Zivilisation von Tanja K.

Gestern las ich über die Kriterien des Wahns nach Jaspers. Diese sind: die subjektive Gewissheit, die Unkorrigierbarkeit der Überzeugung und die Unmöglichkeit des Inhalts. Nun frage ich mich, wer nach diesen Maßstäben nicht wahnhaft ist. Legen Sie sie einmal bei der katholischen Kirche an, bei Organisationen wie Greenpeace, Amnesty International, bei der UNICEF und bei unserer GroKo.

Ach, was rede ich da. Legen Sie sie bei jedem einzelnen Menschen an, den Sie kennen! Jeder vermeint, sich selbst gewiss zu sein. Überzeugungen erscheinen nur schwer korrigierbar und, was das Gefühlschaos in jedem von uns betrifft, so ist der Inhalt mehr als unmöglich. Wer setzt diese Maßstäbe? Es ist natürlich die Gesellschaft. Nur, wenn dann jedermann zum Wahnsinnigen wird, was sind diese Maßstäbe dann noch wert?

Sie beziehen sich nur auf unsere Funktionstüchtigkeit als »Rädchen im Getriebe«. Wer als Einzelner erkennt, dass etwas gründlich in die falsche Richtung läuft, ist prinzipiell im Unrecht, denn die Masse bestimmt, was richtig und was falsch ist. Dabei war jeglicher Fortschritt nur den Querdenkern zu verdanken.

Wer anders tickt als die Anderen, ist von vorneherein verdächtig. Nur tickt jeder eben anders, verbirgt es aber verzweifelt, da er nicht auffallen möchte. »Aus der Reihe zu tanzen« liegt nur den Wenigsten. Lieber wird »mit den Wölfen geheult«, als dass man moniert, die Melodie sei der Wahn.

Wir disziplinieren und disziplinieren und disziplinieren uns, bis vor lauter Disziplin unsere Persönlichkeit im Klo herunter gespült wird.

Und der Lohn für das Ganze kommt nie. Es wird unzufrieden gelebt und noch unzufriedener gestorben, mit dem Gefühl das Wichtigste unerledigt gelassen zu haben. Wobei das Wichtigste immer und zu allen Zeiten die Selbstwerdung war. Aber, da wir ja durch die Gesellschaft und auf die Gesellschaft hin erzogen werden, können wir nicht mehr auseinanderdröseln, was von innen und was von außen kam.

Wir bekamen demnach nie die Chance, herauszufinden, wie wir eigentlich ticken. Vielleicht sind es gerade die Süchtigen unter uns, die dieses Dilemma am deutlichsten empfinden. Die Sucht ist ein leiden an und ein leiden durch.

Eine »Entziehung« bezieht sich beileibe nicht auf den Suchtstoff, sondern ist eine Entziehung im wahrsten Sinne des Wortes.

Sich dem Außendruck, der zum Innendruck wurde, zu entziehen, bringt Heilung.

Und, zeigt jetzt nicht mit dem höhnischen Zeigefinger auf die Alkoholiker, denn der Süchte sind viele. Wenn ihr euch also demnächst wie die Wahnsinnigen in die Arbeit stürzt, bedenkt einmal, warum ihr dies tut.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin

 

Morgenmagazin von Witwe Clausen

Keine Tiere unter dem Weihnachtsbaum lautete das Servicethema des MoMa heute Morgen, womit gemeint ist, dass man keine Tiere verschenken soll. Dem kann ich nur zustimmen, denn der Erwerb eines Tieres muss wohl überlegt sein. Ich bin mit meinem räudigen Tierheimkater, dessen halb geschlossenes, linkes Auge mich permanent missbilligend zu mustern scheint, hoch zufrieden. Obwohl, meine Familie mag ihn nicht, was auf Gegenseitigkeit beruht. Noch bevor sich einer meiner Angehörigen meinem Haus nähert und zum Zwecke des Einlasses auf die Klingel zu drücken beabsichtigt, wird John Carter durch Sträuben seines Fells doppelt so dick. Er faucht genervt, und ich weiß, einer aus meiner lieben Verwandtschaft ist im Anmarsch. Carter kringelt sich, mit dem Gesicht zur Ritze, auf dem Lieblingssessel meines allzu früh verflossenen Friedrichs enger als gewöhnlich ein, nicht ohne mir vorher einen warnenden Blick aus seinem Halbmastauge zugeworfen zu haben.

