Genialität

Heute möchte ich den Blog einem Thema widmen, mit dem sich bereits mehrere meiner Texte beschäftigten: Staub! Die schräg stehenden herbstlichen Sonnenstrahlen mit ihrem ungünstigen Einfallswinkel lassen komplette Galaxien – was rede ich – ganze Universen dieser aus kleinsten und allerkleinsten Teilchen bestehenden Materie aufleuchten. Manchmal setze ich mich mitten im Wohnzimmer auf einen Stuhl und beobachte das Treiben. Nichts bringt einem die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns näher. Gelegentlich erhebe ich mich dann, lasse unter Mithilfe meines Zeigefingers kalligrafische Schnörkel auf der Klappe des Klaviers, das unter der Bezeichnung »hochglänzend schwarz« erworben wurde, entstehen und gerate dabei in einen zen-mäßigen Flow. Meistens kommt mir dabei das Kinderlied »Weißt du wie viel Sternlein stehen« in den Sinn. Wahrscheinlich weil in dem Lied nur Gott dem Herrn zugestanden wird, die Unermesslichkeit im Auge und in der Hand halten zu können. So gesehen wäre es eine Anmaßung meinerseits das Klavier zu polieren und zu meinen, damit einen endgültigen Zustand geschaffen zu haben. Aufräumen und Saubermachen lohnen sich nur, wenn ein chaotischer Vorgang beendet ist. Wer käme jemals auf die Idee, während eines Erdbebens mit dem Wegräumen der Trümmer zu beginnen? Nur die Ruhe nach dem Sturm ermöglicht es, die Ordnung wieder herzustellen. Außerdem las ich erst unlängst, dass nur Los- und Zulassen den menschlichen Geist befreit. Das Zulassen der Staubschicht auf dem Klavier wäre demnach der erste Schritt auf meinem Weg zu ungeahnten geistigen Höhenflügen. Bahnbrechende philosophische Erkenntnisse wären bis heute nicht erfolgt, hätten sich geniale Denker einzig und allein dem Staubwischen gewidmet! Es ist doch gerade existenziell für einen Philosophen, sich über die Banalität des Alltags zu erheben und sich dem Großen und Ganzen zu widmen. Dem im Denken gefangenen Menschen fiele ein verstaubtes Klavier noch nicht einmal auf! Hier muss ich unbedingt noch an mir arbeiten, denn solange sich mein Blick in Unwichtigkeiten verfängt, komme ich meiner eigentlichen Bestimmung als Homo sapiens (!) nicht nach. Wenn mein Göttergatte anzügliche Bemerkungen über das kalligrafisch verzierte Instrument macht, ist dies doch nur ein Beweis dafür, dass auch er noch meilenweit vom wahren Erkenntnisgewinn entfernt ist. Und wenn meine Mutter zu Besuch ist und als erste Amtshandlung mit vorwurfsvollem Blick zum Staubtuch greift, steht auch sie nicht weit genug über den Dingen. Wenn ich an den chaotischen Urzustand denke, in dem sich die Zimmer meiner Töchter immer befanden, als die beiden noch bei uns wohnten, wird mir erst heute klar, dass dies womöglich ein Zeichen abgehobener Genialität war, deren Entfaltung ich mit meinen Vorhaltungen im Wege stand. Ist der Menschheit die Weltformel entgangen, weil ich auf halbwegs grober Ordnung bestand? Dabei formulierte bereits »Karlsson vom Dach«, einer der führenden Philosophen unserer Zeit, die denkwürdige Frage: »Was stört es einen großen Geist?« Wie konnten mir diese inhaltsschweren Worte, denen ich bereits als Kind anhing, so mir nichts dir nichts verloren gehen? Staubwischen ist etwas für Kleingeister, so sieht es doch aus!

