gründlich im Weg, sodass ich über ihn steigen musste, sofern ich nicht über ihn stolperte. Meine Knie sahen ständig aus wie zu meiner vorpubertären Zeit, also zerkratzt, verschorft und in allen Farben frischer und verblassender Hämatome leuchtend, denn nichts ist so fatal wie ein schwarzer Hund auf einem schwarzen Parkettboden. Satchmo ist auch schwarz und ich muss zeitig daran denken, ihm beizubringen, mir freie Bahn zu lassen. Ich habe eine Menge guter Vorsätze, was die Erziehung des Welpen betrifft, habe aber die Befürchtung, dass sie genau so in die Hose geht wie bei Richard Parker, der Katze im Fell eines Hundes und wie bei Winston, dem Couchpotato. Wir hätten ihn Petrus, den Felsen nennen sollen, so unverrückbar und meinen Bewegungsdrang begrenzend, baute er sich an allen möglichen und unmöglichen Stellen vor mir auf. Wenn ich ihn zwecks Spaziergang in den Kofferraum meines Kombis lud, blieb er am Zielort bei geöffneter Kofferraumklappe im Wagen liegen, bis ich von diesem, in seinen Augen viel zu schweißtreibenden und sinnlosen Unterfangen zurückgekehrt war. Im Blick die sehnsüchtige Frage, ob es denn nun endlich nachhause auf das Sofa ginge. Jetzt kann er sich für alle Zeit in unserem Garten ausruhen, unser Winston. Ich habe ihm heute Morgen mit seinem Nachfolger einen Besuch abgestattet. Wobei ich sehnsüchtig hoffte, aus Satchmo würde ein zweiter Winston werden. Wenn Richard etwas passieren sollte, weiß ich noch nicht, ob ich mir dann einen neuen Hund oder einen melancholischen Kater zulegen werde.

Elke Balthaus-Beiderwellen

Herbstanfang von Witwe Clausen

Bei mir kann man schon lange nicht mehr davon reden; ich befinde mich sozusagen bereits mittendrin. Trotzdem könnte ich an die Decke gehen, wenn ich so dumme Sprüche höre, dass der Herbst auch noch schöne Tage besitzt. Denn wer, bitte schön, erinnert sich beim Herbstanfang noch an den Frühling oder Sommer und deren schöne Tage? Vielmehr fragen sich die Leute: Hatten wir überhaupt einen Frühling, einen Sommer? Wie kommt es eigentlich, dass wir uns noch nicht einmal daran erinnern können, was es gestern zu essen gab? Weil wir alles quasi nebenbei erledigen. Und so rauschen ganze Jahreszeiten, ganze Lebensabschnitte an uns vorbei. Plötzlich(!) ist es Herbst, jahreszeitlich und den Lebensabschnitt betreffend und wir fragen uns: Wo ist die Zeit geblieben? Am Ende unseres Lebens fragen wir uns: Hatten wir überhaupt ein Leben? Deswegen wollen wir nie damit aufhören, egal wie schlecht es uns geht, weil das Leben in unseren Augen noch nicht stattfand. Der Vorhang fällt und alle Fragen sind noch offen. Wer sind wir? Was wollen wir? Welchen Sinn hat unser Leben? Im Prinzip könnte auf jedem Grabstein stehen: Er/sie ging, ohne zu wissen, woher er/sie kam und wohin er/sie wollte. Dabei wäre gerade der Herbst die Zeit, in der man die wichtigsten Fragen klären könnte. Die Ernte ist eingefahren, die Kinder sind aus dem Haus, man hat Zeit für sich und zum Nachdenken, aber nein! Es muss jung geblieben sein, koste es, was es wolle. Die sogenannten »jungen Alten« treiben mich in den Wahnsinn. Es wird damit kokettiert, dass man jünger aussieht als man biologisch ist. Es wird gefärbt, gespritzt, geturnt und diätet, was das Zeug hält. Man erzwingt eine Neuauflage der Zeitspanne, die man verpasste, als könne man irgendetwas nachholen. Ist ein Lebensabschnitt nachholbar? Im Grunde genommen bekommen die »Nachholer« gar nicht mit, dass sie einfach nur lächerlich wirken. Da werden mit über 70 Gefühle herbei gezwungen, die man mit zwanzig hätte haben sollen. Der gutsituierte Senior lacht sich Frauen an, die er mit zwanzig für unerreichbar hielt und Seniorinnen gehen in Bekleidungsläden, die ihren Töchtern anstünden. Rocksäume wandern über Zellulitisbeine immer weiter nach oben, denn schließlich muss gezeigt werden, was man, als man es noch konnte, nicht zu zeigen gewagt hatte. Ich habe einmal die Probe aufs Exempel gemacht und in die heißesten Sportwagen in unserer Stadt geschaut. Die PS Zahl verhielt sich direkt proportional zum Alter des Fahrers. Klar, was man sich in der Jugend nicht leisten konnte, demonstriert man im Alter. Nur, was bewirkt dieses Verhalten? Fühlt man sich jung, weil man sich jung gibt? Dass es auf die Umwelt lächerlich wirkt, haben wir schon festgestellt, aber wie wirkt es auf denjenigen, der diese Verhaltensweise an den Tag legt? Ich kann mir vorstellen, dass man sich reichlich abgehetzt vorkommt. Man rauscht mit Vollgas durch den Herbst und verpasst auch diesen und seine sprichwörtlichen »schönen Tage«.

