Ansichten von Maria Mitscherlich

Das Wichtigste ist, dass man sich nicht in Kleinigkeiten verliert, sondern das Große, Ganze im Auge behält. Der Tag als Gesamtkonzept, wenn man so will. Oftmals wird er durch die täglichen Notwendigkeiten in Fragmente zerstückelt. Aber so, wie sich eine Meisteroper aus einzelnen Noten zusammensetzt, die für sich allein genommen, keinen Sinn ergeben, setzt sich der gelungene Tag aus Einzelkomponenten zusammen, die für sich betrachtet, sinnlos und lästig erscheinen. Es fängt mit dem Aufstehen an. Dunkel und schwer liegt der Tag vor einem. Man muss raus aus den warmen Federn, sich regeln, anziehen, schminken und legt damit die Rüstung an, die man für den Tag braucht. Auf der Arbeitsstelle geht es weiter. Man praktiziert das aufgesetzte Grinsen, die uneingeschränkte Tüchtigkeit, obwohl man ob der zum großen Teil tödlich langweiligen Anforderungen am Liebsten kotzen möchte. Man sagt »Hallo« zu der schönen Parallelwelt, die sich konträr zur Innenwelt verhält. Ich persönlich weiß nur vom Hörensagen davon, meine Klienten klagen unentwegt darüber. Es hilft schon, wenn man ein wenig Glanz über die banalste aller Tätigkeiten legt. Anstatt mit Gewissheit starten wir mit Ungewissheit in den Tag, denn wer sich auf Gewissheiten beschränkt, dem passiert nichts Ungewisses. Ein immerwährender Murmeltiertag ist die Konsequenz. Neugier ist lebenswichtig. Aus dem »was soll mir schon Besonderes passieren« machen wir ein »mal sehen, was mir heute Besonderes passiert«. Es kann ein sensationeller Gedanke beim Zähneputzen sein, ein Gedicht, das einem während der Autofahrt einfällt oder die Begegnung mit einem Gegenüber, das sich als echtes Gegenüber erweist. Man muss es nur BEMERKEN! Tunnelblicke bewirken enge Schächte, in die kein Licht fällt. Fixierungen fixieren und »Augen zu und durch« macht blind. Ich verlange von meinen Klienten zunächst einmal, sich uneingeschränkt zu öffnen. Dann empfehle ich ihnen einen Waldspaziergang mit weit offenen Sinnen. Wenn sie dann zur zweiten Therapiestunde kommen, sprudeln sie über vor Erlebnissen ganz neuer Natur(!). Natürlich nur diejenigen, die sich auf das Hier und Jetzt des Waldes komplett eingelassen haben. Sie sind in den zurzeit hochgelobten »Flow« gekommen. Dabei wird jede Tätigkeit, auf die man sich voll und ganz einlässt, zwangsläufig zum »Flow«. Multitasking ist der Tod des »Flows«, denn wenn ich etwas tue und dabei an tausend andere Sachen denke, kann ich es gleich lassen. Dann wird der Wald zur Firma, der Park zum Büro und der besondere Mensch zu einem weiteren lästigen Klienten. Im Prinzip braucht man keine rosarote Brille aufsetzen, sondern muss die schwarze, die mit dem kleinen Guckloch absetzen.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Wowereit von Tanja K.

Süß und nett war er ja. So ein richtiger, kleiner Altfrauenschwarm, wobei mir gerade einfällt, dass er an Frauen nicht interessiert ist. »Berlin ist arm, aber sexy!« Ich war vor zwei Wochen in Berlin und es stimmt! Berlin ist arm, sehr arm sogar, so arm, dass es gar nicht sexy sein kann! Ich jedenfalls habe noch nie davon gehört, dass Verwahrlosung sexy macht. Da kann man sich noch so sehr um sexy Oberbekleidung bemühen (BER!), wenn`s darunter stinkt und modert, ist dies vergebliche Liebesmüh! Jetzt überlege ich schon den ganzen Morgen, welche sensationellen Leistungen Wowereit in seiner Amtszeit vollbracht hat. Nur, mir will keine einfallen! Zurückgetreten ist er jedenfalls noch nicht. Es kann sein, dass sein Rücktritt mit der Eröffnung des BER zusammenfällt(!). Oder verlässt da gerade eine Ratte das sinkende Schiff? Mr. Lotusblütenoberfläche, Herr Verantwortungsverschieber, Lord der Narretei, Graf von und zu Laumeier und Papst aller Feierwilligen, die Liste seiner Titel ist lang. Er hat Berlin nicht voran, sondern herunter gebracht. »Den Wowereit machen« sollte eigentlich zum geflügelten Wort werden. Egal welche Dummheit man auch verzapft hat, den Wowereit machen heißt, sich aus jeder Bredouille teflonartig herauszuwinden. Dieses Lied wurde für Wowi geschrieben!

