Koalitionspoker von Paul Wiedebach

Es beginnt die »O – O – Zeit«, wie ich heute Morgen erfuhr. Von Oktober bis Ostern gehören Winterreifen an den Wagen. In der Politik befinden wir uns seit dem Wahlsonntag in der »Oh – Oh – Zeit«, wobei ich noch nicht weiß, ob dieser Doppelseufzer für Verzweiflung, Schmerz oder Ironie steht. Für Überraschung steht er nicht.

Es ist alles eine Frage der Verantwortung, die CDU will sie nicht alleine und SPD und Grüne nicht einmal teilweise übernehmen. »An euren Taten sollt ihr gemessen werden!«, deswegen werden Politiker so ungern tätig. Jedes Tun führt zu Konsequenzen, für diese Erkenntnis muss man keinen Philosophen bemühen.

Jede Entscheidung tötet Optionen, und wer will sich in unserer multioptionalen Welt all der Möglichkeiten berauben, die man sonst noch besäße.

Wir legen uns nicht mehr fest. Egal, ob Partner- oder Berufswahl, selbst die eigene Person wird eher schemenhaft präsentiert, denn die Folgen einer Festlegung vermeidet man.

Dabei kann nur etwas gefüllt werden, wenn es einen äußeren Rahmen besitzt. Ein löchriges Gefäß wird niemals einen Inhalt besitzen, was immer man auch hineintut.

Da schwadronieren unsere Politprofis darüber, dass es ihnen vor allen Dingen um Inhalte geht. Dies ist so lächerlich, dass es fast zum Weinen ist.

Da die Einäugigen unter den Blinden die Könige darstellen, wird das Seifenblasentrio aus Merkel, Seehofer und Gabriel uns die nächsten Jahre regieren, denn eine noch so fragile Außenhaut scheint besser als gar keine.

Dabei wäre dringendst » A – A – Zeit«, die Zeit der anständigen Alleinverantwortlichen, auch in der Politik das A und O.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Engel von Maria Mitscherlich

Ich bin Geistheilerin und Engelexpertin. Das Universum ist für mich kein kalter Ort des Nichts.

Wenn ich Proxima Centauri durch mein Teleskop sehe, bedeuten kleine Abweichungen in dessen Spektrum, dass sich Proxima Centauri heute besonders um mich kümmern will und wird ,wenn ich es zulasse.

Das Universum ist ein Superorganismus, und ich stelle mir uns als Ribosomen vor, die Träger der Erbinformation. So ein Ribosom kann und sollte Wünsche an das Universum richten, die naturgemäß erfüllt werden.

Was dem kleinsten Teilchen im Organismus widerfährt, bringt das gesamte System ins wanken.

Engel existieren als Luft- Geistwesen, die sich um uns kümmern, wenn wir nur berei,t  bereit genug wären, sie hereinzulassen.Magische Hände besaß ich immerzu. Zeigt mir die seelische oder körperliche Wunde, die ich durch Handauflegen nicht heilen kann.  Ich rede hier nicht über Placeboeffekte.Ich sauge die kosmische Energie in mich hinein und gebe sie anhand meiner Berührung weiter. Ich sehe die Träger der Macht förmlich im Raum neben mir, spüre ihren Flügelschlag und mache nichts.  Ich und meine Hände befinden sich nur da; strahlen und leuchten. Ich erweise mich als Transformator der göttlichen Macht, halte inne, werde ruhig und lasse das Wunder geschehen.

Nun gut, Verluste verzeichne ich auch. Letztens brachte sich ein Patient von mir um. Er erhängte sich. Nur weil ich kosmischen Kontakt zu seinem Vater aufnahm, der seinerseits, der seinerseits unbefriedigt zum Strick griff. Er rief seinem Sohn etwas zu, er rief und rief. Hören konnte ich zwar nichts, aber bei meinem Patienten kam der Ruf laut und deutlich an.

Alles eine Frage der Interpretation möchte man meinen.

Für den doppelten Lungenkollaps konnte ich im Prinzip nichts – wieso erregte sich der Notarzt dermaßen?

Die Akkupunkturnnadeln erwiesen sich schlichtweg als zu lang. Trotzdem werde ich nicht gerichtlich belangt, weil ich lege artis keinerlei Heilkundigkeit besitze. Das wäre ja auch noch schöner!

