Schamlosigkeit von Witwe Clausen

Der Sommer naht und mit ihm die Schreckensszenarien. Ich meine krampfadertätowierte Männer und Frauen in Shorts und Miniröcken, bei denen zum Teil sogar sogenannte »offene Beine« schamlos zur Schau gestellt werden und den absoluten Horror, Sandalen und Sandaletten, über deren Rand Hornhautwülste schwappen. Der Teufel liegt, wie so oft, im Detail, und ich kann ein Gegenüber nicht ernst nehmen, dessen ungepflegte Füße meinen Blick in den Bann schlagen. Da kann oben noch so intellektuelles Zeug herauskommen, was selten genug ist, aber wenn mir ein Hallux valgus mit der Hornhaut von Jahrzehnten entgegen blinkt, bin ich sofort abgelenkt. Schmutzige Fingernägel sind das eine, aber gelblich verdickte Zehennägel, die die Zehenkuppen überwachsen, verderben mir jegliches Interesse an einem tiefer gehenden Gespräch. Ich finde, es kommt schon einer Erregung öffentlichen Ärgernisses gleich, wenn impertinent präsentiert wird, wie wenig Wert auf elementare Körperpflege gelegt wird. Zu den Achselhaartoupets der ärmellosen Damenwelt gibt es gegenteilige Ansichten, denn Frau geht ja heutzutage wieder behaart, aber muss denn das Gewächs schweißtriefend fast bis zum Ellenbogen reichen? Und muss man einen Damenbart derart sprießen lassen? Conchita Wurst ist keine Randerscheinung; man muss nur die Witwenwelt auf dem Friedhof ins Kalkül ziehen, deren nachlassender Hormonspiegel zahlreiche Bärte zutage bringt. Jedenfalls habe ich bei wärmeren Temperaturen auf der Bank vor der Stele Friedrichs viel zu schauen, und ich komme oftmals ins Grübeln, ob Gott uns wirklich nach seinem Ebenbilde schuf. Wenn »die Krone der Schöpfung« im Alter temperaturbedingt die Hüllen fallen lässt, kommt wenig Königliches zum Vorschein. Da quillt und schlabbert und wuchert es, dass der Betrachter sich mit Grauen abwendet. Marianne schwabbelte neulich ohne BH an meiner Bank vorbei und es war nicht auszumachen, wo der Busen aufhörte und der Bauchring begann. Ludwig bevorzugt Sandalen, die zwei Nummern zu klein sind, ohne Socken versteht sich, was mich fast die Visitenkarte meiner Fußpflegerin zücken ließ. Natürlich kommt er an gewisse Stellen seines Körpers bauchbedingt nicht mehr heran, aber entweder zieht man dann festes Schuhwerk an, oder nimmt externe Hilfe in Anspruch. Hildegard baute sich in einem Minikleid aus den Siebzigern vor mir auf, was mir in der Nacht darauf Alpträume bescherte, was zum großen Teil auch an den Riemchensandaletten lag, die sie dazu trug. Die Riemchen schnitten zentimetertief in die wassergefüllten Füße, was das daneben hervorquellende Fleisch bläulich verfärbte, sodass ich den Eindruck bekam, es müsse jederzeit venöses Blut daraus hervorspritzen.

Natürlich fühlt man sich in seinem Kopf immer gleich alt, aber so ab sechzig sollte man doch, bevor man sich der Öffentlichkeit präsentiert, einen Spiegel zu Rate ziehen und kaschieren, was sich kaschieren lässt. Hildegard ließ sich dann auch mit den Worten:« Meine Füße bringen mich um!«, schwer neben mich auf die Bank plumpsen. Bei dieser Aktion rutschte ihr Kleid noch ein bisschen höher und ich konnte mich mit eigenen Augen sehen, dass Haut im Alter die unangenehme Tendenz besitzt, sich hemmungslos zu vermehren. Was sie mir sonst noch erzählte, entging meiner Aufmerksamkeit, denn ich war vom Anblick ihrer Füße gefesselt, die sie seufzend aus ihrer Schnürung befreite. Das Blut schoss dahin zurück, wo es hingehörte, was zu einer ballonartigen, rötlichen Auftreibung ab den Fußgelenken beiderseits führte. »Ich wusste es, wenn ich die Sandalen öffne, kann ich sie nie wieder schließen«, fügte Hildegard überflüssigerweise hinzu. Sie kämpfte immer noch mir ihrem unpassenden Schuhwerk, als ich mich von ihr verabschiedete, denn diesen Fesselungsakt wollte ich mir partout nicht antun.

