Wulff und Co.

Müssen sich jetzt die Medien, die Öffentlichkeit, die Politkollegen und die Justiz bei ihm entschuldigen?

Meiner Ansicht nach nein, weil verbaselt hat er die ganze Sache selbst in seinem Interview bei den »Öffentlich-Rechtlichen«. Duckmäuserisch bat er um Verzeihung, betonte, dass er als Bundespräsident noch lernen müsse und gelobte Besserung. Wäre er mit der Attitüde eines Franz-Josef Strauß oder eines Gerhard Schröder aufgetreten, es hätte keiner nachgetreten. Er ist demnach an seiner eigenen Persönlichkeit und an seinem öffentlichen Auftreten gescheitert. Er verdeutlichte durch sein Interview, dass das Amt des Bundespräsidenten doch eine Nummer zu groß für ihn ist.

Auch für Gauck ist es eine Nummer zu groß, denn seine Freiheitsschwurbeleien besitzen keine praktische Konsequenz. Ohne Begründung nicht nach Sotschi zu fahren ist genau so, als hätte Rosa Luxemburg sich damit begnügt, den örtlichen Kramladen zu boykottieren. Und der fast kriecherische Kniefall unseres BP vor den USA spricht für sich.

Wer war dem Amt je gewachsen?

Heuss? Der legendäre »Versprecher« Lübke? Der »Apo-Opa« Heinemann? Der Postillion Scheel? Der Wandervogel Carstens? Weizsäcker! Der »Rucker« Herzog? Bruder Johannes Rau? Der Geldbeutel Köhler? Die Filzlaus Wulff? Der Wasserprediger Gauck?

Man sieht, ich setzte nur ein Ausrufezeichen hinter elf Präsidenten. Mit einer »LmaA-Haltung« hätte Wulff durchaus im Amt bleiben können und gescheitert ist er an seiner fehlenden Haltung.

Ein: »Hier stehe ich; ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen«, ist komplett aus der Mode gekommen. Aufrecht geht keiner mehr zum Scharfrichter des Mobs.

Woran liegt das?

Es kann nur an der Erziehung liegen, die aus Kindern konforme Diener des Systems macht. Querdenken ist unbequem und wird selten von der Gesellschaft belohnt. Da mag noch so sehr von der Nützlichkeit des »Rädchens im Getriebe« gefaselt werden. Das Rädchen bleibt zeit seines Lebens ein Rädchen. Wir trimmen unsere Kinder auf den sicheren Rädchenstatus und wundern uns, dass sie keine Wunder vollbringen. »Sei nicht laut. Falle nicht zu sehr auf, denn dies fällt irgendwann auf dich zurück!«

In unserem Schulsystem werden Begabungen nicht gefördert, sondern im Keim erstickt, denn wodurch werden die »Gütesiegel« verteilt? Durch Benotungen! Und wer vergibt die Benotungen? Die LEHRER, die kaum mehr diesen Namen verdienen. Wenn ich höre, dass die Gymnasiallehrer in Niedersachsen wegen einer Stunde Mehrarbeit keine Klassenfahrten mehr machen wollen, liegt doch auf der Hand, wer da offensichtlich seinen Beruf verfehlte.

Aber ich war ja noch bei Wulff.

Die Würde der Ämter krankt daran, dass das Amt nicht mehr demjenigen verliehen wird, der dessen würdig ist, sondern dem Parteienproporz und dem Lobbyismus der Vorrang gebührt. Jeder einzelne Rücktritt ist blühender Beweis für diesen Rückschritt.

Wer sich lange genug verbiegt und verbeugt, dem ist ein Amt gewiss!

Wir haben es demnach bei Trägern öffentlicher Ämter mit Chronikern der Rückgratverkrümmung zu tun, sodass eine Haltung schon rein körperlich nicht mehr zuwege gebracht werden kann. Von der Psyche will ich gar nicht erst reden!

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

Gedankenspielereien von Witwe Clausen

Gestern Nachmittag führte ich ein ernsthaftes Gespräch mit John Carter, meinem räudigen Tierheimkater mit dem Halbmastauge. Wenn diese Konversationen anliegen, gibt er sich sehr gelangweilt, dreht mir zunächst auf dem Lieblingssessel meines verflossenen Friedrichs , den Carter ebenfalls zu seinem bevorzugten Thron erkor, den Rücken zu, aber je länger ich rede, umso interessierter erscheint er. Zunächst stellt er sein ausführliches Gähnen ein, dann steht er mühsam auf und wendet sich mir zu. Er legt sich nicht wieder hin, sondern bleibt in Habtachtstellung sitzen und fixiert mich mit seinen anderthalb Augen.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei meinem gestrigen Monolog. Über das Wochenende hinweg plagte mich ein ein Backenzahn. Der Schmerz erwies sich als beinahe unerträglich und nahm jeden Raum innerhalb meines Kopfes und Körpers ein. Alles, was mich sonst bedrückt, wurde von dieser Pein regelrecht zerquetscht. Selbst der Tod verlor seinen Schrecken und wurde mit einem Mal beinahe wünschenswert.