Da absolvierte ich, von Erfolg gekrönt, das vierzehntägige Heilpraktikerseminar. Glauben Sie mir, mehr muss man vom menschlichen Körper nicht wissen, um zu heilen.Und um mich unter die Knute der Krankenkassenvereinigung zu begeben, erscheine ich zu selbstständig und zu selbstbewusst. Schließlich besitze ich Heerscharen von Engeln, die unverrückbar hinter mir stehen.

Da kommt eine KV schlichtweg nicht mit!

Maria , Engeltherapeutin.

Wahlversprechen von Tanja K.

Es ist zum rückfällig  werden. Empfindet keiner mehr Scham? Ich habe mich Zeit meines Lebens geradezu in die Hölle hinein geschämt. Ein falsches Wort, eine falsche Handlung, nicht passend angezogen, zu laut, zu wütend, zu egoistisch, sogar das zu Träumerische gewöhnten sie mir ab.

Wie können die Politiker, die ich in den Nachrichten sehe, es schaffen, morgens noch einigermaßen in den Spiegel zuschauen. Ich meine, ist die geistige Dissoziation und Verdrängung so komplett, dass sie nicht mehr wissen können, was sie am Vortag daher schwafelten?  Eine entdeckte Lüge bei mir und ich gehe in »Schutt und Asche«. Einmal über jemanden gelästert, der sein Leben besser auf der Reihe hat als ich. Einmal zu großspurig und zu selbstbewusst, weil ich den anderen durch meine Rede mundtod machte, und ich trat ein längeres Schweigegelübde an.

Im Prinzip entschuldigte ich mich stets, für das bisschen Luft, das ich für mich beanspruche, für den winzigen Raum, den meine Person einnimmt.

Dann sehe ich in den Nachrichten Merkel, Gysi, Gabriel, Trittin und dergleichen Untote mehr. Sie dröhnen und schwadronieren, schwören Eide, die niemals dafür gedacht waren, sie auch einzuhalten. Die gingen geradewegs über Leichen, wenn es dem eigenen Machterhalt dient.

Beim heutigen Koalitionsmikado, bzw. Poker liefen mir auf einmal die Tränen über die Wangen und ich fragte mich, wieso dürfen die das?

Knapp 60% der CDU-Wähler wollen eine große Koalition mit der SPD. Knapp 60 % von deren Wählern auch. Was gibt es da noch groß zu diskutieren? So verarscht (sorry) wie nach dem letzten Wahlsonntag fühlte ich mich selten. Was so nicht stimmt, denn verarscht (nochmal sorry) fühlte ich mich ein Leben lang. Ich bin halt zu vertrauensselig, nahm doch tatsächlich die Menschen beim Wort und musste erfahren, dass der Eid von gestern, eben nur der Eid von gestern gewesen ist.

Ich, als Alkoholikerin, bin der Eidbrecher als conditio in terminis, aber ich schäme mich wenigstens dermaßen dafür, dass diese Scham nur noch durch Alkohol bekämpft werden kann..

Das ist es!

Den Politprofis ist die Scham abhandengekommen.

Oh wie gerne wäre ich aus Überzeugung ein Adenauer, dem sein Geschwätz von gestern nichts mehr anging. Wie gerne gehörte ich dem Club, der aus Profitgier über Leichen geht an. Ich kann nicht. Das Einzige, was ich bislang konnte, war saufen. Jetzt stellt sich mir direkt die Frage: »Wer ist der größere Schmarotzer, der Penner auf der Bank oder der Soziopath, der »oben, auf Deiwel komm `raus«, mitmischt?«

Wer richtet den größeren, wirtschaftlichen- was rede ich da? – es muss heißen, mensch

lichen Schaden an?

Der Penner auf der Straße ist mit ein paar Euro für das nächste Besäufnis zufrieden, aber die da oben sind, teilweise millionenschwer, mit gar nichts zufrieden. Mag doch die Welt dabei vor die Wand rennen, was geht mich das an?

Ich wäre auch so gerne Oberratte im Rattenrennen, bin aber nur Alkoholikerin.

