Konsum von Tanja K.

Gestern las ich ein seltsames Wort: Konsumdruck. Ist das sowas Ähnliches wie Saufdruck oder sexueller Druck? Scheint so zu sein, denn dem Konsumdruck ist nicht zu entrinnen, wie ich weiter las. Die Unterscheidung, was man unbedingt haben muss, bzw., was man unbedingt besitzen will, ist dann nicht mehr zu treffen. Kaufrausch ist auch so ein neues Wort, dass mit dem Turbokapitalismus bei uns Einzug hielt.  Gibt es Selbsthilfegruppen für Konsumdruckgeschädigte? Wie würden die dann heißen? Anonyme Nichtkonsumenten? Und, was wäre das Kriterium für deren Abstinenz? Dass sie nur noch das absolut Lebensnotwendige erwerben? Wo wäre der Konsum auf der Maslowschen Bedürfnispyramide anzusiedeln? Ist Konsum vielleicht der, Allen bislang verborgene tiefere, Sinn des Lebens? Frei nach dem Motto: Ich konsumiere, also bin ich?!

Denn was macht Randgruppen unserer Gesellschaft zu Ausgestoßenen? Die Tatsache, dass sie sich nichts leisten können! »Haste nix, biste nix«, weiß schon der Volksmund. Wo ist die hehre Schlussfolgerung eines Descartes hin, die da lautet: Ich denke, also bin ich? Gilt Kaufen heutzutage mehr als Denken? Oder beschränkt sich unsere intellektuelle Leistungsfähigkeit darauf zu sagen: »Ich denke, ich kaufe mir heute dies und das?« Gibt es überhaupt noch etwas, das nicht käuflich zu erwerben ist? Kommen Sie mir jetzt nicht mit Liebe oder Freundschaft, denn Geld macht sexy! Und hauen Sie einmal ihre besten Freunde um einen größeren Geldbetrag an. »Geld kennt keine Verwandtschaft«! Ich sah ganze Familien auseinanderfallen, nur aufgrund einer nicht eindeutig vererbten Vase! Und, sind wir doch einmal ehrlich. Worum geht es selbst bei religiös verbrämten Kriegen? Um wirtschaftliche Interessen! So gesehen gehört die ganze Menschheit in die Selbsthilfegruppe der anonymen Nichtkonsumenten. Verhaltenstherapeutisch wäre der erste Ansatz so: Man betritt, mit genügend Geld ausgestattet einen Hyper-Maxi-Giant-Supermarkt und kommt mit leerem Einkaufswagen wieder heraus! Nicht zu schaffen, meinen Sie? Dann der nächste Schritt, bei Frauen ist es der Schuhladen, bei Männern der Elektronikmarkt. Überläuft Sie nicht schon bei der bloßen Vorstellung so einer Willensprobe der kalte Schauer? Man weite dies auf Kleidertempel bei den Frauen und Autohäusern bei den Männern aus. Wohlgemerkt, Sie haben genug Geld in der Tasche, um folgenlos die freie Auswahl treffen zu können. Vielleicht bekommen Sie jetzt eine gelinde Vorstellung davon, wie sich ein Alkoholiker vor gefüllten Flaschenregalen fühlt. Sind wir eigentlich die Verdammten der Welt, weil wir außer Alkohol nichts mehr konsumieren? Wo käme denn die Konsumindustrie da hin? Früher hieß eine Einkaufskette noch ganz einfach: Konsum. Die Älteren erinnern sich vielleicht.

Konsum kommt aus dem Lateinischen von consumere, heißt also: Verbrauchen. Folgerichtig heißt Konsumdruck, Verbrauchsdruck. Aber letztendlich wird nichts mehr bis zum bitteren Ende verbraucht, sondern nur gebraucht, bis etwas Neues auf dem Markt ist. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Alles, was von uns bleibt ist: Müll.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

 

Frauenlachen von Witwe Clausen

Ja geht`s noch? Erdogans Vize Bülent Arinc will Frauenlachen in der Öffentlichkeit verbieten, da durch weibliche Ausgelassenheit die Tugendhaftigkeit nicht mehr gewährleistet ist. Ich starte heute meine persönliche Protestaktion und werde das hämische Katergrinsen aufsetzen, dass mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge, John Carter, immer zur Schau trägt. Es mag sich zwar nicht mit meinem Besuch bei Friedrichs Stele vertragen, aber, warum eigentlich nicht, fällt mir da gerade ein. Es ist doch erstaunlich, womit sich Politiker beschäftigen, wenn der Tag lang und die Hitze groß ist.