Nachdem ich nun am Montag vom Zahnarzt kam, der mir den faulen Zahn gezogen und mich von meiner Qual befreit hatte, fiel mir, als ich meinen Hausflur betrat, auf, wie lange ich dort nicht mehr Staub gewischt habe. Was mir durch meinen Zahnschmerz unwichtig geworden war, erfüllte nun seinerseits jeden Raum in meinem Kopf und Körper. Noch im Mantel wollte ich nach einem dieser neuartigen Staubmagnetwedel suchen, hielt aber plötzlich inne. Was ritt mich da? Hatte ich nichts besseres zu tun? Anstatt mich in einen Sessel zu setzen und den Zustand der völligen Schmerzlosigkeit zu genießen, lud ich mir »seidene Sorgen« auf. Ich liebe diesen Ausdruck: »Seidene Sorgen«, denn er besagt nichts anderes als Sorge um der Sorge willen.

Ist der Mensch nicht vollständig, wenn er sich nicht sorgen kann? Wenn der Schmerz alles beiseite drängen kann, warum kann es das Glück nicht?

Ich mache mir ständig Sorgen. Um meine Bekannten, Kinder und Enkel und besonders um Vergangenheit und Zukunft. Insgesamt alles Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, meine Freunde und Angehörigen ebenfalls nicht. Und, wer hörter schon jemals davon, dass man die Zukunft vorwegnehmen kann?

»Du, John Carter machst dir nur um den gegenwärtigen Moment Sorgen, wenn überhaupt«, teilte ich meinem aufmerksam lauschenden Hausgefährten mit. Er blinzelte kurz mit seinem gesunden Auge. »In Ordnung, du sorgst dich also auch«, führte ich weiter aus. »Aber nur, wenn plötzlich ein Grundbedürfnis nicht erfüllt ist. Wenn du hungrig und durstig bist. Wenn dir kalt und ungemütlich ist und wenn dich ein Schmerz plagt, wirst du aktiv.« John Carter starrte mich an. »Wir Menschen machen uns nicht nur ständig Sorgen; wir treffen sogar Vorsorge. Was soll das Wort bedeuten? Die Sorge vor der Sorge? Nachsorge gibt es ebenfalls, also die Sorge nach der Sorge. Lautet nicht der Hauptkanon des neuen Testamentes »Sorge dich nicht«? Mmh …., besitzt du Phantasie, John Carter?« Jetzt gähnte dieser doch einmal. »Nicht?«, fragte ich. »Du kannst dir keine Schreckensszenarien ausmalen?« Keine Antwort, stattdessen wendete sich der Kater von mir ab.

»Wir können das«, fuhr ich trotzdem fort. »Und wir tun das unablässig. Es sei denn, wir sind hoffnungslose Optimisten.« Was sagte ich da gerade? Hoffnungslose Optimisten? Dabei sind es doch gerade die, die die meiste Hoffnung besitzen sollten. Was ist Hoffnung überhaupt? Das Gegenteil von Ziel? »Hoffnung ist ein gutes Frühstück, aber ein schlechtes Abendbrot«, meinte schon Francis Bacon. Jetzt hatte ich mich vollkommen festgedacht. »Mit diesem Thema sind wir noch nicht durch, John Carter«, teilte ich diesem mit, aber er hörte mir längst nicht mehr zu.

Witwe Clausen

Spielregeln von Tanja K.

