Datenströme zum Wohle der Menschen

Von Anna-Luisa Schlimmbach, 28, Vorstandsassistentin

Zunächst möchte ich mich bei den Lesern des Blogs entschuldigen dafür, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Im Konzern ist der Teufel los! Willmehr hat alle außerberuflichen Aktivitäten verboten, selbst das Schafseminar ist erst einmal verschoben. Wir machen alle Überstunden um Überstunden und ein Ende ist nicht in Sicht.

Und warum das Ganze? Die IT wird umgestellt! Konzernweit! Hier in der Zentrale und in allen Niederlassungen weltweit wimmelt es von IT-Leuten. Wir müssten darauf achten, den Anschluss nicht zu verlieren, hat er gesagt, der Willmehr. Big Data und so. Alle Informationen – und damit meine er wirklich  A L L E  Informationen – müssen auf seinem Bildschirm erscheinen. Auf meine Frage, ob wir jetzt der NSA Konkurrenz machen sollten beim Ausspionieren der einzelnen Menschen, ist er fast ausgerastet.

Einzelne Menschen? Wie ich darauf käme, irgendwer wolle irgendetwas über einzelne Menschen wissen? Es gehe überhaupt nicht darum, zu wissen, was der Einzelne mache, sonder nur darum, zu erfahren, zu welcher Herde oder welchem Schwarm ein Mensch gehöre. Die Leute sollten sich bloß nicht so haben mit ihrer Individualität. Alles Herdentiere! Wenn wir wissen, zu welcher Herde einer gehöre, dann wüssten wir auch, wie er sich verhält. Nämlich so, wie die anderen Mitglieder seiner Herde. Deshalb seien ja auch die Metadaten so interessant. Wir müssten gar nicht wissen, was für Inhalte die Menschen in ihrer Kommunikation austauschen, sondern nur, mit wem sie vernetzt seien. Und schwupp – schon wissen wir, wie sie sind. Die weltweiten Datenströme verraten demjenigen, der sie bündelt, als Erstem jede Richtungsänderung eines Schwarmes, noch bevor dessen einzelne Mitglieder dieses überhaupt registrieren. Wenn wir eher als alle anderen erfahren, dass bei einem Schwarm ein Richtungswechsel bevorstehe, könnten wir darauf reagieren. Wir hätten dann ungeahnte Möglichkeiten. Stellen Sie sich einmal vor, Anna-Luisa, ich wüsste heute schon, was Sie morgen wollen werden! Wäre das nicht fantastisch? Aber damit nicht genug, könnte ich gezielt Informationshäppchen in die Datenströme ihres Schwarmes einstreuen, die die Richtungsänderungen beeinflussen. Dann könnte ich nicht nur vor Ihnen wissen, was Sie wollen, sondern  ich könnte sogar beeinflussen, was Sie wollen. Sie würden am Ende meinem Willen gehorchen und hätten dennoch das Gefühl, aus freien Stücken gehandelt zu haben. Und seien wir doch mal ehrlich; für die meisten Menschen wäre es das Beste, andere, fähigere würden die alltäglichen Entscheidungen für sie treffen. Nur kann man eben nicht mehr einfach befehlen, sondern müsse den Menschen das Gefühl geben, aus eigenem Antrieb zu handeln. Glauben Sie mir: die Menschen werden dankbar und glücklich sein damit. Oder sehen Sie irgendwo Massen, die sich gegen die Überwachung ihrer Daten auflehnen? Die Leute sind doch alle auf der Suche nach jemandem, dem sie die Verantwortung für ihr Leben aufdrücken können. Sie lesen doch auch die Blogeinträge von diesem Dr. Bremer, oder? Der soll eben die Verantwortung für die gesundheitlichen Folgen des falschen Verhaltens seiner Patienten übernehmen. Wäre es nicht wunderbar, man könnte das Wollen der Menschen dahingehend beeinflussen, dass sie ihr selbstschädigendes Verhalten in Übereinstimmung mit ihrem Wollen beenden? Wir haben schließlich die Verantwortung für das finanzielle Wohl unserer Kunden. Also los, Anna-Luisa, stürzen Sie sich in die Datenschlacht. Sie wollen doch nicht, dass unsere Konkurrenten das Geschäft übernehmen!