Witwe Clausen

DFB-Team von Paul Wiedebach

Der wichtigste Mann ist im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft eingetroffen. Ist es ein Superstürmer? Ein Supercoach? Nein, es ist der Mannschaftsarzt! Natürlich handelt es sich um die Seniorenelf, aber ich wusste nicht, dass Löw sie aus einem Seniorenheim rekrutierte. Mit dem Alter kommen die Zipperlein; wer weiß dass nicht? Prostataleiden scheinen bei einigen Spielern auch schon eine Rolle zu spielen. Einer konnte in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels seinen Urin nicht mehr halten und jetzt ist fraglich, ob er in Brasilien überhaupt dabei sein wird; denn was ist, wenn er sich während eines Spiels mitten auf dem Platz erleichtern muss?

Nun ist Müller-Wohlfahrt, der ewige Doc, mit seinen 71 Lenzen auch nicht mehr der Frischeste. Also ich hätte Bedenken, wenn mein Arzt das auch für Mediziner geltende Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hätte, aber so kann der Mannschaftsarzt aus seinem eigenen Beschwerdefond schöpfen und ist bestimmt auch versiert darin, welche medizinischen Hilfsmittel angebracht sind. Ich denke da an Inkontinenzeinlagen, Dauerkatheter, Mittel gegen »Durchliegen«, bzw., »Durchstehen«, womit beim deutschen Team zu rechnen ist. Seh- und Hörhilfen werden unbedingt erforderlich sein und wer weiß, vielleicht hat er auch die eine oder andere Prothese dabei. Zahnprothesen sind nicht erforderlich, da sich die Nationalelf ja von Nutella ernährt und keine Kauhilfen benötigt. Was mich direkt zu den Sponsoren des deutschen Teams bringt. Ratiopharm, Kukident und Medisan stehen Schlange, ebenso wie Caritas, Diakonie und ASB. Fielmann und Apollo-Optik meldeten Interesse an, gefolgt vom deutschen Verband der Hörgeräteakustiker. Bestattungsunternehmen waren meines Wissens noch nicht dabei, aber Hersteller von Defibrillatoren und Herzschrittmachern, obwohl nicht damit zu rechnen ist, dass sich die nationalen Fußballgrazien das Herz aus dem Leibe rennen.

Wobei ich mich natürlich frage, wie es kommt das hochbezahlte Spitzenathleten so viel »Verletzungspech« haben. Dachte ich doch immer, ausführliches Training führe dazu, Zerrungen, Stauchungen und dergleichen mehr zu verhindern. Oder ist die Teilnahme an einer WM nicht hoch genug dotiert, sodass man dort gerne einmal den sterbenden Schwan gibt, was bei gut honorierten Ligaspielen entfällt?

Wenn es so weiter geht mit dem Vor-WM-Geplänkel, werde ich mir gelegentlich ein Spiel ansehen. Nur nicht eines der deutschen Elf, denn wer weiß, ob diese Kicker die volle Zeit durchhalten. Wahrscheinlich wird nach einer knappen Viertelstunde Müller-Wohlfahrt eingewechselt, dann kann er sich während des laufenden Matches um alle angeschlagenen Kicker kümmern. Er wäre auch ein guter Ersatz für den Lobbypinkler, bei dem noch zwischen Spiel- und charakterlicher Stärke abgewogen wird. Ob Müller-Wohlfahrt zwischendurch Pinkelpausen einlegen muss, die in seinem Alter beinahe zwingend sind, bleibt abzuwarten. Vielleicht tritt ja ein Vertriebler von Kürbiskernen als Sponsor in den Ring.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Special Olympics von Dr. Bremer

Ja, ja, die Zahnärzte! Eine Vertreterin dieses Standes nahm heute im Morgenmagazin Bezug auf die zahnärztliche Betreuung von geistig Behinderten, was für eine Mühe es wäre diesen etwas zu erklären oder den Betreuern die Sachlage klar machen zu müssen, aber vor allen Dingen störte die Kollegin der Geldzunft, dass man diesen zusätzliche Zeitaufwand nicht ABRECHNEN kann. Ich musste über diesen freudschen Lapsus so lachen, dass ich mich an meinem Morgenkaffee verschluckte. Herrlich, wie sie große Teile ihres Berufsstandes entlarvte! Zahnmedizin ist nun einmal keine sprechende und insbesondere keine Zuhörende, denn der Patient wird naturgemäß am Sprechen gehindert.  Warum die Zahnärzte überhaupt Ärzte heißen war mir schon seit jeher ein Rätsel. Warum nennen sie sich nicht Klempner, wie der Volksmund schon lange weiß, denn was hat die Reparatur von Zähnen mit Medizin zu tun. Was mich direkt zu unseren Teenagern bringt. Keiner von diesen grinst mich an, ohne dass mir die festinstallierte Zahnspange entgegen blinkt, oder dass ich OP-Vorbereitungen für die anstehende Weisheitszahnextraktion treffen muss. Passen die Zähne innerhalb der jungen Generation nicht mehr ordnungsgemäß in die Münder? Hat da die Evolution die Hand im Spiel oder das Abrechnungssystem der Zahnärzte, Kieferchirurgen, Kieferorthopäden und Dentalkosmetiker? Eltern kommen um vor schlechtem Gewissen, wenn ihr Nachwuchs keinen Draht im Gegenwert eines PKW um die Zähne geschlungen hat. Da wird auch gerne einmal mehrmals auf den Urlaub verzichtet, um eine nicht sichtbare Fehlstellung der Backenzähne zu korrigieren. Und wenn dann noch ein Röntgenbild des NOCH WACHSENDEN Kiefers gemacht wird, ist eigentlich logisch, dass die noch nicht durchgebrochenen Weisheitszähne in diesem Stadium des Wachstums noch nicht in die vorhandene Zahnreihe passen. Deswegen brechen diese Zähne meist erst nach dem 19. Lebensjahr durch – darum der Name Weisheitszähne – wenn der Kiefer ausgewachsen ist. Die Röntgenbilder werden aber schon ab dem 12. Lebensjahr erstellt, ergo müssen die Weisheitszähne raus!