Witwe Clausen

Pausen von Elke Balthaus-Beiderwellen

Für die Jugend gibt es keine Wartezeiten mehr. Egal, ob an der Supermarktkasse, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer eines Arztes, das Smartphone überspielt Leerzeiten. Dabei empfand ich diese erzwungenen Auszeiten durchweg als äußerst nützlich, denn nach einer gewissen Zeit, begann man sich Gedanken zu machen. Über sich, über das Leben und über die eigenen Beziehungen zu den Mitmenschen. Langweilig wurde es nie, im Gegenteil! Man beobachtete, zog seine Schlüsse oder versetzte sein Hirn in eine Art von Stand-by-Modus, der die freie Assoziation regelrecht erzwang. Es gab noch Kopf-Kino, wenn man so will. Erinnert sich unsere Jugend noch an eine Fähigkeit, die man Phantasie nannte? Oder kennt sie noch den wohligen Zustand des Tagtraumes? Schlimm genug, dass wir überall von Musik berieselt werden, aber ständig, ohne Auszeit mit anderen kommunizieren zu müssen, sich Videos und Fotos von fremden Leben anzuschauen, legt wichtige Bereiche des Hirns lahm. Das Hirn ist wie ein Muskel; was nicht genutzt wird, verkümmert. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht mehr in vollständigen Sätzen kommuniziert wird, sondern in Schlagworten und sogenannten Smileys. Man macht sich natürlich nicht die Mühe, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, denn dies setzt eine gewisse Gedankenarbeit voraus. So ungefiltert, wie alles in die Hirne hineinströmt, kommt es auch wieder heraus, ohne den Verstand passieren zu müssen. Wir werden zu reflektierenden Flächen, zu austauschbaren Spiegeln. Inhalte werden geteilt, nicht erdacht. Jeder längere Text wird bereits als Überforderung empfunden; er wird nur noch »überflogen«, denn »dringende« Kurznachrichten warten auf ihren Abruf. Leben findet nur noch in Schlagworten oder Schlagzeilen statt, als Komprimat. Und genau so wird die Zeit empfunden. Jede längere Zeitspanne, in der nichts passiert, macht uns nervös, also wird sie durch Ablenkung komprimiert, deformiert und verzerrt, bis wir sie nicht mehr als störend empfinden. Wobei es ein Rätsel ist, wie man seine Lebenszeit als störend empfinden kann. John Lennon hat es auf den Punkt gebracht. »Leben findet statt, während man anderweitig zu tun hat«!