Jaj, Mamam, Bruderherz aus »Die Csardasfürstin« Alle sind wir Sünder!

Es wär‘ uns zwar gesünder,

Bei Nacht zu liegen ausgestreckt im Bett‘  Doch das Großstadtpflaster

hat uns verführt zum Laster

Und wir sind Lumpen drum vo A bis Z!  Alle sind wir Sünder

Und freu‘n uns wie die Kinder

auf jedes neue Mäderl im Programm.  1n der trauten Atmosphäre,

Wo man tanzt und küßt und lacht,

Pfeif‘ ich auf der Welt Misere,  Mach‘ zum Tag die Nacht!

Hurra! Hurra!

Man lebt ja nur einmal!  Und einmal is keinmal!  Nur einmal lebt man ja!  Hurra! Harra!

Zum Lachen und Scherzen,  Zum Küssen und Herzen,  Hurra! – sind wir ja da!  Nui du! Nur du!

Schwört jeder immerzu!  Man girrt und schnäbelt,  Süß benebelt,

Nutzt die flüchtige Zeit, die goldene!  Drum tanz‘, mein Lieber,

Eh`s vorüber!  Heut‘ ist heut‘!

Ganzes Dasein ist ein Schmarren!  Freunderl, sei gescheit!

Heute über fünfzig Jahren  Leben andre Leut‘!

Dieses ganze Jammertal

Ist für mich ein Nachtlokal.

Überhaupt fahr‘ ich in Himmel vorderhand  Und verkaufe, wenn gefällig, mein Gewand.  Jaj, Mamam, Bruderherz, ich kauf mir die Welt!  Jaj, Mamam, was liegt mir am lumpigen Geld!  Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht,  Ob es morgen nicht schon zu spät!

In dem Sinne: Prost!

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

 

Kosmetika von Paul Wiedebach

Als ich heute Morgen durchzählte, standen zehn Bastkörbchen mit den Maßen 15x15x25 cm in unserem Badezimmer. Sie hatten sich also im letzten Monat, ohne dass es mir aufgefallen wäre, verdoppelt. Jedes dieser Körbchen ist randvoll mit Kosmetika. Creme für den Körper, Creme für das Gesicht, Creme für die Augenpartie, Faltenfüller, Gesichtsmasken und Bodypeeling. Dies ist nur die Hautabteilung! Die Haarpflege nimmt, sage und schreibe fünf dieser Körbe in Anspruch, direkt gefolgt von Duftessenzen und Parfüms aus allen Teilen der Welt. Schminke breitet sich in zweien dieser Behältnisse aus, obwohl meine Frau sich so gut wie nie schminkt, besonders nicht für mich. Was mich besonders verwundert ist, dass, nachdem die Produkte einmal benutzt wurden und die versprochene Wirkung nicht erfüllten, die angebrochenen Flaschen trotzdem in aller Gemütsruhe vor sich hinstauben. Sie werden beiseite gerückt und neue Hoffnungsträger füllen weitere Bastkörbe. Ich persönlich brauche nur Duschgel, das genau zwei Anforderungen erfüllen muss: Es muss voll sein und es muss in der Dusche stehen! Nun stand aber auf der Spiegelablage über meinem Waschbecken ein weiteres, in dunkelblau gehaltenes Körbchen. Dessen Inhalt gab mir zu denken. Es fand sich dort alles gegen müde Männerhaut, animalische, männliche Ausdünstungen, Shampoo mit Koffein gegen androgenen Haarausfall, Zahnweiß, Mundwasser, ein Nasentrimmer, Rosskastanienbalsam gegen Krampfadern und ich fragte mich, was der tiefere Sinn dieser Artikel sein mochte. Plötzlich fiel mir etwas ein und ich durchsuchte hektisch den Korb, stellte aber zu meiner Erleichterung fest, dass sich die blauen, salmiakpastillenförmigen Pillen nicht in dessen Sortiment befanden. Stattdessen fand ich doch tatsächlich Kaltwachs für überschüssige Körperbehaarung, ein Tonikum gegen Nagelpilz und eine Augencreme gegen Augenringe. Hämorrhoidensalbe und ein Antimykoticum für das beste Teil des Mannes komplettierten die Ausstattung. Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Mit  Akribie entleerte ich Tiegel, Töpfchen, Flaschen und Tuben ins Klo und spülte etliche Male ab denn, wo kämen wir denn da hin, wenn Mann nicht mehr Mann sein dürfte. Einen Moment überlegte ich noch, dann zerstampfte ich das Bastkörbchen und stopfte es in den Badmülleimer, denn meine Frau hat das unstillbare Verlangen, leere Behältnisse umgehend wieder füllen zu wollen. Ich war gerade mit meinem Befreiungsschlag fertig, da kam mein Schwager ins Badezimmer geschlurft, dessen nächtlichen Aufenthalt in unserem Hause ich doch komplett vergessen hatte. Nachdem er in meiner Gegenwart seine Blase entleert hatte, blickte er sich suchend um. »Hast du einen dunkelblauen Bastkorb gesehen?«