Er besitzt eben einen ausgeprägten Charakter, mein John Carter, was man vom Rest meiner Familie nicht behaupten kann. Mein neuer Mitbewohner dient mir somit als eine Art von Lackmustest, was die Integrität meiner Verwandtschaft betrifft.

Wie im Morgenmagazin erwähnt, sucht sich in den Tierheimen bei Katzen nicht der Mensch das Tier aus, sondern es ist umgekehrt. Die Katze prüft und wen sie als zu leicht befindet, dem zeigt sie die kalte Schulter.

Genauso macht es Carter. Er wiegt ab. Gibt er ein kurzes Schnurren von sich, wenn jemand von außerhalb mein Wohnzimmer betritt, ist dies als knappes Lob für den Betreffenden zu werten. Öffnet er die Augen, beweist das eine Art von Wertschätzung. Dreht er sich um und gönnt er dem Besucher anderthalb Blicke, ist dies mit dem Nobelpreis für den Ankömmling gleichzusetzen. Nur auf den Schoß springt er nicht. Das hat er bei mir allerdings auch noch nie getan. Jedenfalls betrachte ich durch Carters Gradeinteilung der Sympathie, meine Besucher mir anderen Augen. Keine Reaktion des Katers: »Es wäre gut, wenn du gleich wieder gingest.« Ein Schnurren: »Na gut, einige Worte können wir ja wechseln.«

Eine Kehrtwende mit sekundenlangem Augenkontakt:« Vielleicht biete ich dir ja einen Kaffee an.«

Nun kann ich mich nicht strikt an Carters Maßeinteilung halten, denn dann bekämen meine Tochter, mein Sohn und meine Enkel noch nicht einmal mehr ein Glas Leitungswasser angeboten. Carter mag sie nicht, was auf absoluter Gegenseitigkeit beruht, wie ich bereits erwähnte. Nun ja, es sind verwöhnte Blagen, was eher als meine eigene Schuld zu werten ist. Und zugegeben, sie machen mir dauernd Vorschriften, wie ich mein Leben als Witwe zu führen habe. Und richtig, ich stecke ihnen bei jedem Besuch immer Geld zu, was die hohe Frequenz ihrer Anwesenheit bei mir miterklärt, aber man soll doch lieber mit warmer als mit kalter Hand geben!

Mmh, vielleicht ist John Carter auf der richtigeren Fährte.

Witwe Clausen

 

Redezeit von Dr. Bremer

Die Opposition beklagt sich darüber, dass es für sie im neuen Bundestag zu wenig Redezeit gibt. Bewirkt reden überhaupt etwas? Meine Arbeitszeit heißt nach wie vor »Sprechstunde«. Es wird demnach viel geredet, vom Patienten, von mir, von Angehörigen, Pharmavertretern und meinen Sprechstundenhilfen. Der Hausarzt ist der Vertreter der »sprechenden Medizin«. Aber, so sehr ich mir auch den Mund fusselig rede, von Erfolg gekrönt waren meine verbalen Attacken noch nie. Ohne schriftliches Rezept geht man eben nicht aus einer »Sprechstunde«. Bevor man sein Oberstübchen in Gang setzt und die eine oder andere Überlegung zur allgemeinen Lebensführung anstellt, wirft man doch lieber eine Pille ein. Im Prinzip könnte ich mir alle meine Erläuterungen und Ermahnungen sparen und gleich ein Rezept ausstellen. Ich merke, wie der Patient förmlich darauf lauert, dass ich endlich meine für ihn unangenehme Rede beende und zum Rezeptblock greife. Dies betrifft natürlich nicht des Patientens eigene Ansprache. Hier wird lang und breit lamentiert, exploriert und völlig idiotisch argumentiert. Das sind zumeist die Situationen, in denen ich beklage, weder Zahnarzt, noch Pathologe, Anästhesist oder Gerätemediziner geworden zu sein.

Durch Sprache erreicht man nur die wenigsten. Das Hauptmittel unserer Kommunikation versagt komplett, wenn man an den Verstand appelliert. Man muss halt zum Bauch sprechen; aber, die Wege des Darmes sind verschlungen. Zwar im geringeren Maße als die Gehirnwindungen, denen man überhaupt nicht beikommt, trotzdem muss man erst intensiv eruieren, in welchem Gefühlszustand sich der Patient gerade befindet, um die richtigen Worte zu finden. Auf gar keinen Fall darf man verbal angreifen, denn dann macht »Otto Normalmensch« sofort komplett dicht.