Da wäre ja beinahe die Burka vorzuziehen, denn hinter deren Stoffbahnen, kann man ein Lächeln nicht erkennen. Vielleicht kombiniere ich mein Grinsen mit dem erhobenen Mittelfinger. Der ist übrigens in der Türkei noch nicht verboten, so weit ich weiß. Auch der abgesenkte Daumen, der symbolisch für ausgeprägte männliche Impotenz stehen könnte, fällt noch nicht unter den muslimischen Index. Jetzt wir es kompliziert. Linker Daumen nach unten, rechter Mittelfinger hoch und Zähne zeigen! Nun ist die olle Clausen komplett durchgedreht, höre ich schon jetzt die Kommentare meiner Freunde und Bekannten. Aber Statement ist Statement. Ich habe noch die Arme frei, unter die ich mir Transparente klemmen könnte. An mein Revers kommt ein Sticker mit der Aufschrift: Islamismus, nein danke! Auf die Transparente kommt: Knie zusammen, ihr Frauen! Und: F … euch doch selbst, ihr Kerle! Wobei – Letzteres traue ich mich wahrscheinlich nicht – mal sehen. Irgendwo habe ich noch eine Kiste mit den alten Buntstiften meiner Enkelkinder, die werde ich gleich suchen und meine Plakate beschriften. In die Ecken kommen Grinsekatzen wie bei Alice im Wunderland und in die Mitte Parolen.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass dieser Arinc nach einem missglückten Sexualakt gründlich von einer Frau ausgelacht wurde. So ein Trauma sitzt tief. Etwas, worüber man lacht, davor braucht man keine Angst zu haben. Deswegen birgt Frauenlachen für die scheinbare männliche Dominanz gewisse Gefahren. Man stelle sich die irrsinnigen Regularien der großen Weltreligionen vor, besonders, was die Frauen betrifft und Frau schüttelt sich darüber aus vor Lachen! Wie kämen die männlichen Popanze denn dann noch mit ihren Attitüden durch? Wobei mir gerade einfällt, dass wir viel zu wenig Gelächter von Seiten der Frauen hören! Potentaten, ja ganze Diktaturen, schwanzgesteuerte Kriegsherren, testosterongebeutelte Geldmagnaten, sie alle würden in ihren Grundfesten erschüttert! Gibt es eine vernichtendere Waffe als jemanden auszulachen?

Wenn ein Franziskus über Geburtenkontrolle faselt, gehört der doch der Lächerlichkeit preisgegeben. Wenn Putin und Obama beweisen wollen, wer von ihnen die dickeren Eier hat, das müsste doch wahre Heiterkeitsstürme auslösen. Man stelle sich einmal vor, die deutschen Frauen hätten die Nazischergen gleich von Anfang an ausgelacht, was dann passiert wäre. Oder nehmen wir einmal meinen Friedrich, wenn der besoffen von der Schicht kam, wieso habe ich ihn dann noch ernst genommen? Nein, meiner Ansicht nach wird den Anfängen niemals besser gewehrt, als sie durch den Kakao zu ziehen. Also, meine Damen: Daumen runter, Mittelfinger hoch und sich vor Lachen ausgeschüttelt, wenn ein Männlein den Mann geben will.

Witwe Clausen

Sommerloch von Maria Mitscherlich

Alle beklagen sich über das Sommerloch, wobei vergessen wird, welch immenser Luxus es ist, sich darüber auszulassen. Eine Straßenbefragung, womit man die Lücke denn füllen könne, ergab allen möglichen Blödsinn. Keiner der Befragten kam auf die Idee, Liebe zu machen. Alle Altersklassen waren vertreten, aber auch den »voll im Saft stehenden« jungen Leuten fiel dieser befriedigende, gesunde, entspannende und kommunikative Zeitvertreib nicht ein. Laue tropische Sommernächte, sternenklarer Himmel, was bietet sich da mehr an, als eine Decke in den Garten zu legen und es miteinander zu treiben, dass es nur so rauscht. Im Fernsehen laufen sowieso nur Wiederholungen, die Politiker lassen uns in Ruhe, die WM ist vorbei, Deutschland scheint in karibische Breiten versetzt, aber Jung und Alt weiß nichts mit sich und schon gar nichts miteinander anzufangen. Dass sich bei den jungen Männern, denen bei diesen Temperaturen unentwegt äußerst knapp bekleidete Frauen über den Weg laufen, nichts zu regen scheint, ist mir ein Rätsel. In muslimischen Ländern muss sich Frau verhüllen, da Mann ansonsten von allem abgelenkt wird. In Nordwesteuropa präsentiert sich die Weiblichkeit halbnackt und nichts passiert. Woran liegt das? Selbst der flüchtige Gedanke: Da war doch noch etwas, liegt dem deutschen Manne fern, wenn man sich die Umfrage mit Sinn und Verstand anhört. »Warum in die Ferne schweifen? Sieh das Gute liegt so nah!«, möchte Frau der unermüdlich auf Adrenalinkicksuche befindlichen Männlichkeit zurufen. In aller Frauen Munde ist zurzeit der Trailer der Verfilmung von Fifty shades of grey, was Mann doch zu denken geben sollte! Schon das Buch wurde den Händlern förmlich aus den Händen gerissen. Anstatt einmal genau nachzulesen, was die Weiblichkeit an einem Christian Grey so fasziniert, hat kaum ein Mann sich die Lektüre zu Gemüte geführt. Ist ja auch alles viel zu anstrengend. Warum Frauen erobern, wenn man doch gemütlich beim Bier mit den Kumpels in der Kneipe hocken kann. Und dann noch die Hitze! Sexuelle Turnübungen sind doch nun wirklich zu viel verlangt. »Der Junge auf dem weißen Pferd, der kommt nicht mehr«, singt Frau resigniert mit Marius Müller-Westernhagen im Chor. Weiß noch jemand, was Minne ist? Die Emanzipation hat nicht die Frauen, sondern die Männer befreit. Soll die Alte doch sehen, dass sie ihr eigenes Geld verdient, ihre Blagen allein erziehend groß bekommt und auch sexuell alles im Alleingang erledigt. Mann geht Outdoor-Aktivitäten nach – wobei jetzt nicht die Decke auf dem Gras gemeint ist -, hängt vor der Flimmerkiste herum, sieht sich die x-te Wiederholung irgendeines Action-Reißers an und widmet sich ansonsten mit anderen Knaben, Knabenspielen. Er jagt dem Geld und nicht mehr den Röcken hinterher, gibt sich danach hemmungslos seinem Burn-out hin und die deutsche Politik wundert sich, warum die Bevölkerung schrumpft und schrumpft und schrumpft, was nur an einer allgemeinen Schrumpfung liegt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der Verbrauch von Viagra sinkt, denn auch bei chemischen Helfern winkt Mann ab. Was steigt, ist der Absatz von batteriebetriebenen Hilfsmitteln für die Frau. Testosteron war gestern!