Meine Form des zivilen Ungehorsams ist eher banal. So benutze ich eine Nachtcreme ausschließlich morgens. Nehme ein Duschgel für den Körper auch zum Haarewaschen und verwende Repairspülungen für die Haare zur Hautpflege. Ich decke meine Gartenpflanzen im Winter nicht ab, halte mich nie an Gieß- und Standortanweisungen für die Zimmerpflanzen. Ich nehme die vorgeschriebene Flüssigkeitsmenge von mindestens drei Litern nicht zu mir und besitze noch keinen Schrittzähler, um die empfohlenen täglichen 10.000 Schritte zu absolvieren. Ich enthalte mich jeder Grauabdeckung meiner Haare und nenne keinen Zellulitemassageroller mein eigen. Ich enthalte mich der zahllosen Nahrungsergänzungsmittel, obwohl ich dann im Alter von 100 Jahren nicht mehr »die Kraft der zwei Herzen« in mir spüren werde. Mein Skelettsystem vernachlässige ich sträflich, da ich kein zusätzliches Calcium zuführe. Gleiches gilt für meine Muskulatur, die nicht in den Genuss von Magnesium kommt. Ich setze mein Gesicht der Sonne aus ohne einen UV-Schutz vom Faktor 30; ich peele und straffe nicht.

Meine Desodorantien halten keine 48 Stunden; ich achte nicht auf tägliche Verdauung und der prozentuale Eiweiß-, Fett- und Kohlehydratgehalt meiner Nahrung ist mir schnuppe. Ich kenne das Fett-Muskel-Wasserverhältnis meines Körpers nicht und sah noch niemals ein Fitnessstudio von innen. Botox ist für mich ausschließlich das stärkste Nervengift, das es gibt, und meine Nase besitzt einen Höcker, über den ich noch nie psychisch gestolpert bin. Ich bekomme meine flache, waagerecht gehaltene Hand nicht zwischen meine Oberschenkel, ohne anzuecken und mein Po und mein Busen bestehen den »Bleistifttest« nicht. Mein Schlaf ist nicht durchweg erholsam und ich verabscheue Ballaststoffe. Meine Matratze und mein Kopfkissen sind nicht ergonomisch geformt, ebenso wenig wie meine Unterwäsche und Schuhe. Meine BH`s pushen nicht und meine Hosen gleich gar nicht. Meine Kleidung verweigert die »Atmungsaktivität« und ich entschlackte meinen Körper noch nie. Ich murmele kein »OM« vor mich hin, wenn ich mich lieber aufrege, und habe den Gelenken in meinen Zehen noch nie die nötige Achtsamkeit gewidmet. Ich kenne keinen einzigen Akupressurpunkt und weiß nicht, in welchem Gleichgewichtszustand sich mein Ying und Yang befinden. Ich habe noch nie ein Mandala ausgemalt, oder erspürt,wo unter meinem Bett sich Wasseradern befinden. Ich erhoffe mir durch Mantras und Beten keine Wunder, und wenn mich jemand segnet, bekomme ich das Gefühl, er will mich möglichst schnell loswerden.

»Geh mit Gott, aber geh!«

Ich verweigere Bibelorakel, das Y Ging und Pendel, lese mein Horoskop nicht und denke, dass Beschwörungen und Verfluchen nichts nützen, und da Gott nicht würfelt, tue ich es ebenfalls nicht.

Insgesamt glaube ich daran, dass es nicht möglich ist, die Karten, mit denen wir das Spiel des Lebens spielen müssen, zu zinken.

»Que sara, sara!«

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

 

Wundermittel von Maria Mitscherlich

Wer von uns glaubt nicht daran?

Egal ob Haarwuchs, Gewichtsreduktion, Hautverjüngung, Lebensverlängerung und vielem mehr, die Wundermittelbranche boomt, was sie übrigens seit der Zeit tut, als der erste Schamane seinen ersten Beschwörungstanz tanzte.

»Mundus vult decipi, ergo decipiatur«. »Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden«.

Natürlich bin ich auf diesen Zug aufgesprungen, denn die Esoteriksparte brummt nur so. In Zeiten, in denen es sogar »Wohlfühltees« gibt, ist viel abzugrasen.

Am Wochenende befand ich mich, wie im Frühjahr bei mir üblich, in einem Wellnesshotel, in dem ich ein zweistündiges – eine Stunde am Freitagabend und eine Stunde am Samstagvormittag – Seminar zum Thema: Wie beeinflusse ich mein Tchi?

Ich fahre dabei weniger auf die Feng-Shui Methode ab, bei der man die Möbel im eigenen Haus von A nach B rückt, bis man sich merklich wohler fühlt, ein Effekt, der sich allein durch die ungewohnte körperliche Bewegung einstellt, sondern, es geht darum, die eigenen inneren Organe an den richtigen Platz zu rücken.

