Mülltrennung von Maria Mitscherlich

Es gibt mehrere Arten von Menschen. Das Eine sind die Mülleimer und dann gibt es da noch die blinden Wegwerfer und die chronischen Recycler. Die Mülleimer schlucken alles, was ihnen an Befindlichkeitsstörungen in den Schlund gekotzt wird, die blinden Wegwerfer heulen sich einmal gründlich bei den Mülleimern aus, während die chronischen Recycler immer mit demselben Müll ankommen. Verlierer in diesem Spiel sind immer die Mülleimer, es sei denn, sie lernen Mülltrennung und unterscheiden Wertstoffe von toxischem Abfall. Versperren ihre Einfüllöffnungen oder stellen sie auf Durchzug. Ich habe mich auf Letzteres spezialisiert, denn bei meinen Engeltherapien brauche ich nicht zuzuhören, lasse fließen, was eben fließen muss und spreche dann im Namen höherer Mächte meine Ratschläge aus. Passieren kann mir nichts, denn für himmlische Hinweise bin ich nicht verantwortlich. Da halte ich es wie die katholische Kirche. Wenn es brenzlig wird, sind Gottes Wege eben unergründlich und, wenn es gut geht, ist ein Wunder geschehen, dass die Institution Kirche stärkt. Im Prinzip wie ein Horoskop; es kann alles oder nichts heißen. Trifft es zu, glauben wir an Astrologie, trifft es nicht zu oder besagt es sogar Negatives, ist alles Humbug. Mülleimer kommen nicht zu mir in die Sprechstunde, blinde Wegwerfer sind selten, aber bei den chronischen Recyclern mache ich meinen Schnitt. Die haben dem Rest der Welt schon dermaßen die Ohren zugemüllt, dass es sogar Fälle gibt, bei denen selbst Heilpraktiker aufgaben. Von der Verwandtschaft und ernsthaften Vertretern der medizinischen Gilde ganz zu schweigen.

Ich bin wirklich die letzte Anlaufstelle, die sie willkommen heißt, denn bei ihnen geht es vornehmlich um toxischen Abfall; Wertstoffe sind rar.

Was ich auf jeden Fall vermeiden muss, ist, meine Klienten mit der Tatsache zu konfrontieren, dass sie an ihren Problemen ausschließlich selbst die Schuld tragen, denn dann kommen die nie wieder, wie ich in meiner Anfangszeit als Therapeutin schmerzlich feststellen musste. Damals hatte ich doch tatsächlich noch den Traum, etwas für meine Klientel bewirken zu können. Dies erwies sich aber als höchst negativ für mein Einkommen. Dann wurde ich zum Mülleimer, was sich als höchst negativ für meine eigene Gesundheit erwies und schließlich kam ich auf den Trichter. Reden und konzentriertes Zuhören ist sinnlos. Hilfreiche Ratschläge werden ignoriert, aber je phantastischer, hoffnungsvoller und jenseits aller Möglichkeiten die Lösung, umso eher wird sie akzeptiert. Dass es nicht klappt ist vorprogrammiert, denn die Leute wollen ja gar nicht, dass es hinhaut. Sie wollen recyceln, mehr nicht. Die Menschen wollen weiter jammern und die Engel und ich sind die Letzten, die sie daran hindern würden.

Im Prinzip bin ich ein Mülleimer ohne Boden, nie voll und immer aufnahmebereit. Nicht belastet, weil alles, was in mich hineingeht, sofort unten wieder herauskommt. Dann halte ich meine Hand auf und alles ist gut. Merke, wenn man jedem das gibt, was er hören will und erwartet, ist man vor bösen Überraschungen sicher.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Mingles von Tanja K.

Oh, du schöne neue Wörterwelt! Mingle setzt sich zusammen aus Mixed und Single und bedeutet so etwas wie »Halbbeziehung«. Mann und Frau befinden sich in einer Beziehung, die nichts Festes ist. Sexueller Austausch ist vorhanden, ebenso wie gelegentliche Treffs. Man ist allein, aber nicht ganz; man ist zusammen, aber eben nicht verbindlich.

Wobei ich gerade überlege, ob es dieses Prinzip auch für meine Beziehung zum Alkohol geben kann. Ich saufe nicht richtig, bin aber auch nicht ganz trocken, mache einen bestimmten Tag oder eine bestimmte Woche aus, an dem ich mir die Rübe weg saufe und lege trockene Phasen dazwischen. Eigentlich optimal, denn ich werde jeder Entscheidung enthoben, bleibe immer auf dem gleichen duseligen Stand und warte darauf, dass mein Leben endlich von selbst so wunderschön wird, dass ich kein Bedürfnis empfinde, zur Flasche zu greifen.

