Malbücher von Witwe Clausen

Nein, ich kann und will mich nicht beruhigen. Neue Trends verpassen! Das kann meine Tochter jemandem erzählen, der wirklich schon jenseits von Gut und Böse ist. Bringt die mir doch glatt Malbücher und Buntsstifte zum Ausmalen mit und versichert mir, dass würde meiner Entspannung dienen. So unentspannt war ich noch nie, das können Sie mir glauben. Alle Welt würde jetzt diesem kontemplativen Hobby frönen, wollte sie mir doch glatt weismachen. Sie selbst wäre davon so sehr fasziniert, dass sie zu gar nichts anderem mehr käme. Dafür haben mein Friedrich und ich sie nicht auf das Gymnasium geschickt und sie auch noch studieren lassen, dass sie sich auf Kindertagestättenniveau die Zeit vertreibt. Und jetzt will sie mir diese Deppentätigkeit auch noch nahebringen! Als hätte ich mit meiner verbliebenen Lebenszeit nichts Sinnvolleres zu tun. Nein, auf den Arm nehmen kann ich mich selber! Noch völlig aufgebracht rief ich Marlene an. Wenn eine weiß, was im Moment Sache ist, dann sie! Weiterlesen

Alter von Witwe Clausen

Marlene besuchte mich gestern. Sie ist eine langjährige Freundin von mir und mit ihren 79 Jahren ist sie genau zwei Jahre älter als ich. Marlene will ihr Leben von Grund auf ändern. Schritt eins: Das Gewicht erreichen, das schon zu Teenagerzeiten ihr nie erreichtes Zielgewicht war. »Vielleicht«, so teilte sie mir auch noch mit, »schaue ich mich, wenn ich meine Traummaße erreicht habe, auch noch nach meinem Traummann um!« Ich war sprachlos. »Schau dich an«, deutete sie mit dem Finger auf mich. »Du lässt dich eindeutig gehen. Noch nie was von den jungen Alten gehört? Diese Klodderklamotten, die du immer trägst. Wann bist du eigentlich das letzte Mal geschminkt aus dem Haus gegangen? So kriegst du keinen Kerl ab, soviel steht fest. Nein, du bist viel zu jung, um das Rennen bereits aufzugeben. Die Konkurrenz schläft nicht und du hast doch nicht etwa vor, die beste Zeit deines Lebens vergammeln zu wollen?« Da ich genau dies vorhabe, enthielt ich mich eines Kommentars. Weiterlesen

Advent von Witwe Clausen

Gestern Abend klingelte jemand bei mir Sturm. »Wer mag das sein?«, fragte ich mich und stürzte zu Tür. Durch die Glasscheibe erkannte ich Gisela, meine Nachbarin, die nervös von einem Bein auf das andere tänzelte. Kaum, dass ich geöffnet hatte, stürmte sie auch schon an mir vorbei und steuerte meine Küche an. »Ich brauche etwas Hochprozentiges! Was ist mit unserem Weihnachtsmarkt? Geht man da hin, geht man da nicht hin? Was ist mit den Enkelkindern? Nimmt man sie mit? Nimmt man sie nicht mit? Ich meine, um uns ist es ja nicht mehr schade, aber unsere Jugend! Die hat doch das Leben noch vor sich!« Was war hier los? Ich schloss meine Haustür und folgte der Tobenden. »Man ist doch seines Lebens nicht mehr sicher! Hast du gehört, was unser Innenminister mit dem Franznamen gesagt hat? Wenn er die Fragen zur Sicherheit beantworten würde, wären wir noch mehr verunsichert. Da ist doch was im Busch!« Allmählich dämmerte es mir, dass es um die Anschläge von Paris ging. Weiterlesen