»Äh nein, wie soll der denn aussehen?«

»Ja, dunkelblau und aus Bast!«, schaute er unter den Waschbecken nach. Eine gute Gelegenheit für mich, um aus dem Bad zu flüchten! Meine Verlegenheit verwandelte sich augenblicklich in einen Triumph, als ich die Treppe herunter ging und mir einfiel, dass ich auch ohne künstliche Hilfsmittel einen Vergleich mit meinem gleichaltrigen Schwager nicht fürchten muss. Sein verzweifeltes Rufen nach seiner Schwester bekam ich schon gar nicht mehr mit. Besonders weil mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf ging: „Wieso braucht der Kerl kein Viagra?“

Paul Wiedebach, Kolumnist

Null Bock von Dr. Bremer

Dieses Phänomen besitzt viele Namen. »Burn out«, depressive Verstimmung, chronisches Müdigkeitssyndrom, Fibromyalgie, PMS, die neuentdeckten männlichen Wechseljahre, leichter grippaler Infekt und Stress jeglicher Ausprägung. Mir fiel heute Morgen eine Liedzeile von »Ganz schön feist« ein. »Mein Körper möchte ruhen und ich tu ihm den Gefallen«. Hier liegt der Hund begraben, dass wir unserem Körper eben nicht mehr gefällig sind. Der schwerste Tag der Woche ist der Montag und die Gesündesten unter uns holen sich entweder beim Wochenenddienst oder morgens bei mir in der Sprechstunde eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Ihr Körper mag aktuell zwar nicht nach Ruhe schreien, aber manche Zeitgenossen sind eben ausgeprägt präventiv unterwegs. Ich rede hier nicht von den Alkoholfeierleichen, sondern von denen, die die bewundernswerte Fähigkeit besitzen aus einer leichten Unlust eine schwerwiegende Erkrankung zu machen. De Leidensdruck eines leichten Ziehens in irgendeiner Körperregion kann immens sein, wie ich immer wieder feststellen muss. Vom Ziehen in den Haarspitzen bis zum Ziehen im kleinen Zeh, alles kann sich zu einem besorgniserregenden Krankheitsbild ausweiten. Die Zeiten meiner reformatischen Einstellung sind lange vorbei. Ich diskutiere und kämpfe nicht mehr um »Gelbe Scheine«, dafür sind mir meine Nerven zu schade. Das Feld der körperlichen Befindlichkeitsstörungen scheint abgegrast, während die der psychischen Empfindlichkeit grassiert. Der DSM (Verzeichnis der psychiatrischen Erkrankungen) wird minütlich dicker. Ich werde demnächst ein Gegenwerk erstellen, das VDAUA, das Verzeichnis der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungsausreden. Von schleichender Koffeinresistenz, die einen nicht mehr richtig wach werden lässt, bis zur Tastaturphobie bei Computerarbeitsplätzen, von Mobbing durch den PC bis klaustrophobischen Zuständen in Klein- und agoraphobischen Zuständen in Großraumbüros, der Ausreden sind viele. Letztens wollte mir ein Patient die Taucherkrankheit weismachen, weil an seinem Arbeitsplatz ein Aquarium steht. Lehrer haben Schülerphobien, und ich bekomme allmählich eine Patientenphobie, die montags am ausgeprägtesten ist. Alles ein Ausdruck von: »Am liebsten würde ich in meinem Bett bleiben und mir die Decke über den Kopf ziehen.« Wer von den sogenannten Erwachsenen möchte das nicht? Auch ich leide unter der Montagskrankheit, deren Schwere entschieden davon abhängt, ob man selbstständig, angestellt oder verbeamtet ist. Vom flüchtigen Symptom bis zur vollen Ausprägung der Erkrankung, genau in dieser Reihenfolge erfolgt deren Schwere. Die Prävalenz ist bei Männern wie Frauen gleich hoch. Von meiner Seite aus ist nur ein enger Zusammenhang zum Arbeitsverhältnis feststellbar. Gegen die Krankheit gefeit sind nur diejenigen, denen Beruf Berufung ist und die kann man an einer Hand abzählen. Mir ist mein Beruf ebenfalls Berufung und so werde ich jetzt diese Zeilen beenden und den Patienten meine Tür öffnen, die wie im ersten Zombiefilm meine Praxis umkreisen und an der Tür kratzen, wie damals die Untoten das Einkaufszentrum – man erinnere sich.