Ich musste erst einmal  – wieder einmal – schlucken. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich ihm recht geben. Wenn wir es nicht tun, tun es eben andere, und die sind bestimmt nicht moralischer als wir. Also bleibt gar nichts anderes übrig, als mitzumachen, schließlich ist selbst ein Konzern wie der unsere auch nur Teil einer Herde und muss sich, ob er will oder nicht, anpassen. Dabei wollte ich Sie, liebe Leser doch eigentlich über die Hintergründe der Finanzindustrie aufklären. Aber das kommt noch. Ganz bestimmt!

Ihre Ana-Luisa Schlimmbach

 

Herdenführung in Zeiten der Massentierhaltung

Von Anna-Luisa Schlimmbach, zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende der „UWFC“

Gestern war ich bei Judith, der Frau des CEO. Sie hatte natürlich schon vom Projekt „Schafseminar“ gehört und sich köstlich darüber amüsiert. Sie ist überzeugt, dass wir von Schafen nichts über die Menschen lernen können. Ich war wieder einmal ratlos und muss auch entsprechend geguckt haben, schließlich war ich gerade erst zur Erkenntnis gelangt, dass das Gegenteil der Fall ist und wir wirklich etwas bei den Schafen lernen können. Judith lächelte mich an und wartete wohl darauf, dass bei mir der Groschen falle. Mir fiel aber beim besten Willen nicht ein, was sie gemeint haben könnte und gnädig erlöste sie mich.

„Sieh mal, Anna-Luisa, ein Onkel von mir hat vor Jahren in großem Stil in die Schafzucht in Neuseeland investiert. Ich war schon als Kind, gemeinsam mit meinen Cousins und Cousinen, dort und konnte mir das ganze von Nahem ansehen. Schafe werden in der Regel immer noch so gehalten, wie es seit Jahrtausenden üblich ist. In großen Herden folgen sie ihr ganzes Leben einfach den angeborenen Instinkten. Manchmal haben sie vielleicht Stress, wenn bei Gefahr Angst oder gar Panik in der Herde aufkommt, aber immer können sie mit ihren instinktiven Verhaltensweisen reagieren. Ihr Gefühl ist nie verlegen um die richtige Reaktion auf die Umstände. Sieh dir dagegen das Leben der meisten Menschen an! Ständig müssen sie ihre Gefühle unterdrücken und sind verzweifelt auf der Suche nach gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensnormen. Ständig im Zweifel, ob sie gerade das Richtige tun, entwickeln nahezu alle mehr oder weniger ausgeprägte Neurosen und enden, im günstigsten Fall, in einer Psychotherapie. Ihr Leben ist zerrissen zwischen den Anforderungen der arbeitsteiligen Moderne mit all ihren Folgeerscheinungen. Während ihrer Arbeit befriedigen sie, gegen Bezahlung,  die Bedürfnisse anderer Menschen. Die Entfremdung nimmt immer weiter zu und durch die technisch bedingte Spezialisierung werden sie selbst zu einem immer kleineren Rädchen in einer immer gigantischeren Verwertungskette. Der Beitrag des Einzelnen zum Endprodukt des Unternehmens, für das er tätig ist, wird kleiner und kleiner, bis zur Unkenntlichkeit. Nach Feierabend wechselt er die Rolle, vom fremdbestimmten Bestandteil eines anonymen Produktionsprozesses zum – vorgeblich – autonomen Konsumenten und wird da nur wieder manipuliert von Verwertungsprozessen, deren Bestandteil er gerade eben noch war. Die einzelnen Menschen verlieren die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse selbst zu befriedigen und am Ende sind sie sogar unfähig, ihre Bedürfnisse überhaupt noch zu erkennen. Ab diesem Punkt sind sie das ideale Opfer der Manipulation durch Andere. Und diese Anderen, das sind eben Leute wie mein Hubertus. Wenn ihr etwas über die Menschen erfahren wollt, solltet ihr euch lieber Einrichtungen zur Massentierhaltung ansehen.“