Manchmal gelange ich durch allerhand Schnörkel und Kapriolen zum eigentlichen Sitz des Bauchgefühls und, wenn dann alles gut geht, erreiche ich sogar den Verstand!

Ähnlich muss es Kindergärtnerinnen ergehen, die einem kindlichen Freiluftfanatiker im Winter dazu überreden wollen, Jacke, Mütze und Schal anzulegen.

Du tust dies und jenes, weil es dir gut tut und weil ich es sage, versagt selbst bei den Kleinsten und kommt gar nicht gut an.

Natürlich verschwendet man durch Taktiererei einen großen Teil meiner Zeit und der Lebenszeit der Patienten, aber des Menschen Wille ist eben sein Himmelreich.

Was beklagt sich demnach die Opposition? Worte sind Schall und Rauch!

Dr. Bremer, Landarzt

Ein Fall von Konsequenz …

Ich war eine Weile auf Reisen. Keine Weltreise, aber etwas länger unterwegs. Seit ich nicht mehr beruflich eingebunden bin, war es meiner Frau auch nicht mehr zu vermitteln, warum wir nicht die schon lange gewünschte Kreuzfahrt unternehmen würden, und es war mir doch auch recht damit, auch um aus diesem Land einmal heraus zu kommen.
Eine Seereise ist dazu sehr geeignet, man kommt bequem von einem Ort zum anderen, man kann sehr viel neues sehen und erleben und am Ende, wieder heim gekommen, lernt man das eigene Land durchaus mit anderen Augen zu sehen – wenn man will, muß ich jetzt einmal dazu sagen, denn mir geht es durchaus so, allerdings mußte ich am vergangenen Wochenende das Gegenteil davon erleben.
Wir waren mit einem Ehepaar zum Essen verabredet, das wir während der letzten Reisewoche kennengelernt hatten. Wir verstanden uns ganz gut und hatten einige Ausflüge gemeinsam unternommen. Und wie das so ist, da sie quasi bei uns um die Ecke wohnen, verabredeten wir uns. Und da hatte es diese Verwandlung gegeben. Aus dem entspannten, eher ruhigen Paar waren plötzlich rassistische Pedanten geworden, Nörgler und Besserwisser.
Unser Kellner war ein recht dunkelhäutiger Typ, den ich keiner Nationalität hätte zuordnen können. Ich meinte einen leichten spanischen Akzent zu hören, und hätte man mich gefragt, hätte ich auf Südamerika getippt. Unsere Reisebekanntschaft aber, ich will sie Herr und Frau K. nennen, wußten mit Bestimmtheit zu sagen, dass es sich um einen Mexikaner handelte, und die versuchten, bekannterweise, eigentlich alle in die USA zu fliehen und die USA haben ja einen Grenzzaun gezogen, der natürlich nicht so effektiv sei wie die ehemalige deutsche Grenze, womit er, so betonte er, den antiimperialistischen Schutzwall meinte, und da könnten die Amerikaner noch was lernen, und eigentlich wäre es auch besser, wenn wir Deutschen unsere Grenze auch wieder so aufbauen würden, zumindest aber doch die EU Außengrenzen, vor allem im Süden und Osten. Und so ging es eine Weile weiter.
Natürlich war es nicht schön, dass Menschen im Mittelmeer ertranken, aber es war ja auch deren eigene Schuld, sie müßten sich ja nicht auf diese Gefahr einlassen, als vernünftiger Mensch wisse man doch …
… und an dieser Stelle sah ich meine Frau an und sie sah mich an und wir fühlten plötzlich beide ganz intensiv die Vernunft von der Herr K. gerade sprach.
Wir standen beide auf, gingen zur Theke, bezahlten, lobten das Essen, soweit wir es hatten genießen können, und fuhren dann nach Hause.
Der Kellner stammt, das sei noch angemerkt, aus Kuba und lebt seit 21 Jahren in Deutschland, weil er dort eine deutsche Touristin kennengelernt hatte mit der er seitdem verheiratet ist … aber das ist eine andere Geschichte.