Toll!

In diesem Schwebezustand verbleibe ich dann, bis ich tot bin und muss in der Zwischenzeit für nichts und niemanden Verantwortung übernehmen, noch nicht einmal für mich selbst. Was bin ich dann? Ein nüchterner Spritti, also ein Nüspri, oder vielmehr ein besoffener Normalo, ein Besono? Also eine Art von Mischwesen, das niemals etwas über sich weiß. Das niemals herausfindet, was es will, denn der eigene Wille kann ja jederzeit durch einen fremden, viel besseren Willen ins ewige Licht geführt werden. Warum sich ein Leben lang an eine Person binden, wenn gleich um die Ecke der Traumprinz oder die Traumprinzessin warten könnte. Nur, das Problem ist, dass man die entsprechende Person gar nicht erkennen kann, weil man niemals für sich persönlich festgelegt hat, wie sie auszusehen hätte. Wie will ich wissen, wer zu mir passt, wenn ich mich selbst nicht kenne?

Ein Mingle hätte somit eine Verper, eine vermutete eigene Persönlichkeit, die auf den Menschen wartet, der ihr sagt, wer sie ist. Und dann möchte ich diese Mingles erleben, wenn der vermutliche Traumpartner an ihnen herumkritisiert! Meines Erachtens sind die Menschen der »zivilisierten« Welt nichts anderes als Flipperkugeln. Bei jedem zufälligen, äußeren Impuls schnellen sie dorthin, wohin das »Schicksal« sie treibt. Naja, wer keine Ziele hat, besitzt die Freiheit von Herbstlaub oder Löwenzahnschirmchen, darf dann aber nicht jammern, wenn er da landet, wo er eigentlich nicht hinwollte.

Ich würde mich nur zu gerne einfach so treiben lassen, weiß aber bei mir, wohin mich das führt, auf direktem Wege auf die nächste Intensivstation. Vielleicht sind die Konsequenzen der konsequenten Entscheidunglosigkeit bei Anderen nicht so schlimm. Ich weiß es nicht …

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Ostereier von Dr. Bremer

Christliche Mehrfachfeiertage sind der Horror für alle Arztpraxen. Gestern ging der Run auf meine Sprechstunde bereits los, da natürlich nach Ostermontag nicht damit zu rechnen ist, dass es noch Hausarztpraxen gibt. Da können die Medikamente noch bis Weihnachten reichen, vor Ostern muss ein neues Rezept besorgt werden, denn Apotheken werden ebenfalls vom Erdboden getilgt sein. Wenn einem seit Januar der große Zeh zwickte, bedarf dies dringend vor den Feiertagen einer Abkärung denn, wer weiß, vielleicht verschlimmert sich die Problematik ausgerechnet wenn der Papst seinen Segen spricht und alle Praxen geschlossen haben. Insulin-, Bludruckmittel und Fettsenkervorräte müssen aufgefüllt werden, obwohl der häusliche Bestand locker bis 2030 reichen würde. Ganz zu schweigen von Schlaf- und Beruhigungs- und Antibabypillen. Mögliche Gallen- und Harnleitersteine müssen dicht vor Karfreitag noch unbedingt mittels Ultraschall verifiziert werden, denn wer möchte schon, während »Die Bibel« im Fernsehen läuft, eine Kolik bekommen. Und was ist mit möglichen Erkältungen, Blasenentzündungen, Migräneanfällen und Zeckenbissen? Ist die Hausapotheke dafür gerüstet? Wie lange liegt eigentlich die letzte Tetanusimpfung zurück? Der letzte Check-up inklusive EKG und Lungenfunktion? Der Mensch macht sich reichlich Gedanken, bevor ihm ein paar freie Tage ins Haus schneien. Was ist mit Oma? Wird sie und vor allen Dingen ihre Rente die arztfreie Zeit überleben? Oder ist es doch vielleicht besser, noch einen dringenden Hausbesuch anzufordern, der vor allen Dingen Oma schwer überrascht, da sie sich keinesfalls schlechter fühlt und sie von der telefonischen Aggravation ihrer Beschwerden nichts weiß. » Sie fühlt sich nicht. Schauen sie doch noch mal nach ihr!«, denn selber zu schauen hat man keine Zeit aufgrund von Feiertagsstress. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn die ersten bunten Plastikeier an den Bäumen in den Vorgärten hängen. Das gleiche Phänomen, das bei mir eintritt, wenn die Weihnachtsaußenbeleuchtung erstrahlt, denn dann rollen harte Zeiten auf mich zu. Wenn ich daran denke, dass jetzt auch noch muslimische, jüdische und buddhistische Feiertage eingeführt werden sollen, mutiere ich aus Prinzip zum Atheisten. Gott mag es zwar gut mit dem Menschen im Allgemeinen meinen, für die Ärzte hingegen ist er eine Crux. Alle wollen dicht vor Ostern quasi gesundheitlich auferstehen und ich kann mir gut vorstellen, dass Jesus sich freiwillig kreuzigen ließ, da er die Nachfrage nach Wunderheilungen einfach satthatte. Dabei war es bei ihm noch mit Handauflegen getan und die Leute kamen zu ihm. Außer beim toten Lazarus, der auch schlecht hätte selber kommen können, ist bei Ihm kein Hausbesuch überliefert. »Nimm dein Bett und wandle, am besten zu mir in die Praxis, damit ich keine Besuche fahren muss, würde ich liebend gern am Telefon sagen, wenn Altenheime oder »besorgte« Angehörige meine Leitungen blockieren. Vielleicht mache ich es demnächst einfach wie der Papst und versuche es mit dem Fernsegen. Anstatt »Urbi et Orbi« erhebe ich meine Hände über Dorf und ländliche Umgebung. Was bei dem funktioniert, sollte bei einem Fachmann gleich dreimal klappen!