Elke Balthaus-Beiderwellen

Routine von Witwe Clausen

Langsam legt sich meine Panik. Ich habe verschlafen! Nun können Sie sich berechtigterweise fragen, wie eine Witwe und Rentnerin überhaupt verschlafen kann. Es liegt daran, dass ich immer um 6:00 Uhr aufstehen musste, um einen dezidierten Tagesplan mit Mann, Kindern und Haushalt abzuarbeiten. Ich pflegte immer um 9:00 Uhr einkaufen zu gehen, da mein Friedrich um 12:30 Uhr zum Mittagessen vorbeischaute. Bis dahin war die Bude in Ordnung, die Kinder, samt Pausenbrot in der Schule und die ersten Fuhren Wäsche liefen. Mein Tag war in Zeiteinheiten eingeteilt und offensichtlich tickt meine innere Uhr noch wie früher. Jetzt sitze ich hier, ungewaschen und ungekämmt am Küchentisch und schreibe diese Zeilen, während alles in mir danach drängt, den üblichen Zeitplan einzuhalten. Ich stelle mir vor, jemand klingelt an der Tür und ich öffne um 10:00 Uhr im Nachthemd, obwohl nie jemand um diese Zeit bei mir Einlass verlangt. Aber, es könnte ja mal sein! Mein Bett ist auch noch nicht gemacht, was in Anbetracht der Tatsache, dass nur ich allein mein Schlafzimmer betrete, nun wirklich unwesentlich ist. Was ist das für ein Teufel in mir, der mich dazu drängt, die Dinge des Tages zu bestimmten Uhrzeiten zu erledigen? Natürlich beruhigt Routine. Sie erspart lästiges Nachdenken. Jeder Tag ein Murmeltiertag! Wie langweilig und wie erleichternd gleichzeitig. Während ich mich dazu zwinge, hier sitzen zu bleiben und zu schreiben, zucken meine Beine ständig, weil sie dorthin laufen wollen, wo sie um diese Uhrzeit immer hinlaufen. Es wäre eine große Erleichterung, diesem Zucken und Zappeln nachzugeben und es kostet große Mühe, es zu ignorieren. Es ist sowohl lächerlich als auch beängstigend, denn wer ist hier Herr, bzw., Frau im Hause. Ein: du müsstest, kämpft unablässig mit einem: du brauchst aber nicht und ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, wer letztendlich die Oberhand behält. Ich komme mir vor wie ein Raucher, der sich das Rauchen abgewöhnt hat, aber unablässig nach der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug tastet. Was wir immer tun, wird selten hinterfragt. Wann geht es dem Raucher am Schlechtesten? Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem er immer eine Zigarette rauchte. Alles nur Gewohnheit. Es wäre ja auch lästig, sich bei allem und jedem zu fragen; warum tue ich das eigentlich? Die häufigste Antwort wird wohl sein: Weil es immer so war. Kennen Sie diesen Zeitpunkt, direkt nach dem Aufwachen, an dem unsere Gewohnheitsperson noch nicht zur Gänze aufgebaut ist? Man ist verwirrt und orientierungslos, aber nach und nach fällt jedes Teilchen an seinen Platz, und der Roboter betritt seine ausgetretenen Pfade. Wir funktionieren. Was womöglich das Gegenteil von Leben ist. Wer nicht reibungslos funktioniert, fällt aus unserer arbeitsteiligen Gesellschaft heraus. Und wer kein wichtiges Rädchen im Getriebe ist, will wenigstens für sich die Illusion aufrechterhalten, er wäre es, was zur Aktivität um der Aktivität willen führt.

Neulich las ich von einem Experiment. Menschen mussten sich in einem reizlosen Raum aufhalten. Die einzige Möglichkeit der Ablenkung bestand darin, sich leichte Stromschläge versetzen zu können und, Sie werden es nicht glauben, nach 15 Minuten fingen alle damit an.