Die Teilnehmer meines Seminars liegen entspannt auf dem Rücken und massieren mit Hilfe eines in der Mikrowelle erwärmten Kirschkernsäckchens, das sie bei mir zum Vorzugspreis von 20 Euro erwerben können, ihren oberen und unteren Bauch, während ich Beschwörungsformeln singe. Hintergrund dieser Übung ist es, wie bei den Osteopathen, dass die unvollendete Embryonalwanderung der Bauchorgane zum erlösenden Abschluss gebracht wird. Die Teilnehmer sollen dabei tief atmen, dürfen, ja müssen während dieser »Ordo ab Chao«-Übung seufzen, stöhnen und, glauben Sie mir, manchen laufen sogar Tränen der Erleichterung über die Wangen.

Eine Katharsis reinsten Wassers, wenn man so will.

Wenn man bedenkt, was ein Osteopath, der auch nur auf dem Bauch herumdrückt, für die Behandlung nimmt, bin ich äußerst preiswert, denn ich berechne pro Teilnehmer nur 95 Euro die Stunde.

Meine Tchi-Seminare sind immer ausgebucht, denn deren wohtuende Wirkung spricht sich natürlich herum. Ich bewerbe sie nicht aktiv, betone sogar, dass ich den Kreis der Auserwählten bewusst klein halte, und schaffe somit den Rahmen der Exklusivität.

Natürlich bin ich nach den Unterweisungen körperlich und geistig erschöpft, aber ich befinde mich ja in einem Wellnesshotel und schöpfe dessen Segnungen ab dem Samstagnachmittag bis Sonntagabend reichlich aus.

Ich lasse mich maniküren, pediküren, massieren,peelen und lege mich unter die Sonnenbank, um mit der hochenergetischen UV-Strahlung meine Batterien wieder aufzuladen.

Diese Aktionen mindern meine Gewinnspanne an besagten Wochenenden gewaltig, aber ich bin eben auch nur ein Mensch!

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

 

Pädophilie von Dr. Bremer

Die Wogen schlagen hoch zu diesem Thema, Edathy sei Dank! Strafrechtlich liegt nichts gegen ihn vor, aber moralisch?

Die Weichen zur Pädophilie werden in der Pubertät gestellt. Was genau die Einflüsse sind, die zu dieser fatalen Entscheidung führen, darüber streitet sich die Wissenschaft. Natürlich werden hormonelle, neurobiologische und psychosoziale Faktoren diskutiert. Fehlt eigentlich nur noch die Genetik und wir haben die üblichen Verdächtigen beisammen.

Der »freie Wille« bleibt wie so oft außen vor, denn ein »ich kann nicht anders; ich muss« wiegt heutzutage schwerer als die Selbstüberwindung. Ein Prozent der Männer in Deutschland sind von diesem Phänomen betroffen, dass sich sexuelle Erregung bei Kindern einstellt. Triebhemmende Medikamente kommen zum Einsatz in Kombination mit Verhaltenstherapie, aber, darüber sind sich die Experten einig, heilbar ist die Sache nicht. Die Betroffenen müssen zu der Einsicht gelangen, dass sie ein Leben lang betroffen sind, und ergo, ein Leben lang dagegen ankämpfen müssen.

Sie müssen sich quasi »in den Griff bekommen«. Aber, wer muss das nicht?

Wenn es um Sexualität unter gleichgestellten Erwachsenen geht, ist mir jede Spielart recht; es geht mich auch nichts an. Ob nun die Bandbreite von Fetischismus bis Sadomaso-Spielchen reicht, da kann ich nur sagen:«Jedem Tierchen sein Pläsierchen.« Und als Arzt habe ich schon die kuriosesten Dinge erlebt, was Selbst- oder Fremdbefriedigung angeht, das können Sie mir glauben. Ich denke da an die herrliche Doktorarbeit unter dem Titel: »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern« oder an die diversen Dinge, die schon aus dem Enddarm von unglückseligen Onanisten herausoperiert werden mussten. Die Spanne reicht da von Marmeladengläsern bis großen Schneebesen. Es ist unglaublich, was sich der Mensch alles durch den Anus, in den Penis, oder in die Vagina zwängt, wegen sekundenlanger Glückseligkeit.

Aber wie gesagt, das geht mich nichts an. Ich helfe diesbezüglich und enthalte mich eines Urteils.

Dahingegen sehe ich bereits die Sodomie unter dem Aspekt der »Unzucht mit Abhängigen« und jede Form der Pädophilie verdamme ich ohne Wenn und Aber. Auch eine Vergewaltigung von erwachsenen Personen ist nicht zu dulden!

Jetzt ist natürlich die Frage, wo endet die Phantasie und wo beginnt die Straftat, denn schließlich besah sich Edathy nur Fotos, aber, wie sind diese käuflich zu erwerbenden Fotos zustande gekommen, darum geht es doch! Freiwillig posierten die Kinder bestimmt nicht.