Dr. Bremer, Landarzt

Apps von Paul Wiedebach

Es gibt neuerdings eine App mit dem Namen »Crying translater«, sprich, die kreischenden Geräusche, die ein Baby von sich zu geben pflegt, werden ins elterliche Hochdeutsch übersetzt. Ja, geht es noch?! Letztens las ich, dass afrikanische Frauen, die ihr Baby auf dem Rücken tragen, erspüren, wenn es sich erleichtern muss, während in der sogenannten zivilisierten Welt, während der Schwangerschaft Kurse angeboten werden, in denen im Schnellverfahren, praktisch kurz vor Toreschluss, die Neurosen der Eltern beseitigt werden sollen, damit diese dann in der Lage sind, dem Kind eine sichere Bindung zu verschaffen. Für Interessierte, die Kurse nennen sich SAFE, was für sichere Ausbildung für Eltern steht. Wer sich dieser Mühe nicht unterziehen möchte, dem bietet natürlich die »Crying translater App eine Alternative. Bevor ich von selber auf den Gedanken komme, dass mein Kind vielleicht Hunger oder Durst haben könnte, es einfach nur müde oder ohne Grund quengelig ist, gehe ich doch lieber auf Nummer sicher und lasse mein Handy entscheiden.

Wobei mich wundert, warum in den Äonen vor Erfindung von Apps der Nachwuchs weder verhungert noch verdurstet ist, obwohl die Eltern nicht übersetzt bekamen, was das Protestgeschrei des Säuglings bedeutet. Wie machen es eigentlich die Affen? Meines Wissens stehen sie nicht vor dem Aussterben, trotz ausgeprägter Unerfahrenheit im Gebrauch von Apps. Verlassen die sich etwa auf ihr Gefühl? Stellen die vielleicht den Nachwuchs und dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihres Interesses? Wie ist es bei den Tieren überhaupt? Gab es da nicht so etwas, das man Instinkt nennt?

Nun ist es ja leider so, dass wir mittlerweile alle neurotisch sind und manchmal habe ich den Eindruck, je neurotischer, desto dringender der Kinderwunsch und desto höher die Kinderzahl. Ein gesunder Mann, und ich zähle mich dazu, sieht seine Lebensziele kaum in einem plärrenden Bündel verwirklicht, dass einem zeitlebens auf der Tasche liegt. Frauen mögen da anders ticken. Selbst bei meiner Frau, die immer damit einverstanden war uns nicht zu duplizieren, denn was hätten wir oder die Welt davon, schwärmt seit Neuesten Tag und Nacht von Hundewelpen. Wenn ich nicht aufpasse, kommt sie mir mit einem Kindersatzkläffer angeschleppt. Gibt es eigentlich eine »Kläff translater App«, die Hundegequengel decodiert? Das wäre doch einmal eine Marktlücke! Denn die Menschen kümmern sich mehr um ihre Haustiere als um ihren Nachwuchs, wie ich bei etlichen Bekannten feststellen konnte. Aber irgendwie scheinen sie es da noch im Gefühl zu haben, was Fiffi oder Mieze gerade für eine Befindlichkeit hat, denn Fiffi oder Mieze müssen ja auch nicht die Ziele erreichen, die Frauchen oder Herrchen verpassten. So etwas muss nur der biologische Nachwuchs. Der muss geformt, genormt und wirtschaftlich passend gemacht werden, darum der angespannte Umgang damit.