Jetzt hätte ich doch fast das Bleeching vergessen, das den Zahnschmelz angreift. Von der professionellen Zahnreinigung, die der Kassenpatient selbst bezahlen darf, ganz zu schweigen. Was wohl Dr. Best dazu sagen würde, dass sämtliche Zahnbürsten nichts zu taugen scheinen. Wenn die »Kollegen« immer noch nicht genug gescheffelt haben, werden Glitzersteinchen auf die Zähne aufgebracht.

Das mache ich jetzt auch. Ich kümmere mich nicht mehr um Patienten, die nicht auf Anhieb verstehen, was ich ihnen erkläre, da ich es nicht abrechnen kann. Ich entferne eingewachsene Zehnägel, bevor sie eingewachsen sind, biete allen Diabetikern – auch denen ohne diabetischen Fuß – professionelle Fußreinigungsprophylaxe an. Verhökere an alle Kinder, die natürlicherweise noch einen Plattfuß haben, Einlagen der Luxusklasse und nehme Piercings in meine IGEL-Leistungen auf.

Nachdem ich mich heute Morgen ausgelacht hatte, schämte ich mich gründlich fremd für die Kollegin. Was hatte sie bei den Rahmenveranstaltungen zu den Special Olympics zu suchen? Ich möchte mich stellvertretend für die gesamte Ärzteschaft bei den Teilnehmern dieser Veranstaltung entschuldigen, denn sie sind jeden zeitlichen Mehraufwand wert, einfach nur, weil sie da sind und unser Leben bereichern!

Dr. Bremer, Landarzt

Hochhausrun von Tanja K.

Der Hochhausrun ist »in«. Während sich übersättigte »Nordwestler« gegenseitig Wettkämpfe liefern, wer zuerst die Treppen der höchsten Gebäude bewältigt, liefern sich die Afrikaner einen Wettstreit mit den spanischen Grenztruppen, in dem es darum geht, die meterhohen Zäune von Melilla, der spanischen Enklave in Nordafrika, möglichst ungesehen zu überwinden. Eine Art von »Hochzaunrun«, wenn man so will. Demnächst werden mit EU-Mitteln tiefe Gräben gegraben, um eine Überschwemmung (sic!) des europäischen Kontinents mit notleidenden »Nachbarn« zu verhindern, was vielleicht bei den Flüchtlingen zum »Deep swim« führt, während sich die Westler überlegen können, wie diese sportliche Höchstleistung noch zu toppen wäre, denn einfaches Rafting kann da nicht mehr mithalten. Aus Jux und Dollerei sich in Tonnen Wasserfälle herunterzustürzen, bringt auch keinen Reiz mehr, wenn die Afrikaner in gnadenlos überfüllten »Seelenverkäufern« abenteuerliche Seefahrten absolvieren.

Ja, die Dunklerpigmentierten – sagt man das jetzt eigentlich so? – sie rennen schneller, klettern höher, schwimmen weiter, da muss das degenerierte Bleichgesicht schon irgendwie dagegen halten, denn außer im Geldverdienen, ist es in keiner Disziplin besser. Der Schwarze – oder sagt man so? – kommt mit dem Hunger, dem Alkohol und mit den Drogen besser klar – was bleibt ihm auch anderes übrig? Korrupte Diktaoren rotten ihn ebenso wenig aus, wie exotische Bakterien und Viren aller Art, während der Westler mit einer einfachen Erkältungskrankheit schon völlig überfordert ist und ein einziger durchgeknallter Diktator die Deutschen an den Rand des Ruins brachte.

Die Weißen vermehren sich nicht mehr und die weiße Männlichkeit musste Dinge wie Viagra erfinden, damit es überhaupt noch klappt. »Die Schwarzen schnackseln eben gerne«, wie es Gloria von Thurn und Taxis mit einer Spur von Neid formulierte.

Dekadenz gegen Überlebenskompetenz. Vielleicht deswegen die hohen Zäune, die geplanten tiefen Gräben, die vermehrten Kontrollen der Küstenwachen, denn »Konkurrenz« unter Gleichen fordert einen weniger, da man genau weiß, dass der andere nicht mehr kann als man selber. Was nun auch kein echtes »Survival of the fittest« darstellt.