Maria Mitscherlich, demnächst vielleicht Sexualtherapeutin

App. von Dr. Bremer

Es gibt jetzt die »Yo«-App., es könnte auch die »Jo«-App. sein, weil ich weder Zeit noch Lust habe, die genaue Schreibweise zu googeln. Man schickt ein kurzes, knappes Yo, Jo(?) zu Freunden und Bekannten. Getreu den alten Friesen, die diese omnipotente Äußerung schon vor Jahrhunderten erfanden, gibt man ein allgemeines Statement in nur zwei Buchstaben zum Besten. Wahnsinn, welche Möglichkeiten sich hier auftun! Ich schildere hier einen Dialog mit meiner Frau:

Ich: Yo!

Sie: Ah?

Ich: Ne!

Sie: Hm.

Ich: He!

Sie: Ha!

Ich: Hi?

Sie: Nö.

Ich: Eh?

Sie: Gr.

Ich: Hu.

Sie: O.K.

Ich. O.K.

Beide Teile gehen nach dieser erschöpfenden Unterhaltung hochzufrieden ihren Tätigkeiten nach, denn das, was uns auf der Seele lag, haben sie umfassend zum Ausdruck gebracht. Ein amerikanischer Konzern zahlt übrigens einen Millionenbetrag für die App., was einmal mehr beweist, man kann nicht blöd genug denken, wenn man einen Haufen Geld verdienen will. Nun wird die menschliche Sprache eh(!) immer minimalistischer, aber vielleicht zeigt sich irgendwann doch noch eine gegenteilige Tendenz. Man könnte auf dem Zwei-Buchstaben-Dialog aufbauen ihn und zur Drei-Buchstaben-Konversation ausbauen, was dann so aussähe:

Ich: Man!

Sie: Wie?

Ich: Bäh.

Sie: Wut?

Ich: Bös!

Sie: Was?

Ich: Tag.

Sie: Weh?

Ich: Zeh.

Sie: Doc.

Ich: Gut!

Man sieht, die Unterhaltung bekommt durch das Hinzufügen von nur einem Buchstaben erheblich mehr Sinn. Wie viel Bedeutung bekäme der zwischenmenschliche Kontakt, wenn wir alle Buchstaben des Alphabetes nutzten? Große literarische Werke könnten entstehen. Missverständnisse würden ausgeräumt! Die Menschheit wäre endlich ausgesöhnt, weil jeder seinen Standpunkt dezidiert darlegen könnte! Ich sehne den Tag herbei, an dem endlich alle sprachlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Es wird keine Kriege mehr geben! Frei nach Freud:« Derjenige, der als Erster anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation!«

Paul Wiedebach, Kolumnist

Cannabis von Dr. Bremer

Richter sind durchweg schlauer als Politiker, wie mir scheint. So begrüße ich die Freigabe des Cannabisanbaus für Schmerzpatienten aus ganzem Herzen. Aber, warum nur für Schmerzpatienten? Was ist mit den Appetitlosen, den sinnlos Traurigen und den Motivationslosen jenseits des 60. Lebensjahres? Wenn ich mir ansehe, welche Tablettenflut auf diese Altersklasse bei den leichtesten Symptomen zurollt, von denen die meisten mit einem einfachen Joint in den Griff zu bekommen wären, frage ich mich, warum keine allgemeine Freigabe ab 60? Wie wäre es mit fröhlichen Alten? Für den Produktionsprozess sind sie sowieso nicht mehr kriegsentscheidend und wenn ich mir Merkel so ansehe, kommt es mir so vor, als stünde die bereits unter dem Einfluss von Cannabinoiden. Entspannt lächelt sie jedes Problem weg und vielleicht steht die Raute ganz einfach für »Pot«. Die allgemeine Sanftmut vieler Kirchenoberen ist meiner Ansicht nach dem Einfluss von Weihrauchdämpfen geschuldet und das wissend überlegene Grinsen vieler Apotheker und Ärzte der Nähe zur Quelle.