Eigentlich gibt es viel zu wenige Translater Apps fällt mir gerade auf. Wir brauchen mehr Übersetzungen im Sinne von Politiker-Normaldeutsch und Wirtschaftsboss kontra Baumumarmer. Ich meine Langenscheidt arbeitet zwar dran, aber immer noch in kleiner gelber Buchform. Absolut retro, wenn Sie mich fragen.

Was ist mit der Übersetzung der Idiome zwischen Mann und Frau. Wenn Frau beim Liebesakt fragt: »Liebst du mich?«, und er schweißüberströmt und atemlos haucht:« Was meinst Du, was ich hier gerade tue?«, dann meinen sie zwei völlig verschiedene Dinge!

Paul Wiedebach, Kolumnist

Wahrheiten von Witwe Clausen

Gestern machte ich »Reinschiff«. Ich mottete Friedrichs Sachen aus. Nun ruht er bereits seit etlicher Zeit in seiner Stele auf dem Südfriedhof, aber bislang weigerte ich mich, seine Kleidung und seine persönlichen Dinge auszusortieren. Und, was glauben Sie, was ich in der hintersten Ecke seines Kleiderschrankes fand? Einen Karton mit Briefen! Der Lump betrog mich über Jahre hinweg mit einer Schlampe namens Karin, ihres Zeichens Putze auf der Zeche, wo mein Friedhelm unter Tage zugange war. Jetzt musste ich entdecken, dass er nicht nur vor Kohle, sondern auch anderweitig unter Tage seine Zeit verbrachte.

Erst einmal blieb mir die Luft weg und meine Herztropfen waren fällig. Lange Zeit saß ich mit dem verfänglichen Karton auf den Knien auf meinem Wohnzimmersofa, bis John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge, zu mir sprang und mich mit seiner Tatze anstupste, was mich etwas zur Besinnung brachte.

»Schuft, Sausack, blöde Kuh«, wusste ich zuerst nicht, wenn ich mehr beschimpfen sollte. Ihn, den Fremdgänger oder mich, das blinde, vertauensduselige, bescheuerte, sich zeit seines Lebens selbst verleugnende, allzu brave Hausmütterchen! Hoppla! Ich war nicht wütend auf ihn, sondern auf mich! »Warum hast du nichts gemerkt,, warum nichts unternommen, als seine Wochenendbesuche auf dem Fußballplatz unserer lokalen Mannschaft immer häufiger wurden? Geahnt hatte ich es, denn schließlich bin ich ihm einmal nachgegangen, um zu prüfen, ob er sich tatsächlich dort befand, wo er behauptete zu sein. Gefunden hatte ich ihn damals nicht und mit rasendem Puls bin ich nachhause geschlichen, wild entschlossen, ihn zur Rede zu stellen, wenn er erscheint.

»Tja, da war ich wohl eben kurz zur Toilette. Du konntest mich also gar nicht finden«, meinte er nur. Und ich glaubte ihm, weil ich ihm glauben wollte, glauben musste, denn ihn verlassen zu müssen, hätte ungeahnte Konsequenzen für mein damaliges Leben bedeutet. Zwei Kinder, keine vernünftige Berufsausbildung, keinerlei eigenes Einkommen. Und wohin? Zurück zu meiner Mutter? Niemals! Ich verdrängte; ich verdrängte alles, meinen Verdacht, mein Misstrauen, mein Unglück, denn Lebenslügen müssen aufrechterhalten werden und koste es das eigene Leben. Man will nicht wissen, selbst wenn die Flammenschrift meterhoch an der Wand steht.

Warum ihm also heute Vorwürfe machen? Gewusst und nicht wissen wollen habe ja ich. Aber, überlegte ich weiter, warum verließ er mich damals nicht? Ja, was hätten denn die Leute zu einem Schuft gesagt, der Frau und zwei Kinder sitzen lässt, um mit einer Putze dem eigenen Glück hinterherzujagen? Wie hätte er denn dagestanden? Ja, und wie hätte ich dagestanden, noch nicht einmal einen Kerl wie Friedrich an mich binden zu können. Im Prinzip stehen wir uns beide in Nichts nach.

»John Carter sollen wir die Briefe lesen?«, fragte ich den mittlerweile dösenden Kater. Darf ich mich im Nachhinein in das Leben einer mir fremd gebliebenen Person mischen? So viel Größe, die Briefe ungelesen zu verbrennen, besitze ich nun doch nicht. Vielleicht lerne ich ja durch sie den Mann kennen, mit dem ich über fünfzig Jahre verheiratet war. Und vielleicht finde ich heraus, worauf er für mich, für die Kinder und, nicht zu vergessen, für sein angebliches Ansehen verzichtete.