Ob nun die Tatsache besonders schnell auf Hochhäuser rennen zu können einen Vorteil im Überlebenskampf bringt, der Beweis steht noch aus. Ebenso wie bei die Fähigkeit, besonders viel Geld anzuhäufen. Ich persönlich würde ja liebend gerne einmal einen Geldsack einen Tag in der Wüste oder im Dschungel aussetzen und sehen, was passiert. Oder einer der Hochhausspinner sollte sich an den Grenzzäunen von Melilla messen. Mal sehen, ob er dann noch aus Spaß an der Freude den Frankfurter Messeturm hochhechelt. Besonders reizvoll wäre es, die gesammelten EU-Parlamentarier auf eine Seefahrt von Nordafrika nach Lampedusa zu schicken, auf einen morschen Holzkahn wohlgemerkt. Oh, wenn ich nur könnte, wie ich wollte. Ich hätte da noch eine Menge Ideen. Jede Einzelne führt dazu, dass zukünftig der Mount Everest unbehelligt bleibt, Touristenfahrten in den Weltraum unterbleiben und Abenteuerurlaube darin bestehen, dort aufzuräumen, wo es am allernötigsten ist.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Zwangsstörungen von Paul Wiedebach

Meine Frau treibt mich allmählich in den Wahnsinn. Ich bekomme mehr und mehr den Verdacht, dass sie zunehmend unter Zwängen leidet. So kauft sie Dinge des täglichen Lebens ausschließlich in »magischen Zahlen« ein. Es werden von einem Produkt nur eins, drei, fünf oder sieben Exemplare erworben, egal, wie viel wir davon benötigen. Morgens erwische ich sie, wie sie beim Zähneputzen leise vor sich hinzählt, obwohl unsere elektrische Zahnbürste die Putzzeit automatisch vorgibt. Bevor ich nun anfing, mir ernsthaft Sorgen zu machen, hörte ich mich in meinem Bekanntenkreis nach Zwängen aller Art um und kam zu erstaunlichen Ergebnissen. Henry und Carolin bekommen sich morgens regelmäßig in die Wolle, weil sie beide zwar gemeinsam das Morgenmagazin sehen, aber er es lieber auf dem zweiten Programm schaut. Sie hingegen bevorzugt das Erste, obwohl auf beiden Sendern dasselbe läuft. Dirk treibt seine Gattin in den Wahnsinn, weil er bei der Anzeige der Lautstärkeregelung des Fernsehers ausschließlich ungerade Zahlen liebt und sie korrigieren muss, wenn sie eine gerade Zahl eingestellt. Peter kann nur eine einzige Zahnpaste benutzen, obwohl sich seine Frau streng an die Anweisungen der Stiftung Warentest hält und gerne den Testsieger erwirbt, was zu erheblichen Ehekrächen führt, da seine Lieblingszahnpflege schon lange aus dem Rennen ist. Jochen und May-Britt standen kurz vor der Scheidung, weil sie seine Lieblingstasse entsorgte, und der Siggi bekommt einen regelmäßigen morgendlichen Rappel, wenn seine Frau nicht neben ihm liegt, wenn er erwacht, da sie aufgrund seines Schnarchens einmal mehr ins Gästezimmer umgezogen ist. Obwohl er es in seiner Tiefschlafphase nicht mitbekommt, wenn sie genervt von dannen zieht, hätte er es doch gern, wenn sie die ganze Nacht hellwach neben ihm ausharrt. Wolfgang sagt jedes Mal »Piep«, wenn er draußen einen Vogel zwitschern hört, was beinahe zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit Monika geführt hätte und Ralf pellt sein Ei, anstatt es zu köpfen, was wiederum Anette in den Wahnsinn treibt, die die Minischalensplitter, die fest auf der Küchentischplatte kleben bleiben, entsorgen muss.. Ich ziehe grundsätzlich den linken Schuh zuerst an. Der ganze Tag liefe verkehrt, wenn ich meinen rechten Fuß zuerst bekleidete. Was mich dazu bringt, diesen ganzen Irrsinn nicht zu pathologisieren, denn wir alle besitzen unsere Rituale, um die Götter des Tages gnädig zu stimmen. Jeder kennt das. Man überhört den Wecker, verschläft demnach und der Tag ist im Eimer, weil der Morgen nicht läuft, wie er immer läuft. Meistens braucht es bis zum Nachmittag, bis wir uns einigermaßen beruhigt haben und feststellen, dass die Welt sich weiter dreht, obwohl wir ihre Unwägbarkeiten nicht durch feste Gewohnheit in den Bann schlugen.