Belohnung

Manchmal komme ich mir vor, wie ein gut dressiertes Hündchen. In einer Endlosschleife wiederhole ich die Kunststückchen, für die es einmal eine Belohnung gab. Kleider, die mir ein Kompliment verschafften, werfe ich niemals weg. Gerichte, die gelobt wurden, koche ich gern und oft. Äußerte sich ein Besucher positiv über den Ordnungszustand meiner Wohnung, sorge ich dafür, dass vor seinem nächsten Besuch alles wieder an Ort und Stelle ist. Gelte ich irgendwo als aufmerksamer Zuhörer, schweige ich mich dort aus und jede Anerkennung über meine Figur, verunmöglicht mir den hemmungslosen Genuss. Woran liegt das? Jetzt könnte ich natürlich mit dem dopaminergen Belohnungssystem argumentieren und mich mit meiner Hirnchemie exkulpieren. Aber letztendlich vermeine ich doch mehr zu sein als eine konditionierte Laborratte. Oder etwa nicht? Natürlich ist positiv zu vermelden, dass ich überhaupt in der Lage bin, über diesen Sachverhalt nachzudenken. Eine Fähigkeit, die ich Hunden und Ratten abspreche. Meine Hirnrinde sollte jedenfalls über einem simplen Reiz-Reaktions-Schema stehen, bilde ich mir ein. Heutzutage wird ja gerne von »Triggern« geredet, die automatisiertes Handeln auslösen. Was nichts anderes heißt, als dass man bei wem auch immer nur auf den richtigen Knopf drücken muss, um ihn in eine bestimmte Richtung zu bringen. Und wenn ich jetzt die Anzahl von Cookies und Pop ups bedenke, die sich uns permanent aufdrängen und uns zuzurufen scheinen, dass wir uns endlich belohnen sollten, haben ganze Geschäftszweige schon lange Wind davon bekommen und die Sache mit den Pawlowschen Hunden dezidiert studiert. Von überall her hallt uns ein impertinentes »Kauf mich« entgegen, und uns läuft der konditionierte Geifer aus dem Mund. Wer hat da wann und wo etwas verbockt? Es gab doch mal die Zeit, in der wir als Kinder lieber mit dem Verpackungsmaterial spielten als mit den Geschenken. Als Phantasie ganze Welten erschuf. Wer und was wir uns vorstellten zu sein, das waren wir auch. Die Belohnungssysteme setzten wir allein aus uns heraus in Gang. Ja schön ich weiß auch, dass man aus dem Leben kein Wolkenkuckucksheim machen kann, aber ist die endlose Jagd nach dem nächsten Kick oder Kauf so unendlich viel besser? Warum steht »einfache Wege zum Glück« auf keinem Lehrplan? Weil der aus sich heraus glückliche Mensch sich jeder aufoktroyierten Leistung entzieht. Brav sein wird honoriert und der Rest bekommt Ritalin! Damit wir auch in Zukunft noch »Männchen machen«!

Besitz

Meine Wohnung quillt über von Gegenständen, die mir auf Flohmärkten oder in diversen Dekorationsläden ein imperatives »Kauf mich« zuriefen. Der Erwerb der Objekte brachte kurzfristig das Dopaminbelohnungssystem zum Tanzen. Vom nachhause tragen der ersehnten »Kostbarkeit« bis zum Aufstellen derselben am prädestinierten Ort; mich erfüllte ein Gefühl, das einem sexuellen Höhepunkt an Intensität gleichkam und an Dauer eindeutig übertraf. Bis zum bösen Erwachen, denn sofort nach dem Aufstellen drängte sich mir der Gedanke auf, dass jetzt ein weiterer Staubfänger auf Säuberung harrt. Des Weiteren kam hinzu, dass ich, um für den Neuerwerb Platz zu schaffen, ein altes Dekoteil, das damals ebenso dringend erworben werden wollte, in den Keller räumen musste, wo mir zahllose Gegenstände gleicher Art begegneten. Was mir den gefühlsmäßig gewaltigen Unterschied zwischen Erwerb und Besitz vor Augen führte. Erwerben kommt dem Himmel gleich, besitzen der Hölle. Es sei denn, man ist so reich, dass sich zahllose Bedienstete um das materielle Gut kümmern; aber wer von uns ist schon in so einer Situation? Was man hat, das hat einen! Wie konnte ich diesen Gedanken, der mich jedes Mal überfällt, wenn ich meine Lebenszeit der Pflege toter Gegenstände widme, einmal mehr verdrängen? Tausend mal beschließe ich mich auf das puristisch Notwendige zu beschränken, und eben so oft werfe ich diesen Vorsatz über Bord. Ich habe meine Belohnungssysteme eindeutig nicht im Griff. Dabei ist der Anblick eines leeren Regals, das zum Nachdenken anregt, viel wohltuender als der Anblick eines Überquellenden, das nach sofortiger Aktion schreit. Und, was ist befriedigender als eine gründliche Entrümpelung? Wenn doch das wahre Glück im Verzicht liegt; warum halte ich mich nicht daran? Wobei mir gerade einfällt, dass mir kein Märchen so sehr gegen den Strich ging, wie das vom »Hans im Glück«. Es war mir nicht einsichtig wie man einen Goldklumpen wertmäßig immer weiter heruntertauschen kann, bis man gar nichts mehr besitzt. Heute weiß ich, dass das Glück eben in der Freiheit bestand. Was man nicht besitzt, darum muss man sich keinen Kopf machen. Ich glaube, wenn ich mein Haus nach dem Kriterium »entbehrlich« durchforste, bleibt nicht mehr sehr viel übrig. Nur, in welche Kategorie fällt dann mein Mann?