Witwe Clausen

Selbstoptimierer von Paul Wiedebach

Die Amerikaner schlagen wieder einmal zu! Die Welle der »Self-Tracker«, des »quantified self«, sprich der Selbstoptimierer rollt auf Europa zu. Der einfache Pulsmesser war gestern, denn jetzt wird alles per Armband oder per Handy gecheckt. Schritte, Schlafqualität, Kalorienzufuhr, Stresspegel und emotionaler Zustand, der Computer sagt uns, wie wir uns momentan fühlen, ob wir genug getan, getrunken, zu viel gegessen und ob wir ausreichend Tiefschlafphasen im Verhältnis zum REM-Schlaf hatten. Bei dem Schrittzähler fiel mir spontan ein, was der wohl anzeigt, wenn ich mir gepflegt einen herunterhole. Zeigt mir das Ding an, dass ich gerade die Goldmedaille im Marathonlauf gewann? Der Pulsmesser schreit: »Bingo!«, und mein Stresslevel geht gegen Null?

Trickst die Masturbation die Elektronik aus? Wenn die neuen Spielzeuge dazu führen, dass wir uns ausführlich mit uns selber beschäftigen, um sie (und uns!) zufrieden zu stellen, dann her damit! Jeder Mann (und jede Frau!) kann bestätigen, dass Mann sofort und ohne weitere Hilfsmittel in den Tiefschlaf fällt, wenn der sexuelle Druck abgelassen ist. In den REM-Phasen kommt es wieder zur Erektion und zum Samenerguss, danach wieder Tiefschlafphase usw., usw., usw.. Ich glaube kaum, dass die Erfinder von »Selfquantifying« aus uns eine Art von Bonobos machen wollten- unsere, nach den Schimpansen, nächsten Verwandten im Tierreich, die lieber Sex genießen, als sich in irgendeiner Art stressen zu lassen. Aber, was wäre so verkehrt daran?

Jedenfalls werde ich einen Selbstversuch starten. Ich kaufe mir alles, was es in Bezug auf das Selbstoptimieren gibt, ziehe mich zurück, um, Sie wissen schon und schaue, was mein Computer mir über meine Lebensführung sagt. Das Ergebnis kenne ich zwar schon, denn wer von Glückshormonen überschwemmt ist, frisst, säuft und überarbeitet sich nicht. Er genießt ausreichenden und erholsamen Schlaf, braucht weder Medikamente noch sonstige Drogen und wird konsekutiv zufrieden und gesund uralt.

Nach allem Blödsinn, der aus den USA zu uns herüber schwappte, ist dies doch endlich einmal segensreich.

Nur für die Wirtschaft wäre es natürlich von Nachteil, denn wer mit sich und der Welt zufrieden ist, legt sich nicht für irgendwelche Konsumgüter krumm, die er sowieso nicht braucht. Ganze Märkte werden zusammenbrechen! Die Wellnesswelt bricht zusammen, denn wer sich selber ausreichend Wellness verschafft, braucht keine einflüsternden Gurus mehr.

»Make Love, but War, but Work, but Worry!«

John Lennon, einer der größten Propheten unseres Zeitalters wusste es bereits.

»All you need is Love!«

Wer weiß, vielleicht wurde er deswegen auch ermordet.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Drohnenkriege von Tanja K.

O.K., alle regen sich über die Drohneneinsätze auf, aber sind wir nicht alle in gewisser Hinsicht Cyberkrieger. Wann wird getratscht? Wenn der Betroffene nicht anwesend ist. Im Internet auf den sozialen Netzwerken wird auf Teufel komm raus gemoppt, diffamiert und vorgeführt. Klagen über eine Person werden grundsätzlich nur Dritten mitgeteilt, denn Auge in Auge steht man sich ungern gegenüber. Da braucht es schon einen Mdiator, eine Spezies, die wie die Zeckenexperten wie Unkraut aus dem Boden schießt, um endlich einmal im Beisein eines Puffers Klartext zu reden. Sprache drückt nicht mehr aus; sie verbrämt und rankt sich um das zu Sagende herum wie eine Allegorie. Gift und Geifer über ein angeblich erlittenes Unrecht spucken wir nur in Abwesenheit des Adressaten, aber man gibt gerne seine Aversionen Unbeteiligten kund. Wir kommunizieren nicht; wir kaschieren. Nur bei den sogenannten Freudschen Versprechern gelangt gelegentlich ans Tageslicht, was man im Grunde genommen über sein Gegenüber denkt. Was mich direkt dazu bringt, ob diese allgemeine Zensur bereits auf dem Wege ist, die Ebene des Denkens zu erreichen, denn es ist nur ein kleiner Schritt von dem, was man einfach nicht sagt, zu dem, was man einfach nicht denkt. Wer outet sich schon gerne als politisch und sozial unkorrekt.