Mein gerade erst errichtetes Gedankengebäude stürzte – einmal mehr – in sich zusammen. Hilflos sah ich sie an und fragte, warum ihr Mann  uns dann zu den Schafen schicke. „Na, das ist doch klar! Er will wissen, wie weit bei euch die Degenerierung schon fortgeschritten ist. Ob eure Instinkte noch stark genug sind, um Führungsaufgaben zu übernehmen. Stell dir vor, er spielt sogar mit dem Gedanken, den Schäfer zum Personalchef zu machen!“ Lachend sah sie mich an. Mein Gesichtsausdruck muss entsprechend gewesen sein. Der Schäfer als Personalchef! Langsam zweifelte ich an Willmehrs Verstand. Allerdings, je mehr ich darüber nachdachte, um so weniger abwegig schien mir die Idee. Der wusste bestimmt, wie man die Instinkte Anderer zu deren Manipulation einsetzt. Willmehr schickt uns zu den Tieren, damit wir etwas über den Schäfer lernen. Den sollen wir beobachten, wie der das mit der Führung macht. Klar! Da hätte ich auch selbst drauf kommen können! Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob ich die anderen Seminarteilnehmer darauf aufmerksam machen soll, oder ob ich den Wissensvorsprung für mich behalte, um vielleicht in den Augen unseres CEO als Einzige den Test zu bestehen. Darüber muss ich erst einmal in Ruhe nachdenken, sind schließlich noch ein paar Wochen bis zum Seminarbeginn.

Ach ja, über’s Finanzsystem wollte ich auch noch referieren. Sie haben sicherlich Verständnis dafür, dass ich zur Zeit, beim besten Willen, nicht dazu komme. Aber das kommt noch! Bestimmt!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach

Frauenquoten, Machos und Schäfer

Von Anna-Luisa-Schlimmbach, Nachwuchsführungskraft der “UWFC”

Puh, ich komme gerade von diesem Schäfer zurück und will bei Willmehrs Chefsekräterin einen Termin mit ihm vereinbaren, da kommt er aus seinem Büro und beglückwünscht mich. Wieder einmal sehe ich ihn nur verständnislos an und löse bei ihm das übliche Grinsen aus. „Hier steht die zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende und stiert mich an wie ein Schaf. Mit dem Seminar bei den Tieren hatte ich die Hoffnung verknüpft, Sie lernen etwas über Herdenverhalten. Dass sie selbst zum Schaf werden, war nicht vorgesehen.“ Nur mühsam kann ich meine aufkeimende Wut im Zaum halten und stammele nur ein „Ich verstehe nicht, was Sie meinen“. Sein Grinsen wird noch unverschämter. Gönnerhaft nimmt er mich bei der Schulter und führt mich in sein Büro. „Meine Tochter hat jedenfalls schon ihre Ansprüche angemeldet.“ Langsam dämmert mir, worum es geht: Koalitionsverhandlungen ! Frauenquote im Aufsichtsrat!

Sein Grinsen mildert sich zu einem Lächeln. „Na, ist der Groschen gefallen? Wenn sie mitmischen wollen, müssen Sie sich rechtzeitig positionieren. Allerdings muss ich noch mit unserer Gleichstellungsbeauftragten sprechen. Immerhin werden ja von nun an die Männer wegen ihres Geschlechtes benachteiligt, bis die 30% erreicht sind. Und überhaupt, was passiert, wenn die Frauenquote über 70% geht, dürfen dann nur noch Männer in den Aufsichtsrat berufen werden? Sie sehen, wie wichtig dieses Schafseminar ist. Es geht immer weniger um fachliche Belange, nur noch um gruppendynamische Prozesse innerhalb der Herde. Also, wer wollen Sie sein : Schaf, Hütehund oder Schäfer?“