Dr. Bremer, Landarzt

Challenge von Maria Mitscherlich

Da sage mal jemand, es gäbe keinen Weltgeist. Wenn etwas völlig Verrücktes im Netz propagiert wird, machen es alle nach, wie man an der Kaltwasser-Challenge sehen kann. Ob Gangnam style, ob Happy-Song, alle Welt packt er Wahnsinn kollektiv. Ich frage mich gerade, ob ich nicht auch so einen Tsunami in Gang setze. Ein Selfie mit dem persönlichen Schutzengel! Dieser kann jeden Aggregatzustand besitzen, sich als Mensch oder Tier materialisiert haben oder auch nicht und die Spannweite reicht vom Lieblingskuscheltier bis zum mächtigen Talisman. Natürlich gehören auch die Wunder geschildert, die man diesen verdankt. Der Wunderglaube erhielte dadurch doch einen regelrechten Aufschwung! Die meisten Wunder liegen 2000 Jahre und mehr zurück. Eine Renaissance ist mehr als angebracht. Und, geben wir es doch zu, wer unter uns völlig frei von Aberglauben ist, der werfe den ersten Stein. Man stelle sich das einmal vor! Wundergeschichten aus aller Welt! Ich sehe schon das biblische Zeitalter auf uns zurollen! Spontanheilungen, Lebensrettungen in letzter Minute und Ähnliches mehr überschwemmen das Netz. Ich möchte denjenigen sehen, der dann nicht auf die Knie fällt und betet. Lourdes war gestern. Wunder finden nicht nur an heiligen Brennpunkten statt, sondern überall! Ich weiß nicht, wie verbreitet die Temporallappenepilepsie ist, die mit Sichtungen von Heiligenerscheinungen einhergeht; bis zum Mittelalter scheint sie sehr häufig gewesen zu sein. Vielleicht tritt sie ja im Islam zahlreicher auf als in den anderen Religionen, denn gerade dieser Glaube ist von unwahrscheinlichen Visionen begleitet. Heutzutage schriebe man bei allen Propheten zunächst ein EEG, um eben diese Form der Hirnstörung auszuschließen. Wahrscheinlich wäre der Welt viel Leid erspart geblieben, wenn man diese diagnostische Methode bereits um das Jahr Null herum gekannt hätte. Eine Johanna von Orleans müsste heutzutage erst einmal ein MRT und ein EEG über sich ergehen lassen, ebenso wie eine Bernadette Soubirous oder ein  Jesus, ein Mohammed oder ein Paulus. Die Wissenschaft verifiziert halt gerne. Aber ich komme von meinem Thema ab: dem Selfie mit Schutzengel.

Der Zeitpunkt ist günstig, denn die Welt lechzt nach geistiger und geistlicher Führung. Möglicherweise wird eine neue, einheitliche Religion in Gang gesetzt, die endlich auf alle Fragen eine Antwort bietet. Das Judentum, das Christentum und der Islam beten eh denselben Gott an. So wie man Ihm sowieso alle Eigenschaften angedichtet hat, warum soll er nicht der allein Wundertätige sein? Keine Allmacht, keine Allwissenheit, nein, allein Wundertaten machen Ihn zu dem, was er ist. Bislang besitzt die katholische Kirche das Monopol darauf, zu beurteilen, was ein Wunder ist und was nicht. Aber können wir dies nicht alle – außer natürlich den Temporallappenepileptikern. Aber wer sagt uns denn, ob der Temporallappen des Hirns nicht die Empfangsstation ist, die Gott für eine persönliche Kontaktaufnahme in unseren Köpfen erschaffen hat. Vielleicht täten uns synchrone Entladungen in diesem Bereich allen einmal gut. Sang nicht schon Katja Ebstein: »Wunder gibt es immer wieder?« Vielleicht müssten wir die Messlatte für Wunder nur einen Tick tiefer setzen. Da muss nicht gleich Wasser in Wein verwandelt werden; es reicht schon, wenn man morgens gesund aufwacht. Was für eine Challenge!