Schon als Kinder bekommen wir unermüdlich beigebracht, was man nicht sagt, was man nicht tut und wie man nicht zu sein hat. Wer bestimmt dies? Gott nicht mehr, der Papst schon gleich gar nicht, also, wer ist es? Natürlich derjenige, dem angepasstes Verhalten am meisten nutzt. Wer kann das sein? Wer profitiert von einer Gesellschaft aus Ja- Sagern und Duckmäusern? Derjenige, der das Sagen hat und da heutzutage derjenige, der das Sagen hat, mit dem gleichzusetzen ist, der das Geld hat, kommt wohl jeder ohne große geistige Mühe selber auf die Lösung.

»Wes Brot ich es, des Lied ich sing«! Daran änderte sich bislang nichts, da wir immer noch in Scheindemokratien leben. Warum kann man einem Arschloch nicht sagen, dass er eines ist, wenn er nun wirklich eines ist. Besonders nicht, wenn derjenige, allem Anschein nach, in der Hierarchie über einem steht. Man »verbrennt sich nicht den Mund«, »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold« und, »wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Weiser geblieben«; welcher Bockmist ist denn das? Es mag ja sein, das »Lehrjahre keine Herrenjahre sind«; aber kommen wir jemals darüber hinaus? Mann, jetzt fällt mir noch ein Sprichwort ein. »Wie der Herr, so` s Gescherr«! Vielleicht tummeln sich da oben auch keine Heiligen, sondern egoistische, verlogene Feiglinge, was direkt diesen hinterhältigen Drohnenkrieg, die scheinheiligen Abhörskandale, die Spekulationsblasen und das abgefeimte, seinen eigenen Hintern zuerst in Sicherheit zu bringen erklärt. Da selbst der Kaiser zum Scheißen die Hosen herunter lassen muss, stellt man sich, sich selber aufblasende Heinis am Besten bei der Verrichtung dieser notwendigen Körperfunktion vor und, glauben Sie mir, selbst die blendenste Gloriole erlischt. Entschuldigen Sie, aber ich habe es heute mit den Sprichwörtern. Meine Großmutter pflegte zu sagen:«Es gibt auf der Welt kein größer Leid, als das der Mensch sich selbst andeit.« Darüber denken Sie einmal nach, wenn Sie sich demnächst, leidensfähig bis zum Äußersten, eine angebrachte Bemerkung verkneifen.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Gesundheitssystem von Witwe Clausen

300 Milliarden werden jährlich für unser Gesundheitssystem ausgegeben. Auf jeden Bürger entfällt somit die Summe von 3.740 Euro im Jahr. Als ich dies erfuhr, rechnete ich erst einmal aus, was mit meinen Herztropfen zusammen kommt und kam dabei auf hoch gerechnet 200 Euro, weil ich sie nur bei Bedarf nehme und versuche, diesen Bedarf so weit wie möglich herunterzufahren. Gesund ernährt habe ich mich immer, sodass Gelenkprobleme, Diabetes und erhöhter Fettspiegel im Blut auch mit meinen 75 Jahren kein Problem für mich darstellen. Erkältungen und Wehwehchen aller Art bekämpfe ich mit Hausmitteln, von denen mir meine Großmutter und Mutter einen reichlichen Schatz hinterließen. Ich gehe also nur zum Arzt, wenn ich meinen Kopf buchstäblich unter dem Arm trage. Im Krankenhaus war ich nur als Kind zu einer Blinddarmoperation und zu den Geburten meiner zwei Kinder, obwohl ich die Niederkünfte ebenso gut zuhause hätte erledigen können, denn die Hebamme meines Vertrauens war gleichzeitig eine gute Freundin von mir. Ein Haushalt mit zwei nervigen Kindern und einen doppelt so nervigen Ehemann sorgte stets für die nötige emotionale und körperliche Bewegung, sodass ich geistig und körperlich beweglich blieb. Ich brauche keine Mittel gegen Demenz, weil ich hochgeistige Gespräche mit John Carter, meinem räudigen Tierheimkater mit dem Halbmastauge führe und mich, wie man an diesem Blog erkennt, seit Neuem literarisch betätige. Außerdem belegte ich einen Volkshochschulkurs und lerne Englisch, damit ich mit dem »Neuhochdeutschen« klarkomme. Ich lese auch viel über die sogenannte Jugendsprache, denn man will ja auf dem Laufenden bleiben.