Ihr K. J. Kerbheim

Botschaften von Paul Wiedebach

Nun ist es heraus! Der Gebärdendolmetscher bei der Trauerfeier für Mandela versichert, bei seiner Aktion neben den »größten« Staatsmännern der Welt sei er von Engeln geleitet gewesen. Ist somit eine wichtige Botschaft von Gott dem Herrn für uns alle, die Gehörlosen eingeschlossen, unverständlich geblieben? Schizophren soll er sein, der Götterbote. Da gibt sich die NSA die größte Mühe, alles und jeden dezidiert zu überwachen, aber, dass ein geistig Gestörter an der Seite ihres Präsidenten agiert, ist ihnen offensichtlich entgangen. Heißt das, sie können Gott nicht abhören? Ansonsten wäre ihnen im Vorfeld aufgefallen, dass ein Gesandter des Herrn da zu einem Sondereinsatz aufbrach.

Gottes Wege sind unergründlich, aber die der NSA scheinen noch unergründlicher zu sein. Ich kann mir diesen gravierenden Fehler der US-Geheimdienste nur dadurch erklären, dass sie vor lauter Information, die wesentliche Information nicht mehr sehen. Datenfluten können naturgemäß nicht im Detail gesichtet werden und die US-Computer geben bei Signalworten wie: Gebärden, Dolmetscher, Trauerfeier, Engel und Schizophrenie keinen Alarm. Ebenso wenig wie bei: Grundschule, Amoklauf und Bewaffnung.

Bei Kindstod durch Feuerwaffen bleiben sie genau so inert, wie bei Waffenlobby und Raubtierkapitalismus. Es ist eben eine Frage der richtigen Trigger.

Bei Gott bleibt alles stumm, wohingegen dessen andere Bezeichnung Allah sämtliche Sirenen, einschließlich der Himmlischen, zum Schrillen bringt. Und, wer auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub ist, bekommt nicht alles mit, obwohl er alles, auch auf illegalem Wege, mitbekommt.

Jedenfalls bewies sich, was jeder wusste. Die Lauschangriffe dienen nicht der Sicherheit, sondern dem Machtstreben. Unsereins denkt; die NSA lenkt. Unsereins denkt, die NSA lenkt, um präziser zu sein, denn es zeigte sich einmal mehr, überall dort, wo Menschen ihre Finger ins Spiel drängen, geht es den Bach herunter. Selbst die Vorhänge der Macht kaschieren nur notdürftig, dass es dahinter zugeht wie bei »Hempels unterm Sofa«.

Der Kaiser steht nackt da, jeder sieht es, aber keiner sagt etwas. Entkleide einen Menschen seines Amtes und was übrig bleibt, ist bei den meisten ein frierendes, zitterndes Geschöpfchen, das endlos plärrt: »Ihr sollt mich liebhaben.«

Je mehr Robe erforderlich ist, umso erbärmlicher das darunter.

Jetzt frage ich mich doch glatt, wer hier in diesem Spiel der Schizophrene ist.

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

Gebärdensprache von Tanja K.

Heute Morgen musste ich lauthals lachen, als ich den Dolmetscher für Gebärdensprache bei der Trauerfeier für Mandela sah. Da stand er nun, vor einem Milliardenpublikum, neben den »größten« Staatsmännern der Welt und schien nicht im Geringsten zu wissen, was er da tat. Seine Übersetzung beschränkte sich auf 4-5 Gesten, was nun daran liegen mag, dass es über die Reden nicht viel mehr zu berichten gab, oder er überhaupt keine Ahnung von seinem Job besaß. Aber, das muss man ihm lassen; er war mit dem nötigen Ernst bei der Sache! Er verzog keine Miene, was deutliche Rückschlüsse auf seine Fähigkeiten zulässt.

Jetzt ist die Aufregung den Einsatz dieses Stümpers betreffend groß, aber trotzdem tat er ein gutes Werk; er brachte Millionen Menschen zum Lachen. Mich eingeschlossen, die ich dachte, ohne den Alkohol niemals wieder herzhaft lachen zu können. Es war befreiend und sehr aufschlussreich, denn, warum gewinne ich den Dingen nicht viel öfter die heitere Seite ab?