BVB

Warum heute Morgen im MoMa in Bezug auf den Bombenanschlag auf den BVB ein Terrorismusexperte zu Wort kam, ist mir schleierhaft. Es hätte doch eher ein Kapitalismusexperte sein müssen. Da hat tatsächlich einer auf fallende Aktien des Dortmunder Vereins gewettet und sich gedacht, es wäre günstig, dafür große Teile der Stammmannschaft aus dem Spiel zu nehmen. Tatmotiv: Gier! Demnach Kapitalismus in Reinform, wenn man so will. Wenn Finanzjongleure die Bevölkerung kompletter Kontinente durch wilde Spekulationen über die Klinge springen lassen, ist dies kaum der Rede wert, denn es gehört eben zum System. Aber ein Angriff auf den Fußball geht gar nicht. Dabei führte dieser Spekulant im Kleinen mal eben vor, was im Großen Tag für Tag zum Geschäft gehört. Es kann mir keiner sagen, dass im globalen Finanzmarkt Opfer nicht billigend in Kauf genommen werden. Kollateralschäden des Börsenhandels. Alles eine große Wette: auf Waffen, Nahrungsmittel und Rohstoffe. Unstillbare Gier auf der Suche nach dem großen Jackpot, und wer auf der Strecke bleibt, ist selber schuld. Eltern wetten auf ihre Kinder, indem sie die Sprösslinge den Bildungsweg nach oben zwingen, denn schließlich soll es der Nachwuchs einmal besser haben. Wobei besser immer ein mehr an Kapital bedeutet. Demnach müsste es den Superreichen am allerbesten gehen. Aber selbst im exklusivsten Jachthafen regt sich der Neid, wenn der Nachbar das größere Boot besitzt. Und wenn man noch so strampelt, die Rechnung Geld=Glück geht nie auf, und die Frage nach einem »genug« können auch nur die wenigsten beantworten. Außerdem macht Reichtum nur durch den Vergleich Spaß. Ohne Beachtung ist auch der schillernde Brillant nicht mehr als gepresster Kohlenstoff und Gold ein Metall, das physikalisch keinen erwähnenswerten Nutzen erzielt. Wertvoll ist in diesem Sinne nur etwas, dem ein Wert zugesprochen wird. Mich würde interessieren, was passierte, wenn sich jeder nur mit dem zufriedengäbe, was er wirklich braucht und seine Befriedigung aus dem Sein und nicht aus dem Haben zöge. Wenn wir kleinen Arbeitsbienen sobald wir genug zu essen und zu trinken haben, nicht weiter nach unerreichbaren Honigtöpfen strebten und einfach in den Tag hinein lebten. Den Börsencrash möchte ich einmal erleben!