Jungbrunnen von Witwe Clausen

Manchmal kann ich nicht widerstehen. In Apotheken und Drogeriemärkten stehe ich vor den Heilsverkündern ewiger Jugend und ich erwische mich dabei, wie eins dieser Wunderprodukte, allein durch mein Unterbewusstsein gesteuert, in meinen Einkaufskorb wandert. Zu meinem Glück komme ich auf dem Weg zur Kasse meist wieder zu Verstand, kehre um und lege die überteuerten Betrugsmittelchen ins Regal zurück. Ich denke dann an meine Urgroßmutter, die sich, wie sie wortwörtlich betonte, so eine Scheiße noch nie ins Gesicht, geschweige denn auf die Haare klatschte. Trotzdem sah sie mit ihren vierundneunzig Jahren nicht aus, wie ein, seit langem verschrumpelter Pfirsich, sondern bewahrte sich bis ins hohe Alter eine Jugendfrische, die allein ihren Genen und ihrem Geist zu danken war. Darf man eigentlich noch in Würde altern? Weiterlesen

Duisburg von Witwe Clausen

Wenn mein Friedrich das mit den Flüchtlingen noch mitgekriegt hätte, ihn hätte glatt der Schlag getroffen, wenn er ihn nicht schon unlängst ereilt hätte. Da wir mitten im Ruhrpott wohnen, regte er sich regelmäßig über unsere Innenstadt auf, die zunehmend zu Klein Istanbul wurde, wie er sich auszudrücken pflegte. »Demnächst rennst du auch hier mit Schleier rum, das gebe ich dir schriftlich, sonst hauen dir die Paselacken was vor die Mappe!« Und wenn er die Berichte über Duisburg mitbekommen hätte, ein Herzinfarkt plus Schlaganfall wäre das Mindeste gewesen. Er hatte aber auch ein aufbrausendes Gemüt, mein Friedrich und ich gönne es ihm von Herzen, dass ihm die muslimische Völkerwanderung unserer Tage erspart bleibt. Ja, was soll man dazu sagen? Wie mein Verflossener so richtig voraussagte, komme ich mir in unserem Stadtteil ohne angemessene Kopfbedeckung irgendwie nackt vor. Weiterlesen

Wortwahl von Witwe Clausen

Da muss man so alt werden wie ich, um zu lernen, dass man sein Leben lang falsch mit sich sprach. Auf die Wortwahl kommt es an, teilte mir der populärpsychologische Artikel in einer Frauenzeitschrift beim Friseur mit. Da sagte ich ständig zu mir, ich müsse noch dieses und jenes erledigen, anstatt dieses »muss« durch ein »kann« oder »will« zu ersetzen. Ich will dieses und jenes noch tun, gibt mir meine Freiheit wieder. Ich werde nicht vom Zwang getrieben. Noch besser wird es beim »kann«. Ich kann es tun; ich kann es aber auch lassen. Natürlich darf man nicht zu unbedarft mit diesem Worttausch umgehen. Schließlich ist es höflicher bei einer ungebetenen Einladung zu sagen, dass man nicht kommen könne, als zu betonen, dass man nicht kommen wolle. Zu sich darf man aber ruhig ehrlich sein. Ich kann nicht, bedeutet eben schlichtweg: Ich will nicht!

Aus einem: Ich kann jetzt gerade nicht, wird: Ich will im Prinzip überhaupt nicht. Ich kann mich jetzt nicht mit dir unterhalten. Geben Sie diesem Satz einmal die richtige Bedeutung und Ihre Perspektive auf alles verändert sich. Nennen Sie das Kind beim Namen wenigstens still im Kopf und ihre Welt stellt sich auf denselben!

»Mögen« ist auch so ein Larifariwort, das nicht ausdrückt, was man eigentlich meint. Sagen Sie nicht: Ich mag nicht, sondern: Ich hasse es! Geben Sie jedem Gefühl das ehrliche, klare Wort und Sie wissen wieder, was Sie fühlen!