Die Altenheime wären keine Stätten des Elends mehr, sondern des fröhlich-heiteren Beisammenseins und über mangelnden Besuch dürfte sich keiner beklagen dürfen, wenn Kinder und Kindeskinder erst einmal spitz haben, warum Oma Hilde und Opa Gerd so glücklich sind. Opa drückt dann seinem Enkelsohn keinen klebrig-zahnschädlichen Karamellbonbon in die Hand, sondern ein Tütchen. Knöttrige, ruhig zu stellende Alte waren gestern und kein Hundertjähriger würde je wieder auf Nimmerwiedersehen durch das Fenster verschwinden. Knochen und Gelenke schmerzen nicht mehr, das Kurzzeitgedächtnis ist eh hin und die grauen Gehirnzellen kommen auf Gedanken, die sie zeit ihres Lebens nicht hatten. Statt Senilität hält Kreativität Einzug und selbst dem stursten aller Senioren dürfte es scheißegal sein, dass er wieder Windeln tragen muss. Keiner muss mehr mühsam zum Essen angehalten werden. Im Gegenteil, das Nahrungsmittelbudget Heimleitung wird kahl gefressen! Bewegung an der frischen Luft bekämen unsere grauen Panther auch reichlich, denn so eine Hanfpflanze will gehegt und gepflegt sein. Die weiblichen Senioren holen alte Backrezepte hervor, die natürlich verfeinert werden und ich möchte den sehen, der dann nicht zum Kaffeeklatsch kommt, selbst wenn er keine Angehörigen in der Einrichtung hat. Auch die Bezeichnung »Alten-WG« bekäme eine völlig neue Bedeutung. Flotte Vierer oder Sechser brächten das Blut auch ohne weitere pharmazeutische Hilfe in Wallung. Warum das jenseitige Glück herandarben, wenn das Diesseits so viele neue Möglichkeiten bietet? Jeder sollte doch auf seinem Grabstein stehen haben, dass er nicht gern aber hochzufrieden von dannen schied! Ich kann nur auf die gesetzliche Kehrtwende hoffen, denn schließlich erreiche ich in einigen Jahren meinen 60. Geburtstag, an dem ich mir dann ein völlig neues Hobby zulege: die Gartenarbeit! Völlig entspannt werde ich dann hinter meinem Schreibtisch sitzen und, wenn ein Patient mir sein Leid klagen sollte, wie schlecht ihn doch Gott und die Welt behandeln, winke ich nur ab und öffne meine Schublade. Den Rezeptblock werde ich entsorgen.

Dr. Bremer, Landarzt

Zeitverschwendung von Tanja K.

Heute gibt es keinen Blog, denn draußen scheint die Sonne und ich sehe nicht ein, den Tag im Haus zu verplempern. Ich weiß auch gar nicht mehr, warum ich mich auf dieses Blogprojekt einließ, denn es fällt eindeutig unter die Kategorie: sinnlose Pflichten. Ich meine, wer liest das Zeug, das ich hier in Abständen verfasse und interessiert mich überhaupt, ob es jemand liest? Ich bin bereits älter. Wenn ich meinen Söhnen glauben schenke, sogar schon jenseits von Gut und Böse und, wenn ich Glück habe, liegen noch einige Sommer vor mir, deren Zahl mir aber so gering erscheint, dass ich es mir nicht leisten kann, auch nur einen von ihnen zu verschwenden. Ich erstrebe weder Ruhm, Reichtum, noch Macht, diese Zeiten sind lange vorbei und, wenn ich meinen altgriechischen Freunden Glauben schenken darf, ist das Höchste, was der Mensch in seinem Leben erreichen kann die Ataraxia, der Seelenfrieden. Irgendetwas treibt den Menschen dazu, sich mit diesem Frieden nicht zufrieden geben zu können. Nein, er erstrebt das höchste Glück, wobei er noch nicht einmal definieren kann, worin es eigentlich besteht. Nehmen wir einmal die Langeweile. Nichts passiert. Keine störenden Einflüsse von außen und nur für Millisekunden Stille aus dem Innenbereich, denn was sich in uns abspielt, wenn wir frei und unbelästigt sind, gleicht einem Drama. Alle Nervenenden fangen an zu kribbeln, die Gedanken rasen ohne bestimmtes Ziel in alle möglichen und unmöglichen Richtungen und wir überlegen fieberhaft, was wir tun könnten, um diesen für uns unerträglichen Zustand zu beenden. Da kann der gesamte Körper nach Ruhe und Kontemplation schreien, der Geist will es nicht. »Der Geist ist willig«, unwillig bis hin zur Böswilligkeit. Treibt und quengelt und schimpft bis wir uns erheben und sogar etwas für uns schädliches tun nur um überhaupt etwas zu tun. Wir essen, wir trinken, wir rauchen, hasten, hetzen, fixen, koksen, kiffen und brechen sogar den einen oder anderen Streit vom Zaun, damit etwas passiert. Nehmen wir den Urlaub. Mein Unwort ist die »Urlaubsplanung«! Wo gibt es denn so etwas? Dezidierte Stundenpläne für die Freizeitaktivität. Da wir eine Zeit, die dem Leerlauf dienen sollte, bis zum Rand mit Tätigkeiten gefüllt, denn schließlich will man im Urlaub etwas erlebt und nicht nur gelebt haben. Nein, heute gibt es keinen Blog! Auf der Terrasse steht meine Sonnenliege. Ich werde mich dort hinbegeben, den Tag damit verbringen in den blauen Himmel und das grüne Laub der Bäume über mir zu schauen. Von Zeit zu Zeit werde ich unter meiner Gartendusche eine kleine Abkühlung suchen und der äußeren Stille lauschen. Vielleicht singt ein Vogel, vielleicht rauschen Blätter im Sommerwind. Wenn mich innere Unruhe von meiner Liege treiben will, werde ich mich an ihr festkrallen und warten, bis dieser Anflug vorbei geht. Solange bis sich die äußere Stille nach innen ausdehnt. Auf gar keinen Fall werde ich einen Blog schreiben.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Geisterstunde von Witwe Clausen