Tanja K., Alkoholikerin

Steuererhöhungen von Dr. Bremer

Toll, die CDU bewegt sich als erstere im Koalitionsmikado. Und zwar, wieso wundert mich das nicht, in Bezug auf Steuererhöhungen für unsereins. Schäuble hält dies für überflüssig, wenn man die Steuereinnahmen betrachtet. Michael Fuchs, der Vize-Unions-Fraktionsvorsitzende, kämpft zumindest halblaut für die Mittelschicht, legte sich aber nur in Bezug auf den Veggie-Day endgültig fest, denn der kommt nicht – Gott sei Dank!

Da mag man wählen, was man will, Steuererhöhungen für die Leistungsträger in unserer Gesellschaft, kommen unweigerlich, egal, ob die gesamte CDU auch »Stein und Bein« schwor, es nicht zu tun.

Ausgerechnet gestern erfuhr ich, dass 10 Millionen an Steuergeldern in die Bauruine  eines neu geplanten Krankenhauses in der Wesermarsch geflossen sind, und da kann ich Fuchs nur zustimmen, dieses Land besitzt kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem!

Was rege ich mich auf?

Dabei muss ich erst von meiner Wut über den Bürokratismus des neuen EBM herunter kommen. Wenn ich jünger wäre, wanderte ich aus, denn ich habe es satt, die verwaltungsüberfrachtete Melkkuh der Nation zu sein. Da wundert sich Deutschland, warum es keine Landärzte mehr gibt. Den zukünftigen Gesundheitsminister oder die Ministerin – von der Leyen ist im Gespräch – lade ich gerne einmal ein, eine Arbeitswoche lang bei mir in der Praxis zu hospitieren. Ich glaube kaum, dass danach noch Fragen offenbleiben.

Was rege ich mich eigentlich immer noch auf?

Gleich kommen die ersten Patienten, meine Mittel gegen Herzrhythmusstörungen schluckte ich bereits und ich möchte deren Wirkung nicht herabsetzen. Leicht grippal fühle ich mich ebenfalls, aber unsereins wird nicht krank, um stets und unermüdlich selbst dem eingebildetsten Kranken zur Seite zu stehen.

»Herr Doktor, ich habe diese und jene Symptome und brauche unbedingt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung!«

Bei diesen Worten kommt mir in den Sinn: »Die Symptome weise ich zwar auch auf, dennoch sitze ich hier und jammere nicht!«

Die hohe Lebenserwartung meiner Patienten resultiert aus meiner deutlich erniedrigten, aber wen kümmert das?

Nun also Steuererhöhungen, bei zwei Kindern im Studium, einer Praxis, die noch nicht abbezahlt ist, Angestellten, die sich auf ihre monatliche Lohnzahlung verlassen, Arzenei- und Praxisbudgets, aber, wie es so schön heißt, die Ärzte klagen ja immer. Dabei steht aus, was passiert, wenn wir vom Klagen zum Verklagen übergehen.

Dr. Bremer, Landarzt

Wahlergebnisse von Paul Wiedebach

Der Wählerauftrag lautet: Koalition mit der CDU! Da zieren sich die SPD und die Grünen, wie die Jungfrauen, die mit einem Kerl ins Bett wollen (sollen?), aber gleichzeitig um ihre Jungfräulichkeit besorgt erscheinen.

Neuwahlen erstreben sie auch nicht und der Bürger fragt sich: »Zählt hier mein Wille?«

Ausführliche Nabelschau steht auf dem Programm und jegliches Wahlprogramm gerät ins Hintertreffen. Nun kann es für unseren Staat teilweise hilfreich sein, wenn Parteien ausschließlich mit sich selber beschäftigt sind, bevor sie allzu großen Blödsinn anrichten, aber, mit Verlaub, die Frage sei gestattet, wofür bekommen diese Narzissten ihre Diäten?

Geht Parteiwohl vor Gemeinschaftswohl?

Zurzeit erkennt man die Präferenzen der Politiker klar wie nie. »Wir lassen uns doch nicht von der CDU schreddern! Nachher verlieren wir noch Amt und Macht!«

Wer so denkt, gehört zerschreddert. »Wir verloren in der großen Koalition unser Profil«, klagt die SPD, besaß aber seit 2009 genug Zeit, es erneut zu gewinnen.

Nie war ein Koalitionsgeschachere so entlarvend wie heute.