Und jedermann, dessen sexuelle Phantasie sich um Kinder rankt, muss sich doch ernsthaft fragen, was mit ihm nicht stimmt und kann anonym Hilfe in Anspruch nehmen.

Hier kommen wieder Mündigkeit und Verantwortlichkeit ins Spiel und vor diesen gibt es keine Unschuld.

Dr. Bremer, Landarzt

 

Fashion Haul von Witwe Clausen

Als eifrige Zuschauerin des Morgenmagazins stolperte ich heute über diese neue Ausprägung von »Dingen, die die Welt nicht braucht«.

Junge Dinger präsentieren in selbstgedrehten Videos, welche Modeschnäppchen sie getätigt haben. Plunder im Niedrigpreisbereich, wenn man so will. Ich frage mich, ob bei dieser Klamottenkauffrequenz eine Extrawohnung für diese Fischzüge im Trüben angemietet werden muss.

Dabei müsste ich ganz still sein, denn auf Bekleidungssonderangebote fiel ich jahrelang selber herein. Da wurde ein Kleidungsstück nicht gekauft, weil ich es brauchte, sondern nur, weil es so günstig war. Damals lebte mein Friedrich noch, der sich nicht genug darüber erregen konnte, dass ich, sobald ich das Haus verließ, unweigerlich mit einem Billigprodukt der Bekleidungsindustrie zurückkehrte.

»Klamotten-Irmgard«, pflegte er mich zu titulieren. Natürlich war es eine Trotzreaktion meinerseits, dass ich meine Schnäppchenjagd intensivierte, bis mich eines Tages meine eigenen Einkäufe zu ersticken drohten. Der Besitz von Dingen führt nämlich dazu, dass sie nach und nach einen selber besitzen, denn sie benötigen Platz, Pflege, Aufmerksamkeit und Lebenszeit. Wie viel davon beim Einräumen, Hin- und Herräumen, Aussortieren und Sortieren verloren geht, führte ich mir damals nicht vor Augen. Als nach und nach niemals getragene Bekleidung in den Altkleidersack wanderte, hielt ich schließlich inne und fragte mich, ob ich dabei bin, komplett verrückt zu werden und ich verordnete mir absolute Kaufabstinenz. Wie ein Alkoholiker in einer Spirituoseneinkaufszeile taumelte ich fortan durch die Ladenpassagen und wagte es nicht, nach rechts oder links in die Schaufenster zu schauen, denn kaufen durfte ich nicht mehr. Absolute Abstinenz war besonders bei den Ständern vor den Läden einzuhalten, denn dort hingen meine geliebten Sonderangebote.

Also ging ich in der ersten Zeit überhaupt nicht mehr zum Schaufensterbummel. Danach kam Stufe Zwei: Flanieren durch die Einkaufsmeile ohne Geldbörse und Kreditkarte, was sehr hart war, denn wer sich jemals in einem Einkaufsrausch befunden hat, weiß, wovon ich rede. Vielleicht steckt in jeder Frau noch die alte Beerensammlerin, die eben alles kann, nur nicht mit leeren Händen nach Hause kommen.

Stufe Drei war für mich selber eine Überraschung. Ich ging finanziell gerüstet los, aber dann zwischen all den verlockenden Angeboten das Hochgefühl, absolut nichts kaufen zu müssen. Es war mir, als könnte ich wieder frei durchatmen. Unbelastet von Tüten, Taschen oder Beuteln schlenderte ich durch die Glitzerwelt und besah mir dann, im Café sitzend, in dem ich nur einen Stuhl benötigte anstatt Vieren für meine Anschaffungen, kopfschüttelnd die Getriebenen, die weiterhin unter Kaufzwang standen.

Ich war frei!

Nun ist es ja so, dass Zigarettenwerbung verboten ist, was beim Alkohol noch nicht klappt. Wann es so weit ist, dass Fashion Haul im Internet unter Strafe gestellt wird, steht in den Sternen.

Witwe Clausen

 

Vertrauen von Paul Wiedebach

Wem gegenüber beging Thomas Oppermann einen Vertrauensbruch? Bestimmt nicht dem deutschen Volke gegenüber, indem er transparent machte, welche Mauscheleien in der sogenannten Edathy Affäre stattfanden. Dass er seine eigene Rolle dabei verschwieg, ist nun wieder als Vertrauensbruch allen Parteien gegenüber zu werten.