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Sterben von Witwe Clausen

Wenn ich mir vorstelle, John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge, würde in den letzten Zügen liegen und sich vor Schmerzen winden, wäre es überhaupt keine Frage, ihn vom Tierarzt erlösen zu lassen. Es ist eine Form von Gnade und Liebe, diejenigen, an denen einem am meisten liegt, nicht leiden zu lassen. Nun halte ich selbst John Carter für autonom und intelligent genug, zu entscheiden, wann für ihn Schluss ist. Nur der Mensch in Deutschland scheint nicht über genug Intelligenz und Autonomie zu verfügen, diese Entscheidung für sich zu treffen, wenn man den Politikern Glauben schenkt. Auch ich bin in einem Alter, in dem man sich Gedanken darüber macht, wie man abtreten will. Nein, keine Sorge, ich bin topfit, aber das wird naturgemäß nicht so bleiben. Bei Geburten mischt sich die Politik nicht ein; da kann jeder unfähige Hans und Franz Kinder in die Welt setzen, dass es nur so plärrt. Warum also das Verlangen nach der Deutungshoheit über den Tod? Gibt es etwas Persönlicheres? Warum muss ich, wenn es nun wirklich nicht mehr geht, das Kleinkalibergewehr meines verflossenen Friedrich zum Einsatz bringen und kann mich nicht an den Arzt meines Vertrauens wenden? So, wie es bei uns aussieht, muss man in meinem Alter nicht nur für die Beerdigung sparen, nein, auch für eine Reise in die Schweiz! Für mich ist »Sterbetourismus« das Unwort des Jahrzehnts. War bislang passive Sterbehilfe erlaubt, also das Besorgen von tödlichen Medikamenten, sinnen unsere Politiker allen Ernstes darüber nach, dies auch noch zu verbieten. Also, wer sich den Sterbetourismus nicht leisten kann, der kaufe sich doch bitte einen billigen Strick oder einen Föhn für die Badewanne. Rasierklingen sind auch recht günstig zu haben. Alternativ sollte man seine im Alter automatisch verschriebenen Schlafmittel nicht einnehmen, sondern für den Ernstfall horten. Das Problem ist nur, dass diese Selbsttötungsversuche meistens scheitern und dann wacht man an Bett gefesselt in der geschlossenen Psychiatrie wieder auf und ist noch hilfloser als zuvor. Es kann doch verdammt nicht so schwer sein, verbindliche Vorbedingungen für die Sterbehilfe festzulegen. Eine finale Erkrankung, nicht zu beherrschende Schmerzen, nicht zu beherrschender Ekel, wenn man quasi von innen heraus verfault. Und jetzt sollen mir die blöden Palliativmediziner nicht mit dem Argument kommen, dass man sich nur aus dem Grunde, den anderen nicht lästig fallen zu wollen, um die Ecke bringen will. Bockmist! Was für den einen gilt, gilt nicht automatisch für alle anderen. Nochmal, es ist die persönlichste Entscheidung überhaupt!! Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass sich John Carter darauf verlässt, dass ich ihm in seiner schwersten Stunde beistehe. Und ich möchte mich auch darauf verlassen können, dass mir jemand beisteht, egal, wie ich mich auch entscheide. Wenn sie alle vom Gesetz verschreckt werden, stehe ich ganz allein da. Mein ganzes Leben lang hat sich der Gesetzgeber nicht persönlich um mich gekümmert. Darum sollte er es auch im Tode tunlichst lassen! Und vor allen Dingen haben sich die Kirchen da heraus zu halten! Manchmal habe ich den Eindruck, dass die meisten ihre Kirchensteuer nur zahlen, um nicht mir göttlichem Firlefanz behelligt zu werden. »Nehmt hin, aber lasst mich in Ruhe!« Lasst mich in Ruhe, das ist es. Lasst mich in Ruhe leben und in Ruhe sterben. Amen.

Witwe Clausen

Streitkultur von Tanja K.