Guide Michelin

Um drei Sterne im Guide Michelin zu erhalten, muss man schon reichlich Firlefanz betreiben. Gestern bekam ich im Fernsehen einen Einblick in die Küche eines derartigen Dekadenztempels. Da wurde an die Spargelstangen ein Zentimetermaß angelegt, um sie auf eine exakte Länge zu bringen. Einzelne Kresseblättchen wurden mit Hilfe einer feinmechanischen Pinzette auf irgendwelche teelöffelgroßen Pürees platziert, die praktisch mit einem Gabelstrich im Mund verschwinden würden. Nun kann es mir ja ziemlich egal sein, wenn es solche Idioten gibt, die für ein Menü, von dem nur das Auge satt wird, locker dreihundert Euro hinblättern. Beunruhigend fand ich nur, dass mein Mann sich diesen Ausflug in die Haute Cuisine mit mir zusammen ansah. Ich vermeinte auch den einen oder anderen missbilligenden Blick im Sinne von »so macht man das« auf mir zu spüren. Er ist ein Fan von Kochsendungen und, je komplizierter das Rezept umso größer sein Drang, es selber einmal auszuprobieren. Da werden Paprikaschoten im Backofen vor gegrillt, um die lästige Außenhaut zu entfernen, die er bislang problemlos mitaß. Alles, was nicht bei drei im Rohzustand in meinem Mund verschwindet, wird karamellisiert, flambiert, gedämpft oder gedünstet und dergleichen Unsinn mehr. Bereits pulverisierte Fertiggewürze gehen schon gleich gar nicht. Nein, es muss die ganze Muskatnuss, das ganze Pfefferkorn sein! Da erleichtert es einem die Lebensmittelindustrie so weit, dass jeder Kochvorgang in zwanzig Minuten erledigt ist, aber mein Gatte macht daraus eine mehrstündige Performance, die reichlich bewundert und gelobt sein will. Hinterher sind sämtliche Geschirrschränke leer, weil ja jede Zutat ihr eigenes Behältnis braucht, um frei vor sich hin atmen zu können, und ich schau mich während seiner Schaffensperiode im Internet schon mal nach neuen Einbauküchen um, weil die Alte nicht mehr zu restaurieren scheint. Ich bin ja ein Fan von Fertiggerichten, da mir das lästige tägliche Kochen obliegt. Warum eine so schweiß- und pulstreibende Tätigkeit wie das Schnipseln ausführen, wenn es Gläser, Dosen und Gefrierprodukte gibt? Noch lieber wären mir Drinks, die man nur anrührt, dreimal täglich zu sich nimmt und voilà!, man ist satt und der Körper ist mit allem versorgt. Da muss die Industrie dringend dran arbeiten, finde ich. Aber ich war ja bei den drei-sternigen Gourmettempeln. Ich persönlich würde sie mit Großleinwänden ausstatten, auf denen Filme über Hungersnotgebiete gezeigt werden. Vielleicht ist es an der Zeit den Guide Michelin durch den Guide African zu ersetzen.

Status quo

Der Mensch ist ein unruhiger Geist. Selbst wenn etwas bewährt ist, kann er es nicht dabei belassen. Ohne Pläne, die ihm nächtlich den Schlaf rauben, scheint er nicht ausgelastet. Ungefähr so, als würde Diogenes wegen eines Splitters von Tonne zu Tonne hüpfen. Oder wie Schopenhauer sinngemäß bemerkt, dass bei Abwesenheit von großen Sorgen, den Menschen die kleinsten Kleinigkeiten auf die Palme bringen. Fragt man irgendjemanden nach seinem größten Wunsch, steht an erster Stelle die Gesundheit. Ist er aber gesund regt er sich von der Tapete angefangen über alles und jeden auf. Ich habe noch keinen gesehen, der im Stau stand und ein glückseliges Lächeln zur Schau trug, weil seine Blutwerte in Ordnung sind. Keiner vor einer Schalterschlange erfreut sich daran, dass er auf zwei gesunden Beinen steht, weil er Stillstand nicht erträgt. Immer muss irgendwas passieren und, wenn wie die meiste Zeit in unserem Leben eben nichts passiert, sorgen wir schon dafür, dass etwas in Gang kommt. Hier bietet sich zunächst an, den Mitmenschen einmal gründlich auf die Nerven zu gehen. Man kann mühelos seinen Hausarzt wegen eingebildeter Wehwehchen belästigen, seinen Nachbarn wegen des grenzwertigen Standes eines Baumes verklagen, am Partner herum kritteln, weil der nicht so will, wie man es selber gerne hätte und, wer Kinder hat, dem gehen die Klagen in Grunde genommen nie aus. Da werden gestandene Lehrer belehrt und ausgebildete Erzieherinnen im Sinne der Eltern erzogen. Jeder, der mit sich, seinem Tun und der Welt zufrieden scheint, ist per Se verdächtig und muss aus seiner Seelenruhe katapultiert werden. Was ist aus dem guten alten »Leben und leben lassen« geworden? Der moderne Mensch verfügt über so viel Freizeit wie keine Generation vor ihm. Das verursacht natürlich Langeweile und anstatt das Beste gegen Langeweile zu tun, nämlich überhaupt nichts, wird so lange darüber nachgedacht, bis man etwas gefunden hat, was einem gegen den Strich geht. Und wer seine Mitmenschen nicht direkt beschimpfen kann, tut es halt über das Internet. Eine der größten Errungenschaften der Kultur ist in meinen Augen der Respekt vor dem anderen und dessen anders sein. Aber da Unterschiede schwer auszuhalten sind wird zurecht geprügelt, bis wir gleiche unter Gleichen sind. Wie langweilig! Mal sehen, wann dem Ersten dieser Zustand auf den Geist geht.