Aus aktuellem Anlass hier einmal ein Appell. Bitte liebe Leute, wenn ihr einen frischen Blumenstrauß braucht, dann kauft ihn doch im Blumenladen oder, wenn euch dies zu teuer ist, beim Discounter. Auch Tankstellen bieten rund um die Uhr Schnittblumen und Gestecke an, sodass es eigentlich nicht nötig ist, sie auf dem Friedhof zu entwenden. Jedes Mal, wenn ich meinem Friedrich einen besonders schönen Strauß oder ein besonders schönes Gesteck vor seine Stele stelle, kann ich mich darauf verlassen, dass die Gebinde am nächsten Morgen verschwunden sind. Ich überlegte sogar schon, ob ich mich auf die Lauer lege, um eventuelle Diebe auf frischer Tat zu ertappen, aber die Grabräuber warten wohl den Einbruch der Dunkelheit ab, bevor sie ihr finsteres Werk vollbringen. Wer ist schon gerne des Nachts auf dem Friedhof? Ich jedenfalls nicht. Zwar glaube ich nicht an Geister, aber der Gedanke, mich im schummerigen Licht der Grablichter hinter Grabsteinen verstecken zu müssen, weckt doch unangenehme Gefühle in mir. Natürlich könnte ich Ludwig, den dauerläufigen Witwer von der Nachbarschaftsstele um seine Mithilfe bitten, aber Maulheld, der er ist, wird er um keine Ausrede verlegen sein, um dieser Aufgabe zu entrinnen. Warum frage ich ihn eigentlich nicht? Er könnte mich wenigstens begleiten, wenn ich im Dunkeln auf die Grabschänder warte. Ich sehe uns schon wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain des mitternachts um Gräber schleichen. Eine tote Katze im Sack, um mit ihrer Hilfe Warzen quitt zu werden. Einen Kater hätte ich ja, aber ob John Carter den Part des toten Taschentigers übernehmen möchte, ist genau so fraglich wie die Mithilfe Ludwigs bei meiner Überwachungsaktion. Wenn dann noch Indianer Joe auftaucht, sehe ich meinen Ludwig jetzt schon Fersengeld geben. Warum sind wir so ungern auf Friedhöfen, wenn es dunkel wird? Von Gruftis einmal abgesehen, denn diese halten sich, wie ich von meinem Enkel hörte, bevorzugt um diese Zeit dort auf. Keiner glaubt an Geister, Spuk und lebende Tote, aber der uralte Aberglaube ist nicht totzukriegen, wie mir scheint. Ich kann mich noch lebhaft an die zahllosen Streitereien mit meinem Friedrich erinnern, weil ich nie die Salzstreuer nachfüllte, weil Salz verstreuen Streit gibt und man noch so genau zielen kann, einige Körnchen fallen immer neben den Streuer. Ich gehe auch prinzipiell nie unter Leitern durch, traue keiner schwarzen Katze, die mir von links nach rechts über den Weg läuft, bleibe am Freitag den 13. am liebsten im Bett und spiele jedes Mal Lotto, wenn mir ein Schornsteinfeger über den Weg läuft oder ich ein vierblättriges Kleeblatt finde. Meinen Friedrich traf an einem Freitag den 13. der tödliche Schlaganfall, was mich jetzt verunsichert; denn bringt mir dieser Tag nun Glück oder Pech? Friedrich füllte auch immer die Salzstreuer nach und verteilte mehr Salz auf Tisch und Fußboden, als in diesen hinein, was natürlich Streit gab. Ich war sauer, wegen der Sauerei und er wegen der Arbeit, die er sich aufgrund meines Aberglaubens machen musste. Wo war ich jetzt überhaupt stehen geblieben? Ich wollte doch nur einen Appell durchsetzen. Also liebe Grabräuber und Schänder, die Blumen der Toten bringen Unglück, denn sie bringen den damit Beschenkten sehr bald dorthin, wo sie herstammen. Ich werde ein Täfelchen mit dieser Warnung an Friedrichs Stele anbringen. Wobei mir gerade einfällt, ob ich dem Diebstahl damit nicht Tür und Tor öffne.