Gestern las ich den Blog meines Mitautoren Paul Wiedebach, was mich dazu brachte über Tabuwörter bei Streitereien nachzudenken. Sie lauten: nie, immer, ständig, jemals, wenn und aber. Bringen Sie einmal in einen Satz oder einer Frage eines dieser Wörter an und die mögliche Diskussion ist gleich beendet. Relative Tabuwörter sind: hoffentlich, vielleicht, möglicherweise und wahrscheinlich. Eine Vorwurf wird dadurch doch merklich abgeschwächt. Königswörter in Diskussionen sind: zurzeit, im Moment, gerade eben, etc., also alle Worte, die sich auf die unmittelbare Gegenwart beziehen und Vergangenheit, sowie Zukunft außer Acht lassen. Hände weg von Verallgemeinerungen, subjektiven Rückschlüssen und Voraussagen! Außerdem redet man tunlichst nicht aus dem Bauch heraus, denn dann wird jeder Meinungsaustausch automatisch zum Streit. Man sollte auch jeden Satz nach Möglichkeit mit »ich« und nicht mit »du« beginnen. Eine Diskussion führt man mit klarem Kopf, ruhigem Atem und normaler Pulsfrequenz, alles andere ist Streit! Natürlich unterlässt man Beleidigungen und agiert auf gar keinen Fall unter der Gürtellinie. Merke: Ein Monolog ist niemals eine Diskussion! Diskussionen sind Dialoge mit ausgeglichener Redezeit! Wie meinte der gute alte Hegel? »Die Verwirklichung des Absoluten vollzieht sich im Dreischritt von These, Antithese und Synthese«. Anders sind Wahrheiten nicht zu finden. Konjunktiv und Imperativ sind zu vermeiden, genau wie oben bereits erwähnt jegliche Form der Vergangenheit und Zukunft. Fakten stehen im Indikativ und im Präsens, sonst sind es keine Fakten. Also alles eine Frage der Wortwahl, der richtigen Grammatik und einer ausgeglichenen emotionalen Grundhaltung. Wer sich nicht an diese einfachen Regeln hält, redet Bockmist, schwafelt bestenfalls vor sich hin, während der Rest der Welt weghört. Die Welt ist voll von Lamentierern, Fabulierern, Schönrednern, Schlechtrednern, also Menschen, die reden, weil sie Stille unentwegt mit Worten füllen müssen. Am Schlimmsten sind diejenigen, die in sich eine Art von Berufung spüren. Wobei sich die Frage stellt, wer oder was hat da gerufen? Fakt ist, dass gewisse Hirnstörungen mit Redezwang, Konfabulationen und Verkennung der Realität einhergehen. Wie heißt es so schön? »Der Neurotiker baut ein Luftschloss, der Psychotiker wohnt darin und der Therapeut kassiert die Miete«. Während der Rest der Welt sich leider von selbst ernannten Propheten in den Schlaf wiegen lässt. Warum sollte es sonst so etwas wie die Bezeichnung »Volksverhetzung« geben. Zitieren wir doch einmal Kant: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.« Bezeichnenderweise spricht er von Unmündigkeit, was so viel wie »ohne Mund« heißt. In diesem Sinne ist sogar ein Streit besser, als jedes Schweigen.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Wespen von Paul Wiedebach

Was sind die Plagen des ägyptischen Pharao, die Plagen der weltweiten Flüchtlinge, die Ebola-Endemie, die Plagen der aktuellen Kriege und die Trompeten der Apokalypse gegen die in Deutschland wütende Wespenplage? Anderthalb Zentimeter große Bestien versauen uns unsere aushäusigen Mahlzeiten, fallen gleichermaßen über Fleisch und Süßes her, schwimmen in unseren Getränken und haben die Unverfrorenheit auch noch zuzustechen. In der ganzen Republik wird gewedelt und gescheucht, geflüchtet und geschrien, was das Zeug hält und minütlich erwarte ich Berichte in der Zeitung mit den Großbuchstaben über das Auftreten der ersten »Killerwespen«. Oder waren die bereits schon da? Ich pflege die Zeitung nicht zu lesen, also kann ich keine Aussagen über deren Leitartikel treffen. Nun gehört die Wespe zum Pflaumenkuchen, wie die Henne zum Ei. Man sollte also meinen, dass sich die Deutschen allmählich an dieses Phänomen gewöhnt haben und das alljährliche Debakel keine Meldung mehr wert ist. Aber da wenn über nichts Wesentliches zu jammern ist, über alltägliche Kleinigkeiten gestöhnt wird, sei auch dieser Schrieb hier der Wespe gewidmet. Zumal eines von diesen Tierchen gestern beinahe bei meiner Frau und mir zu einer Ehescheidung beigetragen hätte. Es gibt nun einmal die Wespenhysteriker und die Wespenphlegmatiker, die nicht für ein gemeinsames Eheleben geschaffen sind, zumindest nicht, wenn es Spätsommer ist. Jedenfalls saßen wir gemütlich bei Kaffee und Pflaumenkuchen(!) auf unserer Terrasse, als meine Gattin plötzlich unkontrolliert aufsprang, sodass sich mein glühend heißer Kaffee auf meine edelsten Teile ergoss. Sie schrie: »Wespe!«; ich schrie Zeter und Mordio wegen verbrühter Eier. Meine Frau rannte ins Haus, nicht etwa um Eis für meine Hoden, sondern um eine Fliegenklatsche zu holen. Mit dieser wedelte sie bei ihrer Rückkehr so lange hinter dem eigentlich friedlich gesinnten Insekt her, bis es zustach. Jetzt hätte ich nicht nur Kühlung für meine Genitalien, sondern auch eine rohe Zwiebel für meine Nase gebraucht. Natürlich kam sofort eine zweite Wespe herbei geschwebt, um das Werk der ersten zu begutachten, was eine erneute, hektische Wedelei von Seiten meiner Frau zur Folge hatte, wobei das Milchkännchen und meine umgekippte Tasse zu Bruch gingen. Wespe Nummer drei wollte sich dieses Chaos nicht entgehen lassen und ich konnte meine Frau nicht bremsen, da noch völlig außer Gefecht gesetzt. Da einzige, komplett bewegungsunfähige Ziel war ich, der ich noch immer meine intime Verletzung liebkoste. Zwei Stiche später waren die Wespen tot und meine Frau sank erleichtert auf ihren Stuhl. »Da hätte man sehen können, was alles passiert wäre, wenn ich nicht eingegriffen hätte!«, fegte sie triumphierend die Wespenleichen zusammen. »Was bist du eigentlich so schweigsam?«