Es geht nicht um Deutschland, nur um die eigene Rolle darin. Wenn man Dinge wie Energiewende, Mindestlohn, bezahlbare Mieten, Begrenzung der Zeitarbeit, Abschaffung des Betreuungsgeldes und dergleichen mehr durchsetzen will, lungert man nicht in der Opposition herum, sondern reißt sich darum, mitregieren zu wollen, ungeachtet dessen, was schlimmstenfalls für einen persönlich dabei heraus springt.

Besaß ich bislang noch ein wenig Idealismus in Bezug auf Politiker, so stirbt dieser nach dem Wahlsonntag still vor sich hin.

Die Möglichkeit, etwas für Deutschland tun zu dürfen, muss regelrecht feilgeboten werden.

Manchmal kann man gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.

Paul Wiedebach, Kolumnist

Die Katze im Sack von Tanja K.

Ich verstehe im Moment die Diskussion hier auf dem Blog nicht. Man zeige mir denjenigen, der heute noch in unserer allzu exhibitionistischen Welt irgendwelche »Katzen im Sack« kauft.

Ich meine, mein Mann wusste genau, was er sich mit mir einhandelte. Meine Tendenz, Probleme in Alkohol auflösen zu wollen, dominierte bereits zu der Zeit, als wir uns kennen lernten. Diese Tendenz dominiert in meiner gesamten Herkunftsfamilie.

Richtig bergab ging es mit mir, als vor fünf Jahren meine ältere Schwester an ihrer Leberzirrhose verendete, wobei verenden hier der passende Ausdruck für ihren Todeskampf ist.

Vielleicht komme ich später darauf zurück, wenn es mir gelingt, dieses Dahinsterben in Worte zu fassen.

Mein Mann bekam keine »Katze im Sack« und ich keinen »Kater im Sack«. Wenn wir ehrlich vorgehen, müssen wir zugeben, dass dieses »Schöngetue« beim ersten Rendezvous von beiden Seiten durchschaut wird, wenn man auch nur einigermaßen geistig auf der Höhe ist. Das »Vorspielen« beim Vorspiel wird als solches erkannt, aber man denkt, die kleinen, unwesentlichen Schönheitsfehler und Unterschiede, bekommt man im Laufe der Partnerschaft hin.

Jetzt, da ich erlebe, wie schwer es ist, sich selbst zu ändern, halte ich es beinahe für eine Größenwahnvorstellung, jemals einen Anderen ändern zu können. Scheiden lässt man sich aus den gleichen Gründen, aus denen man einst heiratete. Der Partner wirkte so anders, als man selber, bleibt es- was auch sonst?-, und wenn die »unwesentlichen« Unterschiede der Anfangszeit zum Wesentlichen mutieren, gibt man auf und geht.

Anstatt sich erst einmal gründlich selbst zu finden, sucht man sein Potenzial im Partner, der seines ebenfalls dort sucht, im Sinne von: Mache aus mir den Menschen, der ich sein soll, aber ändere mich nicht.

Ja, herzlichen Glückwunsch!

Im Moment werde ich von meinem eigenen Text verwirrt, und ich möchte mich entschuldigen, wenn es Ihnen genau so ergeht. Was wollte ich sagen?

Ach ja, warum legt man nicht von Anfang an seine Karten offen auf den Tisch? Ob das Gegenüber gleich abhaut oder es nach jahrzehntelanger Ehe tut; der erstere Fall scheint, doch eindeutig der bessere für beide zu sein.

Ich bin ich und erwarte dieses und jenes von dir, lässt jedem die Chance der Entscheidung.

Tja, wenn da nur nicht die Fragen bestünden: Wer bin ich und, was will ich überhaupt?

Tanja K. Anonyme Alkoholikerin

 

Na, dann laßt uns mal schön barmherzig sein

 Ich war ein paar Tage krank, hatte eine schöne Grippe mit Fieber und allem, lag im Bett und bekam wenig mit von der Welt und dann ging es mir besser und ein wenig war es als sei ich resettet worden, da hörte ich wieder was aus dem Wahlkampf und dann von dem Interview mit dem Papst und ich weiß nicht worüber ich mich mehr aufgeregt habe, die Aussagen des Papstes oder die Art und Weise wie diese in Barmherzigkeit verpackte Unmenschlichkeit von der Öffentlichkeit aufgenommen wurde. Neben dem letzten Zucken der Wahlkampfpropaganda, die sich zum großen Teil mindestens genauso menschenverachtend gestaltete, gab es also ein Thema das mich wirklich aufgeregt hat – aber eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass ich mich über diese Aufregung gewundert habe.