Ich probierte es gleich aus. Ich hasse es, beim Friseur zu sitzen und dämliche Frauenzeitschriften zu lesen. Ich will mir die Haare nicht waschen und legen lassen. Nur damit meine Umgebung nicht findet, ich würde mich vernachlässigen. Friseurbesuche gehen mir gehörig gegen den Strich! Also sprach ich und ging unonduliert zum Friedhof, um meinem Friedrich gehörig den Marsch zu blasen.

 

Vatertag von Witwe Clausen

Klischees besitzen nun einmal die Eigenschaften, dass sie mehrere Körnchen Wahrheit enthalten. Nehmen wir zum Beispiel die »Elternfeiertage«. Am Muttertag wird Mama zumeist überfallartig dazu gebracht, ihren Ehrentag im Kreise der gesamten Familie zu verbringen, als wäre es für sie das höchste der Gefühle. Und was macht Papa am Vatertag? Er will seine Ruhe! So wie mein Friedrich. Im Kreise seiner Kumpels zog er feuchtfröhlich durch die Landschaft, gerade so, als hätte er Kinder und Kindeskinder das ganze Jahr über am Hals. Dabei sollten, möchte man meinen, Mutter- und Vatertag dazu dienen, etwas zu bieten, für das man ansonsten keine Zeit findet. Man schleppt also die Väter in den Kreis der Familie und lässt die Mütter in aller Ruhe ihre Kreise ziehen. Weiterlesen

Manöver von Witwe Clausen

Wenn Putin und die Nato meine Enkel wären, würde ich sie auf die »stille Treppe« verweisen. Nun gut, Putin hat das Schäufelchen Krim entgegen dem Völkerrecht an sich gerissen, aber die Nato tut jetzt so, als wolle er den ganzen Sandkasten erobern. Jetzt fahren beide Seiten im Schwarzen Meer auf, was das Militär nur hergibt, um Präsenz, Macht und Stärke unter Beweis zu stellen. Den Nato-Generälen geht sichtlich »einer ab«, haben sie doch jetzt wieder ein eindeutiges Feindbild. Hurra, der kalte Krieg erlebt seine Renaissance. Weiterlesen

Leben von Witwe Clausen

Frei Otto ist tot. Ein Name, der mir bislang nichts sagte, bis ich in den Nachrichten erfuhr, dass er für die Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiastadions verantwortlich war. Posthum soll ihm jetzt der Pritzker-Preis für Architektur verliehen werden. Der Preis sagt mir auch nichts, soll aber so etwas wie der Nobelpreis für Architekten sein. Der original Nobelpreis wird nie posthum vergeben, was mir sehr sinnvoll erscheint, denn was hat ein toter Preisträger von nachträglichen Ehren? Was haben all die Dichter, Denker, Komponisten und Maler, die zu ihren Lebzeiten verachtet wurden, davon, dass ihre Namen noch immer in aller Munde sind? Dass ihre Werke immer noch gespielt, zitiert oder zu Phantastimillionen auf dem Kunstmarkt versteigert werden? Weiterlesen

Detox von Witwe Clausen

Eigentlich gehe ich nur zum Frisör, um mal in aller Ausführlichkeit diese Prominentenblättchen zu lesen. Selbst in meinem Alter will man wissen, welcher Blödsinn wieder aus Amerika herüberschwappt. Mein Friedrich konnte das nicht verstehen. Wenn über eine Hollywoodhochzeit im Fernsehen berichtet wurde, sagte er stets: »Die könnten alle hier nackt über mein Grundstück laufen; ich würde nicht ans Fenster gehen! Höchstens die Polizei würde ich rufen, damit die alle dahinkommen, wo sie hingehören, in die Klappse! « Nun, ich wollte immer wissen, was so in der Welt der Schönen und Reichen passiert, denn was hätte ich sonst auf dem nächsten Kaffeekränzchen mitzureden? Gestern, während meiner neuen Dauerwelle, las ich über Detox, was so viel wie Entgiftung heißt. Weiterlesen