Das hätte sie nicht fragen dürfen, denn die Liste ihrer Vergehen in unserer Ehe war lang, von den aktuellen einmal ganz abgesehen. Ich war noch mitten im Redefluss, als sie beleidigt von dannen zog und sich bis zum heutigen Morgen nicht mehr blicken ließ. Ich bin noch ganz verkatert, von der auf dem Wohnzimmersofa verbrachten Nacht. Gott sei Dank konnte ich meine Liebste davon abhalten, einen Termin beim Anwalt zu machen. In einem Punkt einigten wir uns bereits. Kaffee und Kuchen auf der Terrasse gibt es erst wieder, wenn die ersten Schneeflocken fallen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Männlichkeit von Witwe Clausen

John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge, wird meinem verflossenen Friedrich immer ähnlicher. Es mag daran liegen, dass er Friedrichs Lieblingssessel ebenfalls zu seinem bevorzugten Schlafplatz erkoren hat. Jedenfalls kann ich ihm erzählen, was immer ich möchte, mehr als einen trüben Blick und ein verächtliches Gähnen sitzt als Reaktion nicht drin. Nun kann ich froh sein, dass John Carter der Sprache nicht mächtig ist, denn sonst hätte ich mir mit ihm einen weiteren Sofort-Problem-Löser ins Haus geholt. Bis zu seinem Tode kapierte mein Friedrich nicht, dass Frauen Probleme nicht gelöst haben wollen; sie wollen darüber reden! Sie wollen, dass man ihnen zuhört, von Zeit zu Zeit ein »Ach, du armer Schatz« an Stellen einstreut, an denen es angebracht erscheint und ansonsten die Klappe hält. Natürlich sind die meisten Probleme, die Frauen wälzen in Männeraugen nur Bagatellen, aber dies sind sie für die Frauen auch! Sie sind für uns vor allen Dingen eins: ein Grund zu reden! Wenn Frauen sprechen, dann denken sie laut und, indem sie laut denken, ist das Problem auf dem besten Wege unwichtig zu werden. Männer denken und brüten still vor sich hin, reden nicht über das Problem an sich, sondern präsentieren zuerst eine wohldurchdachte Lösung, bevor sie im Rückschritt das zugrunde liegende Dilemma erwähnen. Merke: Eine Frau, die einem Mann gegenüber ein Problem erwähnt, möchte es auf gar keinen Fall von ihm gelöst haben! Ich erinnere mich noch wie heute, als ich einmal nach einer mückenzerstochenen Nacht, das nächtliche Drama zur Sprache brachte. Kaum dass ich das Wort Mücke aussprach, wurde ich von Friedrich mit den Worten: »Schmier dich mit einem Repellent ein und kauf dir ein Moskitonetz«, unterbrochen. Mein Klagegesang wurde im Keim erstickt, dabei hätte ich so gerne vom nächtlichen Leid, von der nächtlichen Insektenjagd und von der daraus resultierenden Schlaflosigkeit berichtet. Verdammt, ich wollte Mitgefühl und keine Ratschläge. Auf die Sache mit dem Repellent und mit dem Moskitonetz wäre ich schon ganz allein gekommen! Schön wäre es auch gewesen, wenn mein Friedrich mich einen Moment auf den Schoß genommen und mich getröstet hätte, bevor er rachedurstig ins Schlafzimmer gestürmt wäre, um als leibhaftiger Mückentod tätig zu werden. Auch Klagen über meine Unzufriedenheit mit meinen Haaren wurden mit dem Hinweis: »Geh` zum Friseur«, je unterbrochen. Anstatt zu sagen: »Schatz ich liebe dich, egal wie deine Haare aussehen!«, wieder ein Schuss vor den Bug! Merke: Eine Frau, die über ihr Aussehen jammert, will weder zur Kosmetikerin, noch ins Fitnessstudio, noch zum Friseur geschickt werden und auch der Gutschein für einen Diätclub wäre kein passendes Geschenk! Eine Frau klagt über einen bestehenden Zustand, weil sie ihn gerne erhalten möchte! Während ich diese Zeilen notiere, spreche ich sie laut aus und, was soll ich sagen? John Carter hat sich nach draußen geflüchtet!