Vertrauen ist eine rein subjektive Angelegenheit. Was ich sicher weiß, dem muss ich nicht vertrauen. So vertraue ich nicht darauf, dass eins und eins zwei ergibt, ich weiß es einfach. Zahlen und die Ergebnisse ihrer Rechenoperationen gehören in den Bereich des Wissens. Ganz anders sieht es aus, wenn man es mit komplexen Geschöpfen wie Menschen zu tun hat, denn selbst der versierteste Psychologe kann nie mit einhundertprozentiger Sicherheit voraussagen, wie sich ein bestimmter Mensch verhalten wird. So beruht alles »Wissen« über den Mitmenschen auf reinem Glauben. Da man zumeist von sich auf andere schließt, ist der vertrauenswürdige Mensch blauäugiger als der Schweinehund. Was man selbst skrupellos bewerkstelligen würde, traut man auch jedem anderen zu. Der krankhaft Eifersüchtige ist im Grunde seines Herzens ein Fremdgänger, der Lügner glaubt keinem anderen auch nur ein einziges Wort und niemand passt auf sein Hab und Gut mehr auf als der Dieb.

Demzufolge sind die »gutgläubigen Trottel« diejenigen, denen man am meisten vertrauen kann.

Wenn man sich jetzt fragt, wie viele gutgläubige Trottel in der politischen Landschaft unterwegs sind, darf man kaum enttäuscht sein, wenn passiert, was eben immer wieder passiert. Vertrauenskrisen sind an der Tagesordnung. Da Vertrauen ein innerpersoneller Vorgang ist, wäre die Krise in der eigenen Person anzusiedeln. Blindes Vertrauen braucht die Ent-Täuschung. Nur, wer ent-täuscht wird, bekommt die Chance, es in Zukunft besser zu wissen und zu machen.

Aber vieles, so scheint es, wollen wir gar nicht besser wissen und machen, also etwas tun oder ändern, wollen wir überhaupt nicht. Da vertrauen wir doch lieber darauf, dass alles ganz von selbst irgendwann einmal besser wird. Der Mensch lernt eben nicht gerne, weil jeder Lernvorgang eigentlich eine Veränderung nach sich ziehen müsste.

Wir vertrauen weiterhin den Politikern, den Banken, den USA, den Kirchen, dem ADAC und allen denen, die lauthals um unser Vertrauen werben. Wir deklarieren alles und jeden zu Übervätern und Übermüttern, denen unser Vertrauen naturgemäß zusteht, ohne nachzudenken, ob sie des Vertrauens würdig sind. Das heißt, wir denken schon kurz darüber nach, aber wenn die Konsequenz dieses Denkvorganges darin besteht, selber tätig zu werden, dann vertrauen wir lieber.

Nun kann man es mit Khalil Gibran halten, der sagte:« Vertrauen ist eine Oase des Herzens, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird«, oder mit Lenin, der sinngemäß meinte:«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!«

Alles eine Frage davon, wie viel Ent-Täuschung man bereit ist, in Kauf zu nehmen.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Entschlackung von Tanja K.

Was ist aus den Primärgefühlen geworden?

Hass ist zu Gehässigkeit verkommen, Trauer zu Wehleidigkeit, Wut zu Selbstzerstörung und Ekel zu Übersättigung. Wann in unserem Leben teilte man uns mit, dass unsere ureigensten Gefühle keine Existenzberechtigung besitzen und nicht gesellschaftsfähig sind. Wir regen uns zwar über alles und jedes auf, aber diese Erregung bleibt an der Oberfläche. Wir gehen unserer Erregung nicht mehr auf den Grund. Erregung ist zunächst einmal neutral. Sie beinhaltet aber meistens ein Urgefühl, dass alles sein kann, von der sexuellen Anziehung bis zur Ablehnung ein Gegenüber betreffend, aber fragen wir uns jemals, was genau der Andere da gerade in uns auslöst?

So oberflächlich die Erregung, so oberflächlich auch die Beziehungen. Eine wirkliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt, da sie auch zu zeitintensiv und zu anstrengend wäre. Da beschäftigt man sich doch lieber mit dinglichen Ablenkungen aller Art. Spannung wir überall gesucht, besonders in den Extremen, wobei die Spanne von der Extremsportart zum Extremberuf bis zur Extremsucht reicht. Unsere Mitmenschen sind halt nicht spannend, da keiner mehr offenbart, was er wirklich denkt und fühlt.

Gehässigkeit, Wehleidigkeit, Selbstzerfleischung und Übersättigung sind eher lästig und hinterlassen nur ein vages Gefühl der Beunruhigung, was zu Schlaflosigkeit und Bluthochdruck führt.