Endlich löst sich meine Verkrampfung und ich erwidere sein Lächeln. „Kratzt diese Quote vielleicht an Ihrem männlichen Ego?“ Sein Lächeln wechselt erneut ins Grinsen. „Wie kommen sie darauf? Ein guter Hirte nimmt doch das Verhalten seiner Schafe nicht persönlich. Er richtet nur seine Führungsstrategie danach aus. Bisher war es doch eher so, dass die Frauen ihren gesellschaftlichen Status über die Verbindung mit einer männlichen Führungskraft erhöhen konnten. Die männlichen Führungskräfte sind privat selten einsam. Bei ihren weiblichen Pendants bin ich mir da nicht so sicher.“ Wütend richte ich mich im Sessel auf und fahre ihn an. „Sie meinen also, erfolgreiche Frauen finden keinen Partner? Dann doch wohl nur, weil die Männer alle Machos sind.“ Seine Mundwinkel scheinen sich – falls das überhaupt geht – noch weiter nach oben zu ziehen. „Sie wollen keinen Macho? Dann sind Sie aber die große Ausnahme, wie mir scheint. Oder stehen Sie mehr so auf Softies. Den Eindruck hatte ich bei Ihnen bisher gar nicht. Ansonsten müssten wir die Liste für das Seminar hinsichtlich der männlichen Teilnehmer noch einmal überarbeiten. Die Kollegen, die Sie dazu eingeladen haben, sind nach meinem Eindruck eher Machos als Softies.“ In Gedanken gehe ich die Liste durch und muss ihm – leider – recht geben. „Aber Sie haben doch gesagt, ich solle diejenigen Nachwuchsführungskräfte mitnehmen, die mir vielversprechend erscheinen.“ Entspannt lehnt er sich im Sessel zurück. „Dann führen Sie mal die Horde. Die Jungs sind wegen der Frauenquote schon auf Hundertachtzig. Ich bin richtig gespannt, wie Sie sich schlagen werden. Im Zweifelsfall können Sie ja den Schäfer um Rat fragen, wie man die Herde unter Kontrolle bekommt. Und jetzt muss ich los, zur Frauen.., sorry, Gleichstellungsbeauftragten.“

Schwupps ist er weg und lässt mich alleine in seinem Büro zurück. Dabei wollte ich doch noch mit ihm das Seminar besprechen, das ihm so am Herzen liegt. Vielleicht sollte ich seine Frau um Rat fragen. Genau, die muss doch wissen, wie man mit solchen Kerlen umgeht. Ist schließlich mit einem verheiratet. Erleichtert gehe ich in mein Büro, um Judith anzurufen. Über das Finanzsystem muss ich auch noch was schreiben, ich weiß. Versprochen ist schließlich versprochen!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach, zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende der „UWFC“

Hütehunde bei der EZB

Von Anna-Luisa-Schlimmbach, Nachwuchsführungskraft der „UWFC“

Anfangs dachte ich ja, jetzt ist er völlig durchgeknallt. Zu den Schafen sollen wir. Und dann noch dieser Schäfer! Richtig unheimlich war mir der. Ich soll das ganze organisieren. Suchen Sie mal in der Einöde vernünftige Unterkünfte. Wir sollen schließlich die zukünftige Elite darstellen. Young High Potentials in der Moorkate! In der angesetzten Besprechung wollte ich ihm diesbezüglich ordentlich die Meinung sagen. Aber daraus wurde dann – wieder einmal – nichts.

Freudestrahlend kam er mir in seinem Büro entgegen. Gerade war die Meldung von der Zinssenkung der EZB über den Ticker gelaufen. „Sehen Sie, Anna-Luisa, ganz wie unter Schafen! Die Herde läuft in die vom Schäfer vorgegebene Richtung, und das nur, weil deren einzelne Mitglieder nicht anders können, als ihrem Instinkt zu gehorchen.“ Ich konnte nur noch verständnislos glotzen, was ein unverschämte Grinsen in seinem Gesicht zur Folge hatte. Mühsam kratzte ich mein Finanzwissen zusammen, um ihm ordentlich Paroli bieten zu können. „Die EZB hat doch konsequent auf die niedrige Inflationsrate in der Eurozone reagiert. Kredite müssen verbilligt werden, um die Wirtschaft anzukurbeln und in Folge die Preise mit der gewünschten Rate von knapp unter 2 Prozent steigen zu lassen.“ Angriffslustig sah ich ihn an. „Was das mit Schafen zu tun haben soll, ist mir schleierhaft.“