Die Welt ist ein Irrenhaus. Darüber kann man sich endlos aufregen; man könnte sich ebenso gut auch darüber lustig machen. Dröge Dozenten über den Ernst des Lebens gibt es zuhauf. Dem wahren Intellektuellen muss eine gewisse Schwermut zu eigen sein, sonst taugt er in seinem Metier nicht. Vielleicht spukt uns ja allen der niedergeschlagene Denker von Rodin im Kopf herum. Und, wer Freud gründlich liest, rührt so lange in vergangener Scheiße-sorry-, bis ihm auch das kleinste Lächeln vergeht. »Ohne Freud, kein Leid«, heißt es sehr richtig.

Man denke an Loriot. Er nahm die Schrullen der Menschen als das, was sie sind, Schrullen, keine Schrecknisse, Grund zur Heiterkeit und nicht zur Aufregung.

Können Tiere lachen?

Beim Schoßhündchen meiner Schwiegermutter komme ich manchmal nicht darum herum, zu glauben, dass er über ihr Gehabe um ihn grinst. Der Kater unserer Witwe Clausen lacht sich bestimmt ins Fäustchen, hat er doch einen Luxusplatz für seine letzten Tage gefunden. Worum dreht sich die Mordserie in »Der Name der Rose«? Um ein Buch über den Humor, denn, wer lachen kann, dem ist mit Scheinautorität nicht so leicht beizukommen. Was trifft den Menschen am schwersten? Dass man ihn hasst? Nein, dass man ihn auslacht! Wovor besitzen wir die meiste Angst? Davor, uns der Lächerlichkeit preiszugeben.

Lachen Schafe? Darüber sollten sich einige Mitautoren dieses Blogs kurz Gedanken machen.

Also, anstatt sich über den Gebärdendolmetscher aufzuregen, sollten wir ihm dankbar sein. Hat er doch so vielen einen heiteren Start in den Tag ermöglicht.

Tanja K., Anonyme Alkoholikerin

Der Hobbit von Dr. Bremer

Heute Morgen las ich die Schlagzeile: Auenland in Berlin! Nicht nur in Berlin befindet sich das Reich von Tolkien, auch in meiner Praxis bekomme ich es täglich mit Zwergen, Drachen und vor allen Dingen Orks zu tun. Die Elben sind rar gesät. Zwerge fressen und saufen den ganzen Tag und besitzen eine Abneigung gegen grüne Nahrungsmittel. Die Drachen leiden unter den Folgen der Wechseljahre und die Orks sind eben Orks. Elben sind freundliche Patienten, die wirklich krank und dann auch noch dankbar für meine Mühen sind. Für den Rest scheine ich eine Art von mächtigem Zauberer zu sein, der alles und jedes verschwinden lassen kann, was selbst verschuldet zu Beschwerden führt. Irgendwie meinen die meisten meiner Patienten, ich könnte mich außerhalb der Naturgesetze bewegen, wenn ich nur wollte. Der Glaube an das Schamanentum sitzt noch tief. Da ich mich bis heute weigere, meine Patienten »gesund zu beten«, verliere ich einen Großteil an sogenannte Wunderheiler, aber, was soll`s. »Jeder darf auf seine Façon glücklich werden!«, meinte schon der alte Fritz. Einmal konnte ich mich dennoch nicht zurückhalten. Zu mir kam ein Lehrer(!), der nachts unter unerklärlichem Ziehen in den Haarspitzen litt. Diese Schlafmütze kurierte ich mit der Empfehlung, eine Schlafmütze zu tragen. Wer heilt, hat recht! Der nächste Pädagoge war da komplizierter. Er turnte mir auf meinen Schreibtisch eine Übung vor, die jeden versierten Yogameister vor Neid hätte erblassen lassen. Nachdem er total verknotet vor mir saß, verkündete er, nun zöge es bei ihm im rechten Schulterbereich. Meine Empfehlung, diese Bewegungsfolge einfach zu unterlassen, fiel nicht auf fruchtbaren Boden. Er suchte den nächsten Heilpraktiker auf. Leider erfuhr ich nie, ob er genesen ist.

Diese beiden subsumiere ich unter Orks. Dann sind da noch die Uruk-kais-ich werde jetzt nicht die Schreibung googeln. Meistens arbeitsscheu, total therapieresistent, aber immer zur Klage bereit. Das gibt meist eine Menge Schreibkram, für mich, meine Haftpflichtversicherung, diverse Anwälte, Gutachter und Richter. Die Fälle gehen aus wie das »Hornberger Schießen«- dies habe ich jetzt gegoogelt, aber da sich die Historiker nicht einig sind, woher die Redewendung genau stammt, erspare ich mir Erläuterungen.