Wu Wei

Dies bezeichnen die Chinesen als glückseligen Zustand. Es geht dabei darum, Dinge zu tun, die getan werden müssen, ohne sich groß darüber zu erregen. Ein Flow, der bei Notwendigkeiten entsteht. Da werden keine großen Kunstwerke erschaffen, Weltliteratur geschrieben oder politische Entscheidungen in Gang gesetzt. Nein es geht um alltägliche Dinge wie Bügeln. Wenn ich dieses Hemd schon glätten muss, dann sollte ich daran gehen so zu tun als würde ich durch meine Arbeit etwas für die Ewigkeit erschaffen. Dass ich dieses Hemd in spätestens einer Woche wieder auf dem Bügelbrett liegen habe, tut nichts zur Sache. Meditatives Tun, wenn man so will. Natürlich ist es nervig, etwas zum Xten mal erledigen zu müssen. Da gibt es keine Ausnahmen. Ob es der Arzt ist, der dem uneinsichtigen Diabetiker in endloser Wiederholung die schädlichen Auswirkungen seiner Lebensweise erklärt, oder die Toilettenfrau in einem öffentlichen Klo.. Beide Tätigkeiten sind vom selben dauerhaften Erfolg gekrönt, nämlich gar keinem. Nun scheint es dem Menschen in die Wiege gelegt, sich als selbstwirksam empfinden zu wollen. Dem stehen aber Sach- und Personenzwänge entgegen. Es sei denn man heißt Michelangelo oder Goethe. Selbst die haben, wenn man es genau nimmt, überhaupt nichts davon, dass ihre Werke sie überlebten. Posthumer Ruhm mag zwar zu ewigem Grinsen im Grab führen, aber Totenschädel grinsen letztendlich alle. Für Michelangelo macht es keinen Unterschied, ob er den David erschuf oder seine Hemden ordentlich bügelte. Was er übrigens nicht tat. Er kam wochenlang nicht aus seiner Kleidung heraus. Nun könnte es ja sein, wenn mein Mann es ihm gleich täte, dass unser Garten einem von mir gestaltetem Skulpturenpark gliche. Was mir, ehrlich gesagt, zu viel Aufwand wäre. Da bügele ich doch lieber und gleiche damit den Künstlern, die Eis- oder Sandskulpturen kreieren, um uns die Vergänglichkeit alles Tuns vor Augen zu führen. Wie heißt es doch so schön: In tausend Jahren kräht kein Hahn danach, wie du deinen heutigen Tag verbracht hast.