Ich meine, dass Religion ja sonst nicht mein Thema ist. Muß doch jeder selbst wissen womit er seine Zeit verschwendet. Aber aus einer sozialen Sicht heraus ist es wie ein konservatives Wahlkampfversprechen. Ein Papst der seine Gläubigen daran erinnert, dass sie Barmherzigkeit zeigen sollen mit jenen, denen sie vorher erst die Schuld der Sünde vorgeschrieben und eingeredet haben. Und sofort fangen alle an von einer möglichen Veränderung der katholischen Kirche zu sprechen. Woher kommt dieser Wunsch, die Kath. Kirche solle sich dieser Welt anpassen? Woher diese Utopie?

Es ist keine Veränderung der katholischen Kirche möglich. Den einzigen Umgang den man mit der Katholischen Kirche haben sollte ist der, dass man austritt aus dem Verein. Wenn man überhaupt religiös sein will, dann kann man das auch ohne als Mitglied einer antidemokratischen, frauenfeindlichen, menschenrechte verachtenden Glaubensclique eingeschrieben zu sein, und damit seine Zustimmung zu dem System zu belegen.

Barmherzigkeit ist eine Form von Intoleranz und Menschenverachtung. Einem Schwulen gegenüber barmherzig zu sein, weil er so ist wie er ist, ist eine herablassende Haltung. Sie erkennt nicht an, dass der Andere ein Recht darauf hat so zu sein wie er will und nicht so sein muß wie ein katholisch verpeilter Religionsinterpret das für sich in Anspruch nimmt.

 Aber zurück zur Frage – warum regt es mich so auf? Wie gesagt, ich bin kein Mitglied einer Kirche. Ich feiere Weihnachten im Kreis der Familie als ein Christ, weil mir der Gedanke, dass es einen Menschen gab, der diese ganzen guten Ansätze und Absichten vertreten hat wirklich gefällt.

Für Utopien bin ich zugegebenermaßen sehr empfänglich.

Warum aber rege ich mich auf? Weil ich weiß, dass die Menschen so tun als seien sie gnädig gegen Andere, statt die Ursachen für ihre Unbarmherzigkeit  ernsthaft zu beseitigen. Und rühmen sich am Ende noch damit vor sich selbst und der Öffentlichkeit.

Religiöser Fanatismus kommt da zum Vorschein. Und anders als der des Islam, vollzieht sich dieser hier in einer demokratischen Grundstruktur. In einem freien, gebildeten System. In unserem, also auch meinem Land.

Und an dieser Stelle erlitt ich quasi einen Rückfall, lag noch einmal drei Tage flach, und jetzt ist das Thema vom Tisch und der Wahlkampf auch und jetzt rege ich mich über das Wahlergebnis auf. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nur die Frage bleibt. Warum rege ich mich über diese Dinge auf? Warum bewegt es mich?

Dieter Ronski

Quotenhühner von Irmgard Clausen

Die jungen Leute waren so nett und besorgten mir ein Tablett, oder wie das Ding heißt, damit ich meine Beiträge und die der anderen lesen kann.Ich muss sagen, der Artikel über Quotenhühner an Feuerstellen ist mir arg auf den Magen geschlagen. Ein Quotenhuhn war ich nie, dafür aber ein verdammt dummes Huhn. Nach der Heirat sofort die Arbeitsstelle aufgegeben- mein Kind war ein Fünfmonatskind, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wo war ich gerade, ach ja, bei der Aufgabe meiner Arbeitsstelle, dabei hätte ich Abteilungsleiterin werden können! Blöd war ich noch nie. Ich wäre sogar gerne weiterhin zur Schule gegangen, aber Mädchen und Abitur, das passte früher an allen Ecken und Enden nicht ins Schema.

Dann kam meine Tochter und, klack, die Falle schnappte zu!