Gönnerhaft legte er mir eine Hand auf die Schulter und führte mich zu der Sitzgarnitur im Raum, wo er mich in einen der Ledersessel drückte und mir gegenüber Platz nahm. „Was denken Sie, Anna-Luisa, warum so ein Schäfer sich unermüdlich um seine Herde kümmert?“ Was für eine blöde Frage! Damit es den Schafen gut geht und die Herde wächst und gedeiht. Sein Grinsen bekam etwas Diabolisches und mit leiser Stimme, fast flüsternd, bemerkte er, wie herrlich naiv ich doch sei. Ich wäre tatsächlich noch im Kinderglauben vom „Guten Hirten“ verankert. Noch weiter senkte er seine Stimme, so dass ich mich vorbeugen musste, um ihn überhaupt noch zu verstehen. „Ich sage Ihnen, warum er sich kümmert. Damit er am Ende den Schafen das Fell über die Ohren ziehen kann. Sonst wären doch diese niedlichen Babyfotos nicht möglich. Und stellen Sie sich vor, bis zum Schluss wissen die Schafe nicht, was ihnen blüht. Aber die Köter vom Schäfer, die freuen sich diebisch auf die Schlachtabfälle, die sie aus der Hand ihres Herrn erhalten.“

Ich war mal wieder sprachlos in seiner Gegenwart. Mühsam rang ich nach Fassung und um die richtigen Worte der Erwiderung. Aber je länger ich nachdachte und was das ganze mit der EZB zu tun hat, kamen mir Bilder vom Herrn Draghi in den Sinn. Wie der gute Hirte wirkt der nun wirklich nicht! Und war der nicht mal bei den Kollegen von „Soldman-Sachs“, auch nicht gerade eine Wohltätigkeitsorganisation? Hatte deren Boss Blankfein nicht sogar einmal behauptet, er verrichte Gottes Werk auf Erden? Irgendwie schien Willmehr mir meine Gedanken von der Stirn ablesen zu können. Wieder in normalem Gesprächston lächelte er mich an : „Ich sehe, Sie kommen ganz von alleine darauf, wer der Schäfer und wer dessen Hütehund ist. Sie machen wirklich Fortschritte. Und das Schafseminar hat noch nicht einmal stattgefunden.“

Es ist zum verrückt werden. Immer, wenn ich mir meiner Position sicher bin, bringt er all meine Vorstellungen ins Wanken. Anschließend blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit den Vorbereitungen für dieses „Seminar“ zu befassen. Und über die Zusammenhänge im Finanzsystem haben wir auch noch nichts geschrieben. Aber das kommt. Ganz bestimmt!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach

Zonenfrauen und Alphamännchen

Von Anna-Luisa Schlimmbach (Noch-)Vorstandsassistin UWFC

Ja, Sie lesen richtig! Das „noch“ bezieht sich auf die Tatsache, dass ich demnächst das Projekt „Wahrheit über die Finanzbranche“ leite. Sobald der CEO Zeit hat, will er die entsprechende Abteilung ins Leben rufen und mich mit der Leitung betrauen. Dann hätten wir gleich noch eine Frau in einer Führungsposition, Quote und so, sie verstehen?!