Wenn ich jetzt meine spärlichen 200 Euro von den 3.740 Euro abziehe, müsste ich demnach von meiner Krankenkasse den Reingewinn von 3.540 Euro jährlich erstattet bekommen. Ich überlege, ob ich ein diesbezügliches Schreiben an den Knappschaftsältesten aufsetze, denn ich sehe nicht ein, dass meine mir zustehende Summe sinnlos verpulvert wird. Jetzt werden sogar schon Yoga- und Meditationskurse von den Kassen bezahlt. Viel preisgünstiger wäre es, die Leute würden sich einmal in aller Ruhe hinsetzen oder, so wie ich, täglich einen Spaziergang in der Natur machen. Als äußerst meditativ empfinde ich es, auf der Bank vor der Stele meines Friedhelms zu sitzen und ihm gründlich die Meinung zu geigen, was ich zu seinen Lebzeiten leider versäumte. Sie glauben gar nicht, wie heilsam dies ist. »Elender, versoffener Sausack« gehört noch in den Bereich der Komplimente, das können Sie mir glauben.

Das wäre doch einmal ein Konzept. Die Aggressionen an diejenigen wenden, die sie redlich verdient haben. Macht ja nichts, wenn die Adressaten bereits verblichen sind oder im Altersheim vor sich hindämmern. Was raus muss, muss raus. Jedenfalls brauche ich nach einem Besuch auf dem Friedhof meine Herztropfen bestimmt nicht und mein nächtlicher Schlaf gewinnt an diesen Besuchstagen reichlich an Qualität.

Versäumnisse rächen sich immer, ist seit kurzem, meine Devise, aber da was nicht ist, zu allen Zeiten noch werden kann, vergeude ich meine Zeit nicht mehr damit herunterzuschlucken, was in jeder Hinsicht unbekömmlich ist. Seitdem kommen meine Kinder zwar seltener, aber meine Enkelkinder häufiger. »Omma (Ruhrpott!), du bist klasse«, bekomme ich von ihnen zu hören. John Carter wird auch zunehmend zutraulicher je zickiger ich werde, vielleicht weil er sieht, dass seine Erziehung meinerseits fruchtet. Wenn ich diesen Schleimer Ludwig, der nur auf zukünftige Restpflege aus ist, einmal mehr vor die Tür expedierte, hebt der Kater sogar anerkennend sein hängendes Augenlid. Mehr Lob geht nicht!

Witwe Clausen

 

Zeckenplage von Dr. Bremer

Sie sind wieder da! Die Zecken und mit ihnen die Zeckenexperten, wobei ich nicht weiß, welche Spezies von beiden bedrohlicher und lästiger ist. Im heutigen Moma die jährlich wiederkehrenden gleichen Fragen zu den Untieren – ich meine jetzt die Zecken – und die konsekutiv gleichen Antworten.

Ja, es gibt die FSME, die Frühsommermeningoencephalitis, gegen die man impfen kann, auch im Erwachsenenalter und ja, die Impfung hält drei Jahre. Ja, es gibt die Borreliose, gegen die man nicht impfen kann und an der man folglich immer wieder erkranken kann. Und ja, ausreichender Schutz durch entsprechende Kleidung und Repellents ist nötig und nochmal ja, Zecken werden mit Pinzetten entfernt. Ja, ja , ja bei auffälliger Rötung der befallenen Stelle ist ein Arzt aufzusuchen, von mir aus auch ohne das Symptom und zum wiederholten Ja, in den südlichen Bundesländern ist mit erhöhter Infektionsgefahr zu rechnen, worauf ich mich nicht verlassen würde, denn was weiß ich über jede einzelne ostfriesische Zecke. Und nein, Zecken leben nicht in Häusern, es sei denn, man trägt sie hinein.

Muss man eigentlich täglich das Rad neu erfinden? Kann man sich diese Dinge nicht einfach über ein Jahr hinaus merken? Hört irgendjemand diesen Zeckenexperten überhaupt zu? Oh, Hilfe! Eine Zecke! So stürmt man bei mir unentwegt in die Praxis. Was tun? Bin ich jetzt in Lebensgefahr?

Im Zuge der Klimaerwärmung gibt es jetzt zunehmend Mückenarten, die ebenfalls Krankheitserreger tragen können. Ich mag gar nicht daran denken, was da bei jedem einzelnen Mückenstich auf mich zurollt. Ganz abgesehen von den Mückenexperten, die mir meine Patienten zusätzlich verunsichern.

Das wäre doch einmal eine Maßnahme für das Bundesgesundheitsministerium. Folder zum Thema »Das gemeine Insekt und ich«, die nur aktualisiert werden, wenn es wirklich etwas Neues zum Thema zu berichten gibt, ansonsten herrscht Stille an der Expertenfront.