Lassen Sie sich einmal zeit ihres Lebens von einem Mann bestimmen, der weniger klug ist, als Sie selber, das brennt Ihnen das Magengeschwür direkt in die Schleimhaut, das können Sie mir glauben.

Nur, dass ich damals kein Magengeschwür bekam, sondern Herzrasen. Sofort wurden mir »Mother`s little helpers« verordnet, allgemein unter dem Namen Valium bekannt. Es bedeutete eine außerordentliche Leistung der Pharmaindustrie, all die frustrierten Hausweiber endlich unter Kontrolle zu bringen.

Dann kam die Pille, die unseren Körpern suggerierte, schwanger zu sein. Eine bereits schwangere Frau muss sich nicht mehr fortpflanzen, also stellten sie uns nicht nur ruhig, die männlichen Pharmaforscher, nein, sie nahmen uns auch noch die Lust auf Sex. Die ersten Pillen beinhalteten den hormonellen Hammer. Ich bekam einen überhöhten Blutdruck, Kopfschmerzen und totale Unlust beim Verkehr, musste aber trotzdem ran, wenn mein Friedhelm angetrunken vonne Schicht kam und sich an seinem prallen Schwanz selber ergötzte. Glauben sie mir, eine schlimmere Prostitution, als die in der Ehe, gab es damals nicht. Ich denke, es war die Zeit, als der vorgetäuschte Höhepunkt erfunden wurde.

Wir wohnten im Hause meiner Schwiegereltern. Meine Schwiegermutter wies auf meine Nachthemden hin, die wir gemeinsam in der Waschküche wuschen und meinte nur:«Zieh`dir was anderes an, wenn du ins Bett gehst, man muss die Männer nicht noch unnötig reizen!«

Da war sie konsequent. Als mein Schwiegervater in Pension ging, tat sie es ebenfalls. Ich kann nur vermuten, dass sie sich sackleinene Nachtgewänder mit eingebautem Keuschheitsgürtel besorgte, denn das gemeinsame Schlafzimmer blieb, aus welchen Gründen auch immer.

Als ich dann Mitte vierzig meine weibliche Lust entdeckte, befand sich mein Friedhelm schon weit jenseits von Gut und Böse, besonders, weil er nicht nur leicht angetrunken vonne Schicht nach Hause kam, sondern sturzbesoffen.

»Vom Alkohol heißt es allentwegen, hebt das Verlangen, senkt das Vermögen.«

Den Spruch kann ich gleich dreimal unterschreiben!

Da existierte man endlich als Frau, sich seiner Weiblichkeit bewusst, frei, da die Kinder aus dem Hause waren, frei, weil Valium keine Alternative mehr darstellte, frei, weil ich von der Pille zur Spirale überging. Plötzlich spürte ich Verlangen und bekam einmal mehr nichts zurück.

Ach, Friedhelm, warum bist du nicht früher gestorben?

Irmgard Clausen

Quotenhühner am Lagerfeuer

Von Hubertus Willmehr, Ceo der „United World Financial Corporation“

Ich habe lange mit mir gerungen, hier zu schreiben. Ich meine, in so einem Klöterblog, den niemand kennt und der folglich auch nicht gelesen wird. Umgestimmt hat mich die Tatsache meiner Vertragsverlängerung um weitere fünf Jahre, die der Aufsichtsrat letzte Woche mit mir geschlossen hat. In diesem Vertrag ist, wie üblich, ein »goldener Handschlag« vereinbart, der allerdings nur zum Tragen kommt, wenn die Initiative zur vorzeitigen Auflösung von den Anteilseignern, vertreten durch den Aufsichtsrat, ausgeht. Wenn ich also hier vom Leder ziehe und aus dem Nähkästchen plaudere, kann vielleicht ein dezenter Hinweis auf diesen Blog ausreichen, das dann Unvermeidliche bei Bedarf auszulösen. Man weiß ja nie!

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ihnen die ungeschminkte Wahrheit über unser Finanz- und Wirtschaftssystem offen zu legen. Mir ist aber ein Treffen mit meinen Vorstandskollegen ins Gemüt gefahren, und deshalb nutze ich die Gelegenheit, mir etwas anderes von der Seele zu schreiben.