Witwe Clausen

„Uber“ von Dr. Bremer

Die Taxifahrer bekommen ihre eigenen Heilpraktiker. Unter »Uber« kann sich jeder Vollblutlaie als professioneller Personenbeförderer betätigen. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Es reicht, wenn man weiß, wo beim Auto vorne ist. Also ungefähr der gleiche Wissensstand wie bei den »Nichtheilkundigen« der Medizinbranche. In der Politik ist das schon lange Usus, denn ich kenne nur wenige, die auf diesem Feld tätig sind, die eine Grundausbildung in diesem Fach genossen. Warum überhaupt Diplome, Zertifikate, Meisterbriefe und derlei mehr? Im Zeitalter der App. bietet jeder alles an und wenn man bedenkt, dass die Fehlerquote beim Fachmann wie beim Amateur gleich hoch ist, kann man sich eine Menge Geld und Zeit sparen. Da können wir Ärzte und die Apotheker heilfroh sein, dass die Patienten aufgrund ihrer Krankenversicherung nicht auf der Stelle selbst in ihre Geldbörse greifen müssen, denn sonst würde es Apps wie Appendektomie to go geben und Medikamente würden zum Sonderpreis über das Internet bestellt. Geiz ist eben geil und die Einstellung, dass das, was etwas wert ist, auch seinen Preis besitzt, gehört nun wirklich der Vergangenheit an. Warum überhaupt noch fundierte Ausbildungen, wenn man sich über Google Grundkenntnisse im Eigenstudium erwerben kann? Die meisten, die zu mir kommen, haben ihre mögliche Erkrankung bereits im Netz recherchiert, kennen Behandlungsmöglichkeiten, deren Prognosen und Nebenwirkungen bis ins letzte Detail, vertun sich aber immer noch bei der Diagnose, weil, ja weil in manchen Bereichen die Internetdienste noch sehr fehlerhaft sind. Da werden doch sehr viele Kolibris gesichtet, wo Spatzen wahrscheinlicher erscheinen. Das Häufige ist deswegen häufig, weil es häufig, und das Seltene, selten, weil es eben selten ist. Aber ich war ja noch bei den Amateurdiensten. Der allgemeine Sparzwang geht bereits so weit, dass man sein Leben in die Hände eines Laien legt. Ich stelle mir gerade die Uber-App in Bezug auf Flugdienste vor. Schließlich gibt es jede Menge Privatpiloten und wenn einer von denen von A nach B fliegt, warum sich nicht einfach dazusetzen, wenn man auch dorthin will? Da man von der Materie viel weniger Ahnung hat, als vom Autofahren, bleibt einem ein Urteil über die Künste des Piloten erspart, und es bleibt einem gar nichts anderes übrig als gottgegeben zu vertrauen. Es wird allgemein von einem Rückgang des zwischenmenschlichen Vertrauens geredet, aber meiner Ansicht nach war es nie größer! Man isst und trinkt unhinterfragt, wirft Pillen ein, setzt sich in waghalsige Fahrgeschäfte, betreibt Bungee-Jumping ohne das Seil nachgemessen zu haben, absolviert Tandemfallschirmsprünge, macht seinen Tauchschein dort, wo er am billigsten ist, folgt einem bekifften Guide in die exotischsten Gegenden und überlässt den Weltfrieden dem amerikanischen Militär. Flüge können gar nicht billig genug sein. Da bekommt der Ausdruck »Abenteuer Leben« gleich eine ganz andere Dimension! Je größer die Böswilligkeit der Geschäftemacher, desto größer die Gutgläubigkeit des Verbrauchers. Ein direkt proportionales Verhältnis, wenn man so will. Da wird allgemein über den Rückgang der Gläubigkeit diskutiert, dabei war der allgemeine Glaube nie verbreiteter. Aus irgendwelchen Gründen glauben die meisten von uns an einen guten Ausgang, egal, welchen Blödsinn sie auch veranstalten. Aber, wie heißt es so schön? Glauben heißt: Nicht wissen.

Dr. Bremer, Landarzt