Also fragt man tunlichst nicht nach. »Was willst du mit dem, was du da faselst, eigentlich sagen?« Wer weiß schon, welche Lawinen er damit ins Rollen bringt. Und, wer weiß schon, ob ihn nicht eine dieser Lawinen ebenfalls überrollt. Wer tief gräbt, stößt ja nicht zwangsläufig auf Gold. Obwohl die Möglichkeit bestünde. Und so stoßen wir niemals auf Gold, da wir wohlweislich nicht tief graben. Auch in uns selber nicht.

Deswegen meiden wir Momente der Stille, hungern nach der nächsten Abwechslung, auch wenn sie nur darin besteht, den Fernseher anzuschalten oder ins Internet zu gehen.

Was wohl alles zutage tritt, wenn wir in uns graben, wollen wir nicht so genau wissen, denn auch dort, vermuten wir, bzw., wurde uns beigebracht, sind die Goldadern rar gesät.

Gerade im Frühjahr lache ich mich halbtod, da überall »Entschlackungskuren« für den Körper angepriesen werden, obwohl dieser mit mehreren, sehr effektiven Entgiftungsorganen ausgestattet ist, die automatisch ihre Arbeit verrichten. Seelische Entschlackungskuren sichtete ich noch nicht, obwohl die Seele nur ein, höchst selten genutztes Entgiftungsorgan besitzt, den Sprechapparat. Freud sprach nicht umsonst bei seinen Behandlungen von »Redekuren«.

Gibt es einen schlimmeren Zustand, als eine lebendige Seele zu besitzen und nicht in der Lage zu sein, ihr Ausdruck zu geben?

Ich denke, es ist dies, was uns Rainer Maria Rilke mit seinem Panther-Gedicht sagen wollte:

»Der Panther:

Sein Blick ist vom

Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er

nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend

Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben

keine Welt.

Der weiche Gang

geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten

Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft

um eine Mitte,

in der betäubt ein großer

Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf – dann

geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder

angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu

sein.

Tanja K., anonyme Alkoholikerin

Edathy und Co.

In diesem Fall darf man im wahrsten Sinne von »und Co.« sprechen. Was die Menschen unserer Tage fest verbindet, sind ihre Machenschaften, Mitwisserschaften und Mauscheleien. Was weiß wer über wen, wer ist wem noch einen Gefallen schuldig, welche dunklen Geheimnisse werden geteilt. Alle maskieren sich, aber unter der Maske brodelt es gewaltig. Je größer der Drang in Machtpositionen, desto chaotischer das Privatleben möchte man mittlerweile vermuten.

EINE Leiche im Keller besitzen wir alle, aber bei den öffentlichen Personen scheinen sich diese zu stapeln, und wenn erst einmal eine davon zutage gefördert wurd, ergeben die übrigen eine Kaskade.

»Skandal!«, schreien dann alle, dabei vergessend, dass der eigentliche Skandal darin besteht, dass die 85 reichsten Menschen auf der Welt, die Hälfte des Weltvermögens besitzen. Aber, zunächst sind wir wieder einmal beschäftigt und abgelenkt. Die Winterolympiade, demnächst die Fußball-WM, dazwischen das eine oder andere Skandälchen und weiterhin fahren die Superreichen mit uns Schlitten, ohne dass wir dies bemerken.

»Dann gewährt es uns aber auch einen ganz besonderen heimlichen Genuss, zu sehen, wie die Leute um uns nicht gewahr werden, was mit ihnen wirklich geschieht.« (Adolf Hitler)

Oder, wie Reinhard Mey einst sang:« Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm- Halt du sie dumm; ich halt sie arm.«

Wenn man jetzt den Minister durch das Großkapital ersetzt und den Bischof eben durch den Minister, kommen wir der tatsächlichen Sachlage bereits sehr nahe.

Wir stehen wie gebannt vor den »Vorhängen der Macht« und sind jeden Tag aufs Neue überrascht, dass es dahinter zugeht wie im Kasperletheater.

Warum auch nicht?

Vor und hinter den Vorhängen agieren Menschen. Das Amt mag Würde besitzen, was nicht automatisch bedeutet, dass der Amtsträger es ebenfalls tut. Wir verneigen uns und schweigen stille im Angesicht von Würdenträgern, die immer mehr zu Geldbürdenträgern mutieren. Irgendwann läuft es darauf hinaus, dass das Geld nur noch sich selbst regiert und wir »Kleinen« alle überflüssig geworden sind.