Sapere aude

»Wage es, weise zu sein!«, forderten die alten Griechen auf. »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«, übersetze Kant Jahrhunderte später. Im Sinne dieser Aufforderungen verstehe ich die unendlich anwachsende Ratgeberliteratur nicht. Sind wir alle samt und sonders so verblödet, dass wir angefangen bei so einfachen Dingen wie Essen, Trinken und Schlafen über den Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen nicht mehr wissen, wie das geht? Nun ja, wer kennt das nicht? Da hat man sich gerade in aller Einsamkeit sein Weltbild erdacht und schwupps, kommt einer durch die Haustür, macht den Mund auf, entlässt einige Sprechblasen und schon hat man wieder Baustelle im Kopf. Das hört mir jetzt auf! Außer unwiderlegbaren Fakten lasse ich nichts mehr gelten. Was zum Henker geht meinen Nachbarn der Erziehungszustand meiner Hunde an? Er ist einer Meinung, ich hingegen einer anderen, und es ist nicht die Mühe wert, dies auszudiskutieren. Meistens bin ich mit mir und der Welt zufrieden, aber ich kann mich darauf verlassen, dass irgendein Weltverbesserer daherkommt und ungefragt seinen Senf zu Fragen, die ihn nichts angehen, dazu gibt. Warum ich was, wann und wo so und nicht anders mache bewegt Köpfe, die längst schon einmal vor ihrer eigenen Tür hätten fegen müssen. Aber ich war ja noch bei den Ratgebern. Ich lasse mich gerne belehren, was Koch- und Backrezepte angeht, aber in der allgemeinen Lebensführung klugscheißern viel zu viele selbsternannte Experten herum. Selbst der Ordnungszustand des eigenen Hauses ist vor diesen Besserwissern nicht sicher. Wie und wann und wo die Kinder zu erziehen sind, was man wie und wann und wo an Bewegung und Sex braucht, wie und wann und wo Gespräche mit dem Partner zu führen sind, wie und wann und wo man seine Freizeit zu gestalten hat, wen zum Henker geht dies etwas an? Mit jedem Ratgeber wächst die Verunsicherung über die eigene Lebensführung. Wer es ganz auf die Spitze treiben will, nimmt sich einen Coach, der einem auch noch den letzten Rest der Persönlichkeit austreibt. Dabei besitzen wir ein unschlagbares Zauberwort. Es lautet: Warum? Flechten Sie mal nach jedem Satz eines sogenannten Fachmannes dieses Wörtchen ein. Kinder besitzen diese Fähigkeit ganz automatisch. Ich sage Ihnen nach dem dritten »Ja weil« ergreift ihr Ratgeber die Flucht.

Wertigkeiten

Bei der Pflege meines Parkettbodens im Wohnzimmer kalkuliere ich im Stundenbereich. Geht es hingegen um die freundliche Zuwendung an Haut und Haar, muss alles in Minutenschnelle erledigt sein. Hier herrscht ein offensichtliches Missverhältnis. Schließlich geht mein Parkettboden niemals vor die Tür und ist nur selten fremden Augen ausgesetzt. Ich könnte natürlich ständig ein Foto der glänzend polierten Oberfläche mit mir herumtragen und es bei verwunderten Blicken in mein faltiges, fleckiges Antlitz hochhalten, damit die Leute sehen, dass ich sehr wohl in der Lage bin, intensiv pflegerische Maßnahmen zu ergreifen. Wenn die Kloschüssel heller erstrahlt als die eigenen Zähne, ist es an der Zeit, umzudenken. Mein Körper würde es mir danken, wenn ich mich mehr um ihn kümmerte; ein Möbelstück hingegen bedankte sich noch nie bei mir. Das gleiche Prinzip gilt, wenn ein Schmerbauch hinter dem Steuer eines blitzblank polierten Autos eingeklemmt sitzt. Der Wagen Top in Schuss, der Typ darin schusselig bis zur Grenze des erträglichen. Wir scheinen Dinge mehr zu achten als unsere eigene Person und messen toten Gegenständen mehr Wert zu als uns selbst. Nach dem Motto: ich besitze, also bin ich. Vielleicht strahlt ja die Schönheit all der Dinge, die ich mein eigen nenne, ein wenig auf mich ab.

Ursula v.d. Leyen

»Man muss den Mut haben, Politik mehr zu erklären, … in Hauptsätzen.« Ursula v.d. Leyen. Wie arrogant geht es noch? Ist das Volk nicht in der Lage, auch dem einfachsten Nebensatz zu folgen? Seitdem ich gestern in »Hart aber fair« dieses unsägliche Zitat unserer Uschi hörte, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Genau diese Einstellung, die unsere Verteidigungsministerin unverblümt verkündete, ist es, die das dumme Volk in die Arme der Rechten treibt. Jeder etablierte Politiker sollte sich, wenn es darum geht, den Erfolg der AfD zu erklären, an die eigene Brust klopfen. Auf Sardinien residieren und hier die blöden Schafe regieren. Kein Ross ist hoch genug, dass nicht eine Politikschranze aufsteigt. »Ich bin ihr Führer; ich muss ihnen folgen«, erkannte noch Napoleon ganz richtig. Aber, kaum gewählt, schon in Sphären entschwebt, die mit dem gemeinen Wahlvolk nichts mehr zu tun haben. Wie wäre es mit »Ich Tarzan, du Jane«- Information? Die müsste man doch problemlos unter das Volk bringen können. Wer, außer den »Auserwählten« versteht schon Hauptsätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt? Von den oben erwähnten Nebensätzen ganz zu schweigen.