Im Grunde genommen schreiben sich in diesen Fällen etliche Menschen für nichts und wieder nichts, die Finger wund.

Aber ich war ja noch in Mittelerde, d.h. ich befinde mich eigentlich immer dort. Am Schlimmsten sind die Patienten, die unter dem Einfluss des einen Ringes stehen- ich meine den Fischerring. Bei denen darf nämlich auf gar keinen Fall gestorben werden, obwohl sie ja angeblich an ein Leben nach dem Tod glauben. Man sollte meinen, gerade die hätten es am eiligsten, dem Sensenmann endlich zu folgen, aber unter diesen finden sich die penetrantesten Grabflüchter!

Sterbehilfe? Gnädiger Tod? Pfui Teufel!

Aber wie sagte schon der alte Fritz?

Dr. Bremer, Landarzt

 

Weihnachtsmärkte von Maria Mitscherlich

Mir als über das gesamte Jahr verlachte Engeltherapeutin stößt es natürlich besonders sauer auf, dass in der Vorweihnachtszeit alle Welt zum Weihnachtsmarkt strömt. Man könnte sie natürlich auch Glühweinnachtsmärkte nennen. Jedenfalls bimmeln und bammeln vor und in sämtlichen Ständen Engel in allen Formen, Farben, Materialien und Größen. Schutzengel, Verkündigungsengel, männliche, weibliche und kindliche Engel als Talismane, Tisch- und Wanddekoration, als Begleiter im Auto, im Beruf und auf all` unseren Wegen. Erstaunlich! Geschöpfe, die es gar nicht geben soll, werden en masse präsentiert und gekauft, denn man kann ja nie wissen.

Die Verkäuferinnen in einem Laden trugen Heiligenscheine und Engelsflügel und jedermann nickte beifällig; keiner fand das anstößig. Engel sind eben ein Saisongeschäft. Genau so wie Glühwein und allerlei Heißgetränke »mit Schuss«. Da schießt einem die ansonsten verleugnete Heiligkeit geradewegs ins Hirn, möchte man sagen und manch einer der sich schwankend am Tresen festhält, trällert doch fröhlich »Vom Himmel hoch ihr Englein kommt« vor sich her. »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, ebenfalls ein Saisongeschäft!

Alle sind bepackt mit Geschenken für die »Lieben«, die auch nur saisonal lieb sind und spätestens am 2. Weihnachtstag gewinnt die den Menschen eigene Bösartigkeit überhand, und es wird sich gründlich die Meinung des gesamten letzten Jahres gegeigt.

Die himmlischen Heerscharen werden in die Mottenkiste verdammt und erst wieder am ersten Advent des folgenden Jahres aus der Versenkung geholt. Bereits am Sivesterabend wirkt der gesamte Weihnachtsschmuck fahl und abgestanden, es wird noch einmal gründlich gesoffen, denn, wo sollten ansonsten die guten Vorsätze für das neue Jahr herkommen?

Wenn der Mensch sich sentimentalen Emotionen hingibt, tut er es gerne geballt, atmet am 1. Januar trotz schwerem Kater erleichtert auf im Sinne von: Das hätten wir wieder einmal geschafft!

Friede und Freude und Liebe und der ganze gefühlsduselige Rest geht ihm bis zur Eröffnung der nächstjährigen Weihnachtsmärkte am A …. vorbei. Hallelujah!

Kommen sie denen einmal übers Jahr mit Engeln. Außer als Grabwächter taugen die nämlich nicht. In Hospizen findet man sie gelegentlich . Auch wenn einem der Arzt eine mittlere Überlebenszeit von ca. 6 Monaten einräumt, soll dies gelegentlich schon einmal das eine oder andere Stoßgebet ausgelöst haben. Besinnlichkeit ist eben eine Frage des Besäufnisgrades oder eine Frage der eigenen Endlichkeit.

Maria Mitscherlich, Engeltherapeutin

 

Xaver Unsinn von Paul Wiedebach

Die Sondersendungen, die Konferenzschaltungen der Reporter, die man an Orten platzierte, wo es tatsächlich ein wenig wehte, überschlugen sich. Der Jahrhundertsturm Xaver hielt zum Leidwesen der Medien, die ihn schon im Vorfeld aufbliesen, nicht, was er gar nicht versprach.