Der Kollege fürs Marketing kam mit der Anregung, wir bräuchten mehr Quotenhühner.(sic) Dieses waren tatsächlich seine Worte. Das sei jetzt eben angesagt, und wir könnten uns der gesellschaftlich Entwicklung nicht entgegenstemmen. Nachher würden wir gar noch als frauenfeindlich abgestempelt. Er löste damit allgemeine Heiterkeit in der Runde aus. Wir und frauenfeindlich! Sie hätten einmal auf dem letzten Incentive für Führungskräfte erleben sollen, wie charmant wir uns um die georderten Damen gekümmert haben. Nach und nach setzte sich dann aber doch die Überzeugung durch, dass wir, um unseres Images willen, nicht um dieses Thema herumkommen. Die Umsetzung stellte sich als gar nicht so einfach dar, wie es den Anschein haben mag. Mehr Frauen in Führungspositionen, so lautet der Slogan. Führen bedeutet, Entscheidungen zu treffen, und das vor allen Dingen bei unvollständiger Informationslage in eine immer auch ungewisse Zukunft hinein. Frauen und Entscheidungen treffen! Ein Widerspruch in sich! Frauen können sich nicht einmal zwischen zwei Paar Schuhen entscheiden, ohne das vorher mit zahlreichen Freundinnen, oder, in der verschärften Variante, dem Partner auszudiskutieren. Kennen wir doch alle, wie so etwas abläuft.

Sie : »Schatz, steht mir das?« Er: »Ja doch!« Sie: »Das sagst du doch nur, damit du deine Ruhe hast. Du schaust ja nicht einmal richtig.«

Zum Vergleich beobachten sie einen Mann in der gleichen Situation: »Passt, haben sie das auch zweimal, dann habe ich länger Ruhe.«
Bereitschaft zur Entscheidung setzt einen entsprechenden Gemütszustand voraus, der bei Frauen nun einmal nicht vorhanden ist. Oder glauben sie, dass unsere Vorfahren am Lagerfeuer vor ihrer Höhle gesessen haben , die ganze Horde zusammen? Und dass sie, Männlein und Weiblein, die Kinder mittendrin, tagelang darüber diskutiert haben, wer denn nun auf die Jagd geht? Und dass sie nach umfangreichen Erörterungen und gewissenhaftem Abwägen schlussendlich zur Überzeugung gelangt sind, diese Aufgabe den Männern zu übertragen, weil diese die größeren Muskeln haben? So war es natürlich nicht! Die Männer hatten einfach mehr Mut und mehr Freude am Risiko. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich sage ihnen, diejenige Firma, die zuerst 50% Frauenquote in Führungspositionen einführt, geht grandios unter. Wegen Führungsschwäche und Mangel an Testosteron!
Na, mir kann es ja egal sein, ich habe mein Berufsleben fast hinter mir. Aber die jungen Männer können einem leid tun. Erst nehmen die Frauen ihnen massenhaft die Studienplätze weg und anschließend auch noch die Jobs. Später müssen sie sich von denselben Frauen auch noch anhören, keine adäquaten Partner mehr zu sein. Ja, wie denn? Meine Vermutung ist, es liegt am Weichmacher im PVC oder an den Konservierungsstoffen in Kosmetika, wie man erst kürzlich festgestellt hat. Diese den weiblichen Hormonen ähnlichen Substanzen, die nach und nach in die Körper der Männer einsickern, entfalten ihre unheilbringende Wirkung. In meiner Jugend fing das gerade erst an und die Dosis war vermutlich zu gering, als dass sie nennenswerten Einfluss auf die Entwicklung unserer Männlichkeit haben konnte. Aber bei den jungen Männer ist die Wirkung unverkennbar. Dazu noch dieses ganze Gleichberechtigungsgedöns und Geschwafel über den neuen Mann. Das dient nur dazu, die kameradschaftliche Solidarität unter Männern zu zerstören. Und die zwischen Mann und Frau gleich mit. In der Vorstandssitzung haben wir noch mehrere Stunden darüber debattiert, welche Positionen wir mit Frauen besetzen sollten. Schnell herrschte Einigkeit, ein paar neue Abteilungen zu schaffen, mit unwichtigen Aufgaben, wo die Frauen, die dort dann führen, möglichst wenig Schaden anrichten können. Jeder von uns will sich bis zur nächsten Sitzung pompös klingende, letztendlich aber unbedeutende Aufgaben ausdenken, die wir den zukünftigen Führungsfrauen übertragen können. Was das wieder kostet! Wir sind zum Glück ein Finanzkonzern, da spielt Geld ja bekanntlich keine Rolle. Am Ende übernehmen eh die Staaten unsere Verbindlichkeiten. In diesem Fall auch nur gerecht. Wer hat uns schließlich diesen Quotenquatsch eingebrockt?