Gerade kam meine Frau vom Einkauf wieder. Sie brachte drei Packungen Spülmaschinentabs mit, fünf Tüten Milch, die dicht vor dem Ablaufdatum stehen und daher billiger waren und sage und schreibe sieben Packungen Brillenputztücher. Sie könnte damit wochenlang auch die Fester reinigen. Aber macht nichts. Ihre Götter sind besänftigt. Warum sollte ich es nicht auch sein.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Nationalmannschaft von Tanja K.

Was für ein kluger Schachzug von den Stammspielern der Nationalelf. Im Freundschaftsspiel gegen Polen einen auf krank machen und sich nicht irgendwelcher Vorschusskritik in Bezug auf die WM in Brasilien aussetzen. Da schickt man doch lieber so eine Art von U 21 vor, denn die können die Ohren gar nicht abbekommen, da sie noch grün hinter denselben sind. Wie nennt man diesen Virus, der die alten Hasen so plötzlich und beinahe gleichzeitig erwischte? Es ist ein Virus vom Typ AESA – Angst essen Seele auf. Symptome des Befalls mit diesem Erreger sind: erhöhtes Lampenfieber, Rückraterweichung, Angstschauer mit konsekutiver Standunsicherheit und eine Art von Depression, die dazu bringt, den Kopf in den Sand stecken zu wollen, oder sich einfach die Bettdecke über den Kopf zu ziehen.

Diesen Virus fange ich mir jetzt auch jedes Mal ein, wenn ich meiner Sache nicht allzu sicher bin oder eine hinreichende Entschuldigung für Vermeidungshaltungen aller Art brauche. »Tut mir Leid, ich würde ja gerne, aber ich kann nicht.« So einfach kann das Leben sein! Es gibt da noch den Schleimerpilz Mucinus gravis, der zu Verlusten jeglichen eigenen Standpunktes führt und das Bakterium Regressus totalis, wenn man nun wirklich Bock auf gar nichts hat. Nicht zu vergessen die zahlreichen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Gelenkschmerzen im Sprunggelenk verhindern, jemanden kräftig in den Hintern zu treten, der es mehr als verdient hätte. Die allgemeine Bindegewebsschwäche der Halswirbelsäule führt zum Krankheitsbild des Wendehalses und eine Instabilität der Kniegelenke zu den bekanntem Knieschlottern, wenn es darum geht, seinen Mann, bzw. seine Frau zu stehen. Dabei ist der Verdauungsapparat noch nicht berücksichtigt. Wer kennt nicht die schweren Fälle von Diarrhö und Vomitus bei Auseinandersetzungen aller Art? Im Bereich der Atemwege hätten wir die anfallsweise Atemnot, die verhindert klare Worte zu formulieren und das ZNS kommt gerne mit Migräne daher, deren »Aura« einen sofort außer Gefecht setzt. Wer somatisiert hat jedes Recht auf seiner Seite, denn er ist schließlich krank und kann nichts dafür.

Welche Zipperlein nun einen großen Teil der Nationalelf außer Gefecht gesetzt haben, interessiert mich nicht. Ich weiß nur, bei der Bezahlung hätte ich mir ein Bein ausgerissen, um zu beweisen, dass ich jeden Cent wert bin, den ich verdiene.

Was passiert eigentlich bei der WM nach einem möglicherweise vergurktem ersten Spiel? Hat der WM-Kader ein Lazarett dabei? Genügend Ärzte aller Fachrichtungen? Ausreichende physiotherapeutische Betreuer? Stehen ausreichend Transportmaschinen der Bundeswehr zur Verfügung, um alles nach Brasilien zu schaffen? Denn nach dem ersten verlorenen Spiel ist mit einer »Verletzungspechserie« zu rechnen. Wieo wird eigentlich die Frauennationalmannschaft von diesem Pech verschont? Haben die einen besseren Draht nach oben? Oder sagen die sich einfach: »Wir wollen Fußball spielen, also tun wir es, egal, was kommt.«

Hier mein Gruß an Löw und Gefolge. »Reißt euch zusammen, Jungs! Ich tue es auch jeden einzelnen Tag, jede einzelne Stunde und bekomme es noch nicht einmal bezahlt.«

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Ostukraine von Paul Wiedebach

Das nennt man sauber ins Knie gefickt! Die Ostukraine erklärt sich für unabhängig, bittet um gnädige Aufnahme ins russische Reich, und Putin will sie gar nicht. Außer der Krim geht ihn das marode Land nichts an. Lediglich die EU, die passionierte Auffangstation für Krisenstaaten aller Art zeigt unverständliches Interesse und legt es sich als Sieg aus, einen bankrotten Staat unter ihre mütterlichen Schwingen zu bekommen, während »Mütterchen Russland« die »Tigermutter« gibt.