Schön fand ich ein Interview mit einem Feuerwehrmann hoch im Norden. Die Reporterin zeigte ihre Enttäuschung darüber, dass alle Einsatzwagen friedlich in ihrer Halle standen derart deutlich, dass dem Mann doch noch einfiel, in der Nacht wäre ein Baum am Bahnhof umgefallen.

»Und? Konnten Sie nach diesem Großeinsatz noch schlafen?«, musste sie ihre Anwesenheit rechtfertigen. »Nö, wir befanden uns ja in Alarmbereitschaft.«

Alarmbereitschaft ist für mich das Unwort des Monats. Wo kein Alarm, da doch wenigstens die Bereitschaft. Die Medien schnippselten die immer gleichen Berichte in immer anderen Reihenfolgen zusammen, um ihre »aktuellen« Berichterstattungen, die mein Fernsehprogramm zersäbelten, zu füllen. Nachdem ich den Schweizer, der den deutschen Wind sah(!), zum X-ten Mal ertragen musste, schaltete ich einfach ab. Aber dann heute Morgen das MoMa! Konferenzschaltungen von windgebeutelten Reportern. »Jetzt wird es gefährlich, denn es könnten sich Dinge losreißen!« »Der Scheitelpunkt des Hochwassers ist erreicht; es geht zurück, aber es könnte noch steigen!« Im Harz schneite es. Nicht ungewöhnlich für Dezember, möchte man den Reportern zuschreien, die aus einer 10-cm-Schneedecke, ein Schneechaos machten.

Was war passiert?

Wetter war passiert, was zu einem medialen Kasperletheater ohnegleichen führte. »Kasper das Krokodil kommt! Nein, es kommt doch nicht! Doch es könnte kommen! Oh, es kommt nicht, aber Alarm schreien macht so viel Spaß!«

Im Vorfeld sollte jedermann schon einmal auf dem Dach herumklettern, um die Ziegel zu überprüfen. An den Gartenbäumen sollte gerüttelt werden, um sie auf Standfestigkeit zu testen, aber aus dem Haus gehen sollte man auf gar keinen Fall! Die Schulen fielen aus, obwohl unsere Grafschaft wohl einen Windschutz hatte, denn es wollte so gar nicht stürmen. Die Weihnachtsmärkte schlossen vorsorglich, während im Hamburg noch bis 15.00 Uhr der normale Betrieb lief.

Ich bin schon einmal sehr gespannt, was in unseren Medien los sein wird, wenn es, wintergemäß, auch im Flachland schneien sollte. Schließen dann die Weihnachtsmärkte und, dürfen wir auch nicht mehr aus dem Haus, obwohl wir unsere Dächer auf Schneelasttauglichkeit überprüfen sollten? Sind ab 5-cm-Schneedecke, Schneeketten erforderlich? Müssen wir uns mit Schneeschuhen und Polarbedarf eindecken?

Silvester soll es eine erhöhte Dichte von Feuerwerkskörpern geben. Sind Helme und feuerfeste Spezialkleidung angesagt?

Man weiß es nicht.

Was man weiß ist, die spinnen, die Medien!

Paul Wiedebach, Kolumnist

 

Personalauswahl in Herden und Horden

Von Manno Janssen, 57, Tierwirtschaftsmeister Schafzucht

Personalchef soll ich werden! Wo ich froh bin, den ganzen Tag nix mit andere Leute zu tun zu haben. Aber das wäre ja gerade der Vorteil bei mir, hat er gesagt. Dass ich nich‘ so ein Bestandteil vonne Menschenherde wäre. Echtes Unikat eben. Abziehbilder hätte er genug in seinen Konzern. Die würden alle nur drauf warten, dass ihnen einer sagt, was sie tun sollen. Das Wichtigste wäre denen, nie an was Schuld zu sein. Lieber täten die gar nix, als was aus eigenen Antrieb, was kein Vorgesetzter abgesegnet hätte. Wäre schon wie inne Politik, wo die Großkopferten vonne Roten und Schwarzen was auspaldowern und jetzt müssen noch die SPD-Mitglieder ihren Segen dazu geben. Damit die sich hinterher nich‘ beschweren können, wenn’s schief geht. Führung sieht anders aus, meinte der Willmehr. Wollen alle nur noch die Posten und dicken Gehälter, aber keinen blassen Schimmer von ’nem Ziel.