Witwe Clausen

Sommer von Paul Wiedebach

Heute wollte ich einen gepfefferten, pointiert witzigen Artikel darüber schreiben, dass Obama Merkel ein abhörsicheres Handy zum 60. Geburtstag schenkte, aber die Hitze fordert ihren Tribut. Mein Hirn kommt mir vor wie Dali-mäßig verlaufen, die Dimensionen verschieben sich und ich bekomme keinen klaren Gedanken zustande. Meine Göttergattin genießt dieses Wetter. Ab 30°C und 90% Luftfeuchtigkeit blüht sie förmlich auf, während ich mich stöhnend vom Sessel zum Sofa und von dort aus zum Bett schleppe. »Wie in den Tropen!«, ruft sie begeistert aus und öffnet noch ein Fenster, um die schwüle Wärme auch ja in jeden Winkel unseres Hauses zu lassen. Als Bekleidung dienen ihr leichte, luftige, farbenfrohe Tücher, in die sie sich wickelt. Sie sieht aus wie eine Odaliske. Ich darbe in Jeans und Hemd dahin, da ich, was ordentliche Bekleidung betrifft, keine Zugeständnisse an das Wetter mache. Obwohl deutsch bis in die x-te Generation, besitze ich weder Shorts noch Sandalen und der Gedanke, barfuß in festes Schuhwerk zu schlüpfen, kommt mir wie der Untergang des Abendlandes vor. Gestern kaufte mir meine Frau doch tatsächlich eine Djellaba, als würde ich, einem Wüstensohn gleich, in diesem langen Zeltkittel durch Haus und Garten wandern. »Das Ding ziehe ich nur an, wenn du das dazu gehörige Kamel gleich mitlieferst!«, giftete ich und knallte die Tür meines Arbeitszimmers hinter mir zu. »Das Kamel ist bereits im Hause«, flötete sie ungerührt durch das Schlüsselloch. »Wir haben Klimaerwärmung! Da sollten wir unsere Kleiderordnung überdenken!« »Dann wandere ich eben in den Norden Kanadas aus. Wollte ich sowieso schon immer. Nur du wolltest ja nicht«, rief ich beleidigt zurück. »Du in Kleidern mit Pfotenabdruck. Das möchte ich sehen«, hörte ich noch, bevor sie sich anscheinend entfernte, um womöglich noch ein Schlupfloch für die heiße Außenlust zu öffnen. Der Pfeil saß, natürlich, denn wenn ich etwas noch mehr hasse als orientalisch-luftige Hitzekonzessionen, dann ist das Outdoorbekleidung. Früher zogen wir uns eine dicke Jacke oder einen Mantel an, wenn die Außentemperatur es erforderte, heutzutage muss es die funktionale Umhüllung mit diesem schrecklichen Markenzeichen sein. »Draußen vor der Tür« kannte man höchstens als Nachkriegsdrama von Wolfgang Borchert. Dass damit jemals Unterwäsche, Socken und Oberbekleidung gemeint sein könnte, darauf wäre zu meiner Zeit niemand gekommen. Und warum man unbedingt ein spezielles »Draußen vor der Tür« Outfit braucht, wenn man sich nach »Draußen vor die Tür« begibt, will mir auch nicht so recht in meinen Kopf. »Outdoor-Aktivitäten« sind Mega in, wobei ich bereits eine solche in Angriff nehme, wenn ich beide Füße vor meine Haustürschwelle setze. Aber ich komme vom Thema ab, so ich denn überhaupt eines hatte. Jedenfalls hing die Djellaba über der äußeren Türklinge meiner Arbeitszimmertür, als ich sie endlich öffnete. Vorsichtig schaute ich mich um. Keine Spur von meiner Frau. Ich schnappte mir das Ding und zog mich wieder in mein Zimmer zurück. Dort zog ich mich komplett aus, warf mir die Kutte über und fühlte mich gleich besser, da nichts mich einengte. Ich drehte mich mehrmals um mich selbst, als plötzlich meine Frau im Zimmer stand. Ich hatte sie gar nicht hereinkommen gehört. Zu meinem Glück nahm ich ihr triumphierendes Lächeln nicht zur Kenntnis, denn sonst wäre es um die heiße orientalische Nacht geschehen gewesen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Merkel von Maria Mitscherlich