Aber ich war ja noch bei den Politikern, die ausschließlich dazu verflichtet sind, Schaden vom Volke abzuwenden. Dass sie Schaden von Amts- und Parteigenossen, oder gar von den einflussreichsten Bürgern abhalten sollen, ist nirgendwo erwähnt. Tja, aber wenn man »unter sich« ist, hat eben der Nächste Vorrang vor dem nationalen Interesse.

Es ist die eigene Gruppe, die zählt. Was geht die Oberen der sogenannte kleine Mann von der Straße an? Bei der Diätenerhöhung herrschte eine bislang schmerzlich vermisste Einigkeit in der GroKo. Alles und jedes verkommt zum Selbstbedienungsladen und, seinem Gruppenmitglied etwas Gutes zu erweisen, ist mitnichten ein Ergebnis von Selektionsaltruismus, sondern entsteht aus dem Gefühl heraus, den anderen irgendwann einmal noch brauchen zu müssen. Man erweist sich Gefallen, was nicht heißt, dass einem der andere auch gefällt.

Wenn der Vorhang der Macht wieder einmal zufällt und alle Fragen offen sind, dann gibt es bestimmt wieder ein sportliches Großereignis, das ablenkt.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Sterbehilfe von Witwe Clausen

Wir scheinen unsere Tiere mehr zu lieben als unsere Angehörigen. Wenn ich mir John Carter betrachte, meinen räudigen Tierheimkater mit dem Halbmastauge, so ist mir die Vorstellung unerträglich, dass er seinem Tod entgegen leiden müsste. Natürlich würde ich sofort einen Tierarzt benachrichtigen, der ihn von seinen Qualen erlöst.

Mein Friedhelm, Gott hab` ihn selig, quälte sich lange mit Depressionen herum, aber im Grunde genommen ging es ratzfatz, was sein Ableben betrifft.

Nun befinde ich mich in einem Alter, indem man sich schon Gedanken über den eigenen Abgang machen sollte. Nicht, dass ich krank wäre, im Gegenteil, ich bin topfit und außer meinen Herztropfen, zu denen ich gelegentlich greife, wenn mir meine Lieben allzu sehr auf die Pelle rücken, nehme ich keine Medikamente. Aber, man weiß ja nie. Ein Schlaganfall, ein unglücklicher Sturz, eine plötzliche Herzattacke und schon sieht die Sache anders aus. Wer weiß, vielleicht wütet tief in mir ein Krebs, denn mit Vorsorgen habe ich nicht viel am Hut. »Was kommt, das kommt«, pflegte meine Mutter immer zu sagen, »da kannste dich noch so sehr auf den Kopf stellen und mit den Beinen Hurra schreien.« Sie entschlief übrigens ganz friedlich im gesegneten Alter von 90 Jahren. Wieso reden die Leute eigentlich immer vom »gesegneten Alter«? Außer dass mir das Meiste egal sein kann, stelle ich keine Segnungen fest. Es zwickt und zwackt ständig irgendwo und schöner wird man auch nicht. Die sogenannte Altersweisheit stellte sich bei mir ebenfalls noch nicht ein, und es bleibt unklar, ob ich sie überhaupt noch erlebe. Was mich direkt wieder zum Tod bringt. Also, wenn ich mich in meinem betagten Bekanntenkreis umhöre, wollen die Meisten in Würde sterben, was ich jetzt als selbstbestimmt und bei klarem Verstand interpretiere.

Ja, aber solange der Verstand noch klar ist, wird eben ungern gestorben. Tiere sind da ganz anders. Irgendwie wissen die, wann »Schicht im Schacht ist«. Ich besaß als Kind einen Hund, und als dieser spürte, dass es mit ihm mächtig bergab ging, bettelte er mich förmlich mit den Augen an, ihm doch gefälligst über die Schwelle zu helfen, was wir dann auch taten.

Gerade bei der Selbstbestimmung hapert es aber mächtig in der deutschen Gesetzgebung. Da darf man nicht einfach still für sich entscheiden, wann genug ist. Ist Selbstmord eigentlich noch strafbar?

Wieder eine Sache, die mir egal sein kann, denn allmählich werde ich anfangen, für mich persönlich Vorsorge zu treffen. Auf welche Weise geht nur mich etwas an. Auch, wenn Kirche und Politik noch so sehr herumpalavern; mein Tod geht ebenfalls nur mich etwas an. Dass irgendwelche Schreihälse immer das Gefühl haben, sich in die persönlichsten Dinge einmischen zu müssen, der Grund für dieses Verhalten bleibt auch der Altersweisheit vorenthalten.

Witwe Clausen