Witwe Clausen

Gefühle von Paul Wiedebach

Heute Morgen gab es eine kurze Diskussion am Frühstückstisch. Meine Frau und ich hatten es über Verstand und Gefühl. Was kommt zuerst. Irgendwie ging es um das Henne und Ei Problem. Während meine Gattin der Ansicht war, dass sie nur an etwas Unangenehmes denken müsse und schon wäre das entsprechende Gefühl da, war ich der Ansicht, dass Gefühle von sich aus entstehen und das Großhirn habe dann seine liebe Mühe, sie unter Kontrolle zu bekommen. »Warum sollte der Körper von sich aus Gefühle produzieren?«, fragte meine Frau. »Was vorher nicht im Kopf war, zieht auch nicht in den Bauch. Man kann sich durch negatives Denken den ganzen Tag versauen. Das beste Beispiel dafür sitzt übrigens bei mir zuhause!« »Du wirst doch wohl nicht behaupten wollen, ich hätte schlechte Laune, weil ich schlechte Laune haben will?«, entgegnete ich erbost. »Aber klar doch. Vom Aufschlagen der Augen an denkst du an alles Negative, das im Laufe des Tages auf dich zukommt, anstatt dem Positiven, das sich auch ergeben könnte, ebenfalls eine Chance zu geben. Ist dir einmal aufgefallen, dass dein erster Satz des Tages mit den Worten beginnt: Heute muss ich schon wieder …? Während dir ein: Heute könnte ich einmal, gar nicht in den Sinn kommt.« Hm, diesen Angriff konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. »Wahrscheinlich willst du mich nur mit zu deinem Yoga und deiner Meditation schleppen!« »Gott bewahre, du kannst ja nicht einmal zwei Minuten still sitzen. Jedenfalls habe ich bei einer Meditation, bei der ich an nichts denke, auch keine Gefühle, Punktum.« Damit stand sie auf und ließ mich allein. »Warum muss sie ständig das letzte Wort haben?«, dachte ich und ärgerte mich entsprechend. »Das hat sie von ihrer Mutter«, wurde ich langsam wütend.«Ob das noch lange gut geht?«, machte sich Hass in mir breit. »Wieso habe ich damals unbedingt heiraten wollen«, mischte sich nun auch Verzweiflung in meinen Gefühlscocktail. »Keiner versteht mich, nicht einmal die eigene Frau!«, stieg Selbstmitleid in mir auf. Hoppla! Wurde mir dann mit einem Mal bewusst, könnte meine Frau vielleicht Recht haben? »Du willst doch wohl nicht zugeben, wieder einmal im Unrecht zu sein?« Eindeutig Stolz! Diesem Phänomen musste ich auf den Grund gehen. Während ich noch am Frühstückstisch saß, gelang es mir, die gesamte Gefühlspalette durchzuspielen, indem ich nur an entsprechende Situationen dachte. Wenn ich also in einer bestimmten Stimmung bin, könnte es durchaus sein, dass mich eine nicht beachtete Gedankenkette in sie versetzt hat. Die Botenstoffe des Hirns sind immer die gleichen, macht nur meine Bewertung verschiedene Gefühle daraus? Setzt ich höchstpersönlich das Störfeuer in Gang, dass kurzfristige Entspannung in heillose Hektik verwandelt? Ist alles um mich herum zunächst einmal neutral, bis ich es deute? Und, was ist mit dem Einfluss von außen? Können andere manipulativ auf unserer Gefühlsklaviatur spielen? Letztendlich treffe ich doch die Entscheidung darüber, wie eine Bemerkung bei mir ankommt. Was natürlich einen permanenten Zustand der Bewusstheit voraussetzt. Denken ich nun zu viel oder zu wenig? Wie groß ist meine Macht über das, was sich unentwegt in meinem Oberstübchen abspielt? Gedanken an- und abstellen wäre vielleicht der erste Schritt. Ich muss doch meine Frau einmal fragen, wann der nächste Meditationskurs läuft.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Supermarkt von Tanja K.