So, jetzt muss ich aber los, zum Golfplatz, wo ich mit zwei Vorstandskollegen verabredet bin. Anschließend treffen wir uns im Kaminzimmer des Clubhauses mit einigen unserer weiblichen Nachwuchsführungskräften. Mit den Quotenhühnern am Lagerfeuer, wie der Personalvorstand anmerkte.

Über das Finanzsystem erzähle ich ihnen dann beim nächsten Mal. Versprochen!

Ihr Hubertus Willmehr

Marcel Reich Ranicki von Dr. Bremer

Der Literaturpapst Deutschlands, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, ist tot. Oh, wie gerne schwänge ich mich zum Medizinpapst Deutschlands auf! Gnadenloser Kritiker eines gnadenlos verworrenen Systems.

Zu einer Autorin bemerkte Reich Ranicki einmal: »Sie ist außerordentlich, wirklich außerordentlich ……blöd!«

Dieses Lob könnte ich an alle, die im Gesundheitssystem tätig oder Nutznießer desselben sind, ungefiltert weiter geben.

Vom Gesundheitsministerium zu den Krankenkassen, von den kassenärztlichen Vereinigungen zu den Ärzten, von den Apothekern zu den Patienten, von den Krankenhäusern zu den Altenheimen jeder verliert sein eigenes Wohl niemals aus den Augen.

Dabei handelt es sich doch um eine SOLIDARGEMEINSCHAFT!

Wo eine Hand aufzuhalten ist, kann man sich darauf verlassen, dass sie aufgehalten wird.

Auch die Patienten bilden da, wie bereits erwähnt, keine Ausnahme, abgesehen von den ernsthaft Kranken. Wenn mir mit dem Anliegen: »Herr Doktor, jetzt habe ich so viel Krankenkassenbeiträge bezahlt, da sitzt doch nun mindestens eine mehrwöchige Kur drin!«, in den Ohren gelegen wird, möchte ich in mein Stethoskop, nein lieber noch in den Patienten beißen.

Und wenn ich mitbekomme, dass Krankenhäuser keine Orte der Heilung und Pflege darstellen, sondern zu Wirtschaftsunternehmen mutieren, liegt mir der Amoklauf nahe.

Altenpflegeheime degenerieren zu Institutionen, in denen Geld gedruckt wird, denn mit den absolut Hilflosen wird ein Schindluder getrieben, der dem Mitfühlenden die Tränen in die Augen, dem Betreiber reines Gold in die Säcke treibt.

Seien wir doch einmal ehrlich. Wir haben es nicht mehr mit karitativen Absichten, sondern mit blanker Geschäftemacherei zu tun.

Von mir aus, aber dann sollen es alle Beteiligten offen sagen!

Die Gesundheitskassen sollten nicht herumschwurbeln, dass man bei ihnen gut aufgehoben ist, sondern zugeben: Bei teurer Krankheit ziehen wir uns zurück. Sie können sich auch das leider sparen, das in diesen Satz gehört.

Die Altenheime sollten nicht schwafeln: Oma ist bei uns gut aufgehoben, sondern zugeben: Aber nur, wenn sie vorher ihr Häuschen versilbert und uns die Silberlinge zukommen lässt.

Jetzt raten Sie einmal, warum bei niedergelassenen Haus- Fach und Zahnärzten und in Krankenhäusern Privatpatienten willkommener sind als der schnöde Rest.

Wir sollten den lange ausgeträumten Traum der »lupenreinen« Solidarität ad acta legen und sagen, was der Medizinbetrieb ist: Ein reines, auf Profit ausgelegtes Dienstleistungsgewerbe.

Im Hotel wundert sich kein Mensch, dass die Fürstensuite eben für Otto Normalgast unerschwinglich ist.

Dr. Bremer, Landarzt