Die »mächtigste Frau der Welt« wird 60. Ha, und warum besitzt sie diese Bezeichnung? Ganz einfach, weil sie Angela heißt, was aus dem lateinischen von Angelus kommt und Bote oder Engel bedeutet. Außerdem ist sie eine Krebs-Frau, die niemals irgendeine Kritik vergisst, Kritik, als solche sehr übel nimmt und dafür Rache nehmen wird, auch noch nach Jahrzehnten. Da soll mal einer sagen, dass Namen und Sternzeichen keinerlei Einfluss auf eine Person beinhalten. Mag sie auch im Moment alles lächelnd hinnehmen, ihre Vergeltung ist gewiss. Da dürfen sich die Leute, die Angies Handy abhörten, nicht in Sicherheit wiegen, denn sie nennt ein Elefantengedächtnis ihr eigen. Gespräche kann sie oft nach Jahrzehnten wörtlich memorieren. Obama und seine Kinder dürfen sich erst zurücklehnen, wenn Merkel tot ist, aber auch dies ist nicht gewiss. Als Krebs-Frau ist sie sprachgewaltig, in ihrer Semantik nuanciert, dabei aber eher unauffällig, häuslich und zieht ihre Fäden gerne im Hintergrund, was stets von Erfolg gekrönt ist. Schöne Grüße an dieser Stelle an etliche, vermeintliche CDU-Granden! Ihr mütterliches Wesen kommt zwar von Herzen, aber es steckt mehr dahinter, als mancher vermutet. Wenn ich jetzt noch wüsste, unter welchem Aszendenten Merkel steht, fiele die Analyse genauer aus, aber ich kann nur sagen, worüber man sich bei ihr auch wundern mag; es ist sternzeichenbedingt. Große Politiker besaßen in früheren Zeiten einen Astrologen. Warum dies aus der Mode gekommen ist, verwundert mich, denn für Merz, Wulff und Co. hätte es nur eine kurze Charakteranalyse der typischen Krebs-Frau gebraucht und schon wären sie vorgewarnt gewesen. Ein aussagekräftiges Horoskop kann ich für unsere Kanzlerin mangels Aszendenten nicht erstellen, aber da die Krebs-Frau für solche Dinge durchaus aufgeschlossen ist, gehe ich davon aus, dass sie einen eigenen Astrologen besitzt. Woher sonst hätte sie das Gespür für Chancen, die am Wege liegen, für Entwicklungen, die sich abzeichnen, für Stimmungen und Strömungen, das sie ständig, wie der Igel zum Hasen sagen lässt: »Ich bin lange schon da!« Gabriel schien am Anfang seiner Politkarriere ebenfalls einen Astrologen zu Rate zu ziehen, aber offensichtlich hat Merkel ihm davon abgeraten, während sie ihren heimlich weiter konsultiert. Die Krebs-Frau ist eher passiv. Joachim Sauer, Merkels Ehemann ist Widder und, als solcher tatkräftig und entschlussfreudig. Wahrscheinlich haben wir, wenn denn Merkel einmal eine Entscheidung trifft, dies ihrem Gatten zu verdanken. Ich kann mir schon vorstellen, dass er zu ihr sagt: »Angie, mein Liebes, in dieser Sache solltest du langsam einmal tätig werden«, während sie für ihn putzt, kocht und den Abwasch erledigt. In sexueller Hinsicht passen Krebs-Frau und Widder-Mann ausgezeichnet zueinander, da sie ihm jeden Wunsch von den Augen abliest und seinen immerwährenden Drang vollkommen zu befriedigen weiß. Vielleicht dankt sie ihm so für den einen oder anderen Schubs in die dringend erforderliche Richtung, was mich jetzt ein wenig verwirrt und mich die Frage stellen lässt: »Haben wir womöglich einen Kanzler?«

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin und Hobbyastrologin

Input von Tanja K.

Kennen Sie den Witz? »Ich las, dass Rauchen und Trinken schädlich seien, deswegen gab ich es auf, das Lesen.«