Einmal in der Woche pflege ich einen Großeinkauf zu machen und ich sage Ihnen, dies ist ein schweißtreibendes Ereignis. Nicht der Einkauf an sich, sondern das Kassenband. Wenn ich mich ihm nähere, merke ich schon, wie mein Puls ansteigt. Ich schiebe meinen übervollen Einkaufswagen an das Höllenband heran und drehe mich erst einmal um. Stehen drei bis vier Leute hinter mir, die nur ein bis zwei Artikel in ihren Händen tragen, lasse ich sie erst einmal vor, damit ich beim Aufladen nicht noch mehr in Hektik gerate als nötig. Dann geht es los. Ich schaufele meine Utensilien auf das an mir vorbei rasende Band. Vorne, bei der Kassiererin ist bereits ein Stau meiner Produkte entstanden und ich habe meinen Wagen immer noch nicht leer, was mir einen vorwurfsvollen Blick einbringt, da sich bei der Kassiererin alles türmt und mein Einkaufswagen ist noch nicht herumgerollt, um als Auffangnetz zu dienen. Wenn ich die letzten Sachen auf das Band geworfen habe, haste ich ans Ende desselben und schiebe den Wagen dicht heran, denn die ersten Dinge purzeln bereits vom Band. Wenn ich nicht schnell genug bin, fällt einiges zu Boden. Merke: Eier stets zuletzt auf das Band legen! In diesem Fall kann ich meinen Wagen nicht dicht genug heranschieben, da ich erst die Sachen vom Fußboden aufklauben muss, während von oben unablässig Neues auf mich herab regnet. Die Kassiererin, die nicht länger Beträge in eine Kasse tippen muss, sondern nur noch über den Barcodeleser zieht, bemerkt meine Nöte nicht. Sie schiebt unentwegt nach. Jetzt könnte ich eine dritte Hand gebrauchen, aber wenn ich, ohne Rücksicht auf Verpackung und Fragilität meiner Einkäufe alles beidhändig in den Wagen werfe, hole ich die Kassiererin meistens ein und kann meinen Wagen in eine Position bringen, in der alles wie von selbst hineinfällt. Nun bleibt ein Moment Zeit, in dem ich ein Taschentuch hervor hole und mir den Schweiß von der Stirn wische. Ich habe mir abgewöhnt, bar zu bezahlen, denn die Suche nach den Geldscheinen brachte mir in der Vergangenheit weitere vorwurfsvolle Blicke ein. Außerdem führte das Bezahlen mit großen Scheinen unentwegt zu einem Hartgeldschaden in meiner Geldbörse, denn es ist nicht möglich Cent für Cent zusammenzustückeln, bis man den Bezahlbetrag passend zusammengesucht hat, weil dies zu Murren bei der Kundschaft führt, die an der gleichen Kasse steht wie ich. Nur beim Bäcker, in der Lottoannahmestelle und in der Apotheke wird man sein Kleingeld noch quitt. Ansonsten sammele ich es in Bechern und wechsele es von Zeit zu Zeit bei der örtlichen Sparkasse. Durch den Kassenbandstress kam es in meinem Kopf manchmal zum Durcheinanderbringen der Reihenfolge meines Pin-Codes. Deswegen memoriere ich sie immer wieder, während ich noch mit dem Einkauf beschäftigt bin. Wollten Sie schon einmal in einem Supermarkt mit der EC-Karte bezahlen und bekamen ihren Pin-Code nicht auf die Reihe? Der öffentliche Pranger früherer Zeiten ist ein Dreck dagegen! Wenn ich den Kassenbereich hinter mir gelassen habe, schiebe ich meinen Einkaufswagen, in dem alles kunterbunt durcheinander gewürfelt ist – die Eier liegen zum Glück ganz oben – , im Zeitlupentempo zum Ausgang, denn mir ist leicht schwindelig und ich schwitze wie in einer Sauna. Im Zeitlupentempo räume ich meine Einkäufe geordnet in die Kisten in meinem Kofferraum und versuche, aus der Hyperventilation zu kommen, in dem ich mir immer sage: »Du hast keine Chance, gegen das Kassenband, die Kassierin und gegen die sich in unentwegter Zeitnot befindenden anderen Kunden zu gewinnen. Also, gib es auf.«

Tanja K., anonyme Alkoholikerin