Aber erst einmal ist er, nachdem der konzerneigene Learjet uns in Olbia abgeholt hat, in den Airbus (natürlich auch dem Konzern gehörend) umgestiegen und weiter nach Singapur, wo er sich mit Branchenkollegen trifft. Dort sollen die Gegenmaßnahmen bezüglich eines europäischen Alleinganges in Sachen Transaktionssteuer besprochen werden. Letzter Stand ist sowieso, dass die großen Finanzkonzerne eigene Satelliten ins All schießen wollen, damit die weltweite Kommunikation und alle Transaktionen über eigene Kanäle laufen. Vielleicht können auch die Server, auf denen die Börsengeschäfte abgewickelt werden, im All positioniert werden. Oder gleich auf dem Mond, außerteritorial sozusagen und keiner Steuer unterliegend. Die Politik ist eh mit Merkels Handy beschäftigt. Als ob es wichtig ist, was die ins Telefon sabbelt. Wie sagte Willmehr? „Mein Gott, die kommt aus der Ostzone.,was soll man da erwarten. Die kennt sich doch aus mit Überwachung. Dass aber jetzt auch noch die Staatsratsvorsitzende überwacht wird, damit hat sie wohl nicht gerechnet. Was die wohl glaubt, warum die DDR so ratzfatz verschwunden ist? Im Übrigen haben die Gewählten nichts zu sagen und die das Sagen haben, stehen nicht zur Wahl. Und sollten die Gewählten mal versuchen, etwas wirklich relevantes durchzusetzen, wird ihnen eben der Geldhahn zugedreht. Er halte es da ganz mit Mayer Amschel Rothschild (1744-1812), Gründer der Rothschild-Banken-Dynastie : Gib mir die Kontrolle über das Geld einer Nation und es interessiert mich nicht, wer dessen Gesetze macht.“

Sein Fahrer hat ihm einen Koffer mit frischer Wäsche gebracht und uns, also Judith, ihre Zwillinge und mich, in die Villa am Stadtrand gebracht, wo wir schon vom Hauspersonal erwartet wurden. Sie scheint mich irgendwie unter ihre Fittiche nehmen zu wollen. Diese Arbeit da im Konzern sei doch für eine Frau wie mich auf Dauer nicht das Richtige. Wenn sie schon das Wort „Frauenquote“ höre! Außerdem sei die Quote doch schon bei 100 %. Oder ob ich ihr einen erfolgreichen Mann nennen könne, der außerhalb seiner Arbeit nicht hilflos wie ein kleines Kind sei und der Führung durch eine Frau bedürfe. Wir seien schließlich der Grund dafür, dass die Kerle sich so ins Zeug legten. Was sollten all die kleinen Helden denn anfangen mit Frauen, die selber Karriere machen? Ich solle mir doch nur mal den politischen Betrieb in Berlin ansehen. Eine Frau an der Spitze und keine Männer weit und breit. Aber den Eindruck, ihr liefen permanent Glücksschauer über den Rücken, mache die Merkel auch nicht. Und Kinder habe sie auch keine. Dabei sagt man doch immer, die Ostfrauen seien im Bett besser.  Wahrscheinlich auch nur ein Klischee. Wenn man sich die Bilder der ehemaligen Ostzonenelite ansehe, kämen ihr da erhebliche Zweifel. All diese verkniffen-kleinbürgerlichen Parteibonzen. Mit denen hätten die Ostfrauen wilden Sex haben sollen? Der Sozialismus scheint kein Biotop für Alphamännchen gewesen zu sein. Und seit Merkel gelte das wohl auch für die deutsche Politik, was sich jetzt, im Zuge der Finanzkrise, in ganz Europa auszubreiten scheine. Sarkozy sei schon weg und der Berlusconi nun auch. In Frankreich ist gerade die nächste Frau auf dem Weg an die Spitze. Die Wirtschaft scheine das letzte Refugium der Männer zu sein. Wenn da jetzt auch noch die Frauen nach oben drängen, dann gute Nacht!

In mir keimt mehr und mehr der Verdacht, dass die Wahrheit über das Finanzsystem gar nicht in den technischen und juristischen Aspekten des Gewerbes zu finden ist, sondern in den emotionalen Zuständen der Menschen. Vielleicht sollte ich ein paar Hirnforscher in den zu gründenden Arbeitskreis berufen. Bis 2008 hat man in den Banken ja mehr auf Physiker und Informatiker gesetzt, ich habe aber das Gefühl, dass Leute wie Willmehr und seine Frau irgendwie instinktiv die Ergebnisse der Verhaltensforschung vorweg genommen haben. Mann oh Mann (oder sollte ich als neuernannte Quotenfrau besser Frau oh Frau sagen), dass mit der Wahrheit über das Finanzsystem wird immer komplizierter. Aber ich bleibe dran und werde berichten. Versprochen!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach

 

McDonald’s statt Sex

Von Anna-Luisa Schlimmbach, Vorstandsassistentin „UWFC“

Gestern war ich mit Judith, der Frau vom Chef, zum Shoppen in Olbia, der größten Stadt hier am Rande der Costa Smeralda. Da ich auch einige Kosmetikartikel benötigte, suchten wir das größte Einkaufszentrum der Stadt auf. Betritt man dieses vom Parkplatz kommend, so geht man an einer McDonalds-Filiale vorbei. Mir fiel auf, dass vor dieser die längsten Kundenschlangen in der ganzen Mall standen. Nachdem ich Judith darauf aufmerksam gemacht hatte, bemerkte sie nur, dass sei doch nicht anders zu erwarten. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte herrschte schließlich ein eklatanter Mangel an Zucker, Fett und Salz, weshalb wir eine Gier nach diesen Substanzen entwickelt hätten. Und je weiter unten in der Hierarchie sich die Menschen befunden hätten, desto größer der Mangel und eben die Gier. Dass sei dann halt von Generation zu Generation weiter gegeben worden. Der Mangel sei zwar verschwunden, die Gier, insbesondere in den niederen Schichten, aber noch vorhanden. Anscheinend übertreffe sie sogar den Sexualtrieb, denn immerhin ruinierten diese Menschen mit der ungesunden Ernährung – sofern man bei dem Zeug überhaupt von Ernährung sprechen könne –  ihre Körperproportionen und mithin auch ihre sexuelle Attraktivität. Für die einen seien eben Hamburger da und für die anderen McDonald’s-Aktien. Der Unterschied müsse wohl irgendwie in den unterschiedlichen elektro-chemischen Prozessen im Inneren der Menschen begründet sein. Ob das jetzt genetisch oder erzieherisch bedingt sei, darüber sei sie noch zu keinem endgültigen Urteil gelangt. Aber das sei doch mal ein guter Ansatz für meinen Blogbeitrag zum Finanzsystem. Denn vermutlich sei auch der unterschiedliche Umgang mit Geld und Finanzen auf solche Körperfunktionen zurück zu führen.

Ich war zuerst  sprachlos, aber je mehr ich darüber nachdachte, um so einleuchtender fand ich ihre Ausführungen. Nicht nur, dass diese Leute ihrer Gesundheit schadeten, nein, sie verschwendeten auch noch ihr Geld, dass sie besser zur Tilgung all der Kredite, die sie in der Mehrzahl für allen möglichen unnützen Kram aufgenommen hatten, verwenden sollten. Andererseits profitieren von ihren Krediten , über tausend Umwege verschleiert, natürlich auch Unternehmen wie dasjenige, für das auch ich tätig bin. Nun kommt natürlich oft das Argument, die Menschen seien eben Opfer des ungerechten Systems. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum sie nichts daran ändern. Immerhin stehen viel mehr Menschen bei McDonald’s in der Schlange, als es Aktienbesitzer dieses Konzerns gibt. Und all die Menschen, die ich mittlerweile im Umfeld unseres CEO kennengelernt habe, machten alle nicht den Eindruck, besonders fiese und unfreundliche Vertreter der Menschheit zu sein. Im Gegenteil schienen sie mir im Durchschnitt sogar sympathischer als die Vertreter weniger begüterter Kreise zu sein.

Langsam wird mir klar, warum Judiths Mann die Aufgabe, die ungeschminkte Wahrheit über unser Finanzsystem aufzuschreiben, an mich delegiert hat. So einfach, wie ich mir das im ersten Moment vorgestellt habe, ist die Aufgabe denn doch nicht. Vielleicht bekomme ich den CEO ja so weit, einen Arbeitskreis einzusetzen, um diese Wahrheit zu eruieren. Und sobald die ersten Ergebnisse vorliegen, werde ich sofort darüber hier im Blog berichten. Versprochen!