Die gemeine Zecke ist ein äußerst hartnäckiges Spinnentier, was mich fragen lässt, was wohl manche Zeitgenossen dazu bewegt, zum Experten desselben zu werden. War die Ähnlichkeit vor der Berufswahl bereits vorhanden, oder ergibt sie sich erst im Laufe der Zeit, wie man es von Haustierhaltern und ihren Lieblingen kennt.

Aber auch da stellt sich die Frage nach der Henne und dem Ei. Ist die Mieze so durchgeknallt, weil Frauchen es ist? Ist das Hundchen so neurotisch, weil Frauchen Behandlung bräuchte? Gibt es rechtsradikale, ausländerfeindliche Kampfhunde, oder wo sitzt des Pudels Kern? Übrigens im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man so will.

Wobei ich mich gerade bei Zeckenbefall frage, wieso man unbedingt ungeschützt durchs Gesträuch krauchen muss.

Merke: Wenn es irgendwo zwickt und zwackt, trägt nicht in jedem Falle das Tier schuld.

Dr. Bremer, Landarzt

 

Langeweile von Maria Mitscherlich

Der Esoterikmarkt boomt, der Markt der technischen Spielzeuge boomt, der Fitnesscentermarkt boomt und der Freizeitmarkt gleich gar.

Shoppingmeilen und Shoppingcenter sprießen wie Unkraut aus dem Boden. Wir müssen anscheinend immerzu bespaßt und beschäftigt werden und sei es mit sinnlosen Einkäufen und ebenso sinnlosen Computerspielen. Das Hauptproblem der westlichen Menschen ist die Langeweile, wenn Sie mich fragen.

Natürlich hole ich mir in diesem Falle ein großes Stück vom Kuchen, denn spiritistisch beschäftigt, heißt wenigstens sinnvoll beschäftigt. Mein kleiner Laden, den ich nebenbei auch noch betreibe und in dem ich Regalweise esoterische Literatur, Klangschalen, Traumfänger, Engel-, Heiligen- und Jesusskulpturen, sowie Devotionalien aller Art anbiete, bringt einen schönen Batzen Geld ein. Ganz zu schweigen von meinen therapeutischen Engelsitzungen. Wie der große Schopenhauer schon sinngemäß bemerkte, treiben uns bei Abwesenheit von großen Sorgen, selbst die kleinsten Befindlichkeitsstörungen in den Wahnsinn. Und von eben diesem Wahnsinn lebe ich.

Die Menschen wissen halt nichts mit sich anzufangen, wenn es rund um sie herum still wird. Wer nicht aus sich selbst heraus schöpferisch ist, den treibt es in die Arme von Leuten wie mir. Obwohl ich hier ganz entschieden klarstellen will, dass ich diese Beutelschneiderei aufgrund einer reichlichen Erbschaft nicht nötig hätte und unbedingt an die Dinge glaube, die ich den Menschen vermittele.

Aber auch ich muss feststellen, dass es vor allen Dingen die Langeweile ist, die die seltsamsten Auswüchse zeigt. Aus Langeweile wird der falsche Partner geheiratet – Hauptsache, man hat überhaupt einen abgekriegt, der einen dann für den Rest des Lebens am Kochen hält – und es werden Kinder in die Welt gesetzt, denn irgendjemand muss ja den eigenen Lebensauftrag erfüllen. Es werden Haustiere angeschafft, wobei zu gelten scheint, je exotischer, umso besser, um die sich dann nicht gekümmert wird, denn der Thrill ist mit der Anschaffung bereits erfüllt.

Viele denken sich auch Krankheiten aller Art aus. Die harmloseste Variante, endlose Langeweile zu überbrücken ist noch, jede Woche die Wohnung um zu drapieren. Die Lästigste hingegen, anderen endlos die Ohren voll zu stöhnen. Jeder weiß, wie nervtötend ein Kleinkind ist, das sich nicht auch nur für eine Minute selbst beschäftigen kann, aber die meisten Erwachsenen sind aus diesem Stadium noch gar nicht heraus und werden bis zu ihrem Tod auch nicht herauskommen.

Die Menschen leiden nicht; sie quengeln. Und der Quengelmarkt boomt, um auf die oben genannten Beispiele zurückzukommen. Quengelware, Quengelangebote, wohin man schaut. Karriereleitern gehören übrigens auch dazu, genauso wie Machtspielchen.

Nichts kann und darf so bleiben wie es ist, denn dies ist langweilig, langweilig, langweilig. Naja, solange die Menschen mich für ihre Bespaßung bezahlen, kann es mir egal sein.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin