Zeitumstellung von Witwe Clausen

Opfer dieser Zeitumstellung vereinigt euch endlich! So lächerlich es klingt, bei meinem Status als Rentnerin und Witwe, ich bin eine Leidtragende dieser sinn- und zwecklosen Uhrendreherei. Mein Zeitplan kommt dermaßen durcheinander, dass ich heute Morgen, anstatt meine Morgentoilette zu erledigen und meinen Haushalt in Schwung zu bringen, noch einmal ins Bett kroch. Jetzt ist es für mich gefühlt 9:20 Uhr, doch meine Zeitmesser vermelden mir; es ist bereits eine Stunde später. Trotzdem sitze ich noch im Nachthemd und Bademantel, die dritte Tasse Kaffee im Leib, unverrichteter Dinge an meinem Küchentisch. Obwohl ich den Tag in Angriff nehmen müsste, schnappte ich mir zunächst meinen Block und meinen Schreibstift und verfasse nun dieses brennenden Artikel über den Zeitklau.

John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge, erscheint angesichts fehlender Routine in seinem neuen Heim, ebenfalls etwas verwirrt. Was wohl eher damit zu tun hat, dass sein Katzenklo noch nicht gereinigt, seine Napf noch nicht geputzt und sein Futter noch nicht parat gestellt ist. Er streicht mir nervös um die Beine, denn niemand liebt den geregelten Ablauf in einem Haushalt mehr als ein Haustier, wie mir vorkommt. Auch ich bevorzuge die tägliche Routine; sie gibt mir Halt und Aufgabe, aber heute befindet sich alles in Auflösung, meine Person eingeschlossen.

Leichte Panik breitet sich in mir aus – ich muss gleich zu meinen Herztropfen greifen – und ich kann mich nicht aufraffen, das zu tun, was zu tun ist, weil ich bestimmte Dinge zu einer festgelegten Zeit zu erledigen pflege. Die dafür vorgesehene Frist verstreicht weiter und weiter, während ich diese Zeilen verfasse. Wie soll denn alles heute laufen? Ich kann doch unmöglich erst um die Mittagszeit duschen gehen, meinen Kater erst nachmittags füttern und erst gegen Abend putzen und durchsaugen!

Was ist mit dem Einkauf? Die Läden haben zwar bis 22:00 Uhr geöffnet, aber wer, frage ich mich, betritt nach 21:00 Uhr einen Supermarkt? Mein Kopf schwirrt, mein Herz tut es ihm gleich. Die Witwe Clausen sitzt unsortiert um mittlerweile 10:45 Uhr noch an ihrem Küchentisch und gammelt herum! »Der frühe Vogel fängt den Wurm«, lautete das Familienmotto meiner Eltern und Großeltern, von meinem Friedrich ganz zu schweigen. Nun ja, alle sind bereits tot und ich somit die einzige Überlebende. Auch pflege ich um diese Uhrzeit nie Besuch zu erhalten, aber, was ist, wenn doch jemand vorbeischaut und mich hier so sitzen sieht? John Carter wir ebenfalls immer nervöser; er miaut sogar, was er sonst nie tut. Liegt dies an seiner gleichfalls fehlenden Routine, oder mache ich ihn vielmehr wuschig?

»Irmgard«, beruhige ich mich. »Sei einmal spontan und nimm den Tag, wie er halt kommt. Blende die Uhrzeit aus. Dir kann es nun wirklich egal sein, was wann passiert.«

Aber, was ist mit den Blumen vor Friedrichs Stele? Sie sind es gewohnt, zu einer bestimmten Uhrzeit gegossen zu werden und ich kann ja schlecht in Bademantel und Hut zum Friedhof.

»Ja sag mal, spinnst du jetzt total?«

Schrieb ich nicht weiter oben, die tägliche Routine gäbe mir Halt und Aufgabe? Was ist, wenn sie mir nichts anderes als Pflicht und Last wäre? Wenn sie mich nur einzwänge und mein Leben zu einem Fahrplan degradierte? Vielleicht möchte ich mein Todesdatum auch schon im Kalender vermerken, damit ich es nur nicht verpasse?

Überlegenswert, sehr überlegenswert. Ich glaube, ich hole mir noch einen Kaffee und denke ein wenig darüber nach. Die Herztropfen lasse ich hingegen im Schrank.

Witwe Clausen

 

Ehrentag des Unkrauts von Dr. Bremer

»Unkraut vergeht nicht!«

Warum denken meine Patienten nicht daran, wenn sie mich für jedes Zipperlein aufsuchen? Voltaire sagte einmal sinngemäß, dass Medizin die Kunst wäre, den Patienten so lange abzulenken, bis der Körper sich selbst geheilt hat.

Da der Mensch hier auf dieser Erde so etwas wie eine spontane Nebenvegetation ist, wird er durch die Natur nicht auszulöschen sein. Es sei denn, er nimmt die Sache selber in die Hand. Die Tendenz zur Selbstschädigung und Selbstvernichtung scheint dem Menschengeschlecht wesensimmanent zu sein und wer durch nichts und niemanden auszurotten ist, tut dies eben durch Messer, Gabel und Glas.

Dabei ist es doch sehr einfach. Alles, was unnatürlich ist, ist ungesund. Trinken, wenn man nicht mehr durstig ist, essen, wenn man nicht hungrig ist, faulenzen, wenn alle Muskeln förmlich nach Bewegung zucken, sich künstlich wachhalten, wenn der Körper nach Schlaf schreit und unbedingt schlafen wollen, wenn weit und breit keine Müdigkeit in Sicht ist.

Seitdem es für jedes Wehwehchen eine Pille gibt, schwelgen wir in Symptom- und nicht in Ursachenbekämpfung, und ich wage zu behaupten, dass mehr Menschen durch die Nebenwirkungen der zahllosen Medikamente zu Tode kommen, als durch Krankheiten.

Besonders verdächtig sind mir die sogenannten Kombipräparate, eine Art von Überraschungsei der Pharmaindustrie. Drei Wirkstoffe auf einmal, wenn man so will, die sich im günstigsten Falle in ihrer Wirkungsweise gegenseitig aufheben.

Kurioserweise fühlt man sich, sofort, nachdem man zum Beispiel eine Tablette gegen Kopfschmerz schluckte, besser, obwohl, physiologisch betrachtet, das Medikament noch gar nicht wirkt. Ein Placebo hätte demnach den gleichen Effekt. Placebooperationen wirken, Placeboakupunkturen wirken- die Nadeln werden in diesem Falle neben den vorgeschriebenen Linien gesetzt- und Placebokügelchen wirken, weil der Körper eben eine ausgeprägte Tendenz zeigt, sich selbst zu heilen.

All dies wirkt natürlich umso besser, je teurer die Maßnahme ist, denn dann ist die Erwartungshaltung größer.

»Ja aber«, werde ich oft gefragt, »warum geht es denn Tieren nach einer Behandlung beim Heilpraktiker besser?«

»Ganz einfach«, antworte ich dann, »weil Frauchen und Herrchen erwarten, dass es mit dem kleinen Liebling aufwärtsgeht. So überträgt sich der Placeboeffekt des Tierhalters auf das Tier, besonders, da es mehr Aufmerksamkeit, vielleicht auch mehr Streicheleinheiten als sonst bekommt.«

Apropos, Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit. Vielleicht geht es nur darum!

Wer sie sonst nicht erhält, erwartet sie von mir!

Dr. Bremer, Landarzt

 

Hoffnung von Tanja K.

Gestern hörte ich eine Fabel bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises, in der es darum ging, dass sich ein Ei mit einem Presslufthammer anlegte. Obwohl das Kräfteverhältnis und der notwendige Ausgang dieser Auseinandersetzung eindeutig waren, erwartete das lauschende Publikum bis zuletzt, das Ei würde gewinnen.

Auch ich setzte auf das Ei, hoffte auf das Wunder doch die Hoffnung zerplatzte, wie das Ei am Ende der Geschichte.

Was sagt mir das über unsere Psyche?

Obwohl die Faktenlage klar auf dem Tisch liegt und zwingend Richtung Untergang weist, überwiegt der Glaube, es könnte letztendlich noch alles gut ausgehen.

Als ich endlos trank, rechnete ich nicht mit dem Versagen meiner Leber und meines Verstandes, weil, bei mir wird der Alkohol sich seiner fürchterlichen Konsequenzen enthalten. Jeder Kettenraucher erkennt in sich die einzige Ausnahme, die nicht an Lungenkrebs erkrankt und der einzelne Fettsüchtige ist der Sonderfall, der nicht dem Diabetes, dem Bluthochdruck und der Herzkranzgefäßverfettung erliegt. Da kann der Verstand sich die Seele aus dem Leibe brüllen, getan und erwartet wird, was das Gefühl uns einflüstert. Alles beruht auf dem Ursache-Wirkungsprinzip: Wenn A, dann B. Nur unser persönliches Leben richtet sich natürlich nicht nach diesem Naturgesetz, denn wir sind die löbliche Ausnahme, der besondere Sonderfall, die außergewöhnliche Ungewöhnlichkeit, der Einzigartige unter den Gemeinen, die sich den Gegebenheiten zu fügen haben.

Obwohl wir wissen, dass 1+1 stets 2 ergibt, rechnen wir bei uns und nur bei uns mit einem abweichenden Resultat. Darum stoßen wir unsere Köpfe immerzu an den gleichen Wänden, obgleich schon Einstein sinngemäß bemerkte, wie blödsinnig es ist, ständig dasselbe zu tun und dabei ein anderes Ergebnis zu erwarten.

Natürlich wiederholen sich die Geschichte und die Geschichten, weil wir uns weigern daraus zu lernen.

Eine Bekannte von mir steuert auf die dritte Scheidung zu, weil sie sich nach jeder gescheiterten Ehe, den gleichen Typ von Kerl suchte. Ich wandte bei meinen Söhnen unentwegt ähnliche Erziehungsmethoden an und wunderte mich, dass sie sich nicht im gewünschten Sinne entwickelten. Bei meinem Mann rannte ich jedes Mal gegen dieselbe geschlossene Tür an; und er bei mir. Wir holen uns Beulen, Kratzer und blutige Nasen und ziehen keine Schlüsse daraus!

Überheblich lachen wir über ein Insekt, das versucht, ein unüberwindliches auf seinem Wege liegendes Hindernis zu erklettern, wo es doch nur einen winzigen Schritt beiseite machen müsste, um darum herumzukommen. Wieso lachen wir?

Worin liegt unser Hochmut begründet? In unserem überlegenen Verstand, den wir nicht nutzen, den wir ignorieren, der an uns verschwendet ist?

Solange der Verstand das Gefühl nicht in den Griff bekommt, wird er es auch noch lange Zeit bleiben.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Streik von Maria Mitscherlich

Wofür würde ich streiken?

Für mehr Spiritualität im Leben. Dafür, dass es neben den gemeinen Alltagsdingen noch etwas Besonderes geben muss. Dass alles am Ende einen Sinn ergibt. Dass eine Belohnung winkt für ein ordentlich geführtes Dasein. Dass Engel mich umgeben, die mich leiten, dass eine höhere Macht mit einem höheren Plan für mich gibt, den ich im Moment nur noch nicht verstehe. Dass meine Person dadurch zu etwas Einzigartigem wird. Dass ich nicht nur eine Art von Mikrobe im Angesicht des Universums bin.

Geht mir doch weg mit der Wissenschaft und ihrem Materialismus. »Aus Staub bist du gemacht und zu Staube sollst du werden«, wer will dies? Aller Ärger, alle Trauer, alles Leid muss doch für irgendetwas gut sein! Alles sich selber verleugnen, alles Dulden und Erdulden kann nicht zwecklos im Grab enden.

Wenn es nur das gibt, was sinnlich erfahrbar ist, wo soll dies denn hinführen? Wenn unser Geist mit unserem Gehirn stirbt, was bleibt denn dann noch?

Ich streike für die himmlischen Heerscharen!

Schließlich spürt jeder von uns, dass es über uns hinaus noch etwas gibt, was unser wahres Wesen ausmacht. Wir sind mehr als nackte Affen! Schließlich wurde der Heilige Geist über uns vergossen. Da kann nicht alles nur eine Frage der Biochemie sein. Lasst mich doch mit euren Hirnbotenstoffen in Ruhe. Das Ursache-Wirkungsprinzip gilt nicht für unser Hirn. Der freie Wille, von Gott verliehen, hat da noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Mein Körper ist keine Hardware mit einer Hormonsoftware. Ich bin ich, bin ich, bin ich! Ich werde ewig sein, denn wozu sollte ich sonst überhaupt sein?

Es gibt für alles einen Plan, wieso sollte das Universum ohne sein?

Ihr Chaostheoretiker könnt mich mal! Meint ihr, die Naturgesetze ergeben sich aus Chaos? Von den verwirrten Philosophen der Aufklärung einmal abgesehen, von den Griechen und Römern vielleicht auch, landete jeder Philosoph, der seinen Namen verdient letztendlich bei einem Beweger, einer letzten Ursache. Wer, verdammt, soll den Urknall gezündet haben, das Vakuum?

Ist euch denn nichts mehr heilig?

Nein, nein, nein! Ich streike dafür, dass ich mehr bin als eine fleischliche Hülle voller fleischlicher Begierden, voller fleischlichem Verfall. Wozu ein Geist, wenn nur noch ein faulender Kadaver bleibt?

Ich bin eine Wissende, keine Wissenschaftlerin und heißt es nicht, es gäbe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als die Wissenschaft sich träumen ließe?

Tretet mir doch den Beweis an, dass es nichts Göttliches, nichts Engelgleiches gibt. Wie, könnt ihr nicht?

Wie groß die Sehnsucht nach dem mehr in jedem von uns ist, erkenne ich am Florieren meiner Praxis, denn der Suchenden sind viele. Wozu wäre der Keim dieser Suche da, wenn es keine Pflanze dazu gäbe?

Ja, seht ihr, nun seid ihr mit eurem Latein am Ende.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

Lust von Witwe Clausen

Heute wird es ein wenig pikant. Die Leser dieses Blogs-wenn es denn welche gibt- mögen mir verzeihen.

Mein Friedrich, Gott hab ihn selig, wurde erst richtig lustig, wenn er tüchtig einen gepichelt hatte, was dazu führte, dass er es gerade noch schaffte, seiner eigenen Lust zu frönen, um dann von mir herunterzurollen und augenblicklich einzuschlafen. Während ich seiner Schnarchorgie lauschte, überlegte ich oft, ob ihm jemals der Gedanke in den Sinn gekommen sein mochte, dass weibliche Lust ebenfalls existiert und befriedigt werden kann, wenn Mann sich nur ein bisschen Mühe gibt.

War mir am nächsten Morgen aber egal, denn sobald er aus dem Hause ging, ging ich einkaufen, was natürlich dazu führte, dass er anfing, mich »Klamotten-Irmgard zu nennen. Aber ich musste ja irgendwohin mit meiner Lust und verwandelte sie in Kauflust. Ich konnte mich damals in einen regelrechten Kaufrausch hinein steigern, der mir leider nur sehr flüchtige Glücksmomente einbrachte, denn mein Kleiderschrank mutierte zur Messie-Bude. Ich hätte damals Ordnung in meinem Kopf schaffen sollen, anstatt unentwegt diesen Kleiderschrank aufzuräumen.

Mit der nicht ausgelebten sexuellen Lust, verging mir auch die Lebenslust. Es gab Phasen, da konnte ich Küche, Kinder, Haus, Garten und Mann nur mit Hilfe von Tabletten ertragen, die mir mein Hausarzt bereitwillig verschrieb. Wahrscheinlich hatte er genug sexuell frustrierte Nörgeltrinen am Hals und versuchte sie mit Pillen loszuwerden.

Wie ich erfuhr, bekam das Valium, gleich nach der Entdeckung seiner Wirkungsweise den Spitznamen »Mother`s little helpers«, was schon alles besagt.

Ja, ja, die sexuelle Lust, wenn sie unterdrückt wird, werden die Lust am Leben, die Lust am eigenen Körper und seinen Bedürfnissen gleich mit unterdrückt. Aber, da aller Trieb irgendwohin muss, konsumiert man eben Dinge, die einem nicht gut tun. Vielleicht ist das gewollt, fiel mir heute Morgen ein. Hat man je einen Bonobo shoppen gehen sehen? Unsere nächsten Verwandten im Tierreich frönen ausschließlich der körperlichen Lust. Was hätte die Wirtschaft davon, wenn wir tage- und nächtelang vögeln würden und dabei den Konsum von Luxusartikeln vergäßen?

Oh, Irmgard, was für eine Sprachwahl, rufe ich mich gerade zur Ordnung. Aber da liegt das Problem; ich traue mich noch nicht einmal, das Kind beim Namen zu nennen. Jetzt ist Schluss damit! Sprach ich jemals das Wort Ficken laut aus? Oder bumsen, oder poppen? Mir steht der Angstschweiß auf der Stirn, während ich diese Zeilen schreibe. Was mag der Leser nur von mir denken?

Um etwas für das man keine Worte besitzt, darum kann man nicht bitten. Wie hätte mein Friedrich wohl reagiert, wenn ich ihm gesagt hätte:«Lass das Saufen, bums mich lieber ausgiebig.« Noch jetzt beginnt mein Herz vor Angst zu rasen. Ich glaube, ich muss gleich zu meinen Tropfen greifen. Das Schreiben für diesen Blog bekommt mir ganz entschieden nicht, denn es zwingt mich dazu, über Dinge nachzudenken, über die

ich weder nachdenken will noch kann. »Nein, Irmgard«, ermutige ich mich. »Du hältst das durch!«

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die Aufforderung an meinen Friedrich. »Sag mal Mutter, geht`s noch?«, wäre seine Erwiderung gewesen. Dann hätte er sich angezogen und wäre mit seinen Kumpels einen zwitschern gegangen, um dann völlig besoffen auf mein Angebot zurückzukommen. Geh mir doch weg!

Obwohl-, fällt mir da gerade ein, vielleicht traute er sich nicht, mir im nüchternen Zustand mitzuteilen:«Mutter, lass uns poppen.«

Witwe Clausen

Missbrauch von Paul Wiedebach

Die katholische Kirche will alle Missbrauchsfälle seit 1945 wissenschaftlich aufarbeiten. Wissenschaftlich? Wieso nicht strafrechtlich? Der Jesuitenpater und Psychologe(!) Hans Zollner, der mit dieser Bearbeitung befasst ist, entgegnete sinngemäß auf die Frage des MoMa- Moderators, ob die Institution Kirche sich nicht selbst den Vorzug vor den Opfern gibt, dass dies jeder Sportverein tue.

Wie? Die Kirche setzt sich mit einem Sportverein gleich? Warum werden dann Zwangsabgaben in Form von Kirchensteuern erhoben? Und ist es nicht so, dass Trainer, die ihre Zöglinge unsittlich berühren in den Knast gehen und nicht strafversetzt werden? Sind Sportvereine insgesamt moralisch und strafrechtlich konsequenter als die Kirche es ist?

Katholische Einrichtungen sind der sicherste Ort für Kinder, führte Zollner weiter aus. Wie das, wenn Straftäter mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davon kommen?

Edathy fiel der medialen Lynchjustiz anheim, wieso nicht die Kirche? Angst vor Gottes Zorn oder der Exkommunikation?

Die Angst vor der Vergeltung des Allmächtigen scheint in der breiten Bevölkerung verbreiteter zu sein als bei seinen selbsternannten Bevollmächtigten.

»Die unterschiedlichen Modelle religiöser Verehrung, die in der römischen Welt vorkamen, wurden von den einfachen Leuten als gleichermaßen wahr, von den Philosophen als gleichermaßen falsch und von den Regierenden als gleichermaßen nützlich angesehen.« (Edward Gibbon) und, um dem noch eins draufzusetzen, möchte ich Diderot zitieren:

»Wo immer man Gott zulässt, herrscht ein Kult, die natürliche Ordnung der Moral wird umgeworfen und korrumpiert. Bald kommt der Moment, an dem eine Idee, die Menschen daran hinderte, eine kleine Münze zu stehlen, dazu führt, dass tausend Menschen die Kehle durchgeschnitten wird. Eine großartige Kompensation.«

Uns, den kleinen Leuten kommt man mit den rigidesten Moralvorstellungen, während diejenigen, die uns mit der ewigen Verdammnis drohen, von keinerlei christlichem Gewissen eingeschnürt, tun, was immer ihnen in den Sinn kommt.

Vertue ich mich, oder lauten die Gelübde des Priesters nicht »Armut, Keuschheit und Gehorsam«? Selbst wenn man diese Uranforderungen an die katholische Kirche stellt, scheitert sie auf ganzer Linie. Welche Existenzberechtigung besitzt sie dann noch?

Mit welcher moralischen Keule kann ein Sumpf von Größenwahnsinnigen drohen?

Vom lateinischen Wortsinn instantia ( Daraufbestehen, abgeschlossene Einheit) ist die Kirche zwar eine Instanz, aber, da sie sich nur noch selbst etwas mitzuteilen zu haben scheint, sollte man die abgeschlossenen Einheit, in eine Weggeschlossene verwandeln.

Das wäre was! Zaun drum und gut. Nichts kommt heraus, nichts kommt herein, vor allen Dingen nicht unser Geld und mal sehen, wie viel vom christlichen Gedankengut dann noch übrig bleibt. Ob dann noch länger Wasser gepredigt und Wein gesoffen wird?

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

Medien von Tanja K.

Ich bekomme es allmählich satt, denn ich empfinde mich durch die Medien am Nasenring herumgeführt. Nehmen wir zum Beispiel Flug MH 370. Worüber musste ich mir diesbezüglich nicht Gedanken machen. Über die Flugpassagiere mit gestohlenen Pässen, eventuelle Wrackteile, eventuelle Kursänderungen, eventuelle Entführungen und eventuelle psychische Störungen des Piloten.

Ich weiß noch, wie ich mir im Anfang die amerikanische Serie »Dallas« im Fernseher ansah. Folgenlang ging es darum, dass Pam`s Embryo womöglich an Neurofibromatose erkrankt sein könnte. Nach etlichen schlaflosen Wochen meinerseits ob dieses Schicksals endete die Schwangerschaft im frühen Stadium mit einer Fehlgeburt. Ich grämte mich also völlig umsonst! Danach sah ich mir nie wieder eine Folge dieser Serie an.

Bei den Nachrichten fühle ich mich zunehmend wie in einer Soap, denn es werden keine Fakten vermittelt, sondern nur vage Vermutungen berichtet. Was machte ich mir Überlegungen zu Edartys Laptop. Hört man davon noch etwas? Die Treibjagd auf Wulff war ein Aufreger ohne Ende, wobei sich keiner mehr für den eigentlichen Gerichtsprozess interessierte. Was ist aus Stuttgart 21 geworden? Der BER taucht auch nur in den Medien auf, wenn es wilde Spekulationen diesbezüglich gibt.

Warum wird nicht erst berichtet, wenn alle Fakten nachweislich auf dem Tisch liegen?

Will man uns künstlich »am Köcheln« halten, damit wir die wahren Gegebenheiten übersehen? Wesentliche Nachrichten, die uns direkt betreffen, erfahren wir nur am Rande, wie das Freihandelsabkommen mit den USA, das erhebliche Nachteile für jeden einzelnen Bürger mit sich bringt. Interessiert keinen! Der Titel des aktuellen Sterns, angeblich ein Politmagazin, trägt den Aufreger »Die Maschmeyer Connection«. Interessiert mich das? Betrifft es mich persönlich? Andererseits wird bei dem Abitur nach 12 Jahren heftig zurückgerudert, was jeden Gymnasiasten angeht. Ich weiß noch, wie sich mein Sohn mit Kopf- und Bauchschmerzen bis zum Abi nach 12 Jahren durchlitt, weil es unreflektiert durchgefochten wurde. Nun hat doch der eine oder andere Pädagoge tatsächlich sein Hirn bemüht, und siehe da: Sorry, mistig gelaufen!

Bevor dies auffällt, werden wir mithilfe der »Maschmeyer Connection« abgelenkt. Pam ist dauerschwanger, wenn man so will.

Wenn es das Ergebnis des Dschungelcamps bis in die Abendnachrichten schafft, was sind diese dann noch wert? Hat da die Politik die Hand im Spiel, die uns gleich Taschendieben anderweitig beschäftigt, während sie uns die Geldbörse klemmt, das Sozial- und Gesundheitssystem herunterfährt, Steuergeld verschwendet und den Verbraucherschutz ad Acta legt?

Man weiß es, aber man will es nicht wissen.

Da ist doch wichtiger, wie Carsten Maschmeyer, Veronica Ferres, Mirko Slomka und Clemens Tönnis verbandelt sind.

Eigentlich wäre langsam Zeit für ein neues royales Baby!

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

High Heels von Witwe Clausen

Wie ich erfuhr, feiern die High Heels heute irgendeinen Jahrestag. Welcher vergaß ich bereits, was in meinem Alter gelegentlich passiert. Mein Gott, wenn ich daran denke, dass auch ich zeitlebens in diesen Folterinstrumenten herum gestöckelt bin! Bei mir war es nachher soweit, dass ich aufgrund einer Verkürzung der Achillessehne nicht mehr in flachem Schuhwerk laufen konnte, vom barfuß gehen einmal abgesehen. Das Balancieren auf den Kuriositäten der menschlichen Erfindungskunst lässt die Beine straffer aussehen, der Busen und der Po werden herausgedrückt und der Frauengang wird majestätischer, was ich jetzt, für mich persönlich, als staksiger übersetze. Fliehen vermag Frau in diesen, sogenannten Schuhen nicht, und ob der Pfennigabsatz als gezielte Waffe Richtung Hoden eingesetzt werden kann, sei dahingestellt, da es auf die Treffsicherheit der Trägerin und deren Gleichgewichtsgefühl ankommt.

Warum ist es bei den Menschen nicht wie in der Tierwelt, wo die Männchen für das Aufplustern zuständig sind? Vom Pfauenrad über den Balztanz der Paradiesvögel, Mann muss beweisen, dass er etwas zu bieten hat, denn schließlich will er seine Gene weiter geben! Wer eingeladen werden will, sollte sich halt mehr anstrengen als derjenige, der einlädt. Besonders da es Frau außerhalb »heißer Phasen« sowieso egal ist, ob jemand zu Besuch kommt.

Was mich wieder zu den High Heels bringt, die eine stete Bereitwilligkeit des Weibchens simulieren, denn wer präsentiert schon Busen und Hintern, wenn er gar nicht paarungswillig ist? Von Dauerbrünstigkeit der Weibchen ist in der Tierwelt nirgendwo die Rede, warum soll es beim »denkenden Tier« anders sein?

John Carter, mein räudiger Tierheimkater mit dem Halbmastauge gähnte vernehmlich, als ich ihm meine Theorie auseinandersetzte.

»Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht genau, wovon ich rede«, beschimpfte ich ihn. »Wer markiert denn auf Deubel komm raus und kreischt nächtelang herum, damit eine eine Katze dir die Ehre gibt.« Was ihn kurz nachdenklich machte. Aber ich war noch lange nicht fertig. »Außerdem ist es viel einfacher, jemanden zu besuchen als jemanden zu sich hereinzulassen; da muss Frau sich schon gut überlegen, ob und wen sie anlockt. Du zum Beispiel müsstest dir arge Mühe geben, wenn ich eine Katze wäre, denn eine Schönheit bist du wahrhaftig nicht!«

Es geht ja noch viel weiter, überlegte ich. Wer epiliert, cremt, salbt und parfümiert sich, lässt sich aufspritzen, operieren und trainiert die Gesäß- und Brustmuskulatur so lange, bis er damit Nüsse knacken kann? Ja, ist Frau denn verrückt? Nur um ein haariges Monster anzulocken, das den Gebrauch von Wasser und Seife nur rudimentär beherrscht? Das säuft, furzt und sich ungeniert an Hoden und Kimme kratzt?

»Männer sind halt Augenmenschen«, pflegte mein Friedrich, Gott hab ihn selig, zu sagen. Die Erwiderung, wieso dann nicht öfter in den Spiegel geschaut wird, schluckte ich stets noch rechtzeitig herunter. Mein Gatte hatte wenig von einem Pfau, von einem Paradiesvogel ganz zu schweigen!

Im besten Fall könnte es sein, dass sich Mann überlegte, als er zu denken anfing, es wäre besser, die eigenen Gene nicht weiterzugeben. Vielleicht hatte er ja doch flüchtig in eine spiegelnde Oberfläche geschaut. Was jetzt die High Heels sinnvoll macht, wenn Frau sich fortpflanzen will.

Witwe Clausen

 

Leistunggesellschaft von Paul Wiedebach

Was ist Leistung?

Wenn jemand gegen Staaten und Währungen wettet und damit Milliarden einfährt?

Wenn jemand sich künstlich unter Druck hält und diesem Druck nicht ausweicht?

Wenn jemand genug zum Protzen und Prahlen besitzt?

Wenn jemand sein kleines Leben in den Griff bekommt und anderen nicht unnötig auf die Nerven fällt?

Wenn sich jemand, koste es was es wolle, dem Geldsystem unterwirft?

Wenn jemand es schafft, persönliche Mankos zu seinem und zum Wohle der anderen zu bearbeiten?

Wenn jemand es, dem Zufall geschuldet, bis in die höchsten Positionen schafft?

Wenn jemand sich verbiegt und verbeugt, um etwas darzustellen?

Wenn jemand unentwegt den Beweis antritt, eine Lebensberechtigung zu besitzen?

Wenn jemand sich und andere prügelt, um Macht zu bekommen?

Wenn jemand sich Machtpositionen erlügt und erschleicht?

Wenn jemand es schafft, seine individuelle Persönlichkeit außen vor zu lassen?

Wenn jemand zeit seines Lebens nicht erwischt wird?

Wenn jemandem die Leichen in seinem Keller egal sind?

Wenn jemand unbeirrt seinen Weg geht, egal wie viele Opfer ihn pflastern?

Wenn jemand mit emotionaler Blindheit ausgestattet ist?

Wenn jemand nur Bestnoten einfährt?

Wenn jemand die Menschheit nur eine Winzigkeit besser macht?

Wenn jemand sein Leben nur irgendwie herumbringt, um es unbeschadet bis in den Sarg zu schaffen?

Wenn jemand keinem in irgendeiner Sache geschadet hat?

Wenn jemand sich so klein macht, dass ihn alle übersehen und übergehen?

Wenn jemand die Menschen zum Lachen bringt?

Wenn jemanden die Tränen der anderen unberührt lassen?

Wenn jemand es schafft, dem zurzeit gängigen Menschenbild zu entsprechen?

Wenn es jemandem gelingt, unbeirrt an Gott zu glauben, obwohl alle Wissenschaft dagegen spricht?

Wenn jemand ein untrügliches Gespür für den aktuellen Trend besitzt?

Wenn jemand die Menschen für Minuten ihr eigenes Elend vergessen macht?

Wenn jemand ausschließlich an der Wahrheit interessiert ist?

Wenn jemand nur die Gesetze der Physik gelten lässt?

Wenn jemand trotz allem liebt?

Wenn jemand sich aufopfert, bis er selber zugrunde geht?

Wenn jemand es schafft, mit sich und der Welt zufrieden zu sein?

Wenn jemand den Glücksklee am Wegrand niemals übersieht?

Wenn jemand von Geburt an zu den Privilegierten gehört?

Wenn jemand sich bis in diese Position hoch kämpfte und Familie und Freunde zurückließ?

Man weiß es nicht!

Paul Wiedebach, Kolumnist

Schweinehunde von Elke Balthaus-Beiderwellen

Neulich schenkte ich meinem Bruder zwei T-Shirts. Eines mit der Aufschrift:« Ich bin zu dick zum Weglaufen; ich kämpfe«, und ein Zweites mit der Beschriftung:« Ich probierte den Sixpack aus; er stand mir nicht«!

Eine kleine Rache dafür, dass er immer meint, sollte ich jemals mit dem Auto verunglücken, stünde am nächsten Tag in der Zeitung: »Grausamer Knochenfund!«

Ich erwarb besagte Shirts in der Größe XXXXXL und Peter gestand mir nach deren Erhalt telefonisch, dass sie gerade eben passten. Vielleicht ein wenig knapp um den Bauch herum, aber ansonsten O.K. Was er in Bezug auf sein Gewicht noch unternehmen könne, druckste er herum, denn allmählich merke er doch, es könne nicht so weiter laufen.

Er stand auf dem Standpunkt, auf dem alle stehen, wenn es um Gewichtsreduktion geht. Schnell muss es geschehen, keine Mühe oder Einschränkungen kosten und, vor allen Dingen, mit keinerlei Änderungen der Lebensweise einher gehen. Der teure »Wundermittelmarkt« für diese allzu bequemen Gewichtsreduzierer ist nicht mehr zu überschauen und täglich wird eine neue Zauberdiät oder Zauberpille durch die bereitwilligen Hirne getrieben.

»Tja, Peter, was soll ich sagen. FDH und Bewegung! Etwas Aktuelleres ist auf diesem Gebiet noch nicht erfunden worden. Du kannst dich meinetwegen in ein Akupunkturnadelkissen verwandeln, es mit Heilströmen und Bioresonanz versuchen. Manchen soll es sogar geholfen haben, wenn die Engel ihnen heilsame Botschaften ins Ohr flüstern, aber dann sprechen wir uns nach einem Jahr wieder. Ich schenke dir dann T-Shirts in XXXXXXL, denn das Einzige, dass abgenommen haben wird, ist deine Geldbörse.«

»So schlau war ich auch schon«, kam es erbost aus dem Hörer, »aber es muss doch irgendetwas geben! Du bist doch Ärztin, denke doch mal nach! Tu doch was!«

»Genau da liegt der Knackpunkt. Denke du doch selber nach und tu selber was. Denn dass du so schlau bist und genau weißt, wo der Hase im Pfeffer liegt, sagtest du bereits.«

Undeutliches Gemurmel aus dem Telefon. »Also keine Bierchen mehr?« »Doch, aber halb so viele.« »Keine Naschereien?« »Die Hälfte.« »Und, bewegen soll ich mich auch noch?« »Fang mit 15 Minuten am Tag an, dies wir ja wohl drinsitzen.« »Da hätte ich dich gar nicht fragen müssen, denn so weit war ich auch schon.« »Siehst du. So weit sind alle, die abnehmen wollen. Der eigene Rat ist oft der Beste, der Billigste und der Vertrauenswürdigste.« »Klugscheißerin!« Damit legte er auf.

Ob er in der Zwischenzeit seinen »inneren Schweinehund« besiegte, kann ich noch nicht sagen. Solche »Schweinehunde« besitzen wir alle. Sie haben nur andere Vornamen. Bei mir heißen sie Zigaretten und der Hang zur Quengeligkeit. Und, wenn ich ehrlich bin, die diesbezüglichen Ratgeber kaufte ich bereits. »Endlich rauchfrei« und »Positive Energien nutzen« stehen bei mir im Bücherregal, nachdem ich sie aufmerksam las. Was soll ich sagen? Ich rauche mehr denn je und nörgele an allem und jedem herum, was mir gerade nicht in den Kram passt. Ändern will ich mich nicht, wo käme ich denn da hin?

Elke Balthaus-Beiderwellen