Man liest viel zu viel, wenn der Tag lang ist. Hören tut man noch weit mehr. Wenn Sie mich fragen, gibt es mehr Input, als das Gehirn jemals in der Lage wäre zu bearbeiten. Ich werde Ihnen einen typischen Tag schildern. Beim Auftragen meiner Hautcreme las ich, dass sie Q 10 und Vitamin E enthält. Ich bin demnach völlig out, denn Hyaloronsäure ist der Renner, was Faltenreduktion betrifft. »Reg dich nicht auf, ist ja nicht schlimm«, sagte ich mir, wobei mir einfiel, dass es schädlich ist, sich die Welt schön zu reden, weil das Unterbewusstsein die Lüge erkennt und man sich noch schlechter fühlt als vorher, denn auch die »Glücksphilosophie« ist out. Mantras der Art, dass es einem mit jedem Tag besser und besser gehe, schlagen prompt in ihr Gegenteil um, wie ich las. Während ich mein Parfüm auftrug, fiel mir auf, welchen Blödsinn ich da trieb, denn man soll ja die eigenen Pheromone zur Geltung kommen lassen. Als ich in meine Hausschlappen schlüpfte, erinnerte ich mich daran, dass Barfußschuhe en vogue sind, schleuderte meine Pantoletten sofort von den Füßen und versuchte es barfuß ohne weitere Hilfsmittel. Den Käse auf mein Brötchen versagte ich mir, weil man morgens nur Kohlehydrate zu sich nehmen soll. »Ich bleibe jetzt ganz ruhig«, redete ich mir ein, was doppelt falsch war, wegen der Glücksphilosophie und deswegen, weil man, wenn man sich schon ermahnt nie in der Ich-Form agieren, sondern sich mit Du ansprechen muss, wie ein psychologischer Tipp lautete. Tägliche Meditation ist vonnöten, wobei ich dauernd durcheinander komme, ob man sich jetzt in die kleinste Faser seines Körpers hinein oder völlig aus ihm heraus »denken« soll, aber dann fällt mir zum Glück das »Dritte Auge« ein, das ich zwischen meinen Augenbrauen ansiedele und versuche, mich darauf zu konzentrieren. Geht nicht, denn ich liege platt auf dem Boden und nichts ist schädlicher für sämtliche Gelenke als die »Neutral-Null-Stellung«, erfuhr ich unlängst von einem befreundeten Orthopäden. Jetzt wäre die Hausarbeit fällig, aber wie war das noch mit Lust und Unlustgefühlen? Muss ich warten, bis mich die Lust zur täglichen Routine überkommt, oder liegt der Kern des Menschseins darin, Unlust auszuhalten, zu überwinden und zu tun, was zu tun ist? Widerstreitende Gedankengänge durchfahren mein Hirn und ich versuche, aus These und Antithese zur Synthese zu gelangen, was mir wiederum nicht gelingt, denn wie ich hörte, gewinnt das Bauchgefühl immerzu gegen die Vernunft. Für rationale Entscheidungen stehen 50 Megabyte zur Verfügung, für emotionale 11.000.000, belehrte mich unlängst eine Wissenschaftssendung. Trotz allem greife ich zum Staubsauger, während ich überlege, ob ich einmal mehr meinem Überich zu viel Raum gebe, während mein Es ungehört in mir tobt, ohne dass ich etwas davon merke. Das wird sich irgendwann mit einer Neurose rächen, weiß die Psychoanalyse. Vielleicht gebe ich ja, indem ich sauge, bereits einer Zwangsneurose nach? Nachdem ich mit der Hausarbeit fertig bin, will ich meine Mutter anrufen, aber halt! Steckt da womöglich eine nicht gelöste elterliche Bindung dahinter? Wieso überkommt mich das Bedürfnis, meine Mutter zu kontaktieren und wieso nenne ich sie noch immer »Mama«? Ab einem gewissen Alter sollte man die Eltern beim Vornamen nennen, riet kürzlich ein Psychologe. »Bleib ganz ruhig«, duze ich mich jetzt immerhin, hänge aber weiterhin der verpönten Glücksphilosophie nach. Meinen Darm habe ich auch noch nicht erzogen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest, denn man sollte immer zu gleichen Uhrzeit für Stuhlgang sorgen, meinte ein Proktologe in einer Frauenzeitschrift. Ich bin weit über die festgesetzte Zeit! Was mich so verkrampfen lässt, dass wahrscheinlich für den Rest der Woche nicht mehr mit Verdauung zu rechnen ist. Jetzt würde ich gerne ein Mittagsschläfchen einlegen, halte mich aber mühsam wach, da Studien ergaben, dass Frauen, die sich mittags hinlegen, eine arg verkürzte Lebenszeit riskieren. Müde schenke ich mir einen Kaffee ein, was mir wahrscheinlich den Nachtschlaf verdirbt, denn Forscher fanden heraus, dass bereits eine morgendliche Tasse davon, den Tiefschlaf um Stunden verschiebt. Wie war das jetzt? Mildert Milch im Kaffee dessen Wirkung oder verstärkt sie den Effekt? Ich kann mich nicht erinnern, was das erste Anzeichen einer beginnenden Demenz sein kann. Was war nochmal zuerst gestört, das Kurz- oder das Langzeitgedächtnis? Auch dies fällt mir nicht ein! Während ich noch grübele, kommen mir zwei Artikel über das Grübeln in den Sinn. Einer lobte es als höchst sinnvoll und nützlich, der andere verdammte es. Mittlerweile komme ich mir vor wie der berühmte Tausendfüßler, der gefragt wird, welches Beinchen er als Erstes bewegt, wenn er loslaufen will, und der daraufhin überhaupt nicht von der Stelle kommt. Wer kam eigentlich jemals auf den schwachsinnigen Gedanken, dass Wissen Macht ist? Zuviel Wissen ist Ohnmacht!

Tanja K., anonyme Alkoholikerin