Ihre Anna-Luisa Schlimmbach

Party für die Partie

Von Anna-Luisa Schlimmbach, Vorstandsassistentin „UWFC“

Mist aber auch! Das hab‘ ich jetzt davon, dass ich mich auf diesen Trip eingelassen habe. Soll was über das Finanzsystem schreiben. Klang aber echt zu gut. „Kommen sie doch einfach mit in unser Haus auf Sardinien. Dann lernen Sie auch gleich meine Frau kennen.“ Und jetzt kenne ich sie. Eigentlich ganz nett. Wie eine große Schwester, vielleicht drei oder vier Jahre älter als ich. Sie war auch mal Vorstandsassistentin bei ihm und hat ihr Karriereproblem auf privatem Wege gelöst. Vermutlich wird sie auch nicht mehr von einer Nachfolgerin abgelöst, immerhin geht er ja schon auf die Sechzig zu, da werden die Männer ruhiger, meinte sie. Ob ich denn auch schon den passenden gefunden hätte? Nein? Na, dann müsse sie halt mal eine Party für mich veranstalten, sozusagen eine Party für die Partie! Irgendetwas werde sich schon finden lassen, aber Zeit würde es langsam, immerhin ginge ich schon auf die Dreißig zu, danach werde es schwierig.

Gestern waren wir mit der Yacht unterwegs, an Bord war auch ein alternder Schauspieler, der in der Nähe wohnt. Ich wollte mich ja eigentlich in die Sonne setzen und an dem Beitrag über das Finanzsystem schreiben. War aber nichts zu machen! Die allgemeine Partystimmung, die Sonne und der Champagner machten konzentriertes Arbeiten unmöglich. Und ich muss zugeben, die Costa Smeralda, bei strahlendem Sonnenschein von Deck einer Yacht betrachtet, ist schon beeindruckend. Jetzt im Oktober seien auch die vielen Touristen wieder weg, und die Einheimischen – damit waren nicht so sehr die Sarden, sondern eher die Zweitwohnsitzbesitzer gemeint – seien unter sich. Viel los ist tatsächlich nicht. Wer hier nicht in ein erweitertes soziales Umfeld eingebunden ist, ist ziemlich isoliert. Aber das sei schließlich Sinn unseres Systems, meint mein Chef. Die Masse der Menschen müsse in einzelne Individuen isoliert werden, damit sie von der Elite, die sich untereinander überall auf der Welt versteht, geführt werden kann. Divide et impera eben! Das sei der wahre Weltgeist, und nicht der Quatsch, von dem diese obskure Engelheilerin im Vorbeitrag geschrieben hat. Im sonnigen Italien könne man das viel deutlicher sehen, als im verregneten Deutschland. Der Operettenkönig unterhält die Menschen durch seinen barocken Lebensstil und sorgt dafür, dass alles im Sinne seiner Kreise geschieht. Ich muss sagen, dass ich noch nie so viele Menschen erlebt habe, für die Geld, Job oder Politik so wenig ein Thema ist, wie im Umfeld meines Chefs. Ich müsste mal darüber nachdenken, ob das daran liegt, weil sie genug Geld haben oder  dass sie genug Geld haben, weil sie sich nicht die Gedanken machen, von denen die meisten Menschen beherrscht werden.

Jetzt geht es mir wie Herrn Willmehr, ich sollte doch die ungeschminkte Wahrheit über das Finanzsystem beschreiben. Schließlich stehe er bei diesen Blogbetreibern im Wort. Wer weiß, was das für Leute sind? Wahrscheinlich aus dem persönlichen Umfeld der Familie Willmehr. Vielleicht solche, wie diese amerikanischen Internetmilliadäre, die jetzt angeblich den investigativen Journalismus mit ihrem Geld retten wollen. Wenn die so sind, wie die Leute, die ich hier gerade kennen lerne, hat die breite Masse jedenfalls nicht all zuviel davon zu erwarten.

Ich verkrieche mich jedenfalls heute Abend auf mein Zimmer und schreibe über das Finanzsystem, hab‘ schließlich den Auftrag vom CEO. Mehr dann demnächst in diesem Blog. Versprochen!

Anna-Luisa Schlimmbach