Ähnlich ist es neulich einer Bekannten meiner Frau ergangen. Sie war den jahrelangen Ehetrott leid, sah nur noch Nachteile für sich, erklärte ihre Unabhängigkeit und legte sich einen Liebhaber zu, bei dem sie für den Rest ihres Lebens unterzuschlüpfen meinte. Der hatte aber bereits, was er wollte, nämlich sein sexuelles Abenteuer und zeigte keinerlei Neigung auch die Restlast zu tragen. Nun steht sie vollkommen allein da, ohne Gatten, ohne Freund und irrt orientierungslos, da komplett unabhängig durch die Gegend. Irgendwie kommt mir da das schöne Sprichwort mit dem Spatzen in der Hand und der Taube auf dem Dach in den Sinn.

Oder nehmen wir Franz, den Tausendsassa. Neben seiner Ehefrau tat er es niemals unter zwei Geliebten. Nun zahlt er saftige Alimente, hat nicht mehr genug Bares übrig, um seine Nebenfrauen formvollendet zu unterhalten und nun sind diese ebenso wie die holde Gattin Geschichte. Hat er sich etwa eingebildet, die jungen Dinger hätten sich wegen seiner Bettqualitäten auf ihn eingelassen?

Wie kommt die Ostukraine darauf, sie wäre für Russland attraktiv? Wie kommen Ladenhüter aller Art darauf, es würde sich doch noch ein Kunde für sie finden? Nun mag es Kunden geben wie die EU, die auch noch den letzten Ramsch erwirbt, weil bekloppte Kuriositätensammler ebenso wenig aussterben wie Messies, denen es um den reinen Besitz geht, egal, ob sie damit etwas anfangen können. Und so gleicht die EU mehr und mehr einer Messiebude, deren Besitzer völlig den Überblick verloren hat.

Da ist bestimmt noch ein Plätzchen für die Ostukraine frei, die Putin nicht haben will, weil er im Gegensatz zu den sammelwütigen EU-Staatenlenkern noch seine fünf Sinne beisammenhat.

Die Bekannte meiner Frau und Franz, der Tausendsassa hängen jetzt übrigens ständig bei uns herum, um uns ihr Leid zu klagen. Im Moment gebe ich mich noch gesamteuropäisch, was heißen soll, dass ich mir ihre selbstverschuldete Misere noch eine gewisse Zeit lang anhöre. Aber der Tag ist nicht mehr fern, da ich in meinem Haus den Putin gebe und sie vor die Tür setze. Wie schon Nietzsche sehr richtig bemerkte, soll man seinen Freunden eine unbequeme Lagerstatt sein. Und elterliche Schwingen haben im Freundeskreis, sowie in der internationalen Politik nichts verloren. Nesthocker und Nestflüchter haben beide mit den Konsequenzen ihres Tuns selber zu leben. Wer seine Füße unter einen gedeckten Tisch stellt, darf sich nicht darüber beklagen, was serviert wird. Und wer sich unabhängig durchschlagen will, muss damit klarkommen, dass der Wind meistens von vorne weht. In dem Sinne, liebe Ostukrainer, löffelt die Suppe doch alleine aus, die ihr euch eingebrockt habt.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Conchita Wurst von Dr. Bremer

Jetzt raten Sie einmal, welches die meist gestellte Frage bei mir in der Sprechstunde war. Welches Geschlecht die Gewinner/in des Eurovision Song Contest besitzt? Dabei ist mir das völlig Wurst! Ob es denn einen derartigen Bartwuchs auch bei Frauen gäbe, oder ob Männer mit so einer Figur, Stimme und solchen Brüsten existieren. Meine Antwort, dass es alle Formen zwischen männlich und weiblich gibt, rief besonders bei Oma W. Erstaunen hervor. Vergeblich versuchte ich, auf ihren bedenklichen Zuckerspiegel und Blutdruck zu sprechen zu kommen, aber wie viele meiner Patienten interessierte sie nur das Abendprogramm vom Wochenende, denn mit irgendjemand muss man ja über die skandalösen TV-Ereignisse plaudern. Fast sehne ich die Zeiten zurück, als samstags die Schwarzwaldklinik lief, denn da konnte ich wenigstens fachlich versiert Stellung beziehen, obwohl meine Aussage, dass dort, medizinisch betrachtet, völliger Blödsinn läuft, gerne überhört wurde. Wenn dann Professor Brinkmann, doch bitte schön, mehr medizinische Kompetenz unterstellt wurde als mir, musste ich mich schon arg zusammenreißen.

Oma W. war nicht zu bremsen. Wie denn das da unten herum aussähe? Ob ihr Ernst-August womöglich auch so ein Zwischending wäre? Was sie direkt zu der mangelhaften genitalen Ausstattung ihres Gatten und dessen Busenansatz brachte. Und klappen würde es ja schon seit Jahrzehnten nicht mehr, was bedeuten soll, eigentlich nie so richtig. Sie könne ja froh sein, ihm überhaupt zwei Kinder abgepresst zu haben. Ich warf seufzend einen Blick auf meinen montäglich übervollen Terminkalender. Trotzdem beruhigte ich sie, dass echte Zwitter kaum zur Zeugung in der Lage seien. Aber, so wie sie kopfschüttelnd endlich mein Sprechzimmer verließ, ist sie sich über das eindeutige Geschlecht ihres Ernst-August weiterhin im Unklaren.

Die nächste Patientin hatte den Tatort gesehen. Ihre schwer gestörten Jungs, die mir jedes Mal das Wartezimmer auseinandernehmen, hatte sie wohlweislich dort gelassen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Was mich dazu veranlasste, eben noch aus dem Zimmer zu huschen, während sie ihre Pfunde mühselig im Stuhl vor meinem Schreibtisch deponierte. Mit tiefdüsterem Blick und todernster Stimme nagelte ich die beiden Rangen erst einmal auf ihren Wartezimmerstühlen fest. Eine Methode, die wunderbar funktioniert, denn so wie sie meinen Blick erwiderten, würden sie sich nicht rühren, bis ihre überforderte Mutter sie abholt. Ob es denn Kinder gäbe, bei denen jegliche Erziehung versagt und die von sich aus nicht zu bändigen sind, wollte Frau M. wissen. Sie hätte seit dem Kölner Tatort da ihren eigenen Verdacht. Mein Verdacht ginge da eher in die andere Richtung, klärte ich sie auf. Ob ich ihr denn einmal etwas zeigen dürfe. Ich blieb an der Schwelle stehen, bis sie sich hochgewuchtet hatte, und zeigte ihr durch die Scheiben des Wartezimmers ihre angeblich nicht zu bändigenden »Monster«, die sich seit meiner Ermahnung noch keinen Millimeter gerührt hatten und immer wieder ängstlich Richtung Tür schielten.

Was ich denn mit ihren Kleinen angestellt hätte? Die wären ja bleich und eingeschüchtert! Sie wolle augenblicklich den Hausarzt wechseln! Sprach es und eilte zu ihrem Nachwuchs, von dem einer der beiden ihr sofort ans Schienbein trat. Ich zuckte nur die Achseln. Wer nicht will, der hat schon.

Als mich dann im Laufe des Vormittags noch ein Patient, der so, wie er wirkt, wahrscheinlich nur sexuelle Eigenkontakte pflegt, mich nach der Möglichkeit einer HIV- Infektion fragte, fiel mir ein, dass auf Arte Philadelphia lief.

Montags brauche ich keine medizinischen Lehrbücher. Montags brauche ich eine Programmzeitschrift!

Dr. Bremer, Landarzt

Eurovision Song Contest von Maria Mitscherlich

Sinnlose internationale Großereignisse gehören zu meinem bevorzugten Zeitvertreib. Ich meine jetzt nicht die Weltkriege, Spionagespielchen oder Grenzpoker wie in der Ukraine. Nein, ich beziehe mich auf den Eurovision Song Contest. Es ist ja schon ein Fortschritt, dass sich keine Kugeln, sondern abstruse Lieder um die Ohren gehauen werden und sich anderen die Nationen einmal mehr über das schlechte Abschneiden Deutschlands freuen. Heu, was wird das ein Spektakel! Von vollbärtigen Sängerinnen über halbnackten, vollbusigen Slawinnen wird alles vertreten sein. Ich habe mich auf den morgigen Abend bestens vorbereitet. Hauptbestandteile meines persönlichen Fernsehereignisses werden Sekt und jede Menge Pralinen sein, denn wenn die Sendung einen schon nicht in Stimmung bringt, muss man halt selber dafür sorgen. Evi und Johanna, meine treuesten Mitstreiterinnen in der Engeltherapeutenszene stehen zwar mehr auf diverse Liköre, aber die müssen sie dann mitbringen. Die beiden glauben noch wirklich an den Friedensgeist dieser ganzen Aktion und mir wird jetzt schon angst und bange, wenn sie Morgen vor Beginn der Ausstrahlung »Ein bisschen Frieden« zum Besten geben werden. Nach zwei Flaschen Likör pro Person sehen sie dann tatsächlich Friedensengel über der Szenerie schweben, während ich gar nicht so viel Sekt trinken kann, um überhaupt »internationales Feeling« zu entdecken. Ich freue mich am meisten auf die Punktevergabe und das hämische Wetteifern der Nationen. Der Goldmedaillenspiegel des »olympischen Geistes«, wenn man so will, denn auch das schönste Miteinander endet im Gegeneinander, wenn es um Wettbewerb geht. Evi und Johanna meinen nach der dritten Flasche Likör sowieso, alle Nationen müssten die gleiche Punktzahl erhalten, was den Song Contest komplett ad absurdum führen würde. Jedenfalls liegen sich die beiden am Ende der Veranstaltung den Siegersong mitträllernd in den Armen, während ich einmal mehr einen der vordersten Plätze Deutschlands beweine, der nur erreicht wird, wenn man die Liste umdreht. Wie jedes internationale Großereignis wird auch dieses das übliche Schlachtfeld hinterlassen. Ich werde Pralinen und Sekt mitten in der Nacht in die Toilette kotzen, während Evi und Johanna likörselig auf meinen Wohnzimmersofas schnarchen. Wenn ich sie am Sonntag endlich aus meiner Wohnung komplimentiert habe, muss ich den ganzen Nachmittag aufräumen, denn auch dies ist eine Konsequenz internationaler Wettbewerbe vom Weltkrieg über Fußballweltmeisterschaften über Olympiaden zu eben Song Contesten; es gibt immer einen, der aufräumen muss und dieser gehört nicht zu den Profiteuren dieser Zusammenkünfte.

»Dabei sein ist alles« mag zwar für die Verlierer ein Trost sein, aber gewiss nicht für denjenigen, der nachher den Müll entsorgen muss. Wieso kommen mir jetzt die Trümmerfrauen in den Kopf? Egal, noch befinde ich mich im Stadium der Vorfreude, die jede Konsequenz überstrahlt.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Löw von Paul Wiedebach

Heute gibt Löw seine Mannschaftsaufstellung für Brasilien bekannt. Ich interessiere mich nicht für Fußball, aber als ich die Namen Klose und Gomez hörte, horchte ich doch auf und fragte mich, warum einmal begonnenes Elend nie endet. Ich glaube, wenn man einmalig während eines Spiels mehrere Tore schoss, bleibt man in Löws Gedächtnis haften wie Scheiße am Schuh, auch wenn man in der Zwischenzeit nicht mehr als Schwächeanfälle im Strafraum zustande brachte.

Die Macht der Gewohnheit ist die Mächtigste von allen. Gestern im Dokumentfilm »Die Spiegelaffäre« wurden dem Schauspieler, der Adenauer verkörperte, folgende Worte in den Mund gelegt: »Es geht nicht darum recht zu haben, sondern recht zu behalten.« Und nach diesem Motto leben wir alle, bis der Tod uns widerlegt. So rennen wir immer den gleichen ausgetretenen Pfad entlang, fallen immer wieder in das gleiche Loch oder prallen immer wieder gegen die gleiche Wand, rappeln uns hoch und starten den selben Versuch auf ein Neues. Schon Einstein formulierte, dass es völlig irrsinnig ist, immer die gleichen Methoden anzuwenden und ein komplett neues Ergebnis zu erwarten. Im Falle von Löw würde dies bedeuten, einmal zu überlegen, wie viel WM Titel die deutsche Fußballnationalmannschaft mit dem Stürmerduo Klose und Gomez schon gewann. Richtig! Gar keinen!

Vielleicht spielt beim Homo sapiens auch ein gewisser Wunderglaube oder ein Lob der Beharrlichkeit eine Rolle. Es gibt Rabenvögel, die bei einem komplizierten Versuchsaufbau zum Erreichen einer Nuss nur einen vergeblichen altbekannten Lösungsschritt versuchen, bevor sie sich die Sachlage genau beschauen und eine komplett andere Strategie anwenden. Sie sind vom Wunderglauben verschont geblieben und wissen genau, dass Beharrlichkeit in vielen Fällen direkt in eine Sackgasse mündet. Würden wir also den derzeitigen Bundestrainer durch solch ein Federvieh ersetzen stünden die Chancen auf den deutschen Titelgewinn gleich drei Mal so hoch. Ganz abgesehen davon, dass sich so ein Rabenvogel mit einem Gehalt von Nüssen zufriedengibt und nicht die »Peanuts« verlangt, die Löw so einstreicht.

Bei der Gelegenheit könnte man auch darüber nachdenken, ob man den Bundesadler durch einen Raben ersetzt, der ein leuchtendes Beispiel für unsere Politikerriege abgeben könnte. Sesselkleber, Machterhaltbremser, Dummschwätzer und solche, die »die Guten ins Kröpfchen und die Schlechten ins Töpfchen« packen, hätten unter dessen Schwingen vielleicht gelegentlich den Anflug eines schlechten Gewissens. Außerdem stünde unseren Politikern nicht der mächtige Schrei des Adlers, sondern ein höhnisches Krächzen weit eher zu.

In dem Baum vor meinem Haus befinden sich zehn Krähennester und viele, die es eigentlich nicht besser verdient hätten, als dass ihnen einmal jemand gründlich auf den Kopf scheißt, damit dieser wenigstens ein bisschen Gewicht zu tragen hat, beschwerten sich schon bei mir wegen Lärm- und Schmutzbelästigung. Hier verlangen geistig minderbemittelte Zeitgenossen, dass ich intelligenten, unter Naturschutz stehenden Vögeln die Nester unter den Krallen wegziehe. Dabei habe ich vielen der Elternvögel bereits Namen wie Einstein, Newton und Aristoteles gegeben. Einen Klose, einen Gomez und einen Löw gibt es nicht, denn ich will die Tiere nicht beleidigen.

Paul Wiedebach, Kolumnist