Tja, und nu‘ soll ich ihn helfen, bei den jungen Leuten die raus zu finden, die noch selber denken. Er hätte ja gesehen, wie meine Hunde immer genau das Richtige täten, ohne dass ich groß eingreifen müsste. Der denkt, wunder was ich da mache mit die Hunde. Aber alles Quatsch! Musst Dir nur  bei die Welpen den aufgewecktesten und mutigsten raussuchen und zu Dir nehmen. Nach und nach lernt der dann vonne alten Hunde, wie’s geht. Das wäre ja schön und gut, aber er könne ja nicht hunderte kleine Kinder adoptieren, um nach zwanzig oder dreißig Jahren genug Führungskräfte zu haben. Seine beiden Älteren seien ja schon im Konzern, und das sei schon schwierig genug gewesen, die zu überzeugen. Die hätten nämlich ohne Ende Angebote von den Vätern ihrer Freunde gehabt, in deren Unternehmen einzusteigen. Würde er schließlich auch probieren, die Kinder seiner Freunde abzuwerben. Ich würd‘ diesen Willmehr ja echt gerne helfen, der tut mir wirklich leid mit seine Personalprobleme. Aber was soll ich denn machen? Einen Hund, den du nich‘ von klein auf hast, kannste vielleicht noch’n paar putzige Kunststückchen beibringen, aber eigenständig Schafe hüten wird der nie. Der treibt dir entweder die Herde wild auseinander oder trabt brav hinter die Schafe her, je nachdem, was er für’n Temperament hat. Es ist, wie es nun mal ist: ein Welpe muss mit spätestens acht Wochen von seine Mutter weg, damit er ein guter Hütehund wird!

Eigene Kindergärten wären sie ja schon am gründen in seinen Konzern. Müssten sie wohl am Besten auch noch eigene Schulen und Universitäten aufmachen. Aber dafür bräuchten sie auch wieder geeignetes Personal. Ob ich denn nicht bereit wäre, bei sowas mit zu machen. Als Dozent an der zu gründenden Universität vielleicht. Er würde sich, was die Vergütung betrifft, auch nicht lumpen lassen. Richtig bedröppelt sah der arme Mann aus. Ich hab‘ ihn erstmal einen ordentlichen Schluck aus meinen Flachmann gegeben und ihn mit dem bevorstehenden Seminar getröstet. Vielleicht wären bei diese jungen Leute ja welche dabei, die gute Hunde werden könnten. Und danach sehen wir dann weiter. Diese Anna-Luisa zum Beispiel, die macht doch’n richtig guten Eindruck. Bei der Erwähnung von diesem Mädel ging richtig ein Ruck durch ihn und nach noch’n ordentlichen Schluck aus meinen Taschentröster wurde er auch gleich wieder besserer Laune.

Als er weg war, bin ich gleich ins Internet, um von dem Treffen zu schreiben. Und was muss ich da an Beschimpfungen von diese Schnapsdrossel lesen? Der Willmehr würde sich nur aufblasen, dabei macht der Mann sich nun wirklich Sorgen um die Zukunft der jungen Leute. Ich wäre verblödet! Und das von einer, die sich den Verstand bestimmt schon ’n paar mal weg gesoffen hat. Ne Flasche Korn will die mir zukommen lassen. Die Pulle wird wahrscheinlich den Weg vom Laden bis zum Paketdienst nicht überleben. Und was diese Tanja K. über Anna-Luisa schreibt, iss ja wohl das Allerletzte. So ’n hübsches Ding und so nett. Möcht‘ ja nich‘ wissen, wie diese Alkoholikerin zusteht. Man weiß ja, wie der Suff sonne Leute zurichtet. Aber was willste erwarten von so eine, die den ganzen Tag zu Hause hockt und vor sich hin pichelt.  Mir ’n Rätsel, wie die das mit ’n Internet noch auf die Reihe kriegt. Unsereins musste sich da ja schlau machen. Die ganzen Anträge, für Flächenprämie und so, geht ja mittlerweile alles über’s Internet. Nix mit „dummer Bauer“, fast schon so’n Job wie den von diese Finanzheinis.

Aber watt soll’s, bald hab‘ ich ja die Horde junge Hunde hier. Ich werd‘ Ihnen dann berichten, ob noch Hoffnung besteht. Versprochen!

Ihr Manno Janssen